Manu lässt nichts anbrennen

Es ist Viertel vor Zwölf, an einem Mittwochabend. Ich bin auf dem Weg ins Bett, als sich mein iPhone mit einem kurzen, vibrierenden Signal meldet. Eine neue Mail. Von… Oh Mist… von Blizzard… das wird doch nicht etwa… doch: „Herzlich Willkommen zur Diablo 3 Beta“. Mein Herz hat einen kurzen Aussetzer, bevor ich eiligen Schrittes zum Rechner spurte.

Wer braucht schon Schlaf, Schlaf ist eindeutig überbewertet. Also Vernunft zur Seite geschoben und fix eingeloggt ins Battle.Net und den Client gezogen. Sogar in der Beta schon nativ für Mac. Sehr vorbildlich. Zumindest einen kurzen Blick möchte ich reinwerfen, hoffentlich dauert die Installation nicht so lange. „Ich bin stark, ich werde jederzeit aufhören können„, rede ich mir ein. „Halb Eins hör‘ ich auf, um 1 Uhr spätestens!“ Ich glaube mir kein Wort.

Genau wie World of Warcraft bietet Diablo 3 die Möglichkeit, bereits loszuspielen, bevor das Spiel komplett heruntergeladen wurde. Nettes Feature, passt mir auf Grund meines streng gesetzten Zeitlimits ganz gut. Empfehlenswert ist das aber leider nicht. Während diese Technik bei World of Warcraft sehr sauber funktioniert, hakt und ruckelt es hier ohne Ende, wenn noch nicht alle Spieldaten auf der eigenen Festplatte liegen. Erstaunlich eigentlich, bei den abgegrenzten Leveln und der isometrischen Ansicht. Man sollte meinen, das Streaming in WoW wäre viel anspruchsvoller. Aber egal, rein ins Getümmel. Fühle mich wie zu erwarten sofort zuhause. Aus den fünf Charakteren entscheide ich mich spontan für eine Witch Doctor, die ein wenig an den Necromancer aus Diablo 2 erinnert. Fokus auf Beschwörung von Gefährten und so, klingt gut. Ich kann Höllenhunde beschwören und Giftpfeile schießen, giftige Frösche aussetzen und habe einen coolen Akzent.

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Einige Monster später mein erster Level-Up! Aber was… die Skill-Trees sind wech? Man hat jetzt Slots, die man jederzeit mit Skills befüllen kann, die sich nach und nach freischalten. Man hat aber immer nur eine begrenzte Anzahl von Slots, zwei zu Beginn und Slot 3 wird erst ab Level 6 freigeschaltet. Fühlt sich seltsam an, denn neue Skills gibt’s bei jedem Aufstieg. Einerseits gefällt mir das fast besser als die festen Skilltrees des Vorgängers, bei denen man sich ja stets sehr früh festlegen musste, wie man spielen will. Ich mag es, wenn man da flexibel bleibt ohne Strafen zahlen zu müssen. „Ich habe mich verskillt“ wird es wohl nicht mehr geben, aber dafür ist auch das indiviudelle „Das ist mein Charakter“-Gefühl weg.

Andererseits: Das Skill-Menü ist dadurch eher zu einem Hotkey-Menü degradiert worden, mit dem sich Skills auf die Maustasten und ein paar Keyboardtasten legen lassen. Jetzt, im dritten Level, habe ich den Standardangriff und vier Skills zur Wahl, darf aber nur auf die beiden Maustasten und auf Taste 1 Funktionen legen. Die anderen Tasten sind am unteren Bildschirmrand zwar erkennbar, ich kann sie aber nicht sinnvoll belegen. Fühlt sich ein wenig wie ein kaputtes Hotkey-System an, nicht wie eine sinnvolle Begrenzung der Fähigkeiten des Charakters. Ich kann eigentlich alles! Ich darf es nur deshalb nicht, weil das bescheuerte Interface mich nicht lässt! Wäre ja durchaus akzeptabel, wenn einen die leeren Slots nicht so fies angrinsen würden. Das war übrigens selbst in Sacred schon besser gelöst. Dort wurden wenigstens immer nur so viele Hotkeys unten am Bildschirm angezeigt, wie man überhaupt sinnvoll belegen konnte.

