Long Walk, Short Pier

Erscheint in regelmäßigen Abständen ein neuer Silent Hill-Teil auf der Mattscheibe, so plagen mich die immergleichen Zahnschmerzen. Downpour brachte mich nun dazu, einmal darüber nachzudenken, wann diese Zahnschmerzen eigentlich genau begannen. Erst dachte ich, es wäre bei The Room gewesen, aber nein – der ist im Vergleich zu dem, was danach kam eigentlich noch ganz ordentlich. Ich muss aber der Fairness halber dazu sagen, dass ich Origins und Shattered Memories nicht gespielt habe. Origins ist an mir einfach vorbeigeflogen und bei Shattered Memories habe ich mich vertrauensvoll auf die Kenner und Fans der Serie verlassen, die es in den meisten Fällen recht bescheiden fanden. Alles, was ich darüber hinaus noch gelesen habe, brachte mich dann zum Schluss, es besser nicht anzurühren.

altBei Homecoming dämmerte es mir dann, warum die Reihe für mich leider einen qualvollen Tod sterben wird. Qualvoll deshalb, weil ich es einfach nicht übers Herz bringe, die Serie hinter mir zu lassen – ein Schrecken ohne Ende. Seit Silent Hill nicht mehr in Japan produziert wird, bin ich nur noch halb dabei – manchmal sogar gar nicht und seit Downpour weiß ich, dass das für immer so bleiben wird. Ich habe es mit diesem Teil endlich begriffen, da hier sehr viel richtig gemacht wurde, aber nicht richtig genug. Richtiger kann man es eigentlich kaum machen, dennoch fühlte es sich irgendwie falsch an. Downpour ist also für mich ein Silent Hill-Teil geworden, der mit ziemlicher Sicherheit einer der Besseren, wenn nicht sogar der beste Teil nach der japanischen Silent Hill-Ära ist. Trotzdem ist es kein echtes Silent Hill mehr, es war zu befürchten.

Downpour fletscht gleich zu Beginn im Tutorial ordentlich die Zähne. Mit so viel direkter Brutalität gleich zum Start hatte ich gar nicht gerechnet. Interessanter Einstieg, vor allem in die Hintergrundgeschichte von Knastbruder Murphy, mit dem wir den kleinen, unfreiwilligen Abstecher in die vernebelte Kleinstadt unternehmen. Durch ein Busunglück landen wir im Randgebiet von Silent Hill, mitten in den Wäldern. Wir treffen relativ am Anfang auf eine Tankstelle und auf ihrem Dach finden wir den bekannten Rollstuhl, der sich wie ein roter Faden durch die Silent Hill-Teile zieht. Später im Spiel fand ich noch einige schöne Easter-Eggs aus den Vorgängern. Beispielsweise stand ich plötzlich in einem Appartment, das genauso aussah wie in The Room, inklusive der Tür mit den Tausend Schlössern.

altIn der Stadt angekommen, war ich positiv überrascht ob der gelungenen Atmosphäre und auch Murphy war keine stille Wachsfigur und reagierte angenehm menschlich auf spezielle Situationen. Beim Erkunden traf ich auf zahlreich verteilte Nebenquests, die mich dann durch das gesamte Silent Hill schickten. Schade fand ich, dass ich ziemlich einsam unterwegs war. Kaum geheimnisvolle Nebenfiguren, die meisten Worte die ich hörte, waren Murphys Selbstgespräche. Enttäuschend fand ich außerdem das Monsterdesign, sowie die gesamte Soundkulisse. Obwohl Daniel Licht keinen schlechten Job machte, vermisste ich doch sehr den Sound von Akira Yamaoka. Ein richtiges Horrorgefühl kam so bei mir leider nicht auf, dafür war vieles einfach zu gewöhnlich. Es fehlten mir hier und da – wie auch schon in Homecoming – die japanischen Einflüsse. Die „neuen“ Silent Hill-Spiele müssen sich diesen Vergleich wohl immer gefallen lassen. Der japanische Horror, welcher mit seinem außergewöhnlichen Design immer etwas Besonderes war, ist eben einer der Grundpfeiler der Serie gewesen.

