Simply walk into Mordor

Mit 16 las ich das erste Mal den Herrn der Ringe und war begeistert. Fantasy hatte ich erst vor kurzem für mich entdeckt und dass Tolkien in diesem Metier der Chef war, dämmerte selbst mir als pubertärem Spacko. Zwar kam ich beim dritten Band ins Stocken, gelobte aber irgendwann das ganze Epos von vorn zu beginnen und dann komplett zu lesen. Dieses Vorhaben kam mir wieder in den Sinn, als Jahre später die Verfilmung von Peter Jackson angekündigt wurde. Im Kino haute mich der erste Film schlichtweg um, die Special Edition-DVD verschlang ich samt aller Extras. Auch „Die zwei Türme“ vermochte mich zu begeistern, wenn auch einige der Zusatzszenen auf der SE-DVD mir schon damals ziemlich doof vorkamen und ich die Making Ofs derselben dieses Mal links liegen ließ. Teil drei gefiel mir immer noch gut, auch kaufte ich mir die SE, sah sie jedoch nur einmal an. Endlich kannte ich den Ausgang der Trilogie, das Buch hatte ich nie ganz durchgelesen.

Wir brauchen Veränderung.

Wieder ein paar Jahre später freute ich mich, die SE-DVDs zu einem anständigen Preis bei eBay verscheuern zu können. Ein neuerlicher Versuch, den Herrn der Ringe zu lesen, war schon nach gut einhundert Seiten gescheitert. Langweilig. Als Jugendlicher vermochten mich Buch und Film zu fesseln, als Erwachsener nötigten sie mir nur ein angeödetes „Mpf“ ab. Den ersten Hobbit sah ich im Kino, technisch beeindruckend, sonst aber boooring. Die Ankündigung von „Middle Earth: Shadow of Mordor“ löste bei mir dementsprechend gar nichts aus. Assassin’s-Creed in Mittelerde? Die Aussicht auf eine Kopie eines zum Umfallen lahmen Spiels ließ mein Langeweile-Barometer explodieren. Dass MESoM von vielen Kritikern positiv bewertet wurde, erstaunte mich. Durch einen verrückten Zufall landete das Spiel schließlich doch im Laufwerk meiner PS4. Und was dann passierte, sollte mein Leben verändern.

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MESoM ist ein gutes Spiel. So einfach dieser Satz ist, so viel Erschütterndes birgt er in sich. Im Fußball sagt man, Geld schieße keine Tore. Diese äußerlich platte Metapher besagt, dass es nicht möglich ist, durch das Zusammenklauben talentierter Spieler eine funktionierende Mannschaft zusammenzustellen. Dass diese Taktik sehr wohl zum Erfolg führen kann, stellen Mannschaften wie der der FC Bayern München regelmäßig eindrucksvoll unter Beweis. Gelegentlich funktioniert es eben doch, durch gigantische Mengen Kapitals qualitativ herausragende Einzelteile einzukaufen, die eine Einheit bilden, die alle anderen alt aussehen lässt. Dies mag an der schieren Macht der einzelnen Komponenten liegen, an einer zufällig gelungenen Kombination derselben oder am Talent des Konstrukteurs der Einheit (Trainer). Völlig egal, ob es ihr an Originalität/Seele/Wasauchimmer mangelt.: Wenn das Ergebnis stimmt, fallen die Tore.

Arkham’s Creed: Infamous Theft Farcry

Auch die Macher von MESoM haben sich auf Bewährtes verlassen, anstatt etwas Eigenes zu kreieren. Dem im Raum stehenden Elefanten stehen in roten Lettern „Assassin’s Creed“ auf der einen und „Batman: Arkham Dingsbums“ auf der anderen Arschbacke geschrieben. Das Schleichen und Freirennen wurden Ubisofts Vorzeigereihe entliehen, das Kampfsystem und der Geisterblick aus Warners Superhelden-Franchise transplantiert. Der Rest ist eine Mischung aus so ziemlich allem, was in der letzten Dekade in Open-World-Spielen gut funktioniert hat. Das einzige Mü Originalität ist das Nemesis-System, welches stärkere Gegner in Beziehung zueinander und zum Spieler setzt. Es ist nett, aber nicht umwerfend und wer mehr darüber lesen möchte, kann das bequem an anderer Stelle tun.

Es war nicht dieses Feature, dass mich MESoM mit Genuss hat durchspielen lassen. Auch die wirklich hübsch anzusehende Grafik und das gelungene Sounddesign nebst stimmiger englischer Sprecher, so leiht z.B. der umtriebige Troy Baker dem Protagonisten seine Stimme, gaben den Ausschlag. Der Herr der Ringe-Hintergrund war es erst recht nicht. Denn die Geschichte um den halbtoten Talion und Celebrimbor, den Geist mit der schlechten Laune und dem lustigen Namen, erscheint nicht nur Tolkien-Skeptikern uninteressant, sie ist auch fade erzählt und ich habe sie weitgehend ignoriert. Bei der Stange gehalten hat mich viel mehr der Umstand, dass alle zusammengeklauten Komponenten nicht nur für sich genommen hervorragend funktionierten, sondern auch gekonnt zusammengefügt worden waren.

