Dummies sind auch nur Menschen!

Hallo! Mein Name ist Bob. Früher habe ich noch als „Extremsituations-Testfahrer“ für mehrere namhafte Automobilhersteller gearbeitet. Neuerdings ist es in meiner Branche aber immer schwerer geworden, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn Computersimulationen und französische Baguettes nehmen uns Alteingesessenen die Arbeit weg. Außerdem sind die Autos an sich auch viel sicherer geworden, so dass die Ausfallquote unter den Kollegen permanent abnimmt und man nicht mehr so viele von uns braucht. Tja, warum sollte es mir besser gehen als den Stuntmen in Hollywood, die dank CGI ebenfalls seit Jahren immer weniger Jobs bekommen…

Da kam der Tipp von meinem langjährigen Kollegen Hendrik (er war früher bei Saab angestellt) wie gerufen: „Da sucht ein Hersteller von Computerspielen Motion-Capturing-Akteure. Die heißen „Backbär“, oder so. Eigentlich haben die das Spiel schon komplett im Kasten, aber für den überempfindlichen deutschen Markt müssen alle Fahrer nachträglich durch Unsereins ausgetauscht werden. Das gleiche Problem hatten sie schon bei ihrem ersten Rennspiel, aber man hatte gehofft, durch die Maschen zu rutschen. Ts, ts, diese Deutschen! Alles Weicheier!“
Mein Kollege Martin, der auch schon seit geraumer Zeit auf der Straße sitzt, ließ da schon kritischere Töne vernehmen als ich ihm davon erzählte: „Videospiele? Von so einem Kinderkram kann man doch keine Familie ernähren. Und was steht dann in Deinem Lebenslauf? „Videospiel-Testfahrer“? Dann ist es endgültig aus mit Deiner Karriere!“
Guter alter Martin. Er war schon immer ein konservativer Spießer. Ich lasse mich nicht so leicht demotivieren.

Mann! Endlich wieder ein Job. Und dazu noch bei unserem Jobkiller Nr. 1, den Computersimulationen (im weitesten Sinne…). Welch Ironie!
Ein paar Telefonate später hatte ich einen Vorstellungstermin bei dem finnischen Entwickler des Spiels. Der heißt übrigens „Bugbear Entertainment“, nicht „Backbär“, Hendrik.

Da ich so gut wie keine Ahnung von Videospielen habe, erklärt mir Jussi Laakkonen, worum es in FlatOut 2 eigentlich geht. „Jussi Laakkonen“… Hehehe, finnische Namen sind wirklich lustig! Jussi ist übrigens „Business Development Director” bei Bugbear. Mit dem Titel wird sein Name sogar fast noch lustiger…
Natürlich habe ich schon mal Rennspiele gesehen, aber gespielt hatte ich bisher eigentlich noch keins. Deshalb läßt mich Jussi gleich ein wenig spielen, damit ich mir ein besseres Bild vom Job machen kann:
Wie echte Autos fahren sich die Dinger im Spiel ja nicht gerade. Laut Jussi ist das aber gewollt. „Fun-Racer“ nennt er das. Er meint, dass man mit echten Simulationen nur relativ wenig Leute anspricht. Ich glaube zu verstehen, was er meint, denn obwohl ich als Fahr-Profi kaum Realismus im Spiel wiederfinde, macht das Fahren wirklich Spaß und beschert sogar einem Videospiel-Anfänger wie mir relativ schnell die ersten Erfolgserlebnisse!
Während ich freudig feststelle, dass man die Autos im Spiel auch auf verschiedene Weise tunen kann und sehr wohl Unterschiede im Fahrverhalten festzustellen sind, erzählt Jussi mir ein paar Dinge zum Spiel:
„Wir haben den Umfang gegenüber dem Vorgänger erheblich erweitert. Es gibt nun 35 Fahrzeuge in drei Klassen und über 60 Strecken im Spiel. Der Multiplayer bietet nun neben Hot-Seat, Splitscreen und LAN auch Onlinespiele. Außerdem gibt es noch viel mehr Mini-Spiele als im ersten Teil!“
„Mini-Spiele?“, frage ich. Aber Jussi winkt ab und meint, er würde mir das später noch genauer zeigen.
„Sehr stolz sind wir auf den lizenzierten Soundtrack, weil der Großteil der Konkurrenz meist auf Techno- und HipHop-Gedudel setzt. Wir hingegen haben so illustre Künstler wie Audioslave, Supergrass, Nickelback, Papa Roach oder Rob Zombie verpflichtet. Das rockt!“
Ich kenne ehrlich gesagt keinen davon und frage Jussi nach den Dixie Chicks, weil ich ein großer Country-Fan bin und Zombies eh nicht mag, weil die immer nur „Gehirrrrrn!“ nuscheln. Er hält meine Frage aber wohl für einen Witz und fährt lächelnd fort:
„Wir haben auch die Grafik- und Physik-Engine erheblich aufgebohrt!“ – Stimmt! Das erkenne sogar ich als Laie. Es ist schon toll, wie überfahrene Gegenstände oder abgefahrene Autoteile durch die hübsche Landschaft fliegen. Sieht manchmal richtig echt aus!
„Wie kommt es, dass die Grafik zwar nach… mir fällt leider kein besseres Wort ein… „Zeichentrick“ aussieht, aber gleichzeitig irgendwie auch realistisch?“, frage ich.
„Das kommt im wesentlichen durch filmartige Effekte wie Motion Blur und Lens Flaring, aber auch durch die vielen Partikeleffekte, die Staub, Rauch und Funkenflug sehr realistisch darstellen.“ – Motion Flaring? Blur Partikel? Ich wünschte, ich hätte nicht gefragt…

