Ein Herz für Asoziale

„Hallo Gruppe. Mein Name ist SpielerZwei und ich bin ein asozialer Gamer.“ – „Hallo SpielerZwei!“

Nicht dass ich grundsätzlich alleine spielen würde: Wenn Besuch kommt, spielen wir oft gemeinsam irgendwas auf den Konsolen. Und ich spiele auch regelmäßig zusammen mit meinem Sohn Videospiele. Und wenn es mal wieder ein nettes PC-Hack’n’Slay gibt, wird sogar mit SpielerinZwei im LAN gezockt.

Aber das was Millionen andere Spieler tagtäglich machen, nämlich online im Coop oder kompetitiv gegeneinander spielen, gibt mir persönlich nicht viel und kommt daher höchst selten vor. Ich habe früher mal ziemlich ernsthaft Quake 2 und Unreal Tournament übers Internet gespielt, aber da mir Job, Familie und andere Hobbys irgendwann nicht mehr die nötige Zeit gelassen haben, um im Training zu bleiben, habe ich das vor einigen Jahren auch aufgegeben. Ansonsten bedeutet gemeinsames Videospielen für mich immer, dass ich a) die Leute persönlich kenne und b) mich mit ihnen in ein und demselben Raum befinde. Da kann ich gemeinsam mit dem Bier anstoßen, Lachen und Labern sowie gegebenenfalls gezielt mit Kronkorken nach demjenigen werfen, der mich gerade abgeballert hat. Hach, das waren noch Zeiten, als man sich im Freundeskreis regelmäßig zu privaten LAN-Partys traf!

Aber inzwischen sind wir alle älter geworden und bekommen das irgendwie nicht mehr auf die Kette. Und davon mal abgesehen, bedeutet „gemeinsam spielen“ heute ja eher „online“, also über’s Internet. So wie man Freunde ja inzwischen auch nicht mehr auf Partys oder sonstwo im echten Leben kennenlernt, sondern bei Facebook… Jesus, „Freunde bei Facebook kennenlernen!“ – Kinder, Kinder…

Anyway. Warum ich Euch das Ganze erzähle? Na, weil mir die Tauben im Park nur zuhören, wenn ich Brotkrumen dabei habe, aber die sind gerade aus. Und weil ich mal wieder ein Spiel alleine gespielt habe, bei dem alle Welt herumtönt, dass es nur im Online-Coop richtig Spaß machen würde: Borderlands 2.

Ich habe ja schon das erste Borderlands einsam und allein durchgespielt. Und ja, es war ein grenzwertiges Solo-Vergnügen, das mich nur knapp am seidenen Faden bis ins Finale ziehen konnte. Die tolle Cell-Shading-Grafik und das motivierende, großartig ins FPS-Genre übertragene Diablo-Gameplay brachten mich zwar dazu, das Ding komplett durchzuspielen, aber am Ende blieb die große Frage im Kopf: „Was mache ich hier eigentlich die ganze Zeit? Und noch viel wichtiger: Warum überhaupt?!?!“

Das Storytelling, Charakterentwicklung und all die anderen Sachen, die für mich neben dem eigentlichen Gameplay eine befriedigende Singleplayer-Erfahrung ausmachen, waren mehr als dürftig und machten Borderlands solo wirklich zu einem eher schalen Erlebnis.

Und genau hier, im Singleplayer-Erlebnis, liegt für mich die wahre Stärke des Nachfolgers. Die Leute bei Gearbox haben in fast allen Punkten „nur“ eine typische Fortsetzung eines erfolgreichen Videospiels gebastelt, die zwar noch umfangreicher und noch hübscher als Teil 1 ist, aber ansonsten nichts wirklich anders oder neu macht. Die üblichen Detailverbesserungen und der logische Ausbau der vorhandenen Stärken eben. Doch in einem Punkt unterscheidet sich Borderlands 2 immens von seinem Vorgänger: Es hat ein Herz für asoziale Gamer wie mich! Sprich: Es ist ein vollwertiges und überaus befriedigendes Singleplayer-Spiel geworden.

