World of Handcraft

Vor kurzem fand man in der Wohnung eines Sonderermittlers einige verwirrende und unvollständige Notizbucheinträge. Er war mit den Untersuchungen von diversen Vorfällen betraut, zog sich dann jedoch zurück und fiel dem Wahnsinn anheim, der sich in den Einträgen glasklar manifestiert. Die Kollegen bemerkten Veränderungen in seinem Verhalten, das nun recht paranoid angehaucht war. Außerdem fing er an, sich Möbelpolitur zu spritzen.
Von dem Ermittler selbst fehlt jede Spur. Vielleicht können Sie ja anhand der Aufzeichnungen herausfinden, was mit ihm passiert ist.

3. Eintrag
Habe die Nachricht erhalten, dass Don F. Delgado und sein missratener Sohn Manuel auf ihrem chilenischen Weingut tot aufgefunden wurden. Der Don ist anscheinend vom Balkon in den Fluss gestürzt, und Delgado Junior ist von ein paar Weinfässern erschlagen worden. Schade um die schönen handgefertigten Eichenfässer.
Sieht für mich eindeutig wie zwei lupenreine Unfälle aus. Ich werde den billigen Fusel der zwei Koksköpfe jedenfalls nicht vermissen. (Notiz an mich selbst: Wein aus dem Tetrapak kaufen)

7. Eintrag
In einem Pariser Opernhaus sind ein junger Darsteller und ein Botschafter Opfer von tragischen Unfällen geworden. Ersterer wurde von einer echten Waffe statt von einer Attrappe beschossen. Tja, so kann’s gehen. Wahrscheinlich „Made in China“. Der Botschafter starb durch einen herunterfallenden Kronleuchter. Außerdem wurde im Toilettenbereich ein toter Handwerker gefunden.
Mein untrügerischer, jahrelang gereifter Instinkt sagt mir, dass es sich nur um Unfälle handeln kann: Der Handwerker ging leichtsinnigen Schrittes auf die Toilette, schenkte dem überaus glatten Fliesenboden keine Beachtung, stolperte und fiel so unglücklich, dass sein Kopf in der Kloschüssel landete und er ertrank. Die Halterung des Kronleuchters gab vermutlich nur wegen mangelnder Wartung den Geist auf. Die Behörden vor Ort haben allerdings eine andere Theorie auf Lager, für die man allerdings über eine außerordentlich lebhafte Fantasie verfügen muss: Angeblich hat sich ein – und jetzt haltet euch fest – glatzköpfiger Profikiller als Klempner verkleidet, sich in die Garderobe geschlichen, die falsche Waffe gegen ein funktionstüchtiges Exemplar ausgetauscht und den Leuchter mit Sprengstoff manipuliert. Selten so etwas Dämliches gehört.
Ich habe natürlich sofort gehandelt und die betroffene Putzfrau feuern lassen sowie den verantwortlichen Lampenkontrolleur verhaftet. Es wird gemeinhin unterschätzt, dass eine frisch gewischte Toilette eine absolut tödliche Falle darstellt.

12. Eintrag
In einer Entzugsklinik für Alkoholiker sind drei Mafia-Gangster ums Leben gekommen. Der erste war anscheinend zu blöd den Gaskocher richtig zu benutzen und hat sich in ein Brathähnchen verwandelt. Der zweite Kriminelle wurde von einem Leuchter erschlagen. Na, klingelt’s? Ich vermute, dass der Handwerker, der hier immer noch bei mir in Untersuchungshaft sitzt, dafür irgendwie verantwortlich ist. Angeblich saß er die ganze Zeit in seiner Zelle, aber mich überlistet er nicht. Der Dritte im Bunde hat wohl zu wenig Muckis gehabt: Er wurde im Trainingsraum von einer Gewichtsstange erdrückt. Was für ein Weichei. Das sieht man doch mal wieder, wie unfähig diese Gangster in Wirklichkeit alle sind. Die richtigen Mörder, Diebe und Terroristen sind ganz normale Leute, denen wir täglich begegnen und unbewusst unser Leben anvertrauen… sie in die Wohnung lassen… wie zum Beispiel Handwerker.

