Ingress

Ingress

Das ist der Märchenbrunnen. Ein paar Meter abseits meines täglichen Arbeitsweges gelegen, schenkte ich ihm lange Zeit keine Beachtung. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte, ist der Brunnen doch ein Portal, durch das beständig eXotic Matter in unsere Welt einströmt. Die Resistance hält die kaum erforschte Substanz für eine Gefahr, doch ihre Gegner, die Enlightened, wollen sie nichtsdestotrotz für die Menschheit nutzbar machen. Deshalb laufe ich nun häufig auf dem Heimweg am Brunnen vorbei und schaue, ob das Portal noch unser ist. Manchmal wird der Brunnen genau in diesem Moment angegriffen. Misstrauisch blicke ich mich um: Ist es die Frau an der Straßenbahnhaltestelle, die wie hypnotisiert auf ihren Smartphone-Bildschirm starrt? Der junge Mann mit der grünen Jacke, der an der Ampel wartet und ab und an den Blick vom Smartphone hebt, um sich umzusehen?

Um eXotic Matter (XM) und die Portale sichtbar zu machen, braucht man Ingress, eine Augmented-Reality-App von Googles Niantic Labs. Durch das Hacken von Portalen – zumeist Sehenswürdigkeiten – sammelt man Resonatoren, Burster und Portalschlüssel ein. Gegnerische Portale zerstört man, indem man mit den Burstern ihre Resonatoren zerstört. Analog dazu übernimmt man Portale für die eigene Fraktion, indem man bis zu acht Resonatoren um sie herum platziert. Von einem eigenen Portal aus kann man eine Verbindung zu einem weiteren, der eigenen Fraktion zugehörigen Portal aufbauen, vorausgesetzt man besitzt einen Schlüssel für das Ziel-Portal. Verbindet man drei Portale miteinander, entsteht ein Schirm und die abgedeckte Fläche wird der eigenen Fraktion zugeschrieben, die dafür Punkte erhält (Mind Units oder MUs). Ein globaler Counter zählt, welche der beiden Fraktionen gerade die Oberhand hat.

Dieses eigentlich recht simple System wird dadurch komplexer, dass Spieler durch ihre Aktionen Aktionspunkte (APs) sammeln und allmählich im Level aufsteigen. Je höher das eigene Level, desto bessere Resonatoren und Burster kann man einsetzen und umso besser werden die eigenen Portale. Während Verbindungen zwischen niedrigstufigen Portalen nur wenige hundert Meter weit reichen, können die höchststufigen Level-8-Portale hunderte Kilometer überbrücken. Verzwickt wird die Sache dadurch, dass sich Links nicht überschneiden dürfen und keine Links innerhalb bestehender Felder angelegt werden können.

Ingress

Im Bereich von Level 1 bis 3 kann man allein kaum irgendetwas reißen, allerdings gelangt man recht schnell auf Level 4, wenn man sich einem erfahrenen Spieler anschließt. Das nennt sich dann Sith Leveling. Immer zu zweit sie sind! Spätestens ab Level 6 wird Ingress dann sowieso zu einem Teamspiel, weil man zunehmend mehr Leute benötigt, um höherstufige Portale zu errichten. So kann jeder Level-8-Spieler nur einen einzigen L8-Resonator an einem Portal platzieren. Um das Portal komplett auf Level 8 zu bekommen, sind also acht Spieler nötig. Weitere Details und Taktiken hat Kristian Köhntopp in How not to suck at Ingress zusammengetragen.

Das Beste an Ingress ist, dass man es nicht bequem vom Sofa oder vom Café aus spielen kann, sondern dass man raus an die frische Luft muss! Man muss die Portale tatsächlich besuchen, um sie einzunehmen. Da man für die meisten Aktionen eXotic Matter benötigt, die sich um Portale und an viel besuchten Orten anhäuft, wäre es auch sinnlos, lange Zeit an einem Portal herumzustehen. Man muss sich bewegen, um mehr XM zu sammeln. Zu Beginn wird man wahrscheinlich eher Wege, die man sowieso zu erledigen hätte, dezent an die Lage der Portale anpassen. Allein auf meinem Arbeitsweg liegen beispielsweise neun Portale. Später geht man dann auch extra für Ingress aus dem Haus.