Im ersten Borderlands gab es selbstverständlich ebenfalls eine Story. Aber die wurde so lose erzählt, dass sie im Wust der vielen Sidequests irgendwann komplett unterging und man irgendwann gar nicht mehr so richtig mitbekam, was nun Side- und was Mainquest war. Erst ganz am Ende kam etwas Zug in die eigentliche Hauptgeschichte, aber zu diesem Zeitpunkt war sie der Mehrzahl der Spieler vermutlich schon komplett egal. Das Gefühl, dass dem Spiel narrativ der rote Faden fehlte, wurde insbesondere dadurch verstärkt, dass sowohl dem eigenen Charakter, als auch den NPCs jedwede Tiefe fehlte.

Borderlands 2 hingegen ist eine richtige Wucht, was die Zeichnung der Figuren und der Spielwelt angeht. Der schon im Vorgänger latent vorhandene skurril-schwarze Humor kommt nun dermaßen gekonnt und ausgearbeitet daher, dass man den Dialogautoren und den absolut großartigen Sprechern am liebsten sofort ein Bier ausgeben möchte. Ich habe schon lange nicht mehr so viel gelacht bei einem Videospiel. Die Selbstironie und der sympathisch-kranke Humor, mit der der Planet Pandora und seine Bewohner gezeichnet werden, erinnert mich teilweise an eine andere große Spaß-Perle, die leider viel zu wenige Leute kennen: Armed And Dangerous von den Planet Moon Studios (2003). Außerdem gelingt es den Entwicklern dieses Mal, die Handlung nachvollziehbar und unterhaltsam zu erzählen, ohne dass diese unter den noch zahlreicher gewordenen Nebenmissionen verloren geht. Es ist zu jedem Zeitpunkt klar, warum man was macht, und deshalb fällt man als Solospieler auch nicht in das große Motivationsloch, das noch den ersten Teil bestimmte. Dieses Mal macht nicht nur das Gameplay Spaß, sondern auch das ganze Drumherum!

Um auf meine Einleitung zurückzukommen, muss ich nun gestehen, dass ich Borderlands 2 sogar tatsächlich einige Stunden mit einem Kumpel im Coop gespielt habe. Und es hat auch wirklich Spaß gemacht. Allerdings nicht, weil es für mich das Gameplay irgendwie sonderlich bereichert hätte, sondern weil Doktor Jörg und ich uns nebenbei über alles mögliche unterhalten haben. Neben der latenten Analyse der Spielmechanik und der damit verbundenen Erkenntnis, dass die Borderlands-Spiele genau das richtig machen, was Diablo 3 mächtig verkackt hat (Doktor Jörg hat seinen Doktor tatsächlich in einer videospielrelevanten Disziplin gemacht), war vor Allem das Gespräch interessant, welches entstand, als ich erfuhr, dass er das Spiel mit einem Gamepad spielt. Ja, mein Coop-Partner spielt doch tatsächlich einen Egoshooter mit dem Gamepad! Am PC! Kranker Typ, oder?! Sachen gibt’s…

Wo war ich? Ach ja: Die Coop-Session war, wie gesagt, wirklich spaßig, aber nicht etwa weil mich plötzlich der Blitz traf und ich dachte „Hui! Das meinten also alle, als sie sagten, man müsse Borderlands unbedingt im Coop spielen! Das ist ja eine ganz andere Spielspaßdimension!“, sondern weil ich beim Spielen mit einem RL-Kumpel nett quatschen und Quatsch machen konnte. Das Ganze hätte ich allerdings noch viel lustiger gefunden, wenn wir im gleichen Raum mit einer wohltemperierten Kiste Bier zwischen uns gesessen hätten. Wäre er nur irgendein anonymer Internet-Honk gewesen, wäre ich vermutlich schon nach kurzer Zeit wieder aus dem Spiel ausgestiegen, weil das ganze gegenseitige Warten auf den Partner sogar eher ein wenig Tempo aus dem Spiel nimmt. Somit wurde für mich wieder einmal ein weiterer „Urban Myth“ entzaubert. Ob ich nun wirklich ein asozialer Gamer bin oder vielleicht eher einer der wenigen Dinosaurier, die überhaupt noch wissen, was echtes soziales Gaming bedeutet, liegt wohl im Auge des Betrachters…

Aber lassen wir den ganzen Coop-Kram doch einfach mal beiseite. Weil Borderlands 2 es möglich macht. Denn im Gegensatz zum ersten Teil, der meiner Meinung nach noch etwas unausgegoren war und daher mit der Fan-Mär vom „Coop-Hammer“ schöngeredet werden musste, ist den Leuten von Gearbox mit Borderlands 2 nun ein wirklich rundum schönes Spiel gelungen, das auch für den Einzelspieler wunderbar funktioniert.