13. Eintrag
Ein erneuter Zwischenfall: Der Ganove Vinnie Sinistra wurde schlafen gelegt. Der Typ hatte mehr Koks in der Nase als die Delgado-Freaks. Diesmal soll allerdings eine Art Profikiller gesichtet worden sein.
Die FBI-Leute beobachteten zunächst den Pool-Boy, wie er die gesamte Flasche Grillbenzin in den Gartengrill entleerte. So weit, so gut. Dass anschließend Vinnies Frau in Flammen aufgegangen ist und als Brikett im Pool schwamm, erregte nur kurzzeitig Aufmerksamkeit. Unfälle passieren schließlich jeden Tag. Der Pool-Boy erleichterte die Dame des Hauses auch gleich zuvorkommend um ihre Halskette. Er wollte wahrscheinlich nur den Pool sauber halten. Merkwürdig war nur, dass der Pool-Boy kurz hinter dem Gartenschuppen verschwand und kurz darauf ein glatzköpfiger Mann mit Anzug zum Vorschein kam.
Ich weiß was ihr jetzt denkt: Wie zum Henker konnte sich dieser Typ auf das Grundstück schleichen, sich hinter dem Schuppen versteckt halten und den Pool-Boy so schnell umbringen und wieder verstecken? Jedenfalls stieg dieser Kerl völlig unbeachtet ins kühle Nass und zog seine aufgepimpte Pistole. Die FBI-Typen merkten erst gar nicht was los war, erwiderten dann aber doch zaghaft das Feuer. Allerdings war ihnen der mysteriöse Mann im Anzug physisch und intellektuell meilenweit voraus und duckte sich immer wieder im Wasser, schaute erneut über den Beckenrand und feuerte, usw. Was sollten die armen Jungs auch machen? Er stand in einem verdammten Swimmingpool und duckte sich! Eine verfluchte Schweinerei. Die Jungs beim FBI mögen zwar nicht in der Lage sein, einen angeleinten Hund zu verfolgen, aber so was haben die nun wirklich nicht verdient.
Als Erstes hab’ ich mir am Tatort ein paar glasierte Donuts von den Undercover-Agenten organisiert, die gegenüber in einem Van versteckt hockten. Die wissen, was schmeckt. Mein erster Verdacht fiel auf den Clown, der zur Tatzeit am Swimmingpool anwesend war. Ich hasse Clowns. Es gab da mal ein Schlüsselerlebnis in meiner Kindheit, aber das würde jetzt zu weit führen… Auch der Müllmann eine Strasse weiter wird nun schon seit Stunden verhört. Bloß den armen Pool-Boy haben wir nicht gefunden. Ruhe in Frieden, Pool-Boy. Wir werden dich nie vergessen und deine Verdienste für die Menschheit in Ehren halten.

19. Eintrag
Mardi Gras. Allein bei dem Gedanken daran bekomme ich Kopfschmerzen. Es wurden drei tote Vögel gemeldet. Also menschliche Vögel. Also Menschen in Vogelkostümen. Ein Vogel wurde von einem Klavier erschlagen. Ich musste sofort an die eine Folge von Tom & Jerry denken. Mein Gott, ich habe jetzt noch Tränen in den Augen! Die anderen zwei komischen Vögel sind über ein Geländer gefallen. Merke: Nicht alle Vögel können fliegen. Ha, was für ein Witz! Werde ihn gleich morgen bei meinen Kollegen bringen.

21. Eintrag
Der schon etwas ältere Porno-König Lorne de Havilland (Notiz an mich selbst: Heute nach Dienstschluss die Videothek aufsuchen) und der Sohn eines Senators, Chad Bingham, sind bei Unfällen in Havillands Villa ums Leben gekommen. Schöne Hütte: Hoch oben in den Rocky Mountains und mit einer wahren Heerschar an Bediensteten und leichten Mädchen. Was für ein Leben…
Chad hielt sich im Whirlpool auf, zusammen mit ein paar hübschen Damen. Dann gab das Glas des Pools nach. Man muss dazu sagen, dass sich der Pool frei schwebend in einer beachtlichen Höhe über dem Boden befand. Armer Chad: Er hatte irgendwie eine Hassliebe zu den Frauen. Gut, manchmal starb auch schon eine während seiner Wutausbrüche, aber das war eben seine Art ihr Zuneigung und Liebe zu zeigen.
Unser guter Lorne wurde beim Filmdreh von ein paar Scheinwerfern erschlagen. Na? Richtig, es war wieder mal ein unscheinbarer Handwerker daran beteiligt.
Mittlerweile habe ich meine Theorie erweitert: Das Internationale Handwerkerkonglomerat zum Schutz und der Erhaltung des Handwerks (oder kurz: IHKZSUDEDH) plant die Übernahme der Weltherrschaft. Alle Personen, die wichtige politische und wirtschaftliche Ämter bekleiden, werden nach und nach durch „Unfälle“ aus dem Verkehr gezogen. Es fängt klein und unscheinbar an: Hier ein Mafia-Boss, da ein Porno-Produzent. Später sogar der Präsident! Oh Gott, ich muss ihn sofort anrufen! Jedenfalls werden die betreffenden Opfer durch Handwerker oder mit den Handwerkern sympathisierenden Personen ersetzt. Irgendwann haben diese dann die Kontrolle über die Erde übernommen! Niemand ist vor ihnen sicher, überall lauern Gefahren! Ich muss extrem vorsichtig sein…

24. Eintrag
Habe veranlasst, dass zusätzlich zum berüchtigten Handwerker noch drei weitere Verdächtige in Untersuchungshaft sitzen: Meister Proper, der manische Putzpsychopath, ein kettenrauchender Glatzkopf mit Subwoofer im Hals und noch ein weiterer Herr mit Glatze und Strichcode im Nacken. Drollig.

