Fanboy-Klopperei

Ja, ich weiß: Ich habe mir mit diesem Artikel wirklich viel Zeit gelassen. Aber wie schon bei Mario Kart Wii dargelegt, bin ich der Meinung, dass man Spiele, die hauptsächlich vom Mehrspielermodus und der Langzeitmotivation leben, auch ausgiebig spielen muss bevor man sich ein wirkliches Urteil erlauben kann. Also meckert nicht rum. Brandheiße News und saucoole Previews könnt Ihr auf so vielen anderen Seiten lesen, die offenbar kein Problem damit haben, sich auch gerne mal Monate vor dem eigentlichen Erscheinungstermin für irgendein Drecksspiel viel zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Hier in Polynesien sind wir da eher bodenständig.

Super Smash Bros. Brawl ist der dritte Teil einer Serie, die 1999 auf dem N64 ihren Ursprung nahm. Und schon in der dritten Inkarnation ist man geneigt, der Serie ihren absoluten Zenit zu attestieren. SSBB ist ein Spiel, das unweigerlich die Frage aufwirft, wie es eventuelle Nachfolger – und machen wir uns nichts vor, die werden ganz sicher kommen – überhaupt noch toppen können, denn in Sachen Spielprinzip und Umfang ist eine Steigerung nur mit sehr, sehr viel Fantasie denkbar.

Lediglich die Präsentation ließe sich bestimmt noch verbessern. Wobei dies auch ein relativer Begriff ist, denn natürlich sieht man Brawl zwar die Limitierung durch die Plattform Wii an, aber wenn wir die Präsentation nicht einfach nur mit der Anzahl der dargestellten Pixel gleichsetzen, sondern eher als Gesamteindruck verstehen, dann besteht auch hier eigentlich kaum Verbesserungsbedarf. Besonders in Sachen Soundtrack beeindruckt Brawl ungemein, denn so viel großartige (zum Teil erst freispielbare) Musik gibt es selten in Videospielen.

Das Spielprinzip hat sich seit dem ersten SSB eigentlich kaum verändert:
Super Smash Bros. ist eigentlich ein Prügelspiel, unterscheidet sich aber doch deutlich von fast allen anderen bekannten Vertretern dieses Genres, weil es nahezu komplett auf komplizierte 10-Button-Combos und halsbrecherische Insidertricks verzichtet, die andere Beat’em Ups so gerne pflegen, um die Anfänger von den Profis zu trennen. Neben Springen und Ducken setzt SSBB unverändert auf nur zwei Buttons zum Kloppen, die in Kombination mit entsprechenden Stickbewegungen zu diversen Moves führen, welche dadurch in ihrer reinen Anzahl relativ begrenzt sind. Dennoch ist das Gameplay alles andere als flach, denn durch unzählige Items und PowerUps sowie die vielen einzigartigen Fähigkeiten der einzelnen Figuren (35 Nintendo-Charaktere plus Sonic und Solid Snake als Gäste) und die sehr unterschiedlichen Kampfarenen (41 an der Zahl), entfaltet Brawl eine unglaubliche Spieltiefe. Hinzu kommen noch das sehr hohe Tempo des Spiels und die Tatsache, dass man nicht nur auf jeweils einen Gegner beschränkt ist. Der Spruch „Easy to learn, difficult to master“ passt auf kaum ein Spiel so gut wie auf eben diese Serie: Anfänger sind von der ersten Minute an im Spiel und die Cracks können auch nach unzähligen Stunden noch mit den Charakter-Eigenheiten und den vielen Arenen herumexperimentieren!

