Dawn Of The Gerd

Es hatte alles vor ungefähr fünf Wochen begonnen. Von einem „rätselhaften Patienten auf der Quarantänestation des Uniklinikums Münster“ hatten sie in der Tagesschau gesprochen. Tags darauf wurde von ähnlichen Fällen in China und den USA berichtet. Anfangs keine große Sache, aber ein paar Tage später geriet alles außer Kontrolle: Die Infektion breitete sich rasend schnell unter der Bevölkerung aus, nicht nur in Deutschland, sondern überall. Die kurz darauf verhängten Quarantänemaßnahmen und Ausgangssperren zeigten kaum Wirkung. Nach drei Wochen waren schon über 90 Prozent der Bevölkerung infiziert. Die Menschen fielen auf offener Straße übereinander her und zerfleischten sich gegenseitig.

Gerd hatte das Haus gut verbarrikadiert. Er war seit drei Wochen allein. Seine Mutter, bei der er mit über 40 immer noch wohnte, war zu Beginn der Katastrophe zu Verwandten nach Hamburg gefahren, um dort nach dem Rechten zu sehen. Wie es ihr jetzt ging, wusste er nicht, denn er hatte schon seit zwei Wochen weder Telefon, noch Internet. Beides war entgegen jeder Logik ausgefallen, denn schließlich liefen diese System mehr oder weniger automatisch. Vermutlich existierte das Internet auch noch, aber er hatte hier in der niedersächsischen Provinz schlicht keinen Zugang mehr. Die Stromversorgung war immer noch vorhanden, was einerseits erfreulich war, Gerd aber auch nachdenklich machte. Wie lange würde das Atomkraftwerk in Lingen ohne das Personal reibungslos laufen können? Und wie groß sollte sein Sicherheitsabstand bei einem Störfall sein? Er war schließlich keine 30 Kilometer davon entfernt.

Das wirklich bizarre an der Situation war, dass Gerd sich eigentlich ziemlich gut fühlte. Irgendwie euphorisch und voller Tatendrang. War es nicht genau diese Situation, auf die er sich all die Jahre mit First-Person-Shootern und einschlägigen Genre-Filmen vorbereitet hatte?! Immerhin lebte er noch, was nicht mehr viele Menschen von sich behaupten konnten. Er hatte alles richtig gemacht: Das Haus war gesichert und der Keller voller Vorräte.

Gerd hatte zwischenzeitlich darüber nachgedacht, sich im örtlichen Einkaufzentrum zu verschanzen, so wie es der große Visionär George Romero ihn gelehrt hatte. Immerhin gab es dort neben Lebensmitteln und den üblichen Haushaltswaren auch einen großen Baumarkt. Aber eine Erkundungsmission hatte offenbart, dass die Geschäfte schon alle längst geplündert waren und der Gebäudekomplex für ihn allein unmöglich zu säubern, geschweige denn zu sichern gewesen wäre. Zudem hatte Gerd sehr früh feststellen müssen, dass sich seine Erfahrungen aus Left 4 Dead und anderen Shootern leider überhaupt nicht mit den Bundesdeutschen Waffengesetzen in Einklang bringen ließen: Er selbst besaß keine Waffen. Sie hatten über die Videospiele hinaus nie eine große Faszination auf ihn ausgeübt. Das örtliche Waffengeschäft war von außen so gut gesichert, dass Gerd keine Möglichkeit sah, sich dort Einlass zu verschaffen. Zumindest keine, die nicht schweres Baugerät, wie z.B. einen Radlader, einschloss. Auf der schon lange unbesetzten Polizeistation das gleiche Bild: Das Gebäude stand zwar offen, aber nirgendwo fanden sich Waffen. Vermutlich lagen sie in dem Panzerschrank, den Gerd entdeckt hatte. Und da er bei seinen Erkundungstouren bisher auf keinen (un)toten Polizisten gestoßen war, blieb ihm einzig der Weg auf die umliegenden Höfe. Viele der Bauern hatten auch heute noch Schrotflinten zuhause. Aber auch hier hatte er zunächst kein Glück, denn seit dieser Idiot Steinhäuser 2002 in Erfurt amokgelaufen war, mussten auch Privatleute mit Waffenschein ihre Knarren in einem gesicherten Stahlschrank aufbewahren. Schließlich hatte Gerd doch Glück: Der alte Bauer Eggers hatte zwar auch wie vorgeschrieben einen Waffenschrank, aber der Schlüssel lag direkt oben drauf. Seither war er im Besitz einer sehr alten doppelläufigen Flinte und genau 34 Schuss Munition. Eigentlich waren es 50 Schuss gewesen, aber als Gerd den Hof nach weiteren brauchbaren Dingen durchsucht hatte, fand er die Familie Eggers im Keller des Hauses. Es waren zwar nur fünf Personen, aber Gerd verplemperte in seiner Panik diverse Schüsse. In der Realität gestaltete sich ein gezielter „Headshot“ doch deutlich schwieriger als er es vom PC gewohnt war. Am Ende hatte er mit der Schrotflinte eine riesen Sauerei angerichtet. Die Kellerwände waren voll von Blut und zermatschten Körperteilen.

