Fahr zur Hölle!

Nerve Software haben nun also das erste AddOn zu Doom 3 fertiggestellt. Aha, da sind sich die Herren bei id Software wohl zu fein für so eine profane Aufgabe. Haben sie vielleicht sogar etwas anderes zu tun? Quake 4? The Return Of Commander Keen? Oder gar ein völlig neues Spiel? – Ich weiß selbst, wie unwahrscheinlich das klingt, aber ich bin halt ein Träumer…

Wie auch immer. Zumindest hat ein früherer Flirt dieser beiden Entwickler ja schon einmal wohlgeratenen Nachwuchs hervorgebracht: Return To Castle Wolfenstein. Das lässt hoffen! Andererseits haben AddOns meist nur folgende Aufgaben:

a) Kohle scheffeln bei relativ geringem Aufwand.
b) Die Zeit bis zum nächsten richtigen Spiel überbrücken und dabei im Gespräch bleiben.
c) Kohle scheffeln bei relativ geringem Aufwand.
d) Die Verkäufe des Hauptprogramms über einen längeren Zeitraum ankurbeln als üblich.
e) Kohle scheffeln bei relativ geringem Aufwand.
f) Verstecktes Patchen des Hauptprogramms.
g) Kohle scheffeln bei relativ geringem Aufwand.

Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen im AddOn-Sumpf. So sind z.B. die AddOns der Firma Blizzard über alle Zweifel erhaben (Starcraft ohne Brood War ist undenkbar)! Aber normalerweise braucht man AddOns so dringend wie Klebe-Tattoos in der Cornflakes-Packung. Schließlich ist der hollywoodinspirierte Fortsetzungswahn schon schlimm genug. Da will man nicht noch Mini-Fortsetzungen zwischen den Fortsetzungen…

Aber wenn man sie schon nicht wirklich braucht, so sollten sie doch wenigstens zu einem günstigen Preis den Spaß am Hauptprogramm verlängern. Ein gutes Beispiel für „AddOns, die die Welt nicht braucht“ ist Blue Shift: Opposing Force hat mir als Verlängerung von Half-Life damals noch Spaß gemacht, auch wenn es nicht ganz die Qualität von HL hatte. Aber Blue Shift war ein schlechter Witz. Ich habe danach sogar mit Freunden gewettet (und glücklicherweise verloren), dass im dritten AddOn zu Half-Life der Briefträger des Fussballtrainers der Putzfrau von Gordon Freeman die Hauptrolle spielt…

Aber genug am Thema vorbei geschwafelt! Sehen wir mal, ob Doom 3- Resurrection Of Evil seine ca. 30 Euro wert ist oder es sich in bester Sims-Manier um unnötigen Firlefanz handelt.

Wie bekloppt kann man denn sein? Da bricht im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle auf der Marsstation los und das Schlimmste kann nur um Haaresbreite von einem einsamen Helden verhindert werden, und schon 2 Jahre später forscht die Union Aerospace Corporation schon wieder lustig auf eben jener Station herum! Die sind ja schlimmer (und klischeehafter) als die Umbrella Corporation und die Weyland-Yutani Corporation zusammen! Naja, wenigstens ist wieder ein (anderer) einsamer Held zur Stelle, um sich dem immer noch in der Hölle sitzenden Dr. Betruger anzunehmen, der das Portal in unsere Welt ein weiteres Mal öffnen will. Ein Drehbuch-Oscar ist für eine derartige Geschichte eher unwahrscheinlich…

Aber wenn wir mal ehrlich sind, dann ist die Story noch nie die Stärke der id-Spiele gewesen. Im Grunde ist es schon sehr beachtenswert, dass sich Doom 3 überhaupt die Mühe machte, eine Geschichte zu erzählen. Viel wichtiger ist das eigentliche Gameplay und Spieldesign. Und eben dieses war ja bekanntlich vielen Leuten beim Hauptprogramm zu old school und simpel. Werfen wir also mal einen Blick auf die Neuerungen, welche ROE ins Spiel bringt:

Die doppelläufige Schrotflinte aus Doom 2 ist zurück. Jüppie! Allerdings ist sie zu kaum zu gebrauchen, da ihre lange Nachladezeit den höheren Schaden kaum wett macht. Schießt man vorbei, hat man die Dämonen im Gesicht sitzen, bevor sie wieder schussbereit ist.