Mit Super Smash Bros. Melee (2001) auf dem GameCube hat der damalige Entwickler HAL Laboratory Inc. die Serie ganz deutlich auf mehr Umfang getrimmt, ohne jedoch den Gameplay-Kern ihres Erstlings nur ansatzweise zu verändern. Dies machte SSBM zwar zu einem noch viel tolleren Mehrspielertitel, weil man mit noch mehr Nintendo-All-Stars in noch mehr Arenen noch mehr Zusatzinhalte freikloppen konnte, aber für Einzelspieler war das Ganze immer noch relativ witzlos. Wer nicht regelmäßig Freunde auf der Couch sitzen hatte, konnte getrost einen Bogen um die Spiele machen.
Nach zwei SSB-Spielen gab Nintendo die Entwicklung an ein anderes Studio ab: Sora Ltd. Allerdings geschah dies nur, weil SSB– und Kirby-Erfinder Masahiro Sakurai HAL Laboratory verlassen und mit Sora sein eigenes Studio gegründet hatte. Doch obwohl sich die Serie nach wie vor in bewährten Händen befindet, gibt es in SSBB einen entscheidenden Richtungswechsel: Das Spiel ist nun auch für Menschen ohne Freunde Couch eine absolute Empfehlung geworden! Neben der Tatsache, dass Brawl den mit Melee eingeschlagenen Weg des „Content-Aufblasens“ in schon fast irrwitzige Regionen fortführt, hat es erstmals einen Einzelspielermodus, der wirklich gefallen und überzeugen kann. Dieser kommt als eine Mischung aus klassischem 2D-Jump’n’Run und Prügelspiel daher und beschäftigt den Solospieler für mindestens 8-10 Stunden, wobei er tatsächlich auch mit einer nett erzählten und toll präsentierten Story daher kommt. Besonders die unzähligen Zwischensequenzen der Kampagne sind wirklich toll, weil es schon etwas Faszinierendes hat, wenn man Spielcharaktere, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben und aus völlig unterschiedlichen Universen stammen, miteinander agieren sieht. Ob es nun Link ist, der den schlafenden Yoshi im Wald trifft und ihm zunächst keine Beachtung schenkt, oder Zelda und Peach, die als cooles Frauen-Power-Gespann unterwegs sind, oder Samus Aran, die Pikatchu in PETA-Manier aus dem Tierversuchslabor rettet, oder Ganondorf, der mit Bowser und Wario gemeinsame Sache macht: Das alles besitzt sehr viel Charme und macht den All-Star-Charakter der Serie, zumindest für mich, das erste mal zu etwas wirklich Besonderem!
Neben dem Adventure-Modus gibt es natürlich noch andere Einzelspielerbeschäftigungen, wie z.B. die Challenges und Missionen, die den einsamen Nerd viele weitere Stunden vor seiner Wii fesseln können, ohne dass er sich mit anderen lästigen Individuen abgeben müsste.

Wer sich am Ende im Options-Menü noch einmal die unzähligen sehr schönen Render-Filme aus der Einzelspielerkampagne anschaut, dürfte keinen Zweifel mehr daran haben, warum SSBB als erster Wii-Titel auf einer Dual-Layer-DVD ausgeliefert werden musste: Die SSB-Serie ist nun endlich auch vollwertiges Singleplayer-Spiel geworden, ohne auch nur auf ein Fitzelchen Mehrspielerfaszination zu verzichten. Sogar ganz im Gegenteil. Und all diese Inhalte wollen natürlich irgendwo untergebracht werden…
Der, ähnlich wie bei MKWii, sehr unkomplizierte Online-Modus sowie der mitgelieferte Leveleditor komplettieren das Paket zu einem der besten Nintendo-Spiele aller Zeiten! Zudem ist SSBB mit all seinem freischaltbaren Firlefanz DAS Fanboy-Spiel schlecht hin.

