Kugelrund und kunterbunt

Die Überschrift dieses Artikels beschreibt schon recht gut den Gumboy Tournament zugrunde liegenden Einfall, quietschbunte Kugeln, deren Physiognomie am ehesten der Kreuzung eines Flummis mit einem Kaugummi mit Dauergrinsen auf dem Gesicht entspricht, fröhlich durch phantastische Landschaften kullern zu lassen. Nicht allein die äußere Erscheinung von Gumboy und seiner illustren Clique, getüncht in sämtliche grelle Farbtöne, denen die Lebensmittelchemie habhaft werden konnte, kommt der einer ordentlich durchgekauten Kaugummi-Kugel nahe: Sie kleben an bestimmten Oberflächen wie Zement und lassen sich dann nur durch den beherzten Druck auf die Sprung-Taste wieder davon lösen.

Aber wehe, wenn sie losgelassen..

Wie ein gegen den Fußboden geschleuderter Flummi können die niedlichen Abnormitäten fix weite Strecken überbrücken, rollt man sie einen Vorsprung herunter oder stürzt sich mit einem Sprung von der Decke der Raumes ab. Wasser stößt sie ab und Tauchen ist auch nicht ihre Stärke, ein stärkerer Luftzug oder das Gravitationsfeld eines besonders dichten Planetoiden wirft sie genau so schnell aus der Bahn wie der ruppige Zusammenstoß mit einem ihrer Artgenossen.

Diese Eigenschaften bilden die Grundlage, um sich auf allen erdenklichen Routen auf mehr oder weniger akrobatische Art und Weise durch ein Level zu bewegen und dabei die Gegebenheiten der schönen, von Hand gezeichneten Umwelt kreativ auszunutzen, um ein besonders schnelles Fortkommen zu ermöglichen. Ging es im Vorgänger Gumboy Crazy Adventures noch vorrangig darum, in phantasievollen Landschaften wie märchenhaften Wäldern, die freundlich gesonnene Trolle und Feen beheimateten, einfache Aufgaben, die meist darin bestanden, nach dem Motto „Bringe alle im Level verstreuten Wassertropfen zu Punkt X, ohne daß sie an den frechen Insekten, die sich auf den Blättern niedergelassen haben, zerplatzen“ und erfrischenderweise ohne die obligatorische Hintergrund-Geschichte bar jeder Glaubwürdigkeit, Items zu sammeln oder zu transportieren, richtet sich das Augenmerk in Gumboy Tournament klar auf die Interaktion zwischen verschiedenen Gumboys und -girls, denn es handelt sich um ein reines Multiplayer-Spiel.

Es ist garnicht so vermessen, zu behaupten, es stünde seinem (beinahe) Namensvetter Unreal Tournament in kaum einem Aspekt nach, denn auch mit niedlichen einfachen geometrischen Formen macht es Spaß, sich gegenseitig durch enge gewundene Gänge oder über tiefe Abrgünde zu jagen und zu versuchen, seinem Gegenüber im CTF-Modus die Flagge abzuluchsen und in seine eigene Basis zu bringen. Oder vor einer wilden Meute zu flüchten, die auf den seinem Konto kontinuierlich Punkte dazu addierenden Stern scharf sind. Oder sich während eines Kontrollpunkt-Rennens gerade noch als Erster über die Ziellinie zu retten. Oder im richtigen Moment an der richtigen Stelle des Levels zu sein, um Anderen den besonders wertvollen rosaroten Diamanten direkt vor ihrer Nase weg zu schnappen, und den nächsten, und so weiter.

Dementsprechend legten die Entwickler weniger Wert auf womöglich vom Geschehen ablenkende Details, die jedoch in dezenter Form immer noch, beispielsweise vogelähnliche Gestalten im Inneren eines hohlen Planetoiden, vorhanden sind, gestalteten die Level kompakter und weniger verzweigt, schließlich müssen alle vier Spiel-Modi mit unterschiedlich vielen Mitspielern reibungslos in jeder Welt spielbar sein. Ebenso helfen einem wieder eine Hand voll Spezial-Items bei dem Erreichen seiner Ziele und verleihen dem Spiel so ein wenig strategische Tiefe: Der Super-Jumber läßt einen höher springen, es existieren ein Schild, das einen kurzzeitig davor bewahrt, die Flagge oder den Stern zu verlieren, ein Magnetisierer, der die Mitspieler auf Distanz hält und seine Attraktivität gegenüber manchen Planetoiden erhöht, und einige andere, etwas weniger nützliche Fähigkeiten wie die einmalige Möglichkeit, den Platz mit einem Mitspieler zu tauschen.