Nach dem ersten Durchgang (die Beta umfasst laut Blizzard ein Drittel des ersten Akts und dauert ca. 2-3 Stunden) weiß ich nicht genau, was ich von der Beta halten soll. Einerseits finde ich den Stil wirklich überzeugend. Die dunklen, gespenstischen Umgebungen sehen wie gemalt aus, im besten Sinne, sehr stimmungsvoll und ohne comichaft zu wirken. Was toll ist: Gerade in größeren Gefechten, in denen man auch Fähigkeiten einsetzt, die einen größeren Bereich betreffen, macht es viel Eindruck, dass so viele Elemente in den Levels zerstörbar sind. Auch gibt es jetzt die Möglichkeit, zum Beispiel auf bestimmte (dafür vorgesehene) Wände zu schießen, um mit den herabfallenden Trümmern Gegner zu erschlagen. Dafür gibt es sogar in einer Art Achievement-System extra Erfahrungspunkte. Motiviert und fühlt sich gut an.

Andererseits sind Zombies inzwischen einfach durch. Ob in Left 4 Dead, Plants vs. Zombies, Red Dead Redemption oder wo auch immer – Zombies waren 2008 hip und plötzlich überall, aber heute fällt es mir schwer, ein Gähnen zu unterdrücken, wenn mir die nächste Horde Untoter entgegenlatscht. Was an den zufällig zusammengewürfelten Dungeons toll sein soll, hat sich mir auch in den Vorgängern noch nie erschlossen. Okay, das Layout des Dungeons mag bei jedem Durchspielen ein anderes sein, aber die einzelnen Elemente, aus denen der Kathedralen-Dungeon zusammengeklatscht wird, wiederholen sich sehr schnell. Ich finde das schon im ersten Durchgang langweilig, da nützt mir das variable Layout nicht viel.

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Dass Schriftrollen, Tagebücher und so weiter vorgelesen werden, während man bereits fröhlich weiterkloppen kann, ist gut für den Spielfluss. Ich wünsche mir das ja seit den Audiologs in Bioshock für jedes Spiel. Die Benutzung der Spezialgegenstände wie des Cauldron of Jordan, der Gegenstände in Gold verwandelt, geht jetzt wesentlich flotter von der Hand als noch in der auf der gamescom gezeigten frühen Fassung des Spiels. Obwohl die Kämpfe vergleichsweise langsam ablaufen, stimmt die Balance zwischen dem Gefühl, einen sehr starken und mächtigen Charakter zu spielen, der jede Menge Schaden anrichtet, und dem Eindruck, sich gegen eine große Übermacht erwehren zu müssen. Noch spannender wäre es natürlich, wenn die Beta wenigstens einen Hauch von Schwierigkeitsgrad hätte, aber da sie den Beginn des Spiels darstellt, ist der Mangel an Herausforderung sicher verzeihlich. Ich glaube, ich habe nur einen Heiltrank während des 1.Aktes zu mir genommen. Gut, das mag auch daran liegen, dass Monster nun auch Energie in Form von roten Kugeln droppen lassen, die ich einfach aufsammeln kann, um mich zu heilen. Neu ist auch, dass die Charaktere unterschiedlich mit der Ressource „Mana“ umgehen. Echtes Mana hat nur noch die/der Witch Doctor, die anderen Charaktere haben auf der rechten Seite ihre jeweils eigene Ressource, die sich sehr unterschiedlich verbraucht und auflädt. Zum Beispiel hat der Barbar „Rage“, die sich durch Nahkämpfe regeneriert während die Demon Huntress zwei Arten von Energie hat: Disciple und Hatred, die je nach Skillart unterschiedlich stark gebraucht werden. Das verspricht immerhin, dass das Spiel mit verschiedenen Charakteren durchaus anders in Angriff genommen werden muss.

Wie es sich anfühlt, wenn der Client komplett den Kontakt zum Server verliert, durfte ich leider auch schon erleben: Dann geht gar nichts mehr. Der Spielcharakter führt noch die entsprechende Animation aus, hebt also beispielsweise auf Tastendruck die Armbrust, aber der Angriff wird nicht ausgeführt. Es fliegt nicht mal der Pfeil. Es spawnen keine Gegner. Die Umgebung wird nicht nachgeladen, wenn man weiter herumläuft. Das Spiel lässt sich nicht einmal mehr sauber beenden. Okay, es ist eine Beta, aber das Verhalten hier dürfte trotzdem schon klar machen, dass der Client auf dem PC kaum mehr Aufgaben hat, als das Spielgeschehen grafisch darzustellen, das auf dem Server berechnet wird. Der Client allein ist nichts.