Ihr könnt mich gerne korrigieren, immerhin kenne ich ja nicht jedes Videospiel, das irgendwann einmal in dieser Galaxie veröffentlicht wurde, aber die schiere Masse an Unlockables in Brawl hat es meines Wissens nach so noch nicht gegeben. Und obwohl mir vieles davon persönlich am Arsch vorbei geht, ist es doch sehr beeindruckend. Mir selbst sind lediglich die Dinge wichtig, die direkt mit dem Spiel zu tun haben, also die freispielbaren Charaktere und die Arenen. Die vielen Trophäen sind als Achievements auch ganz nett, werden mich aber ganz sicher nicht dazu bringen, gezielt Jagd auf sie zu machen. Sehr cool finde ich hingegen die Sammlung so ziemlich aller wichtigen Nintendo-Soundtracks, welche teilweise extra für das Spiel neu aufgenommen wurden, und die sehr umfangreiche Nintendo-Enzyklopädie. Beides ist ganz klar Fanboy-Zeugs und ich werde den Teufel tun, mein Leben dem hundertprozentigen Freischalten von SSBB zu widmen, aber dennoch kann ich nicht umhin, dieses Geschenk an die Nintendo-Fans – nichts anderes ist Brawl letztendlich geworden – gebührend zu würdigen. Das Spiel hätte sich bestimmt auch ohne diese ganzen Zusatzinhalte wie Geschnitten Brot verkauft, aber man hat die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und aus einem ohnehin sehr guten Single- und Multiplayer-Spiel zusätzlich das ultimative Nintendo-Fan-Spiel gemacht. Dass sich das bei einer Serie wie SSB natürlich anbietet, die ja von vornherein darauf basiert, alle denkbaren Charaktere aus ganz unterschiedlichen Nintendo-Spielen aufeinander los zu lassen, ist klar. Aber dass man sich all die Mühe gemacht hat, ohne dadurch signifikant die Absatzchancen des Produktes zu erhöhen, weil es Otto-Normal-Zocker eher egal ist, ist eine weitere von vielen Kleinigkeiten, die über die Jahre dafür gesorgt haben, dass mir Nintendo als einziger Konsolenhersteller irgendwie sympathisch ist.

Bin ich gar selbst ein Nintendo-Fanboy? – Ich glaube, eher nicht. Wie gesagt, im Gegensatz zu Sony und Microsoft, ist bei mir eine gewisse Grundsympathie gegenüber Nintendo als Firma durchaus vorhanden. Allerdings würde ich niemals offensichtlichen Mist schönreden oder aufgrund meines einseitigen Weltbildes bei jeder Gelegenheit grundsätzlich auf der Konkurrenz herumhacken. Ja, solche Leute gibt es tatsächlich! Kaum zu glauben, oder? (Keine Ahnung, warum mir gerade jetzt die Buchstaben „M“, „T“ und „V“ durch den Kopf gehen…)

Worauf ich eigentlich hinaus will: Dieser Artikel ist durchgehend so positiv und streckenweise gar überschwänglich, dass es schon fast weh tut. (Was? Das ist Euch gar nicht aufgefallen? Hah! Erwischt: Ihr verdammten Nintendo-Fanboys!)
Aber so sehr ich darüber nachdenke, will mir einfach kein ernsthafter Kritikpunkt zu Super Smash Bros. Brawl einfallen. Gut, wenn man jetzt zum Beispiel eine ärztlich attestierte Mario-Allergie hat, wie der geschätzte SpielerEins, oder man grundsätzlich so gar nicht auf Beat’em Ups an sich steht, dann ist das Spiel natürlich nichts für Euch. Und es soll ja auch Leute geben, die der Meinung sind, dass ein zünftiges Prügelspiel unbedingt Blut, Gedärm und coole Kopfabreiß-Special-Moves besitzen muss, womit SSBB für sie auch auf gar keinen Fall in Frage kommt. Vielleicht kann man das Spiel auch allein deshalb doof finden, weil es einer der wenigen Wii-Titel ist, die nicht krampfhaft die gesamte Steuerung über Rütteln, Schütteln, Fuchteln und den Einsatz des Flaggenalphabets lösen…
Anyway. Ich bin der Meinung, dass Brawl ein absoluter Pflichtkauf für jeden Wii-Besitzer ist, der keine der obigen Entschuldigungen vorweisen kann!


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10 Kommentare

  1. draiba - 21.12.2008 17:52

    ok, ich bereue den Verkauf meiner Wii.

  2. padington - 21.12.2008 17:52

    Ach wäre SSBB doch nur vor meinem Sohn erschienen. Jetzt liegt es seit 4 Wochen zuhause und ich habe es erst 5 Stunden gespielt…

    Ist das ein Kritikpunkt?

  3. frankj - 21.12.2008 17:52

    Naja, ich persönlich finde die Zwischensequenzen der Single Player Kampagne ziemlich kindisch.
    Die Steuerung mit dem Analogstick ist mir irgendwie zu schwammig (vor allem das Bewegen); ganz zu schweigen vom D-Pad der Fernbedienung und des Classiccontrollers. Hoffe die bringen mal ein Eingabegerät mit einem ordentlichen digitalen Steuerkreuz raus.
    Ansonsten ist es besonders wegen dem Multiplayer sehr spaßig.

