Ex Deus Ex

Project: Snowblind von Crystal Dynamics ist extrem linear, mit 8-10 Stunden Spielzeit recht kurz, wirkt grafisch auf den ersten Blick recht altbacken, hat konsolige Savepoints (so was hasse ich wie die Pest…) – und ist für mich trotzdem der beste Shooter, den ich seit Riddicks Flucht aus Butcher Bay gespielt habe!P:SB erfindet das Genre nicht gerade neu, bietet mit seinem Sammelsurium aus Shooter-Standards und Deus Ex-Versatzstücken aber dennoch überraschend abwechslungsreiches Gameplay. Wie das sein kann, dass sich ein linearer Shooter erfolgreich bei der Genre-Ikone Deus Ex bedient, wird im Weiteren hoffentlich noch klarer werden. Zufällig sind die vielen Ähnlichkeiten allerdings nicht, denn anfangs sollte P:SB unter dem Titel Deus Ex: Clan Wars tatsächlich ein Action-Ableger des Shooter-RPG-Crossover-Klassikers werden – quasi ein „Arcade-Deus Ex“ ohne RPG-Elemente. Es würde mich nicht wundern, wenn die letztendliche Entscheidung, es aus dem besagten Universum zu entkoppeln, rein marketingtechnische Gründe hatte: Nach dem völlig vermurksten Deus Ex 2 hätte es P:SB wohl eher geschadet als genützt, sich auf diesen Franchise zu berufen…

P:SB spielt sich wie ein perfekt gemachter Action-SciFi-Film! Somit hat es auch sehr viel mit dem Riddick-Game gemeinsam. Mir geisterten zunächst Überschriften wie „Stirb in Zeitlupe!“ oder „Ganz großes Kino!“ durch den Kopf, denn in Sachen „kinoähnliche Erfahrung“ sind die beiden Spiele durchaus vergleichbar, wenngleich sie visuell und spielerisch sehr unterschiedliche Pfade beschreiten…Alles an P:SB ist irgendwie Kino: Die in naher Zukunft angesiedelte Story ist, wenn auch nicht wirklich innovativ, sehr schön strukturiert und erzählt. Es kommt bei Spielen immerhin nicht alle Tage vor, dass der Boss-Kampf mit dem Oberbösewicht nicht das Ende des Spiels ist und der eigentliche Showdown erst viel später folgt. Außerdem funktioniert die Identifikation mit dem Protagonisten sehr gut und beginnt sehr clever mit einem Intro-Level, an dessen Ende man stirbt. Ja, man stirbt gleich zu Beginn des Spiels! Allerdings nur, um wenig später als biomechanischer Supersoldat mit diversen Implantaten wieder zu erwachen (Deus Ex und Robocop lassen grüßen…).

Der eigentliche Hammer ist aber die audio-visuelle Gestaltung des Spiels. Die Texturen, die Polygondichte der Figuren, – ja, eigentlich alle Grafiken im Spiel – wirken, als wäre das Spiel eigentlich ca. 2-3 Jahre zu spät auf den Markt gekommen. Hier merkt man P:SB, neben dem Savepoint-System, am deutlichsten seine Konsolenherkunft an. Allerdings spielt die Engine ihre Stärken anders aus, denn sie arbeitet extrem mit Tiefenunschärfe, Wischeffekten, blendenden Lichtquellen, SlowMotion- und StopMotion-Effekten, wackelnder Handycam, irren Schnitten und vielem mehr, das man eigentlich nur von Hi-Budget-Actionfilmen kennt. All dies erlebt man durch viele Cut-Scenes, die sich wunderbar in den Spielfluss einbetten. So hätte vielleicht Metal Gear Solid auf dem PC aussehen können, wenn die Konvertierung nicht so lieblos und grottenschlecht gewesen wäre, wie sie es nun leider einmal war…

Der Soundtrack ist zwar nicht ganz so spektakulär wie die optischen Leckerbissen, kann aber auch seinerseits die Kinoatmosphäre voll unterstreichen. Die Soundeffekte lassen kaum Wünsche offen und erzeugen in vielen Situationen „James Ryan“-Feeling, wenn einem die Projektile von allen Seiten nur so um die Ohren pfeifen. Und die Sprecher – zumindest in der von mir gespielten englischen Fassung – lassen zu keiner Sekunde die Stimmung durch unprofessionelles „Kommt ein Student ins Synchronstudio“-Geseiere platzen…