Sein Computerfreak-Gequatsche hat mich ein wenig abgelenkt, weshalb ich mit meinem Wagen frontal gegen einen Baum fahre. Holla! Jetzt bekomme ich zum ersten Mal eine wirkliche Vorstellung, um was für einen Job es sich hier handeln könnte: Der arme kleine Mann mit der Lederjacke, der gerade noch hinter dem Lenkrad meines Wagens saß, fliegt direkt durch die Windschutzscheibe gefühlte 200 Meter durch die Luft, um dann abrupt von einer Häuserwand gestoppt zu werden! Dort bleibt er mit erschreckend verdrehten Gliedmaßen liegen.
Vier Dinge gehen mir gleichzeitig durch den Kopf: a) Diese Physik-Engine, von der Jussi erzählt hat, ist wirklich klasse. b) Warum schnallt sich niemand in dem Spiel an? c) Soll ich etwa diesen kleinen Kerl in der Lederjacke ersetzen? d) Sind die Deutschen wirklich Weicheier oder haben sie einfach nur eine gesunde Geschmacksgrenze?
Jussi sieht wohl meinen Gesichtsausdruck und fängt an, zu lachen. „Warte mal ab, bis Du die Mini-Spiele siehst, Bob!“

Er beendet mein laufendes Rennen und wechselt das Menü. Der Wagen befindet sich nicht mehr auf einer Strecke, sondern in einer Arena. Jussi beschleunigt den Wagen auf ein Schwimmbecken zu. Kurz bevor der Wagen ins Wasser fällt, drückt er einen Knopf und der Fahrer schießt im hohen Bogen durch die Windschutzscheibe. Durch einen geschickt gewählten Winkel trumpft der Fahrer noch mehrere Male von der Wasseroberfläche ab, bis er dann irgendwann wie ein Stein untergeht. Die Menge in der Arena jubelt. Neuer Rekord!
Ich muss schlucken. „Und das ist nur eines der vielen Mini-Spiele! Es gibt z.B. auch einen Dart-, Basketball- und Feuerring-Modus, um nur einige zu nennen.“ Ich schlucke wieder, obwohl mir wortwörtlich die Spucke weg bleibt…
Der Herr „Driver Torturing Director“ wechselt erneut das Menü: „Die Crash-Derbys sind auch sehr spaßig. Man muss alle anderen Teilnehmer schrotten. Der Fahrer, dessen Fahrzeug am Ende als einziges noch intakt ist, gewinnt.“ Mit kreideweißem Gesicht verfolge ich das Massaker auf dem Bildschirm. Ich bin schockiert!

