Screenshot - Blueberry Garden

Hochstapler

“Es hat uns niemand gefragt, wir hatten noch kein Gesicht, ob wir leben wollten oder lieber nicht, hin und her, und hin und her gerissen, zwischen verstehen wollen und handeln müssen.”, sangen Blumfeld 1994. Damals waren die Mitglieder der Band aus Hamburg jung und wild, ausgeflippt und ein wenig aufrührerisch. Ein paar Jahre später, in dem Verständnis, ein ein paar Jahre zu spät geborenes Mitglied der Generation X zu sein (Ich hatte keinen Plan, keine Ambitionen und wollte auch gern den Platz mit Drew Barrymores T-Shirt tauschen), konnte ich mich prima mit solchen Texten identifizieren. Die Welt drehte sich weiter, ein paar Blumfeld-Singles wurden bei Viva und im Radio gespielt, die Musik und Menschen dahinter wurden ruhiger und gesetzter, poppiger und weniger avantgardistisch. 2006 hieß es dann nur noch: “Er ist der Apfelmann, er ist der Apfelmann, Baby!”.

Was das nun mit Videogames zu tun hat, fragst Du dich? Naja, erstens hat mich der komische Vogelmann aus Blueberry Garden, ohne es genau erklären zu können, stark an den Apfelmann aus dem gleichnamigen Song erinnert. Und zweitens mag ich meine Indiegames so wie meine Indiemucke: Eher roh, sperrig, over the top und nicht geerdet und rund, ohne Ecken und Kanten…

“Blueberry Garden” ist der Gewinner des diesjährigen Independent Games Festivals, kostet 5€ und ist leider ausschließlich via Valves Download-Service Steam verfügbar. Ungewöhnlich für ein Indie-Spiel, war bis zur Veröffentlichung vor ein paar Tagen noch kaum etwas über den Inhalt des Spiels in Erfahrung zu bringen, außer, dass es sich wohl um eine Art Plattformer handle und der Hauptcharakter, der Vogelmann, verschiedene Früchte zu sich nehmen könne, die ihm besondere Fähigkeiten verleihen würden. Diese Beschreibung trifft eigentlich schon ganz gut, worum es in “Blueberry Garden” geht. Der Vogelmann kann laufen, hüpfen, unter Wasser kurz die Luft anhalten und fliegen oder, besser gesagt, er kann sich einige Meter in die Höhe erheben und gleitet dann sehr langsam wieder zu Boden. Auf diese Art bewegt man sich von Ebene zu Ebene, auf denen sich an bestimmten Stellen überdimensional große Alltagsgegenstände, wie eine Taschenlampe, ein Bleistift, ein Salzstreuer oder eine leere Milchflasche, befinden. Nähert man sich ihnen an, werden sie an den Anfang, in diesem Fall die Mitte, des (einzigen) Levels befördert, an den zurückzukehren die Spielfigur mithilfe eines Tastendrucks ebenfalls jederzeit in der Lage ist. Befindet sich dort schon ein zuvor eingesammeltes Objekt, wird der neue Gegenstand darüber gestapelt, sodaß im Laufe der Zeit ein hoher Turm entsteht. Die Spitze des Turms, ein Vogelmann ist nun einmal kein geborener Bergsteiger, erreicht man, indem man durch eine Tür, die sich praktischerweise direkt unter dem Bauwerk befindet, schreitet.

Screenshot - Blueberry Garden

Beginnt man nun von dort oben seinen Flug durch die Spielwelt, so gelangt man in vorher unerreichbare Regionen, in denen man dann wiederum neue Objekte vorfindet, et cetera, et cetera. Manche Orte bleiben einem jedoch dennoch verschlossen, beispielsweise, wenn man auf eine Höhle trifft, die sich tief unter dem Wasserspiegel ersteckt oder einem beim Springen oder Fliegen nur ein Mü an Höhe fehlt, um einen Platz zu erreichen. In diesem Fall ist man auf die Hilfe der Spezialfähigkeiten angewiesen, die einem der Verzehr der verschiedenen Beeren verleiht. Welche das im Einzelnen sind, sei hier nicht verraten, denn dies heraus zu finden, macht schließlich einen Teil des Reizes von “Blueberry Garden” aus.

Manchmal steht man jedoch vor dem Problem, dass an einem Ort, an dem man auf ein bestimmtes Powerup angewiesen ist, nicht die passenden Früchte wachsen, beziehungsweise überhaupt nichts wächst oder aber ausschließlich stachlige Sträucher. Die Lösung sieht wie folgt aus: Man lässt den Vogelmann eine Beere in die Hand nehmen, transportiert sie zum gewünschten Zielpunkt und lässt sie dort einfach fallen. Darauf hin verfärbt sie sich langsam, verschwindet ganz und läßt einen Samen zurück, aus dem ein neuer Beerenbaum wächst, der bald Früchte tragen wird.