Gerade zu Beginn, wenn man noch nicht viele der anderen Spieler kennt, hat Ingress dabei den Reiz, dass einem die zahlreichen Smartphone-Nutzer, denen man tagtäglich begegnet, zunehmend dubios erscheinen. Versucht der dort drüben gleich, mein Portal zu zerlegen, oder whatsappt er nur seiner Freundin? Es gibt nichts Schöneres, als unbemerkt hinter einem Spieler der gegnerischen Fraktion zu stehen und das Portal, das er zu zerstören sucht, beständig durch neue Resonatoren aufzurüsten, bis ihm irgendwann die XM ausgehen.

Weniger trägt für mich die Hintergrundgeschichte um die im Spiel blau dargestellte Resistance und die grünen Enlightened bei. Niantic veröffentlicht zwar regelmäßig neue Storyschnipsel in Form von Chatlogs, Videos und Audiologs, die man beim Hacken der Portale finden, aber auch über Niantics Webseite aufrufen kann. Die Geschichte ist aber schon jetzt reichlich konfus und ob man dem mörderischen Supercomputer oder dem Untoten folgt, letztendlich reine Geschmackssache. Ob Schlümpfe oder Frösche – wie sich die Spieler untereinander nennen – gerade die Oberhand haben, ist spielmechanisch bisher ohne Belang. Abgesehen vom Global Counter ändert sich nichts. Ob man langfristig Spaß an Ingress hat, hängt also vor allem davon ab, ob man es schafft, sich selbst davon zu überzeugen, dass es irgendwie wichtig wäre, welche Fraktion welche Portale hält. Mir gelang das nicht so richtig. Nach zwei, drei Wochen ist die Luft für mich nun langsam raus. Dennoch ist Ingress ein interessantes Experiment mit Augmented Reality und eine Erfahrung, die sich erheblich von allem anderen unterscheidet, was bisher an Spielen für Smartphones und Tablets verfügbar ist.

Ingress ist momentan als Closed Beta für Android verfügbar. Invites bekommt man über die offizielle Seite in der Regel innerhalb von 2-3 Wochen. Schneller geht es manchmal über Twitter oder G+. Den Beta-Status hat Ingress dabei zu Recht. Die App ist wegen der 3D-Darstellung und der dauerhaft genutzten GPS- und Datenanbindung ein enormer Stromfresser, der auch auf schnellen Phones oft ins Ruckeln gerät und die GPS-Position unzuverlässiger ermittelt, als es beispielsweise Google Maps tut. Ingress ist kostenlos, sammelt aber im Hintergrund beständig Geodaten für Google.


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12 Kommentare

  1. Marcel - 19.04.2013 14:15

    oh hai anderer leipziger spieler! ;)

    blindz0r

  2. Chris - 19.04.2013 14:35

    Wobei du ja viel aktiver bist als ich. :) Ich war nur 1-2 Wochen mit Ingress unterwegs, aber auf derselben Seite. Sont.

  3. Zwerg-im-Bikini - 19.04.2013 14:54

    Spannende Sache, wird nur leider nicht bei mir laufen :(.

    Wie sieht es denn mit der Verbreitung aus, gibt es schon genug Spieler, so dass genug auf den Straßen los ist? Beschränkt es sich bisher eher auf Großstädte?
    So wie sich deine Erfahrungen lesen, scheint die App ja trotz Betastatus schon erstaunlich verbreitet zu sein.

  4. Chris - 19.04.2013 15:39

    Innenstädte sind allgemein schon ganz gut mit Portalen versorgt, in Randbezirken oder auf dem Land sieht das aber anders aus. Die zahlreichen Portale in den Stadtzentren sind qualitativ aber nicht unbedingt dolle. Es kommt vor, dass ein- und dieselbe Sehenswürdigkeit mehrere Portale an unterschiedlichen Stellen hat – so gibt es das Bach-Denkmal neben der Thomaskirche momentan doppelt, auf beiden Seiten der Kirche. Manche Portale sind auch schlicht falsch benannt. Der Mendebrunnen vor dem Gewandhaus heißt im Spiel „Mendelssohn Fountain“. Spieler können aus dem Spiel heraus neue Portale vorschlagen oder auch Korrekturen an bestehenden Portalen. Hab ich bei den Fehlern, die ich gefunden hab, auch schon gemacht, es dauert nur sehr lange, bis reagiert wird. Kein Wunder, bei der Menge an Daten, die es weltweit zu warten gilt.

