„V has come to“

Ich muss zugeben, der Hype auf den Prolog zu Metal Gear Solid V hat sich bei mir in Grenzen gehalten. Es ist eben nur ein Vorgeschmack auf das ganz große Ding – The Phantom Pain – und was inhaltlich passiert, kann man sich anhand der bisherigen Trailer auch schon zusammenreimen. Dazu nervte mich auch schon die mediale Dauerberieselung aus Events, Interviews, Gameplay-Szenen und Twitter-Vögeln mit ihren Spielsammlungen. Als es dann kam und ich mir nochmal einige Trailer angesehen hatte, kam dann trotzdem eine gewisse Vorfreude auf. Ich habe auf einen ruhigen Samstag gewartet, vormittags meine Wohnung sauber gemacht, einen Six-Pack Cab gekauft (denn reines Bier schmeckt mir nicht) und passend zur Hauptmission am Abend angefangen zu spielen.

Alter Schwede, das ist ja wohl mit das Geilste, was ich bisher gespielt habe!

Ground Zeroes findet im Jahr 1975 statt, ein paar Monate nach den Ereignissen des Vorgängers Peace Walker. Der Spieler muss als Big Boss das Camp Omega infiltrieren, um Paz und Chico zu befreien, die man beide aus dem Vorgänger kennt. Während Chico ein junges Mitglied von Big Boss’s Söldnertruppe MSF ist, ist Paz eine Spionin mit Kenntnissen über den Aufenthalt von Cypher, besser bekannt als Big Boss’s Widersacher Major Zero. Camp Omega ist ein Black Site-Gefängnis, welches in Kuba außerhalb der USA liegt und offiziell nicht existiert. Personen werden dem entsprechend rechtswidrig festgehalten und behandelt.

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Zunächst sind da die spielerischen Freiheiten. Mit dem 5. Ableger wird aus MGS ein Open-World-Schleicher. Es bleibt dem Spieler größtenteils selbst überlassen, wie er an das Ziel kommt und er muss nicht mehr streng linearen Korridoren wie in den Vorgängern folgen. Das kommt besonders dann gut rüber, wenn man auf seine Karte guckt, selber einen Plan zum Ziel festlegt, diesen Plan dann aufgrund der Umstände ändert und sich für eine alternative Lösung entscheidet. Durch das Open-World-Gameplay kann der Spieler auch einfach nur die Basis erkunden. Ich empfand dies als sehr angenehm, weil es neben Sammelitems wie den XOF-Abzeichen (die die Konsolen-exklusive Nebenmission freischalten) und den Tapes (die Hintergrundinformationen zur Handlung liefern) auch sehr viele Details gibt, wie ein Waffenlager oder Kanäle zum Durchrobben. Das Level-Design gefällt mir überhaupt sehr gut. Die Gegner können den Spieler auf eine große Distanz sehen, aber es gibt sehr viele Verstecke und Deckungen, um dauerhaft unerkannt zu bleiben. Dabei habe ich besonders viel Spaß beim Experimentieren gehabt und bin munter auf Dächer geklettert oder habe mich unter Fahrzeugen versteckt. Bei einem Youtube-Video habe ich nun gesehen, dass man nicht nur die Lichter der Suchscheinwerfer ausknipsen kann und es möglich ist, die Wachtürme zum Einstürzen zu bringen. Durch Explosionen können Wachen abgelenkt werden, die dann ihre Wachposten verlassen.

Bei Ground Zeroes fühlt sich die Open World auch wirklich wie Open World an, was leider keine Selbstverständlichkeit ist. GTA5 hatte mir nicht so sehr gefallen, weil das Spiel zwar sehr viele Freizeitbeschäftigungen und eine große Stadt bietet, mir in den Missionen aber keinen Freiraum lässt. Aber gerade da ist es mir sehr wichtig, frei spielen zu können und anhand der Umwelt eigene Lösungsmethoden zu finden. Es reicht nicht, nur eine riesige Welt zu erschaffen. Der Spieler muss auch mit ihr interagieren können. Die einzelnen Elemente müssen für den Spieler relevant sein. Dabei ist GTA5 zugegeben noch eines der besseren Open-World-Spiele. Viele Sandbox-Spiele langweilen mich, weil sie den Spieler nur in eine große Welt werfen, in der sie bis auf die immer gleichen Missionen nichts machen können. Auf der anderen Seite wünsche ich mir aber von so vielen Spielen eine Open World-Variante, wie Remember Me, Dishonored oder Mirror’s Edge. Der Nachfolger zu Letzterem wurde schon als Open-World-Titel angekündigt.