Ein wenig beunruhigend finde ich, mit welcher Energie Blizzard sämtliche Nachteile eines Onlinespiels in den Singleplayermodus portiert hat. Das etwas seltsame Konzept, dass der Speicherstand alles enthält außer der Position meines Charakters in der Spielwelt, hat das Spiel ja von seinem Vorgänger geerbt, aber in Diablo 2 konnte man im Singleplayermodus wenigstens noch pausieren. Wenn ich in Diablo 3 mitten zwischen den Monstermassen stehe und in diesem Moment das Telefon klingelt oder jemand an der Haustür klopft, dann kann ich entweder das Real Life ignorieren oder meine kleine Dämonenjägerin sterben lassen. Und das bei einem privaten Spiel mit nur einem einzigen menschlichen Spieler – mir! Warum kann der Server das Spiel nicht pausieren? Wen würde es stören, wenn das ginge? Nicht, dass ich vorhabe, Diablo 3 hauptsächlich alleine zu spielen, im Gegenteil, ich freue mich vor allem auf die Koop-Schlachten. Aber keine Pause, wenn niemand mitspielt? Im normalen Modus mag so ein Tod ja nicht wirklich schmerzhaft sein, man verliert ein wenig Gold, who cares. Aber werde ich als Mensch mit Familie und Real Life(tm) vom Hardcore-Modus, bei dem der Tod permanent ist, ausgeschlossen? Ein Telefonanruf, ein schreiendes Kind im Nebenzimmer und mein Charakter ist in Gefahr? Meint ihr das ernst, Blizzard? Ans Telefon gehen und den Spielcharakter während des Gesprächs in einer sicheren Ecke „parken“ wollen geht auch nicht. Nach einer gewissen Zeit wird man wegen Inaktivität vom Server gekickt. Wie in WoW, nur mit dem Unterschied, dass ich in WoW nach dem Einloggen wieder genau dort stehe, wo ich ausgeloggt bin. In WoW geht mir kein Spielfortschritt verloren, in Diablo 3 schon. Gibt’s irgendeine Möglichkeit, wie man das noch dämlicher hätte lösen können? Mir fällt keine ein.

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“Keine Pause” erinnert mich übrigens an Kürbissuppe. Chris hat mal eine Anekdote erzählt, er hatte zu Diablo-2-Zeiten einen schönen Topf voll Suppe auf dem Herd köcheln, als Abendessen und dachte so bei sich: „Spielste noch ’ne Runde Diablo 2, bis das Essen warm ist„… Ihr könnt euch denken, wie es weitergeht: Er ist so in der Welt versunken, dass er den Gestank aus der Küche erst bemerkt hat, als keinerlei Flüssigkeit mehr im Topf war. Die angebrannte Kruste war so dick, dass er den Topf bloß noch wegschmeißen konnte. Jeder, der Diablo 2 gespielt hat, hat eine ähnliche Geschichte auf Lager. Dieser Rhythmus in D2! Immer etwas Neues, immer eine nette Kleinigkeit, die direkt um die Ecke wartet. Die nächste Dungeon-Etage, ein kleiner Bossmob, das nächste Level-Up, die Rüstung, die man ab dem nächsten Level tragen kann. Dieser Rhythmus geht der Beta des dritten Teils irgendwie ab, was auch daran liegt, dass Level-Ups sich jetzt so viel weniger wichtig anfühlen. Man kann kaum was selbst entscheiden. Da ist mir die D2-Lösung lieber, auch wenn ich als Neuling erstmal komplett in die Röhre schaue. Stärke, Geschicklichkeit, Vitalität und Energie. Aha. Und womit macht meine Zauberin jetzt mehr Schaden? Immerhin ist das neue Level- und Skillsystem spürbar auf die Benutzung eines Gamepads vorbereitet. Wenn man die Gamepad-Steuerung von Torchlight oder Dungeon Siege 3 kennt, ist es nicht allzu schwer, sich vorzustellen, wie sich ein Diablo 3 auf der Konsole spielen wird. (Spoiler: Traumhaft!) Noch besser: Dafür muss ich nicht mal warten, bis die Konsolen-Portierung fertig ist, denn der Gamepad-Support wurde auch für den PC angekündigt. Best of both worlds – nur leider noch nicht in der Beta.