Zwischenzeitlich hatte er sich in Müllers Sportgeschäft mit Baseball- und Hockeyschlägern eingedeckt. Außerdem hatte er noch ein paar große japanische Küchenmesser und zwei schwere Zimmermannshämmer auftreiben können. Seine Situation entsprach also weniger Left 4 Dead, sondern eher einer Mischung aus ZombiU und Dead Rising. Ersteres spielte ja auch in London. In England kam man logischerweise auch nicht so leicht an eine Schusswaffe. Dort trugen ja nicht einmal die Bobbys Pistolen, wenn er sich recht erinnerte. Dead Rising brachte ihn aber noch auf eine andere Idee: „Klar! Ich muss mir einfach selber Waffen bauen! Am besten so’n Motorsensen-Macheten-Flammenwerfer-Dingens. Mit Taschenlampe dran. Alles was ich brauche ist in der Werkstatt! Da steht ja sogar noch der alte Notstromgenerator rum, den Heiko immer reparieren wollte, seit er ihn damals ersteigert hat. Wer weiß, wie lange ich noch Strom habe…“

Seit das Chaos ausgebrochen war, hatte Gerd nichts mehr von Heiko und Justin gehört. Natürlich war er nicht mehr zur Arbeit gegangen als die Situation mit den Infizierten außer Kontrolle geraten war. Eine Krankmeldung hielt er für schwachsinnig. Wusste ja auch so jeder, was los war. Bestimmt hatte Heiko die Bude eh nicht mehr aufgemacht. Für wen auch? Er hatte sich in den letzten Wochen einige Male gefragt, ob seine beiden Kollegen in Sicherheit waren, aber sie suchen? Nein, viel zu gefährlich. Seine Vorrats- und Waffensuchmissionen waren schon brenzlig genug gewesen. Er war schließlich weder Mutter Theresa noch Bruce Campbell…

Am nächsten Tag packte Gerd all seine potenziellen „Bauteile“ in den Kofferraum seines geliebten Strich-Achts. Nach kurzer Überlegung lud er die elektrische Heckenschere wieder aus. Sie sah zwar cool aus, aber hatte ein Kabel dran. Wie zum Teufel sollte das denn funktionieren? Einstöpseln und an der Steckdose auf die Infizierten warten? Seine Mutter hatte damals darauf bestanden, das Model mit dem Kabel zu kaufen, weil die Akku-Version 50 € teurer gewesen wäre. „Toll, Mutter! Das hab ich jetzt von deiner Knauserigkeit…“, grummelte er. Er schloss den Kofferraum, stieg ein, stellte die Schrotflinte neben sich in den Beifahrerfußraum und fuhr los.