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Es ist auch interessant zu beobachten, wie sich das Spielgefühl durch das Open-World-Konzept von den Vorgängern unterscheidet. Weil es keine festgelegten Wege gibt, sind die Gegner deutlich unberechenbarer und können überall sein. In alten MGS-Ablegern lief man durch einen Gang oder war in einen größeren Raum und man konnte die Wachen ungefähr erahnen. Sie sind in der Regel immer irgendwo vor dem Spieler und folgen ihren immer gleichen Routinen. Da das Spiel in Etappen funktioniert, wird der Spieler auch nicht von einer Gefahr eingeholt, nachdem er sie hinter sich gelassen hat. Diese Save-Zone gibt es in Ground Zeroes nicht mehr, weil diese Etappen wegfallen. Wachen können auch einen Tagesablauf haben und sich über die ganze Map verteilen.

Ground Zeroes, und was wir in The Phantom Pain erwarten können, kommt mir auch wie die Summe der Spiele vor, die die bisherigen MGS-Ableger sein sollten, es aber nicht waren. Im ersten Teil hatte Snake in einer Zwischensequenz ein Fernglas benutzt, um damit die Shadow Moses-Basis auszuchecken. Als Spieler habe ich das nie gebraucht. Es hat wegen den linearen Levels auch nicht wirklich Sinn gemacht. In Ground Zeroes hingegen bietet es sich wegen der offenen Spielwelt an. Es wird sogar antizipiert, weil der Spieler damit seine Gegner markieren kann und dadurch belohnt wird. MGS3 wiederum nahm Spielelemente auf, die eher zu einem Open-World-Ableger gepasst hätten. Der Spieler musste Nahrung finden und aufpassen, dass er im riesigen Dschungel nicht die Orientierung verliert. Der damalige E3-Trailer hatte sogar eine eindeutige GTA-Referenz, als Snake versuchte einer Wache das Motorrad zu klauen und diese gelassen erwiderte „Wir sind hier nicht in Vice City.“ Diese Ambitionen wurden dann aber durch die technischen Limitierungen eingeschränkt, weswegen der Dschungel nicht mehr so weitläufig war. Der Tag-/Nacht-Wechsel war auch nicht dynamisch, soll es jetzt aber in The Phantom Pain werden.

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Das geht auch alles soweit auf, weil sich das Gameplay sehr gut anfühlt. Die Steuerung mag zugegeben überladen sein und als PC-Spieler brauchte ich etwas Eingewöhnung, aber davon ab funktionierte das alles bei mir sehr gut. Vielleicht spiele ich noch immer zu viel Splinter Cell: Blacklist, bei dem die Spielfigur so verdammt überanimiert ist und sich jede Bewegung wie ein Input-Delay anfühlt, weil der Macker jede seiner Bewegungen abspielen muss. Ground Zeroes kommt mir hingegen sehr flüssig vor. Ich habe eine enorme Vorliebe zu dem Hechtsprung entwickelt, der die Hechtrolle ersetzt. Dieser Move gibt jeder Situationen einen Hauch an Extra-Dramatik, als ob jeden Moment die Basis in die Luft fliegen würden. Mitunter hüpfe ich in Deckungen und Büsche, obwohl weit und breit keine Wache zu sehen ist.

Es gibt dennoch einige Kleinigkeiten, die mir nicht ganz so gut gefallen haben. Zum einen gibt es keine Taste, um sich an eine Wand zu pressen, wie in den alten Spielen. Oder Deus Ex: Human Revolution und Splinter Cell: Blacklist, um aktuelle Beispiele zu nennen. Dadurch steht man eher lose an der Wand. Könnte man sich aber an die Wände pressen, hätte man mehr Haftung, was sich auch sicherer anfühlen würde. Dann sind da die Checkpoints, die eigentlich sehr gut platziert sind. Mich als PC-Spieler müsste man für meinen Quick-Save-Missbrauch schon längst anzeigen und beim Phantom-Pain-Trailer fand ich die Vorstellung gruselig, sehr lange mit einem Pferd zur Ziel-Basis zu reiten, um dann durch einen blöden Fehler neu laden zu müssen. Bei Ground Zeroes sind die Speicherpunkte aber sehr fair gesetzt und die Ladezeiten fallen auch sehr kurz aus. Leider fängt man nicht immer exakt bei der Stelle an, wo man vorher gewesen ist. Das finde ich schade, weil es sich mitunter anfühlt, als könnte ich mich so an einigen Hindernissen vorbeischummeln. Schließlich hatte ich auch einige Probleme mit der Kamera, was aber auch nur sehr enge Areale betrifft, die wiederum sehr spärlich vorhanden sind.

