History Repeating

Man kennt das bestimmt als podcastender Mensch: Irgendeine Sache, die man unbedingt erwähnen wollte, vergisst man doch immer. So auch in meinem Fall und dem Cyberpunk-Podcast, in dem ich den blauen Bomber Mega Man erwähnen musste, aber dabei einen wichtigen Einfluss vergessen hatte, der ihn so cyberpunkig für mich macht. Die Rede ist von der Band The Megas, die kürzlich ihr neuestes Album, History Repeating: Red, rausgebracht haben und denen es mit ihrer musikalischen Interpretation zu den Mega Man-Spielen immer wieder gelingt, die Vorlage um neue Facetten zu erweitern. Und nebenbei rocken sie natürlich auch.

Die Megas sind eine Rockband, die Songs aus den Mega Man-Spielen covert. Ihr erstes Album, Get Equipped, haben sie 2008 veröffentlicht und es umfasst 13 Lieder zu Mega Man 2. Zu den Besonderheiten der Band zählen ihre grandiosen Lyrics. Jedes Lied ist aus der Perspektive eines bestimmten Charakters gesungen, dem sie damit eine Persönlichkeit verleihen. So hat jeder der 8 Robot Master sein eigenes Lied, wie auch Dr. Light mit The Message from Dr. Light (Level Select) und Mega Man mit I want to be the One (Dr. Wily Stage) und Lamentations of a War Machine (End Song). Wir lernen u.a. Quick Man kennen, der trotz seiner Geschwindigkeit Angst vor dem Tod hat, oder Bubble Man, der aufgrund seiner schwachen Kräfte an Minderwertigkeitskomplexen leidet und dennoch seine Brüder rächen möchte. Crash Man versucht, sich gegen seine Programmierung zu wehren, und Flash Man verehrt Mega Man so sehr, dass er auch blau trägt und versucht, ihn auf seine Seite zu ziehen. Einige der 8 Robot Master sind die selbstbewussten Widersacher, die man sich so im Spiel vorgestellt hat, und andere sind tragische Figuren. In jedem Fall sind sie aber richtige Charaktere geworden. Zum Schluss ist da Mega Man, der sich selbst und sein Wesen hinterfragt.

What purpose am I to fulfill?
Was I built to kill?
Is there a soul beneath this shell?
And will it go to robot hell?

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2012 haben die Megas mit History Repeating: Blue den ersten Teil ihres Doppelalbum-Projektes zu Mega Man 3 veröffentlicht und im Mai 2014 folgte nun der zweite Teil History Repeating: Red. Die Songauswahl zu Mega Man 3 ist gegenüber dem Vorgänger mit insgesamt 20 Songs gestiegen, die Haupt-Charaktere wie Mega Man, Proto Man, Dr. Light und Dr. Wily werden noch weiter ausgebaut und musikalisch scheint sich die Bands auch weiterentwickelt zu haben. Bekannte Melodien wie die Stage Selection oder Continue werden gezielter eingesetzt, während die Band in den jeweiligen Songs einen größeren Anteil an eigenem Material und Übergängen verwendet. Durchgehend markant bleiben aber die 8 Songs zu den Robot Mastern.

Die eigentliche Handlung aus Mega Man 3 ist passend zu den damaligen NES-Verhältnissen: Nachdem der böse Dr. Wily zwei Mal versucht hat, die Welt zu erobern, und beide Male von Mega Man besiegt wurde, behauptet er im 3. Teil, seine Fehler einzusehen und schließt sich dem guten Dr. Light an, um an dem riesigen Roboter Gamma als Friedensprojekt zu arbeiten. Als die 8 Robot Master, die im Besitz von Gamma’s Power Kristallen sind, durchdrehen, muss Mega Man mit seinem neuen Robo-Hund Rush diese 8 Roboter besiegen. Er trifft dabei häufiger auf den mysteriösen Proto Man, der sich als Break Man maskiert. Zum Schluss stellt sich Wily’s Wandlung als Täuschung heraus und er programmiert Gamma für seine Zwecke um. Als Mega Man Gamma und Dr. Wily besiegt, stürzt Wily’s Burg ein und Mega Man wird von Proto Man gerettet, den Dr. Light als Mega Man’s Bruder enthüllt.