25. Eintrag
Zwei Insassen sind geflohen. Das mag auf den ersten Blick wenig nützlich erscheinen, doch ich habe meine Theorie dadurch bestätigt gesehen: Dem Krebskandidaten wurde es in seiner Zelle zu ungemütlich, so dass er erst mal alle Mitinsassen aufgemischt hat, danach alle Wärter aufgemischt hat und mit seinen Zähnen ein Loch in die Gefängnismauer kaute. Die Putzkolonne hatte am nächsten Morgen einiges zu tun.
Meister Proper, der Werbefutzi, hat seine Zelle weitaus weniger spektakulär verlassen, immerhin war sie blitzblank geputzt. So stelle ich mir einen vorbildlichen Häftling vor.
Mit dem Strichcode-Mann hatte ich eine interessante Unterhaltung:

Ich: „Warum tragen sie eigentlich Spritzen mit sich herum?“
Mann: „Das ist Insulin, ich bin zuckerkrank.“
Ich: „Aha. Und was ist das hier? Eine Anti-Personen-Mine?“
Mann: „Nein, das ist bloß eine kleine Frisbee-Scheibe.“
Ich: „Hm, das hier sieht auf den ersten Blick aus wie ein Zünder…“
Mann: „Ich habe einen kleinen Tick und muss immer auf diesen Knopf drücken, um mich zu beruhigen.“
Ich: „Ach so, na das wäre dann alles. Halt, Moment, ist das hier etwa eine Klaviersaite, um Leute zu erdrosseln? Jetzt habe ich Sie überführt!“
Mann: „Das ist bloß Zahnseide. Ich pflege meine Zähne außerordentlich gut.“
Ich: „Alles klar, gehen Sie ruhig. Sie sind anscheinend wirklich unschuldig und haben rein gar nichts mit diesen Fällen zu tun. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“
Mann: „Aber das macht doch nichts. Sie machen ja nur ihren Job, und zwar verdammt gut, wenn ich es mal so sagen darf.“
Ich: *wird rot im Gesicht*

Blieb also noch der Handwerker, der ganz normal in seiner Zelle saß und so tat, als könne er kein Wässerchen trüben. Aber nicht mit mir, Bürschchen, oh nein, mich führst du nicht hinters Licht. Hörst du?! MICH NICHT!

26. Eintrag
Habe bereits sämtliche Möbel und andere Gegenstände aus meiner Wohnung entfernt. Sogar die Deckenlampen sind abmontiert.
Ich sitze hier bei flackerndem Kerzenschein in meiner kahlen Wohnung und schreibe diese Zeilen in der Hoffnung, dass jemand meine Aufzeichnungen findet und die Bevölkerung wachrüttelt. Sie muss erfahren, was hinter den Kulissen der Weltgeschichte vor sich geht! Die größenwahnsinnigen Handwerker müssen mit allen Mitteln gestoppt werden!

29. Eintrag
Heute klingelte der Hausmeister bei mir. Hat er etwa herausbekommen, dass ich mich meiner Einrichtung per Fenster zum Hof entledigte und sie danach feierlich verbrannte? Diese gerissenen Säcke spionieren mich wirklich aus. Ich muss noch vorsichtiger werden…

30. Eintrag
Er klingelte heute erneut bei mir. ER, der Hausmeister. Oder wie ich ihn nenne: HM. Moment mal… steckt diese Modebutze etwa auch dort mit drin? Habe meine Kleidung ebenfalls verbrannt.
Seit über 20 Jahren ist er hier tätig, aber erst jetzt durchschaue ich seinen perfiden Plan. Nein, nicht mit mir Freundchen. Immer schön beim Reparieren der Rohre und Leitungen Abhörwanzen platziert, hm? Und mein Telefon angezapft. Und meine Zeitung manipuliert. Und nie die kaputte Lampe im Flur ausgetauscht.

Ich erschoss ihn direkt durch die Wohnungstür.

31. Eintrag
Habe das Gefühl, durch die Steckdosen beobachtet zu werden.

32. Eintrag
Ich verbrachte den größten Teil des Tages damit, zu versuchen, meine Wohnung durch das Schlüsselloch zu verlassen, da die Lebensmittelvorräte langsam zur Neige gehen.
Es erwies sich als unmöglich.

33. Eintrag
Habe ich die letzten vier Einträge verfasst? Es muss so sein, denn es ist meine Schrift. Aber was ist das für ein irres Gefasel? Verliere ich den Verstand?

34. Eintrag
Was ist das für ein seltsamer Eintrag gestern? Natürlich habe ich die vier Einträge vorher verfasst. Aber wer hat den gestern geschrieben?
Seltsam: Es ist meine Schrift. Ich muss noch mehr auf der Hut sein! Jetzt kann ich schon mir selber nicht mehr über den Weg trauen.

35. Eintrag
Wollte in den nächsten Supermarkt zum Einkaufen, scheiterte aber erneut daran, die Wohnung durch das Schlüsselloch zu verlassen.
Ich muss weiter abnehmen.

38. Eintrag
Es klingelt an der Tür. Der Pizzabote steht davor. Komisch, dabei habe ich doch gar keine Pizza bestellt. Ist er vielleicht ein verdeckter Agent der Handwerker? Oder von der Regierung, die alles versucht zu vertuschen?

So… hungrig… muss essen…


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