Downpour hat trotzdem seine guten Eigenschaften. Ich fand das Lösen der Sidequests neben der leider relativ seichten Hauptstory sehr spannend und man konnte zumindest erahnen, was einige Menschen in dieser Stadt schon erlebt haben. Schließlich wissen wir ja, dass niemand nur zufällig nach Silent Hill kommt. Das Kämpfen gegen die Monster fand ich auch im Vergleich zu Homecoming ausgezeichnet. Es erinnerte mich sogar etwas an den famosen zweiten Teil, einfach aber wirkungsvoll. Ich konnte mich mit zahlreichen Gegenständen bewaffnen, die sich mit der Zeit abnutzten, bis sie schließlich nicht mehr zu gebrauchen waren. An Murphys Gang und dem Blut auf seiner Kleidung, konnte ich seinen Gesundheitszustand ausmachen – das wusste sehr zu gefallen.

altWie so vieles ist die Anderswelt in Downpour leider auch zu gewöhnlich. Zum Einen konnte man beinahe die Uhr danach stellen, wann sie zum Vorschein kommt und zum Anderen läuft sie auch immer ähnlich ab. Die einst rostige, metallische Welt von früher fühlt sich hier viel zu normal und harmlos an. Aber, und das muss ich Downpour wieder lassen, degradiert es nicht den geheimnisvollen und allgemein respektierten Pyramidhead zum lächerlichen Statisten und es findet mit seinem Aufbau einen ganz eigenen Stil. Es fehlen eben nur ein paar Extreme – Dinge, die mal etwas aus der Reihe tanzen.

Trotz aller Nörgelei: Ich wollte wissen wer Murphy ist, was er getan hat und wie das Ganze enden wird. Ich hatte meinen Spaß mit Downpour. Ich akzeptierte einfach irgendwann, dass mir das Spiel unmöglich das Gefühl geben kann, welches ich vor vielen Jahren hatte als ich die japanischen Silent Hills spielte. Es ist ein gutes Spiel geworden, jedoch kein wirklich gutes Silent Hill.


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6 Kommentare

  1. Netter älterer Herr - 13.06.2012 13:32

    Einmal unabhängig von der spielerischen Qualität der Vorgänger: Schwingt bei den schönen Erinnerungen an vergangene Spielerlebnisse nicht immer auch eine gehörige Portion verklärende Nostalgie mit? Das Gefühl, etwas zum ersten Mal erlebt zu haben? Silent Hill, und auch sein jüngster Spross „Downpour“, sind leider nicht ganz so mein Ding. Trotzdem toller Artikel!

  2. Jingleball - 13.06.2012 14:04

    Danke du netter. Hmm ja, Nostalgie auf jeden Fall. Und das Problem ist bestimmt auch, dass fast jeder Plot der „neuen“ Spiele neben dem tollen aus dem zweiten Teil, ziemlich alt aussieht. Ist einfach schwer da ranzukommen und der Vergleich schwingt da immer wieder mit, obwohl das sicher den Nachfolgern nicht ganz fair gegenüber ist. Aber so ist das leider mit länger dauernden Serien.

  3. SpielerZwei - 13.06.2012 14:12

    Ja, das ist die Crux der Serie bzw. großer Vorgänger. Alien 3 und 4 sind herausgelöst aus der Serie für sich ja auch keine schlechten Filme, aber sie müssen halt damit leben, dass sie fast jeder im Vergleich mit Alien und Aliens eher schwach findet. Das ist einerseits tatsächlich irgendwo ungerecht, aber andererseits tragen sie halt den großen Namen und wollen von diesem schließlich auch profitieren.

  4. Netter älterer Herr - 13.06.2012 14:34

    Alien 4 ist höchstens herausgelöst aus allen schlechten Filmen kein schlechter Film. :-P

  5. Roberto - 14.06.2012 16:52

    Ja, ich sehe da auch die einmalige Qualität von Teil 2 als großes Problem für alle Nachfolger, aber ich bin auch nicht unbedingt ein SH Experte. SH Origins kann ich aber empfehlen. Hab es damals auf der PSP gespielt und empfand es als gutes, klassisches Silent Hill.

  6. Tom - 15.06.2012 20:35

    „Alien 4 ist höchstens herausgelöst aus allen schlechten Filmen kein schlechter Film. :-P“

    Wort. Ansonsten ist an der Argumentation aber schon was dran.

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