Als er auf den Hof von Heikos Garage fuhr, war alles still. Wie erwartet. Hier draußen am äußeren Rand des Ortes hatte er auch nicht damit gerechnet, auf viele Infizierte zu stoßen. Die Werkstatt war verschlossen. Gut. Er hatte also keine bösen Überraschungen zu erwarten. Er schloss das Hallentor auf, fuhr den Benz in die Halle und verschloss das Tor anschließend wieder. Als er das Licht in der Halle anknipsen wollte, passierte nichts. „Typisch Heiko, zum Feierabend immer ordentlich den Hauptschalter umlegen“, dachte er. Als er die Tür zum Büro öffnete, um den Strom anzuschalten, erstarrte er für einen schrecklichen Augenblick: Da stand Heiko hinter dem Tresen. Tot. Oder besser infiziert. Ach, zum Teufel mit dem Nachrichtensprech: Als Zombie! Gerd wurde kreidebleich. Er hatte die Schrotflinte natürlich im Auto liegen lassen. Zombie-Heiko setzte sich sofort in Bewegung, hatte aber Schwierigkeiten, durch die hüfthohe Schwingtür zu kommen, die das Büro zusammen mit der Kundentheke in zwei Bereiche teilte. Das verschaffte Gerd ein paar wertvolle Sekunden. „Denk nach, Gerd, denk nach!“, sagte er laut, was Zombie-Heiko mit einem „Hmmrrrgh?“ beantwortete. Gerd sah sich hastig im Büro um. „Der scheiß vergoldete Drehmomentschlüssel!“ – Das Ding hatte er Heiko damals zum Vierzigsten geschenkt. Er nahm ihn von der Wand, sagte mit ehrlichem Bedauern „Sorry, alter Kumpel“ und schlug das schwere Teil mehrmals mit aller Kraft auf Heikos Schädel. Als Zombie-Heiko endlich in sich zusammensackte, war nicht mehr viel von seinem Kopf übrig. Dafür sah das Büro jetzt aus, als wäre ein Eimer mit roter Farbe explodiert.

Gerd war fertig. Er hatte bisher noch niemanden töten müssen, der ihm persönlich nahe stand. Er schlich wie unter Drogen wieder in die Halle. Ihm wurde schwindelig, er musste sich auf den Fahrersitz des Strich-Acht setzen. „So eine Scheiße. Ich hatte wirklich gehofft, dass Du sicher zuhause in deinem Keller sitzt, Heiko“, murmelte er mit abwesendem Blick. Plötzlich zerrte etwas an seinem Hosenbein. Reflexartig zog er sein linkes Bein sofort in den Wagen. Noch bevor er die Situation wirklich realisiert hatte, dachte er „Justin!“. Er hatte trotz des Schrecks die alberne Call of Duty-Armbanduhr am Handgelenk des Angreifers registriert, der offenbar in der Grube war, über der er seinen Wagen abgestellt hatte. Irgendwie war Zombie-Justin wohl in die Grube gefallen und nicht mehr herausgekommen. Wie in aller Welt hatte er ihn beim Reinfahren nur übersehen können? Gerd überlegte kurz. Er ließ den Wagen an, setzte zwei Meter zurück, stellte ihn wieder ab, nahm die Schrotflinte und stieg aus. Nun legte Gerd auf Zombie-Justin an. „Es tut mir so leid, dass ich dich all die Jahre immer verarscht habe, Justin. Aber du siehst ja jetzt, wohin dich das CoD-Spielen gebracht hat! Die Realität ist eben kein Deckungs-Shooter, bei dem man mal kurz in einer Grube abhockt und alles ist wieder in Ordnung. Nun hast du den Salat. Das is doch kein Leben so…“ Mit diesen Worten drückte er ab und Justins Hinterkopf verteilte sich in feinen Spritzern über die Fliesen der Grube. Eine Sekunde später sackte er in sich zusammen. Der Schuss hallte mächtig laut in der Werkstatt. Gerd fragte sich gerade, ob der Lärm ungebetene Gäste anlocken würde, als…

„Geeeerd! Geeee-heeeeerd!?!?“ – Gerd schreckte auf. „Mama? Du bist zurück aus Hamburg? Geht’s dir gut? Was war mit Tante Gertrud?“ – „Hamburch? Ich komm grad vom Bäcker, Gerd. Ich weck dich nur früher, weil Heiko gerade angerufen hat. Du sollst heute eine halbe Stunde früher in die Werkstatt kommen, weil der Gutachter von der Versicherung nicht anders kann. Weißte Bescheid, nech?“ … Mama? Heiko? Werkstatt? … Langsam kam Gerd zu sich. „Keine Zombie-Apokalypse … alles nur geträumt … und ’ne halbe Stunde früher in die Werkstatt?“, dachte er und rief laut „Scheiße!“. Einige Sekunden später, sein Verstand kam langsam wieder etwas in die Gänge, murmelte er grimmig: „Da haste aber nochmal Glück gehabt, Heiko …“

 

(Vielen Dank an ZiB für den Header!)


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3 Kommentare

  1. soma - 16.09.2015 21:56

    Drehbuch..! Geile story. Darauf hätt ich Bock!

  2. Pingback: Heikos Garage (7): Das lasse ich mir nicht kaputt reden! | Polyneux

  3. tomas heff - 29.01.2017 18:31

    SUPER!!!!Beste Geschichte:)

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