Die Kettensäge wurde durch eine Art „Gravity-Gun“ ersetzt. Gut, die Kettensäge war ohnehin nicht zu vielem nutze, aber sie war wenigstens cool. Rääääääng-Gäng-Gäng-Gäng! Nun zeigen alle HL2-Fans mit Fingern auf die Doom 3-Fans, weil es eine geklaute HL2-Waffe im Spiel gibt. Tolle Wurst…

Immerhin ist der Grabber in der Praxis gänzlich anders zu gebrauchen als in HL2. In ROE hat man das Teil nicht, um Rätsel zu lösen oder möglichst viele Gegenstände zu stapeln, um dann mit den Screenshots in einem Geek-Forum anzugeben. Hier erfüllt der Grabber lediglich einen Zweck: Töten!

Man kann entweder Felsbrocken, Ölfässer und sonstigen herumliegenden Schrott gegen die Gegner schleudern oder aber die gegnerischen Geschosse, die einem von den Höllenschergen entgegengeworfen werden, gleich wieder als unzustellbares Päckchen an den Absender zurückschicken. Dies erfordert zwar etwas Übung, ist aber durchaus effektiv. Kleinere Gegner, wie z.B. die Lost Souls, kann man sogar direkt grabben und gegen die nächste Wand pfeffern.

Und schließlich wurde das Artefakt, der „Soul Cube“ aus Doom 3, auch noch ersetzt. Und zwar durch… ähm… Tataaa… ein anderes Artefakt! Man kann dieses mit den Seelen der Toten, über die man überall stolpert, aufladen. Löst man es aus, so werden einem für kurze Zeit sagenhafte Spezialfähigkeiten zuteil, die man so in noch keinem anderen Shooter gesehen hat (Mann, mir tröpfelt die Ironie heute ja wieder in die Tastatur…): Die Helltime (Oh Max, wer hätte damals gedacht, was Du uns für die nächsten Jahre antust…), die Berserker-Fähigkeit (hieß das nicht mal „Quad-Damage“ und wurde einfach eingesammelt…?) und die Unverwundbarkeit (siehe „Quad-Damage“…!).

Anfangs kann das Teil aber mal gar nichts, denn die Spezialfähigkeiten, die übrigens immer alle zusammen ausgelöst werden, bekommt man erst nach und nach, wenn man die drei „Hunter“ besiegt hat. Diese Spezialfähigkeiten dienen aber nicht nur als Bonus im Kampf. An einigen Stellen im Spiel ist der Einsatz des Artefakts, speziell wegen der Helltime, unbedingt erforderlich, um weiterzukommen. „Rätseleinlagen“ wäre für diese Stellen wohl zu hoch gegriffen, aber immerhin ergänzen sie das simple Gameplay auf positive Weise.

Die „Hunter“ sind Boss-Monster, die neben ein paar anderen neuen Monstern, welche man allerdings fast alle schon aus Doom1 und Doom 2 kennt, das Bestiarium des Hauptprogramms aufstocken. Diese Bosse lassen sich, man kennt dies aus vielen anderen Spielen, nicht einfach abknallen, sondern erfordern gewisse Strategien, bei welchen der Grabber eine wichtige Rolle spielt.

Neben den neuen Waffen und Monstern, die man schließlich von jedem x-beliebigen Shooter-AddOn erwarten kann, gibt es tatsächlich viele kleine aber feine Gameplay- und Design-Abweichungen gegenüber Doom 3, die die wirklich bemerkenswerten Eigenschaften von ROE ausmachen. So macht es tatsächlich den Anschein, als hätten die Jungs von Nerve die Community-Foren durchforstet, um den Kritikpunkten Rechnung zu tragen.

ROE bietet etwas mehr Abwechslung im Leveldesign. So gibt es neben den bekannten Stations-Leveln und dem unvermeidlichen Besuch in der Hölle auch neue Umgebungen, wie z.B. die Ausgrabungsstätte des zweiten Artefakts. Außerdem sind die Level größtenteils etwas heller gehalten, was den Einsatz der Taschenlampe nicht mehr überall zur ständigen Pflicht macht. Zudem gibt es u.a. durch den Grabber und diverse benutzbare Spielautomaten, die witzige Minispielchen bieten, nun mehr Interaktion mit der Umgebung.

Die „Monster-im-Schrank-Trigger“ sind stark zurückgenommen worden, so dass die Schockmomente nicht mehr so berechenbar sind. Dafür gibt es in einigen Arealen deutlich mehr Gegner auf einmal abzuwehren, was das Hauptprogramm ebenso zu vermeiden suchte wie größere Areale, mit welchen ROE nun ebenfalls aufwartet. Wir reden hier zwar keinesfalls von Serious Sam-Monsterhorden bis zum Horizont, aber an einigen Stellen des Spiels geht es wirklich richtig ab!