Zugunsten eines einfachen Einstieges in das Spiel wurde auch ein neues Steuerungsschema eingeführt, so daß nun die Wahlmöglichkeit besteht, mit dem Keyboard oder einem Gamepad lieber die direkte Richtung, in die die Spielfigur sich bewegen soll, anstatt ihre Drehrichtung zu kontrollieren. Man hat dem Spiel ebenfalls einen neuen Font, ein einfach zu bedienendes und klar strukturiertes Interface, einen durchgehend flotten Soundtrack, der einem allerdings bei all zu häufiger Wiederholung, wenn sich der Aufenthalt in einem einzelnen Level besonders in die Länge zieht, auch den letzten Nerv rauben kann, sowie Gumboy und seinen Genossen die Fähigkeit spendiert, einen mit einer hohen Stimme anzuspornen, wenn man zum Beispiel in einem Rennen die Führungsposition einbüßt; das verleiht Gumboy Tournament ein wenig mehr Frische und Lebendigkeit, denn im Spiel kann es, zugegeben, ganz schön einsam werden, falls man keine oder ausschließlich Freunde besitzt, die nicht bereit sind die läppischen 20 US-Dollar für den Titel, wahrlich ein Pappenstiel, zu berappen.

Im ausgezeichneten Splitscreen-Modus, das Spiel unterstützt eine Vielzahl von Auflösungen und, im Gegensatz zu vielen anderen „Indie“-Spielen, Seitenverhältnissen des Bildschirms und kann auf dem erweiterten Desktop dargestellt werden, wollte sich bisher nur eine Person mit meinen Fähigkeiten, von denen ich seit dieser Begegnung nicht mehr gänzlich überzeugt bin, messen, obwohl noch zwei weitere Gamepads hätten angeschlossen werden oder sich mehr Finger auf dem Keyboard hätten drängeln können. Ein noch größeres dem Spielspaß hinderliches Problem stellte bis vor kurzem der Online-Modus dar: Es gab einzig einen mit extrem hohen Latenzzeiten kämpfenden Server in Prag, der auch nur annährend verzögerungsfreies Spielen unmöglich machte.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß man online nur sehr selten auf menschliche Kontrahenten trifft. Die Hoffnung sollte man allerdings nicht begraben, denn ein zweiter Server in den USA wurde jüngst eingeweiht, auf dem man gelegentlich auch ein paar potentielle Mitspieler, wahrscheinlich jedoch nicht die maximal mögliche Anzahl von acht weiteren Personen, antreffen kann. In dem Fall kann man sich behelfen, indem man dem Spiel Bots hinzufügt, die, auch auf der höchsten Schwierigkeitsstufe, immerhin noch als Hindernis, das hoffentlich im richtigen Augenblick dem Gegner im Weg ist, taugen, damit erschöpft sich ihr Können dann bedauerlicherweise auch.

Wenn, wie versprochen, endlich die Möglichkeit, selbst als Host eines Spieles zu fungieren, von Seiten der Entwickler nachgereicht wird, sollte dem weltweiten Ausbruch des Gumboy-Fiebers dann eigentlich auch nichts mehr im Wege stehen. ;)


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5 Kommentare

  1. Gisela - 21.12.2008 20:27

    Sehr schöner Bericht :-)… Man sollte aber nochmal explizit herausstreichen, daß dieses Spiel absolut nichts für Kinder ist, auch wenn die Screenshots es vermuten lassen: Es ist viel zu schwer und zu komplex…

  2. Nille- - 21.12.2008 20:27

    Das hätte ich nicht erwartet. Es geht zwar drunter, drüber und um die Kurven, aber man muß eigentlich nur den Analog-Stick in die gewünschte Richtung drücken und ab und zu die Sprung-Taste betätigen.

    Mal sehen, ob ich das einmal in einer Feld-Studie verifizieren kann.

  3. ness - 21.12.2008 20:28

    Hätte mir noch Links zum Spiel und zum Vorgänger gewünscht, aber ansonsten war es wirklich interessant zu lesen.

  4. Subby - 21.12.2008 20:28

    Interessant wäre gewesen, wenn du schon in dem Artikel geschrieben hättest, für welche Systeme dieses Spiel überhaupt existiert…
    Zumindest finde ich im gesamten Text keinen Hinweis darauf, oder bin ich einfach blind?

  5. Nille- - 21.12.2008 20:28

    Ich werde versuchen, das nächste Mal daran zu denken, aber meine Buchstabensuppe handelt in der Regel immer von PC-Spielen, häufig direkt vom Erzeuger oder einem Online-Distributor gekauft.

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