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 Abwechslung is King

So ist Protagonist Talion dreier Herangehensweisen mächtig, dem Schleichen, dem Nah- und dem Fernkampf. Jedem Spielstil ist eine eigene Waffe zugeordnet, Dolch, Schwert und Bogen. Spezifische Herausforderungen für diese sind auf der Karte zu finden. Innerhalb der Storymissionen kann die Vorgehensweise in der Regel frei gewählt werden. Entweder ersteche ich meine Feinde hinterrücks, schlachte sie offen ab oder malträtiere sie aus der Ferne. Alles funktioniert prächtig, alles bringt Freude. Dabei wird das Spiel für einen mäßig begabten Spieler wie mich niemals zu schwierig und erst zum Ende, wenn alle Fähigkeiten entwickelt und die Waffen durch den Einsatz von Runen vollständig aufgelevelt sind, zu leicht. Während ich zu Beginn tatsächlich recht häufig scheiterte, konnte ich in den letzten Stunden fast unbeschadet in Mordor wüten. Beides hatte seinen Reiz und war zu Ende, bevor es langweilig wurde.

Nebenaufgaben, wie die erwähnten Herausforderungen für die einzelnen Waffen, Fetchquests oder auf dem Nemesis-System fußende Auseinandersetzungen zwischen Ork-Anführern, die man zu seinen eigenen Gunsten beeinflussen und gar anzetteln kann, lockern das Geschehen auf und verlängern die Spielzeit. Ab der Hälfte des Spieles kann ich einzelne Orks durch Magie auf meine Seite ziehen und ihrer Reihen so durch meine Vasallen besetzen. Hier tritt eine weitere Stärke des Spiels zutage, die Inszenierung ist teilweise überaus gelungen. Wenn Celebrimbor einem Ork-Warlord die Hand aufs Gesicht presst, um ihn zu seinem willfährigen Werkzeug zu machen, schielt das geknechtete Monster verunsichert zu ihm herauf. Die Angst ist deutlich von seinem Gesicht abzulesen. Auch die Kämpfe sind ansehnlich, Ranger Talion bewegt sich flüssig und behände. Dass die Gegner sich in Assassin’s Creed-Manier brav zum Abschlachten anstellen, fällt im Eifer des Gefechts nur selten negativ auf. Besonders schön sind die Finisher, die zwar übertrieben brutal sind, aber auch ein befriedigendes Feedback liefern.

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 Spiele zum Kuscheln

Tatsächlich habe ich mich in der Welt von MESoM so wohl gefühlt, dass ich hier über 30 Stunden verbracht und es zu 100% durchgespielt habe. Es ist das einzige große Spiel, bei dem mir das je gelungen ist. Und das, obwohl die Geschichte mich kalt ließ und ich kein Interesse für das Setting aufbringen konnte. Nicht auszudenken was geschähe, verpflanzte jemand diese für mich so attraktiven Spielmechaniken in eine ebenso ansprechende Welt und kombinierte sie mit einer guten, starken Erzählung. Vermutlich brächte mir das die erste Platin-Trophäe meiner PSN-Karriere ein. Während ich mich noch frage, ob dieser Gedanke nicht eher beunruhigend denn reizvoll ist, entspinnt sich vor meinem geistigen Auge die Kette der Ereignisse, die meine Vision in einer besseren Welt als der unseren wahr werden lassen könnte.

Am Anfang stünde die Emanzipierung des Entwicklers Monolith von Warner, der Verlust der HdR-Lizenz, bei gleichzeitiger Bewahrung von Engine und Assets. Nun erstellt Monolith einen spielerischen Nachfolger von MESoM, der den Fantasy-Pfad verlässt, von talentierten Autoren mit Lust und Muße geschrieben und in einem eigenständigen Setting angesiedelt. Das technische Niveau wird gehalten, die Spielmechaniken behutsam erweitert. Etwas mehr Substanz im bekannten Korsett und ein famoser Titel wäre auf dem Weg. Vielleicht sogar ein Spiel des Jahres, verzichtete man auf die Mitwirkung Troy Bakers, der allein schon durch sein inflationäres Auftreten Spiele weniger interessant erscheinen lässt. Doch das alles ist Phantasterei. Wahrscheinlicher ist, dass Monolith bereits einen direkten Nachfolger zu MESoM oder zumindest einen Spiel im Tolkien-Universum entwickelt. Spielen würde ich ein solches vermutlich nicht. Denn einmal kann ich einen für mich todlangweiligen Fantasy-Rahmen ignorieren und mich von der bloßen spielmechanischen Schönheit eines Titels ablenken lassen. Ein zweites Mal funktioniert das jedoch nicht. Ich bleibe also in der Hoffnung zurück, dass der von mir oben herbeigesponnene Fall eintritt oder dass ein anderer Entwickler klug genug ist, die richtigen Teile aus anderen Spielen zu klauen und in einen originellen Rahmen einzupassen. Das könnte mir wahrlich gut gefallen.


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2 Kommentare

  1. Ferengi - 22.02.2015 14:10

    Da kann ich Dir nur beipflichten. Ein tolles Spiel. Auch wenn ich keine 100% gespielt habe, die Nebenmissionen ähnelten sich nachher einfach zu sehr, war es das Spiel absolut wert, sich dem Endgegner zu stellen.

  2. Pingback: Batman of Tanks | Polyneux

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