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Es würde mich aber nicht wundern, wenn die Entwickler von Kojima Production für The Phantom Pain noch an diesen Punkten arbeiten würden. Neulich fragte Kenichiro Imaizumi auf Twitter, was die Spieler an Ground Zeroes verbessern würden, da sie Feedback sammeln. Während die Spieler also einen kurzen Einblick auf ein unfertiges Spiel haben und sich die Wartezeit, die vermutlich noch ein Jahr dauert, verkürzen können, können die Entwickler wiederum das Feedback nutzen, um das eigentliche Spiel aufzubessern. Ihr seht vermutlich schon, dass ich hier versuche, euch etwas schmackhaft zu reden, was in Form von Early Access eigentlich ein alter Hut ist. Im Falle von MGSV finde ich dies aber dennoch erwähnenswert, weil wir diese Kommunikation mit den Spielern eher aus den kleineren Indie-Gefilden, aber weniger aus dem Blockbuster-Bereich kennen. Überhaupt kommt mir die Entwicklung um MGSV sehr offen und nahe an den Fans vor. Ich denke dabei an die Podcast-Reihe KP-Alert, die Einblicke in verschiedene Entwicklungsbereiche wie Merchandising-Lizenzen gibt oder die Sängerin Donna Burke, die das Titellied singt, vorstellt. Cosplayer werden auch eingebunden und neulich gab es ein Video, in dem sich Kojima in einen französischen Laden einschleicht und Ground Zeroes-Exemplare ausstellt. Eine nahe Kommunikation mit den Fans scheint ein wichtiger Trend in der Spiele-Industrie geworden zu sein und mag wohl mit ein Grund sein, warum namhafte Entwickler wie Bleszinski und Levine auf kleinere Projekte umsatteln, wie ich in meinem letzten Artikel schrieb. KojiPro macht mir diesbezüglich einen sehr positiven Eindruck.

Wenn sie auf das Feedback eingehen und es dafür nutzen, um MGSV noch weiter zu verbessern, dann wäre dies ein weiterer Bestätigungsgrund für dieses Etwas, was zu Unrecht als teure Demo abgetan und von der Spielepresse leider mal wieder als großer Shitstorm zelebriert wurde. Die Hauptmission mag nicht sonderlich lang sein, aber eben gerade deswegen gibt es auch die Nebenmissionen, die komplett andere Aufgaben bieten und den Open-World-Charakter weiter unterstreichen. So müssen in einer Mission zwei spezielle Soldaten getötet werden, die man aber erst einmal anhand ihrer Profilfotos finden und identifizieren muss. Alleine durch die Nebenmissionen wird die Spielzeit locker auf 4 Stunden erweitert, aber für mich ist Ground Zeroes außerdem ein Spiel geworden, welches sich durch seine Wiederspielbarkeit auszeichnet. Viel zu häufig spiele ich Spiele stumpf durch, um sie lediglich abzuhaken. Für mich stellt sich mitunter die Frage, ob ich Spiele noch aus Spaß oder doch nur aus Pflicht durchspiele. Ground Zeroes ist für mich jedenfalls ein Spiel geworden, welches ich aus Spaß am Spiel zocke und bei dem ich versuche, neue Dinge zu entdecken.


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8 Kommentare

  1. Grashüpf0r - 08.04.2014 16:10

    Ich finde die Einstellung löblich, dass man Spiele nicht mehr als Pile of Shame des letzten Steamsales (o. ä.) betrachten sollte. Heute wird das ja immer stärker durch 1.) die erwähnten billigen Ramschtisch-Sales, wo man für wenige Märker alles nachkaufen kann, was man verpasst hat und 2.) die Masse an langen „Pflichttiteln“, die man gezockt haben muss um mitreden zu können.
    Vor allem Numero Zwei ist so ne Sache, die mich nicht nur traurig, sondern auch auf kulturpessimistische Weise sauer macht. All die jährlichen Neuauflagen bringen halt sowas von nix an spielerischen Neuerungen und trotzdem quält man sich da durch, um darüber quatschen zu können, welche Sea-Shanties man denn jetzt schon freigeschaltet hat. Ich denke an dich, Assassin’s Creed.