In ihren Alben zum Spiel orientieren sich die Megas lose an der eigentlichen Handlung. Sie legen einen deutlichen Fokus auf das Brüderpaar um den blauen Mega Man und den roten Proto Man, die auch die Alben-Cover zieren. Die 8 Robot Master, die den Großteil von Get Equipped ausmachten, treten nun mehr in den Hintergrund.
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Das erste Album beginnt mit History Repeating Pt.1 und History Repeating Pt.2 (One Last Time), die beide das Titel-Lied von Mega Man 3 aufgreifen. In beiden Songs hören wir einen Mega Man, der sich auf seine neue Mission vorbereitet. Part 1 beginnt sehr langsam und man stellt sich diesen Mega Man als einen mitgenommenen und womöglich sogar kaputten Roboter vor, an dem die letzte Schlacht nicht spurlos vorbei ging, während die Kriegstrommeln zur nächsten, wiederholten Schlacht donnern. Besonders stark sind die letzten Sekunden, die in das nächste Lied überleiten und bei denen ich immer rhythmisch die Lautstärke meines MP3-Players erhöhe. Es wird an Fahrt aufgenommen, Mega Man und die Musik sammeln ihre Energien und der Roboter, der eben fragte „Who do I call when I’m broken and bleeding?“ sagt nun selbstsicher in einem starken Refrain

And if it was up to me
I’d rewrite history
And change my destiny
One last time

Nach dem Übergangstrack Steel Forged in Fate folgen die ersten vier Robot Master. Top Man (Can’t Stop the Top) gibt sich als selbstbewusster Roboter, dem man nichts anhaben kann und der die Schüsse auf ihn einfach umtanzt. Magnet Man (Don’t mess with Magnet Man) fühlt sich zu Mega Man’s Schwester Roll hingezogen, auch wenn ihr Bruder seinen Tod bedeuten mag. Don’t mess with Magnet Man gefiel mir sehr gut. Es hat einen fiesen Ohrwurm-Charakter und es liegt auch eine gewisse Bitterkeit in der Musik, die dieser Magnet Man gegen seinen Gegner richtet. Spark Man (You’ve sparked a War) erklärt der Menschheit den Krieg und bezeichnet sie als Virus, während die Maschinen das Gegenmittel sind. You’ve sparked a War ist wieder ein Lied, welches mir sehr gut gefällt. Snake Man (Walk Away from Light) versucht als die Schlange, die er ist, Mega Man auf seine Seite zu locken. Hier werden Mega Man ernsthafte Zweifel in den Kopf gelegt, die sogar einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Bei den nächsten beiden Songs hören wir den eigentlich bösen Dr. Wily in Gamma Unchained und den eigentlich guten Dr. Light in I want to be the One (to watch you die) als musikalische Interpretation von der Wily Stage 1 und 2. Anstelle die Figuren nach dem Schwarz/Weiß-Schema zu füllen, spielen die Megas mit ihrer Gesinnung. Wily sucht tatsächlich Vergebung für das, was er tat, und will der Welt Frieden bringen. Aber er rechtfertigt seine Opfer durch den Zweck und befreit Gamma aus seinen programmierten Fesseln, der nun außer Kontrolle gerät. Light hingegen will Rache an Wily für all die Opfer und will ihn tot sehen. Bei seinem I want to be the One (to watch you die) spielen die Megas sehr geschickt an I want to be the One aus Get Equipped an. Dort war Mega Man, der derjenige sein wollte, der für Gerechtigkeit kämpft, während sein Erschaffer Dr. Light jetzt derjenige ist, der Wily sterben sehen will. Die eigentlich gute Sache wird hier völlig verzehrt. Musikalisch ist Gamma Unchained für mich das schwächste Lied aus den beiden Alben, während I want to be the One (to watch you die) wieder mächtig an Fahrt aufnimmt und emotional wird. Man fühlt die Wut, die sich hinter diesem Dr. Light verbergen muss.