Das Gameplay von P:SB ist das genaue Gegenteil von Doom 3. Shooter-Junkies, denen es nicht genug witzige Waffen, Spezialfähigkeiten und Gadgets in einem Spiel geben kann, kommen voll auf ihre Kosten. Alle Waffen haben interessante Sekundärfunktionen und sind, anders als in vielen Shootern, wo es eigentlich nur eine sinnvolle Standardwaffe gibt und man die übrigen nur dann benutzt, wenn die Munitionsknappheit einem keine andere Wahl lässt, auch wirklich zu gebrauchen. Ach ja: Es scheint sich inzwischen zu einem neuen Genrestandard zu entwickeln, eine Gravity Gun ins Arsenal zu packen, denn auch P:SB kann mit einer solchen aufwarten. Leider ist genau sie die einzige Waffe im Spiel, die ich als völlig überflüssig erachte. Sie taugt lediglich zum Kistenwegräumen, wenn mal ein Luftschacht verstellt ist. Und auch in diesen Fällen ist es viel einfacher, die Kisten einfach von Hand zu manipulieren, da dies keinen Waffenwechsel erfordert…
Die diversen Implantate geben einem bei Aktivierung für kurze Zeit besondere Vorteile, die von einem persönlichen Energieschild über Unsichtbarkeit bis hin zur unvermeidlichen Bullet-Time reichen. Die Aktivierung verbraucht Energie, die man mit gefundenen Batterien wieder aufladen kann.

Zusätzlich besitzt man diverse Gadgets, von denen wohl die Pfeilpistole die wichtigste ist, denn die verschossenen Pfeile ermöglichen es, Sicherheitscomputer und feindliche Droiden zu hacken bzw. zu manipulieren. So kann man neben Überwachungskameras und Türen auch feindliche Wachroboter für die eigenen Zwecke einsetzen. Aber auch der übrige Schnickschnack, wie die Riot Wall (eine Energieschutzwand) oder die kleinen Spiderbots (welche man per Hackpfeil auch direkt steuern kann), ist ziemlich cool und alles andere als unwichtiges Beiwerk.

Neben den niedlichen Spiderbots und anderen Droiden kann man im Verlauf des Spiels übrigens noch weitere Vehikel steuern, was in allen Fällen durchweg gelungen umgesetzt wurde.

Wem also Old-School-Shooter einfach zu platt sind, wird sich hier ob der vielen taktischen Möglichkeiten wie ein 6jähriger fühlen, der versehentlich über Nacht bei Toys-R-Us eingeschlossen wurde!

Das Spiel kommt als typische PC-Konvertierung insgesamt sehr „konsolig“ daher, was von meiner Seite normalerweise kein Lob bedeutet. Aber P:SB macht alles richtig, was mich bei anderen Konsolen-Shootern bzw. deren PC-Konvertierungen immer extrem abturnt: Die Save-Points liegen immer richtig und erzeugen keinen Frust. Die im Vergleich zu aktuellen PC-Shootern wenig beeindruckende Grafik stört nicht im geringsten, weil die vielen filmtechnischen Kniffe mehr als begeistern können. Die Steuerung orientiert sich sauber am PC-Standard. Der Multiplayer-Teil des Spiels ist erstaunlich umfangreich und solide mit viel Potential für eine eigene Community. Und Bugs, eigentlich bei den üblicherweise schluderigen Konsolen-zu-PC-Umsetzungen eine verlässliche Begleiterscheinung, sind mir überraschenderweise absolut keine untergekommen!

Wer damit leben kann, einen völlig linearen Shooter zu spielen, was ja seit einiger Zeit gemeinhin als sehr verpönt gilt, bekommt mit allerlei visuellen Hinguckern eine coole SciFi-Action-Geschichte in bester Kinomanier erzählt! Project: Snowblind wirkt auf mich wie eine Deus Ex-Verfilmung, nur eben nicht im Kino, sondern ebenfalls als Spiel. Weniger Tiefgang und Freiheit, mehr Action und Tempo, gepaart mit toller visueller Erzählkunst. Klingt vielleicht etwas komisch, beschreibt meinen Eindruck aber recht treffend…


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