„Das ist der Job? Ich steige in eines dieser Autos, lasse mich fast umbringen und ihr filmt das Ganze noch zur Belustigung irgendwelcher 12jährigen Pickelgesichter? Ohne mich!“
Jussi ist zunächst verblüfft, gewinnt aber schnell die Fassung wieder. Ein Grinsen legt sich auf sein Gesicht: „Ich erkläre dir wohl besser mal, wie man so ein Spiel eigentlich macht, Bob.“
Eine halbe Stunde später grinse auch ich. Da hab ich Blödmann doch glatt gedacht, dass die Fahrer tatsächlich diese unmenschlichen Stunts machen müssen. In Wirklichkeit werden die Fahrer aber in einem kahlen Studio mit speziellen Sensoren am Körper dabei gefilmt, wie sie nur so tun, als würden sie durch die Luft gegen die nächste Mauer fliegen. Das mit den Sensoren kannte ich ja schon von meinen vorherigen Jobs, aber dass die erhaltenen Daten dann genutzt werden, um „virtuelle“ (das heißt „nicht in echt“, sagt Jussi) Fahrer im Computer zu erzeugen, war mir neu.
Eigentlich sei ja ohnehin schon alles „im Kasten“, aber wegen besagter Zensur in Deutschland, einem der wichtigsten Märkte für diese Art der Unterhaltung, müsse man die regulären Fahrer (wohl besser: Schauspieler. Pah!) durch Leute wie mich ersetzen, um eine akzeptable Altersfreigabe zu erhalten. Wenn „Leute wie ich“ mit 200 Sachen gegen einen geparkten Bagger fahren, haben die Deutschen wohl kein Problem damit, was? Als ich eine moralische Debatte über den Wert eines jeden Lebewesens beginnen will, wiegelt Jussi sofort ab: „Du darfst das nicht so eng sehen, Bob. Es geht hier nicht um echte Lebewesen. Allerdings haben die deutschen Behörden halt ihre Kriterien für die Alterseinstufung. Und ein virtueller Dummy ist eben weniger problematisch als ein virtueller Mensch.“ – „Aber beide sind doch virtuell, also nicht echt. Warum da noch unterscheiden?“ – Jussi zieht die Schultern hoch und bedeutet mir, dass eine solche Diskussion wohl nirgendwohin führt.

„Ich soll also nur so tun, als hätte ich einen Unfall und Ihr filmt das dann?! Das ist natürlich etwas anderes! In meinem alten Job hatten die Autos zwar Gurte und Airbags, aber dafür musste ich auch wirklich gegen eine Wand oder ein anderes Auto fahren. Das hier ist viel besser! Gut, man hat sich halt immer sagen können, dass man mit dem, was man tut, Menschenleben rettet, aber das Showbusiness hat mich schon immer gereizt. Was zahlt ihr denn so…?“
Wir wurden uns schnell einig. Wer hätte gedacht, dass Spielentwickler so gut zahlen können? Ich dachte immer, dass Videospiele von ein paar verarmten Stubenhockern nur deshalb programmiert werden, weil man sich so auch ohne Freunde die Zeit vertreiben kann. Aber dass das inzwischen so ein Millionengeschäft ist, wo man Leuten wie mir ein fettes Gehalt zahlen kann… Hut ab!
Und als Sahnehäubchen konnte ich sogar noch die beiden Dummies Hendrik und Martin bei „Backbär“ unterbringen.

Es versteht sich wohl von selbst, dass Ihr da draußen nun alle FlatOut 2 kauft, damit unsere Jobs gesichert sind, oder? Immerhin ist es wirklich ein tolles „Fun-Racer“-Spiel. Und wenn Ihr keine Konsole habt, aber immer schon mal so etwas wie „Burnout“ auf dem PC spielen wolltet, dann ist das die Gelegenheit! (Habe ich das so richtig vom Zettel abgelesen, Jussi?)

Aber denkt immer dran, Ihr deutschen Weicheier, jedes Mal, wenn Ihr einen Dummy durch die Windschutzscheibe jagt und dabei vor Freude johlt: Wir sind es! Hendrik, Bob und Martin. Wir haben auch Gefühle, empfinden Schmerzen und verdienen ein wenig Respekt. Und auch wenn wir beim Autofahren immer nackt hinter dem Lenkrad sitzen, ist das noch lange kein Grund uns unnötig zu demütigen…!


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