Ein schönes Rätsel- und Geschicklichkeitselement, das erst dadurch ermöglicht wird, dass im Spiel, ähnlich wie in SimLife, nur nicht so komplex, gleich ein komplettes Ökosystem simuliert wird. Diese Simulation beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Blaubeersträucher, sondern umfasst auch die Gräser und Blumen, die der ansonsten kargen, steril weißen Spielwelt etwas Abwechslung und Farbe verleihen, sowie Tiere (Vögel, Schnecken, blaue Elche, kleine gnomartige Wesen mit Partyhüten auf dem Kopf). Es existiert sogar etwas wie eine Nahrungskette: Vögel sammeln sich um Beerensträucher und fressen die herabfallenden Früchte; verspeisen sie zu viel davon, können wiederum keine neuen Pflanzen wachsen, wenn die bestehenden Exemplare eingehen.

Neben der hübschen graphischen Ausführung – die handgezeichneten Figuren könnten auch direkt einem Märchenbuch für Kinder entsprungen sein – ist die lebendige Umwelt für die angenehme, freundliche Atmosphäre im Spiel verantwortlich. In diese Funktionen muss viel Arbeit geflossen sein, und wie alles andere auch macht sie einen soliden Eindruck und erschien mir sehr ausbalanciert (ganz im Gegensatz zu SimLife). Nur leider fehlt es dafür an weiteren Inhalten. Nach höchstens einer Stunde Spielzeit dürfte jeder das “schlechte” Ende und nach einer weiteren Stunde das richtige Ende gesehen haben. Etwas länger benötigt man, wenn man restlos alle Gegenstände finden möchte. Betrachtet man die Konzeptzeichnungen von “Blueberry Garden”, so erkennt man dort viele phantasievolle Bauwerke und Maschinen, eine Unterwasser-Orgel zum Beispiel, die es leider nicht ins Spiel geschafft haben. Ich hätte mir gewünscht, dass der Entwickler Erik Svedäng zugunsten des Wiederspielwertes noch experimentierfreudiger gewesen wäre, zum Beispiel mit zufällig generierten Levels à la Spelunky, dafür hätte ich dann auch gern ein paar Ecken und Kanten in Kauf genommen.

So fühlt sich “Blueberry Garden” eher wie ein Blockbuster-Titel im Miniatur-Format und nicht wie ein großes Indie-Spiel an.


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9 Kommentare

  1. Balkan Toni - 13.06.2009 22:17

    Marc und ich sind große Fans des „Testaments…“ – der ultimativen Anti-Platte jedes anständigen Blumfeld-Fans. Wir haben zwei wochen in Bristol damit verbracht, jedes einzelne Lied nachzusingen.

    Das bedeutet doch auch, dass uns dieses Spiel gefallen müsste, oder nicht? ;)

  2. Nille - 14.06.2009 03:20

    Es ist schon eher was für Leute, die etwas für blauen Himmel und Blumen am Wegesrand übrig haben.
    Anstatt das ein drittes Mal durchzuspielen, würde ich wahrscheinlich eher noch einmal Rag Doll Kung Fu installieren und die Fäuste fliegen lassen. Das ist zwar viel unzugänglicher, jedoch auch deutlich aufregender.

  3. Fetzig - 15.06.2009 15:37

    :-k

    muss man jetzt blumfeld leiden können, um dieses spiel zu mögen?

  4. anselm - 15.06.2009 20:51

    Blind gekauft. Danach gemerkt das mein Rechner zu lahm ist (1.8 Ghz). Doof.
    Zurückgeben (Steam) geht nicht…

    Also 600 EUR investieren, für BLUEBERRY GARDEN

  5. Nille - 15.06.2009 22:34

    Man muß Blumfeld nicht mögen, um das Spiel gut zu finden, aber andererseits bietet es einem auch keinen Metal oder Electro-Soundtrack. ;)

    Auf meinem Macbook mit Intel-Grafik und 2 GHz-CPU läuft Blueberry Garden übrigens prima.

  6. Puschel - 16.06.2009 14:10

    Ich bin ja ein Freund von Analogien und ihren modernen Verwandten, den Data Mining Ergebnissen bei Amazon. Falls ich schon eine Blumfeld CD im Einkaufswagen habe, welches Videospiel würdet ihr empfehlen? Was passt zu Metallica, Miles Davis, Coldplay, Björk oder DJ Ötzi?

  7. Puschel - 16.06.2009 21:28

    Ein vielversprechender Titel … bis ich die Jugendfreigabe gesehen habe: PEGI 3+, so wird das natürlich nichts, das ist doch ein Widerspruch in sich.

  8. ness - 17.06.2009 14:58

    Blind gekauft. Danach gemerkt das mein Rechner zu lahm ist (1.8 Ghz).

    Wie bitte? 1.8 GHz sind (evtl.) nicht genug? Verfallen nun auch Indie-Games der Hardware-Geilheit oder woran liegt das? (Ich sehe gerade, die ‚System requirements‘ listen echt 2 GHz und 1 GB RAM… .)
    Das eine Video sah doch garnicht danach aus, oder ist bloß das eine große Level daran schuld?

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