    Gut zu sehen, dass du sagst. MGS biete so ein straffes aber dennoch offenes, forderndes und kreativitätsförderndes (also im wahrsten Sinne „spielerisches“) Gameplay. Wenn man ein Game immer wieder hervorkramen will, ist das die größte Adelung.

  2. turmderschande - 14.04.2014 09:29

    Da ich schon ewig nicht mehr die Printpresse in Sachen Games lese, ist „Ground Zeroes“ voll an mir vorbei gegangen, allerdings habe ich, da ich kürzlich in meinem Blog einen Beitrag über MGS 4 geschrieben habe vom neuen Ableger gelesen.

    Ich denke ich werde mit dem Zocken noch abwarten, bis die PS4 bei mir steht, irgendwie will ich dann doch gleich die Next-Gen-Optik geniessen…

    Gibt es eigentlich „Ground Zeroes“ irgendwie günstiger, wenn man Playstation-Plus hat? Ich spiele nämlich mit dem Gedanken, mir zur 4er gleich mal ein Abo zuzulegen?

    Servus zusammen

  3. Le Don - 14.04.2014 22:09

    Gibt es eigentlich “Ground Zeroes” irgendwie günstiger, wenn man Playstation-Plus hat?

    Ich denke nicht. Ist mir zumindest nicht bekannt.

  4. turmderschande - 15.04.2014 09:30

    Wäre natürlich ein richtiges „Zuckerl“ für eine Plus-Mitgliedschaft gewesen. Allerdings denke ich mal, dass sich die durchaus auch so lohnt.

    Aber erstmal muss ich mal eine PS 4 zu einem „normalen“ Preis finden, ist echt anstrengend…. ^^

  5. Chris - 15.04.2014 10:47

    Gerade nochmal geschaut. Momentan kostet es für Plus-Mitglieder genausoviel… aber das heißt ja nicht, dass das ewig so bleiben muss. PS+ lohnt sich für die monatlichen Gratisspiele schon, finde ich, wenn im Moment auch noch eher auf der PS3.

    Was die PS4 angeht: nur die Ruhe. Sooo viel Interessantes gibt es für die noch gar nicht. Bei mir ist sie momentan vor allem Watchever-Maschine. :)

  6. turmderschande - 15.04.2014 11:20

    @chris:

    Ja stimmt, bisher schaut es mit „Must-Have“-Games eher mau aus auf der 4er. Aber so ein aufgeborhtes NBA 2k14 würde mir schon gefallen, und Watch Dogs kommt ja nun auch bald.

    Aber selbst in einer Großstadt wie hier in München sind die PS 4´s komplett ausverkauft.

    Watchever-Maschine find ich gut, wobei ich ja Lovefilm-Kunde bin.

    Ich war aber zeimlich überrascht, dass die PS4 aktuell keine BluRays in 3D abspielen kann… Aber das wird ja sicher nachgepatched.

  7. Chris - 15.04.2014 13:40

    Wenn’s nur das wäre. Ein Großteil der Medienfunktionen aus der PS3 ist weg. Keine MP3s, keine eigenen Videos, keine Fotos, kein DLNA. Beim Abspielen von BluRays ist die 4er ganz generell nicht in der Liga der PS3. Ich hatte hier auch schon Probleme mit dem Abspielen von 2D-BluRays, zuletzt „Cloudy with a Chance of Meatballs 2“ (Bild- und Tonaussetzer), die auf der PS3 problemlos liefen.

    Für Spiele super, VoD-Dienste wie Amazon Prime/Lovefilm und Watchever laufen auch gut, aber aktuell würde ich davon absehen, die PS4 als BluRay-Player zu kaufen.

  8. turmderschande - 15.04.2014 13:53

    @Chris:

    Naja, zum Glück habe ich mich erst kürzlich mit neuen Spielen für meinen Turm der Schande eingedeckt (Max Payne 3 & SpecOps: The Line) und werde daher die PS 3, so oder so, auch noch länger bei mir behalten. Von dem her ist es aktuell noch egal, ob die Videofunktionen etwas rumzicken, Musik und Fotos habe ich aber auch auf der 3er nie wirklich angehört/angesehen, das ärgert mich also nicht wirklich. :)

    Luxusproblem, PS 4 zum Zocken und die „Alte“ zum banalen Filmschauen!!! hahaha

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