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8 Kommentare

  1. Tom - 22.10.2012 19:00

    Sehr zutreffender Text, meiner Ansicht nach.

    Die Vorteile beim Coop waren für mich, dass einem die Gesellschaft über sporadische Durststrecken und Schwierigkeitsspitzen hinweg hilft. Lange Missionen wie „A damn fine rescue“ können einen als Einzelspieler schon etwas erschöpfen, und wenn man zu hastig voranspielt, wird es auch stellenweise ziemlich knackig. Stimme aber 100% zu, dass es mit „Randoms“ wenig Freude macht, zumal stets irgend jemand das Vorankommen blockiert, was sich bei tatsächlichen Bekannten und Freunden dann leichter abstimmen lässt.

    Ansonsten ist mein Eindruck, dass man sich bei Gearbox auf die Stärken und Potenziale des Vorgängers konzentriert und diese konsequent ausgebaut hat. Wer mit dieser Fortsetzung nicht glücklich wird, für den ist Borderlands einfach nicht die richtige Art von Spiel.

  2. Schwanzus Longus - 25.10.2012 04:05

    Ich hab den ersten Teil auch ohne Coop auf meiner – Schande über mich! – Xbox gespielt, und das nicht nur mit einem Charakter (Vorteil der Xbox GotY: die DLCs sind auf einer Extradisk, also kein plödes runtergelade). Hatte dabei auch irgendwie mehr Spaß als gemeinsames Rumgeballere auf einer LAN. Freut mich sehr zu hören, dass der 2. Teil einen noch besseren Singleplayer-Modus bietet.
    Ich werd aber wohl trotzdem auf eine GotY oder ähnliche Sammeledition warten, da ich ganz gerne allen Zusatzkram haben möchte, aber (als Schüler) nicht bereit bin 90€ und mehr zu zahlen. Naja, ich bin ja geduldig was sowas angeht… :>

  3. Cody - 25.10.2012 10:52

    Was den online Multiplayer bei Borderlands so schön von anderen Multiplayer Titeln abhebt ist meiner Meinung nach-und das erwähnst du ja auch-diese ungezwungene, unverkrampfte Art des Gameplays die es einem erlaubt mitten im Spiel über Filme, Kochrezepte oder Internet Gedöns zu quasseln und dennoch im Spiel voranzukommen. Die über Monate hinweg stattfindenden Samstagabend Sessions mit online Bekannten aus Foren und Chaträumen wurden damals fast zu einer Art virtuellem Stammtisch und Borderlands war dabei unser Alibi, eine Art Telefongespräch zu viert (dank Headset) das von tollen Bildern untermalt wurde, ein Kinofilm bei dem man laut quatschen konnte ohne Andere dabei zu stören oder die Spielerfahrung selbst zu ruinieren.
    Das zeichnet Borderlands1 und natürlich auch Teil 2 gegenüber 90% der anderen Multiplayertitel aus bei denen das in dieser Form einfach nicht möglich ist. Ein L4D, CoD, Dead Island oder wie sie auch alle heissen mögen zwingen den Spieler im Multiplayer einfach in ein „Gameplay Korsett“ bei dem der Versuch verbal und gedanklich vom Spielinhalt abzuschweifen meisst rigoros bestraft wird und wenn die Stats, die Mission oder die XP versaut werden macht das Ganze nach 3, 4 Multiplayer Abenden meisst keinen Sinn und Spaß mehr. Genau hier punktet Borderlands mMn eimfach ungemein.