Continue ist das letzte Lied aus History Repeating: Blue und auch herrlich mehrdeutig. Es ist nicht wirklich klar, aus welcher Perspektive das Lied gesungen wird und an wen es gerichtet ist. Es passt zu diesem Gerechtigkeitskämpfer Mega Man, der niemals aufgibt und immer weiter kämpft. Es passt aber auch zu dem Spieler, der (hoffentlich) nicht aufgibt und immer Continue wählt. Es passt aber auch zu den Megas und ihrem Doppelalbum-Projekt, welches fortgeführt wird. Es ist ein ruhiger Abschied an den Zuhörer mit der Vorfreude auf die Fortsetzung.

If it was up to you, and you
You know that you would lose
If it was up to you, I know
You’d always choose…
To continue

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History Repeating: Red beginnt dann mit Fly on a Dog, welches man auch aus der gleichnamigen Single kennt. Wieder hören wir einen Mega Man, den ernsthafte Zweifel an sich, seiner Mission und dem Zweck, für den er kämpft, plagen. Er distanziert sich von seinen Vater Dr. Light, da er sich selber als eine geladene Waffe sieht und nicht als einen Roboter mit freien Willen, wie es ihm sein Vater vormachen möchte. Das Album beginnt mit Fly on a Dog wieder kräftig, obwohl es nur die Level Select-Melodie aufgreift. Diese wird aber erst zum Schluss und dann sehr stark eingesetzt, kurz nachdem Mega Man sich lediglich als eine weitere Maschine zu sehen beginnt.

Your Light is going out on me
It was you who built this uncertainty
This is your answer
Another machine
I’m just another machine

Die Megas kommen dann zu den letzten 4 Robot Mastern. Hard Man (Harder than Steel) wird als ein Alt-Champion vorgestellt, der beweisen will, dass er noch nicht ausgedient hat. Harder than Steel kam mir beim ersten Hören zu lang vor, aber mittlerweile würde ich eine kürzere Version nicht haben wollen. Es ist herrlich und auch irgendwo tragisch, wie dieser Roboter sich in seiner Trainingsmontage aufbaut, um dann doch unterzugehen. Gemini Man (GeminEye) engagiert einen Doppelgänger von sich als Privatdetektiv und verliert allmählich den Verstand. Die Megas bauen hier eine sehr eigene Noir-Atmosphäre auf, die sich von den anderen Liedern deutlich abhebt und mir von den Robo Master-Liedern am besten gefällt. Needle Man (The Haystack Principle) will nicht der Bösewicht sein, der er ist, und beschließt dieses böse Bild von sich zu bekämpfen. Hier zitieren die Megas viel aus ihrem vorherigen Song zu Air Man und erschaffen eine Figur, die sich im Verlauf des Liedes entwickelt. Shadow Man (Afraid of the Dark) zeigt uns als Fortführung von Run away from the Light eine Figur, die sich den Schatten ergeben hat und sich in ihnen immer weiter verzehrt, was auch durch die Musik wiedergegeben wird.

Mit The Red Song haben wir wieder einen Übergangstrack, der mir sehr gut gefällt. Wir hören die mechanische Schritte eines laufenden Roboters – wahrscheinlich Mega Man – bis wir dann plötzlich die aus dem Spiel bekannte, gepfiffene Melodie von Proto Man hören – nur in einer metallischen Variante. Dann fällt ein sehr schwerer Körper vom Himmel und wir hören eine Kapsel, die sich öffnet. Auch hier fühlt man sich an das Spiel erinnert, in dem Mega Man und Proto Man in die Levels aus dem Himmel warpen. In diesem Track klingt alles so mechanisch und dem Zuhörer wird vermittelt, wie diese Fassung des 8 Bit-Hüpfers aussehen mag und wie man sich diese Welt mit Robotern, die Persönlichkeiten besitzen, vorstellen könnte.

Dann lernen wir Proto Man in I’m not the Breakman kennen, der uns in vorherigen Liedern schon angeteast wurde. Er ist ein Roboter, der wegen seiner fehlerhaften Bauart aufgegeben und vergessen wurde und den deswegen seine Wut verzehrt. Er spricht Mega Man seinen freien Willen ab und hat sein Schicksal als Maschine akzeptiert. Aufgegriffen wird hier die Ausrüstungs-Melodie, die im Spiel erklingt, wenn der Spieler eine neue Waffe erhält. Wie bei Fly on a Dog ist es eigentlich eher ein Nebentrack, der aber auch hier an den richtigen Stellen und dann besonders kräftig eingesetzt wird. Clever greifen die Megas auch die Namen von Proto Man auf, der in Japan als Blues bekannt ist und sich im Spiel als Break Man verkleidet hat.