    PS.: Ich weiß ja nicht wie die Nachfolger so sind (nie gespielt, wahrscheinlich wirklich zu kombolastig, siehe Street Fighter Serie), aber Tekken 3 ist für mich eines der besten Beat ‚em Ups aller Zeiten.

  4. SpielerZwei- - 21.12.2008 17:52

    Warum spielst Du denn nicht einfach mit einem GC-Pad oder dem Classic Controller, wenn Dich die WiiMote stört?

  5. Kommentarabgeber - 21.12.2008 17:52

    Ein Kritikpunkt wäre der nicht ganz ausgereifte Online-Modus, bei dem das Spiel so flüssig läuft, dass man den Eindruck bekommt, alle Charaktere hätten zeitweilig das Teleportieren gelernt…mal abgesehen von fehlenden Ranglisten (die um Einiges aussagekräftiger wären als etwa bei einem MK Wii, das zum Teil einfach ein Glücksspiel ist [was ja auch der Sinn der Sache ist und ich deshalb nicht schlechtreden will, aber doch mal gesagt werden musste]).

  6. SpielerZwei- - 21.12.2008 17:53

    Ich habe mit dem Online-Modus bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Lags konnte ich überhaupt nicht feststellen. Manchmal dauert es allerdings ein paar Minuten bis man Gegner gefunden hat, was ich in sofern merkwürdig finde, da die Kämpfe nur 2 Minuten dauern und eigentlich Millionen von potenziellen Mitspielern vorhanden sind…
    Bei den Ranglisten gebe ich Dir allerdings Recht: Es ist unverständlich, warum man den Online-Spielern dieses recht einfach zu realisierende Ranking vorenthält. Mir persönlich ist das nicht ganz so wichtig, aber Ranglisten sind ganz sicher eine wichtige Motivation für Online-Games.

  7. Januar - 21.12.2008 17:53

    Ein kleiner Kritikpunkt ist, dass man das Menü nicht parallel per Wiimote-Zeiger bedienen kann. Nicht dramatisch, aber an der Stelle wäre der Einsatz sinnvoll gewesen!

  8. ness - 21.12.2008 17:53

    Zitat: „Die Steuerung mit dem Analogstick ist mir irgendwie zu schwammig (vor allem das Bewegen); ganz zu schweigen vom D-Pad der Fernbedienung und des Classiccontrollers. Hoffe die bringen mal ein Eingabegerät mit einem ordentlichen digitalen Steuerkreuz raus.“

    Du findest das Digitalkreuz vom Classic-Controller nicht gut? Wie sieht denn deiner Meinung nach sonst ein ordentliches digitales Steuerkreuz aus, wenn nicht so?

    @ Spiel: Kann dem Artikel eigentlich nur komplett zustimmen, mir haben auch besonders die Sequenzen im Abenteuermodus gefallen, vor allem die „Geschichte“ an sich, wie alle Charaktere zusammenfinden^^.
    Allerdings stellt auch für mich das Fehlen von Ranglisten einen kleinen Kritikpunkt dar.
    (Und warum haben sie den Sound des Baseballschlägers von Ness abgeschwächt? =( )

  9. SpielerZwei- - 21.12.2008 17:54

    „(Und warum haben sie den Sound des Baseballschlägers von Ness abgeschwächt? =( )“

  10. MasterRehm - 21.12.2008 17:54

    „Sehr cool finde ich hingegen die Sammlung so ziemlich aller wichtigen Nintendo-Soundtracks“

    Oh ja. Das gefällt mir auch sehr gut.

    „(Keine Ahnung, warum mir gerade jetzt die Buchstaben „M“, „T“ und „V“ durch den Kopf gehen…)“

    LOL. Der war gut

    „padington | 22. August 2008
    Ach wäre SSBB doch nur vor meinem Sohn erschienen“

    Hehe. Tja, wird wohl nicht das letzte Spiel gewesen sein das liegen bleibt ;)

    Schönes Review, welches genau meine Meinung zu dem Spiel wiedergibt.

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