  4. Missingno. - 25.10.2012 17:03

    Dann habe ich damals für 20€ eine andere GOTY-Version bekommen. Ich durfte mir die ganzen DLCs für die Xbox 360 saugen. Gespielt habe ich davon letzten Endes aber nur zwei. So toll überzeugend fand ich sie nicht. Das Hauptspiel selbst habe ich mit einem Charakter alleine und mit einem anderen im lokalen Mehrspieler mit einem Freund und Arbeitskollegen gespielt.
    Bei Borderlands 2 warte ich ebenso auf ein Komplettpaket zu einem angemessenen Preis.

    Steile These: Früher(TM) war das Online-Spielen besser, weil man keinen (obligatorischen) Voice-Chat hatte. Eine gemeinsame LAN-Party ist natürlich noch einmal ein ganz anderer Schnack.

  5. SpielerZwei - 25.10.2012 21:31

    Ich kenne nur die GOTY-Version für den PC. Da sind alle AddOns auf einer zweiten DVD dabei.
    Finanziell ist es bei Spielen natürlich grundsätzlich clever, erstmal zu warten, nicht nur wegen der AddOns. Für die Leute, denen der Online-Multiplayer wichtig ist, ist das Abwarten, besonders auf den Konsolen, aber auch schnell eine Falle: Ein Jahr nach Release sind kaum noch Mitspieler zu finden…

    @Missingno: Wir PC-Spieler haben schon in den 90ern Teamspeak benutzt. Neu, sprich: seit der aktuellen Generation, ist der Voice-Chat doch nur für Konsolenspieler. Das haben Dr. Jörg und ich übrigens auch bei unserer Borderlands 2-Session benutzt, weil an seiner Uni ein extra Server dafür läuft.
    Voice-Chat mit Fremden geht für mich gar nicht. Ich kann das dumme Gesabbel von den meist minderjährigen Mitspielern keine 2 Minuten ertragen.

    @Cody: Ja, manche Spiele spielen sich quasi von selbst. Da muss man nicht groß irgendwelche Strategien koordinieren und kann über Gott und die Welt schnacken. Macht für mich aber nur Sinn mit Leuten, die ich gut kenne (siehe oben).

  6. Missingno. - 26.10.2012 23:55

    Also ich habe Teamspeak noch nie wirklich genutzt. Ich habe auch keinen Goldständer um mit Random-Schmocks mein Spielerlebnis auf der Konsole noch mehr zu vermiesen. Aber im Grunde genommen ändert sich an meiner Aussage nichts. Früher hat man, wenn man denn wollte/musste, einen Teamspeak-Server gehabt, wo man dann wieder „unter sich“, also mit Freunden/Bekannten war. Heutzutage bringt der Egoshooter / die Konsole von Welt den Voicechat integriert mit. Wenn ich mit (Clan-)Leuten UT gespielt habe, dann ging das auch ohne viel Geschwätz. Vielleicht mal ein paar Textzeilen zwischen den Runden um eine Taktik auszutauschen, aber während des Spiels wurde auf das Spiel konzentriert. Man war dann meiner Meinung nach auch ganz anders dabei, wenn man schauen musste, was die Kollegen machen und ggf. spontan etwas getan werden musste. Absprache ohne Worte durchs Spielen.

  7. SpielerZwei - 27.10.2012 12:51

    @Missingno: Yup. Es war bei mir eigentlich auch meist so, dass ich mich in Punkto Voicechat, wenn er denn genutzt wurde, meinen Mitspielern gefügt habe. Mir persönlich hat bei Onlinepartien eigentlich auch der Textchat gereicht. Und ich hatte selbst bei stark teambasierten Spielen, wie z.B. UT’s Bombing Run (hach, wie ich das geliebt habe!), nie das Gefühl, ohne Voicechat strategisch eingeschränkt zu sein.

  8. Zwerg-im-Bikini - 29.10.2012 21:42

    Borderlands habe ich zwar nicht gespielt, aber was Multiplayer angeht, kann ich nur eifrig nicken. Ich musste mir schon bei Diablo 2 immer anhören, wie ich das denn alleine spielen kann, obwohl das doch ÜBERHAUPT NICHT Sinn des Spiels ist ;). Selbst in WoW bin ich am liebsten alleine losgezogen. Aber mit Freunden auf der Couch ist es etwas ganz anderes.

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