    Spieler organisieren sich meistens in Google+-Gruppen, weil zum Spielen sowieso jeder einen Google-Account braucht. Die entsprechenden Gruppen haben in Leipzig momentan etwa 100, in Berlin etwa 600 Mitglieder. Beides schnell wachsend. Da werden aber einige Karteileichen dabei sein. So wie ich.

  5. SpielerZwei - 19.04.2013 17:24

    Am geilsten finde ich ja den AR-Aspekt bei der Sache, also dass man mit der App unsichtbare Dinge im Alltag sichtbar machen kann. Quasi die Sonnenbrille aus „They Live!“.
    Wie läuft das eigentlich mit der Koordination der Seiten? Kann man in Ingress selbst Kontakt zu Mitstreitern aufnehmen oder läuft das über Foren oder dergleichen?

  6. Chris - 19.04.2013 18:07

    Es gibt einen Chat direkt im Spiel, um sich mit Mitstreitern im Umkreis zu unterhalten. Den gleichen Chat und auch die gesamte Weltkarte samt Portalen etc. kann man über http://www.ingress.com/intel abrufen.

    Umfangreichere Absprachen laufen dann über entsprechende Gruppen in Google+. Was ich nicht so doll finde, weil ich G+ sonst überhaupt nicht nutze, aber die Logik dahinter ist schlicht, dass jeder Ingress-Spieler sowieso einen Google-Account hat. Accounts für zusätzliche Foren sind nicht nötig.

  7. redmaker - 19.04.2013 18:07

    Die Kommunikation funktuoniert direkt im Spiel via Comm-Chat. Der ist unterteilt in „All“ und „Faction“ – bei ersterem sehe ich, wer z.B. was einnimmt (auch Gegner), der Faction-Chat ist nur für Spieler der jeweiligen Fraktion zu sehen. Dabei kann man auch reply, ähnlich wie bei Twitter, schreiben. Die Reichweite kann man justieren, minimum sind 20km, maximal sind es glaub ich 200km Radius.
    Über den Browser geht das allerdings auch, wenn man die Intel Map am Pc aufruft. Wobei man hier nicht direkt spielen kann, dafür ist allerdings die komplette Weltkarte aufrufbar. Dank Google Maps (mit passendem Overlay) kann ich mir hier also meine Region anschauen, Routen planen und auch quasi den Operator machen, wenn ich sehe das irgendwo was angegriffen wird oder Aktionen grade Sinn machen. Unterwegs in der App hat man ja max. rund 500m Sichtweite.

  8. Michael Herzog (@senorkaffee) - 21.04.2013 22:44

    Wer sich informieren möchte, ob genug los ist in der eigenen Regione – einfach mal auf die Ingress Intel Map schauen, sozusagen die Portal-Weltkarte.

    http://www.ingress.com/intel

    Selbst Portale einzureichen dauert leider Monate.

  9. Chris - 22.04.2013 00:11

    Michael, auf der Seite muss man sich mit seinem Google-Account anmelden. Funktioniert das auch, wenn man noch gar keinen Ingress-Zugang hat? Ich dachte, nicht?

  10. Missingno. - 23.04.2013 14:36

    Wenn ich mich mit meinem Google Konto (Mail, Plus) auf der Ingress Seite anmelde, wird nachgefragt, ob sie Zugriff auf das Konto haben darf. Ich gehe daher mal davon aus, dass man keinen speziellen Ingress-Zugang braucht. Aber da es auf meinem tollen Smartphone eh nicht läuft, habe ich es auch nicht weiter ausprobiert.

  11. Chris - 23.04.2013 23:01

    Das ist halt die Frage. Ob du Zugang zu Ingress hast, kann die Seite ja erst checken, wenn du den Zugriff auf dein Google Konto genehmigst. (Nicht, dass ich dich hier zu irgendetwas anstiften will. *g*)

  12. Zwerg-im-Bikini - 26.04.2013 13:00

    Ich habe mal Versuchskaninchen für euch gespielt :)

    „Please log in with your player account to continue.
    You are currently logged in as xxx@gmail.com,
    but this account is not activated to access Ingress.
    Users need an invitation to access Ingress.“

    Diese Meldung kommt, wenn ich mir die Karte ohne Ingress Account ansehen will und den Zugriff auf mein Google Konto bestätigt habe.

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