Die Geschichte hat weniger Twists als in Doom 3 und wird auch durch weniger Zwischensequenzen und PDA-Logs ergänzt. Dafür haben die Entwickler einige coole Effekte eingebaut, die durchaus einem Silent Hill-Titel zur Ehre gereichen würden. So gibt es gegen Ende, kurz bevor wir uns mal wieder einen Pauschalurlaub in der Hölle gönnen, Areale, in denen sich ständig die Umgebung von Normal in Höllisch-Surreal ändert, um den drohenden Dimensionsdurchbruch anzukündigen. Und während die Silent Hill-Spiele dies durch wiederholten Besuch der gleichen Location bewerkstelligen, geschieht dies in ROE in Echtzeit vor den Augen des Spielers, was wirklich interessant wirkt. Allerdings konnte man sich an Dergleichen schon in The Suffering erfreuen…

Tja, Ihr habt es sicher bemerkt, dass der Tenor dieses Artikels keinesfalls auf absolute Begeisterung meinerseits schließen lässt. Alles klingt so nach „08/15-AddOn“ und „komplett bei anderen Spielen zusammengeklaut“. Und genau so soll es sein, denn dieser Artikel funktioniert genau wie ROE: Ihr betretet den Raum. In der Mitte liegt eine Rüstung. „Aha!“ denkt Ihr, wohl wissend, wie Doom 3 funktionierte, „Wenn ich die Rüstung nehme, kommt natürlich wieder ein Monster aus dem Nichts gespawned!“. Ihr speichert schnell noch mal, nehmt die richtige Waffe zur Hand und nehmt beherzt die Rüstung. Doch es kommt gar kein Monster… Irritation…

Und um endlich einmal die Katze aus dem Sack zu lassen: Ich finde Doom3 – Resurrection Of Evil mindestens genau so gut wie das Hauptprogramm, wenn nicht noch besser!

Hat id software mit Doom 2 seinerzeit ein (sehr umfangreiches) AddOn zum Vollpreis verkauft, so bekommt man dieses heute wenigstens ein paar Euro billiger. Mit ungefähr 10 Stunden ist die Spielzeit kein Hammer. Allerdings sollte man bedenken, dass dieses AddOn damit immer noch mehr Spielzeit bietet als viele StandAlone-Shooter!

Zusätzlich bohrt ROE den sehr bescheidenen Multiplayer-Teil von Doom 3 etwas auf. Neben neuen DM-Maps bekommt man endlich einen CTF-Mode mit entsprechenden Karten, welcher von niemand geringerem als Threewave beigesteuert wurde (Quake-Veteranen erinnern sich…). Und wer jetzt denkt „Toll, CTF mit maximal 4 Spielern ist ja nicht gerade der Hit!“, wird sich freuen zu hören, dass die Spieleranzahl nun offiziell auf 8 erhöht wurde. Hierdurch kann Doom 3 zwar immer noch nicht mit Titeln wie Unreal Tournament oder Battlefield 1942 konkurrieren, aber immerhin ist der Multiplayer-Teil nun überhaupt zu etwas zu gebrauchen, was vorher ja nicht der Fall war.

Um schließlich eines klarzustellen: ROE wird keinen Doom 3-Hasser bekehren! Dazu bewegt sich dieses AddOn (logischerweise) einfach viel zu nah am Hauptprogramm. Allerdings kann es durch diverse kleine Änderungen im Spieldesign und Gameplay diejenigen zufrieden stellen, die Doom 3 zwar nicht schlecht fanden, aber mit den obengenannten Punkten so ihre Probleme hatten und es deshalb auch nicht wirklich lieben konnten. ROE folgt lange nicht mehr so stark der „Back-to-the-basics“-Gamplay-Philosophie, an welcher sich viele Leute vor 8 Monaten gestoßen haben.

Das Problem an meiner eben getroffenen Feststellung ist nur, dass es diese Gruppe eigentlich gar nicht gibt! Doom 3 ist ein Spiel, das die Gamer polarisiert. Man liebt es oder man hasst es. Die „So-La-La-Gruppe“ in der Mitte gibt es nicht. Demnach ist auch dieser ganze Artikel absoluter Quatsch, denn wer schon das Hauptprogramm liebte, hat das AddOn eh schon vor Wochen vorbestellt, und wer es nicht mochte, wird sich niemals hinreißen lassen, weitere 30 Euro in ein Spiel zu investieren, bei dem er schon die ersten 45 Euro als im-Klo-heruntergespült angesehen hat.

Aber immerhin gut, dass wir darüber gesprochen haben, Junkies…


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