I had a name
My father called me Blues
He tore my heart from my chest
To give to you
I’m not broken
I’m not the Breakman
I was the first
I am the Protoman!

In Make your Choice und I refuse (to believe) haben wir das Duell zwischen den Brüdern Proto Man und Mega Man, bei dem die Megas die Musik zur Wily Stage 3 und den Wily Boss Battle aufgreifen. Mega Man sei nur eine Maschine, der Traum, für den dieser kämpft, werde niemals real sein und die Menschen seien obsolet. Mega Man weigert sich jedoch zu glauben, nur eine Maschine zu sein und keinen freien Willen zu haben. Deswegen beschließt er Wily nicht zu töten. Menschen und Maschinen seien mehr als die Summe ihrer Fehler. Wie auch schon History Repeating Pt.2 (One more time) ist I refuse (to believe) ein sehr kräftiges Lied, bei dem Mega Man die Zweifel beiseite fegt, die ihn plagen.

I refuse to believe
That I’m nothing more than a machine
I refuse to believe
That we can’t learn to see
The truth was in a dream
I will not kill

Schließlich verabschiedet uns Proto Man mit Melody from the Past (End Title). Er wäre gerne der Eine gewesen, der den Menschen Hoffnung und Freiheit gibt, es aber wegen seiner fehlerhaften Bauart nicht sein kann. Er akzeptiert, dass Menschen wie sein Vater Dr. Light Fehler machen und beschließt, einen neuen Weg einzuschlagen. Melody from the Past ist ein ruhiges Lied, in dem wir einen Charakter haben, der sich für einen Neuanfang entscheidet. Dies ist es auch, was die Musik an sich vermittelt.

There is a song I hear
A melody from the past
When I woke for the first time
When I slept for the last
You are The One
The hero who will stand
Do not blame father
He is only a man

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War es für meine Review der beiden History Repeating-Alben unbedingt nötig, jedes einzelne Lied zu besprechen? Schließlich beschreibe ich in meinen Spiele-Reviews auch nicht die einzelnen Levels. Ich denke aber ja, absolut, weil ich beide History Repeating-Alben zusammen als episch bezeichnen würde. Vielleicht liegt das auch an der langen Pause zwischen beiden Alben, aber The Megas haben nicht mehr nur einzelne Charaktere aus der Vorlage geformt, sondern erzählen diesmal auch eine Gesamtgeschichte, in der sich die Charaktere entwickeln und innere Konflikte austragen. Hat dieser Mega Man einen freien Willen oder sind es eben doch nur Code-Zeilen, die seinen Weg vorgeben? Was ist sein freier Wille wert, wenn er doch nur eine Kampfmaschine ist? Dazu gibt es musikalisch viele kräftige und emotionale Momente, die bei mir richtig gezogen haben. Für mich gibt es in der Triple A-Sparte nur ganz wenige Spiele, die mir mindestens genauso viele ausgefeilte Charaktere und Magic Moments bieten.

Das Mega Man/Proto Man-Artwork stammt von Josh Breeding, Sänger und Gitarrist der Megas.


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3 Kommentare

  1. Missingno. - 19.06.2014 09:19

    Derailated: Starbomb – Megaman

  2. Le Don - 19.06.2014 20:44

    Ich mag Ninja Sex Party und auch Egoraptor, aber irgendwie kann mich deren Starbomb-Projekt nicht so kicken. Da gefallen mir The Adventures of Duane & BrandO mit deren Megaman 2 wesentlich besser.

  3. Missingno. - 21.06.2014 18:57

    Zu Ninja Sex Party und Egoraptor kann ich eigentlich gar nicht viel sagen; ich bin auf Starbomb durch „Luigi’s Ballad“ aufmerksam geworden. Auch wenn es mir ein bisschen zu sehr Penis-Hihi ist, fand ich es insgesamt ganz okay.

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