Außerdem fällt auf, dass Diablo 3 in den Previews tatsächlich bunter war als es die heutige Beta ist. Mag an dem Ausschnitt aus Akt 1 liegen, aber das ist schon mehr als nur eine Nuance. Hätte die Beta noch einen Tick weniger Farbe, wäre sie schwarzweiß. Hier kann ich nur vermuten, dass das eine kleine Überreaktion der Entwickler auf die „IS THAT A RAINBOW?“-Farce ist.

Ansonsten ist die Beta leider schon sehr, sehr abgespeckt (keine Runen, keine Gems, keine normalen Drops). Und die Skills sind noch sehr unbalanciert – da hat Blizzard noch einiges vor sich. Wird wohl seinen Grund haben, warum das Spiel doch noch mal weiter nach 2012 verschoben wurde und nicht mehr dieses Jahr erscheinen wird. (Bei der Release-Wut im letzten Quartal ja fast schon erleichternd!) Bleibt zu hoffen, dass Diablo 3 mit Runen, Sockeln, größerer Gegenstandsauswahl, besserem Balancing, Crafting und vielen bunten Gegnern und Welten wie erhofft ganz, ganz toll wird. In der Beta ist leider noch nicht sehr viel davon zu sehen außer ein paar guten Ansätzen. Was mich allerdings am meisten beunruhigt: Ich kam am eingangs erwähnten Mittwoch pünktlich ins Bett. Ich konnte einfach so aufhören und am nächsten Abend weiterspielen. Kein gutes Zeichen.

Danke an lomp für die Illustration!


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8 Kommentare

  1. Stefan - 18.10.2011 11:55

    Das hört sich ja sehr enttäuschend an.

  2. Chris - 18.10.2011 12:24

    Ja. Die Frage ist aber, inwiefern die Beta wirklich repräsentativ für das fertige Spiel ist, weil – wie im letzten Absatz erwähnt – ein ganzer Haufen angekündigter Systeme, die viel Abwechslung und Spaß bei der Individualisierung des Charakters versprechen, in der Beta überhaupt noch nicht enthalten sind.

    Ich hoff da einfach das Beste. Ansonsten gibt’s Torchlight 2.

  3. Manu - 18.10.2011 12:36

    @Stefan: Es hat ja tolle Ansätze, sehr unterschiedliche Charaktere und sieht auch grafisch wirklich gut aus. Der Stil gefällt mir deutlich besser als der von Torchlight. Ich bin auch eigentlich recht optimistisch, dass Blizzard das noch gut feintunen wird. Die Beta hatte auf mich leider keinen wirklich umwerfenden Eindruck hinterlassen. Wie Chris richtig anmerkt: Dafür fehlte einfach noch zu viel von den Spielelementen, die (hoffentlich) etwas Tiefe und Strategie in das Spiel bringen werden.

  4. Fabian - 18.10.2011 14:24

    Der Regenbogen sieht doch saugeil aus. Was war da das Problem?

  5. Manu - 18.10.2011 17:21

    @Fabian: Den Hardcore-Fans war das halt zu sehr „My Little Pony“ und zu wenig gritty:

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  6. Basti - 23.03.2012 17:54

    Dass das PvP System zu Release nicht dabei sein wird ist zwar schade aber es wird sicherlich schon seine Gründe haben. Zum einen aus Balance-technischen Gründen da niemand so schnell und sofort gutes Equipment auftreiben kann.

  7. Becky - 23.03.2012 18:02

    Ich finds schon irgendwie komisch, da man das von den Vorgänger halt nicht sooo kannte, jedoch schließ ich mich da einiger Vormeinungen an – lieber später als „zusätzliches, gescheites bonbon“ auf das man sich dann noch freuen kann, als unausgereift und nervig zu beginn ^^. (Beta-key….komm zu mir….) XD

  8. Michael - 23.03.2012 18:06

    Das Fehlen des PvP Systems ist aus meiner Sicht, zumindest für die ersten Paar Monate nicht so tragisch. Blizzard hat ja versprochen es als Patch nachzuliefern (also nicht erst mit dem ersten Addon – hoffen wir das zumindest mal ;)) Da ich in Diablo 2 auch nicht so der PvP Freak war, und ich zu Zeiten von D2 sowieso noch kein Internet hatte, kann ich nur schwer beurteilen was mir da durch die Lappen gegangen ist.

    Ich freu mich einfach wie Bolle auf dass was da auf uns zukommt. Was ich bisher so von der Beta gesehen habe fand ich durchaus vielversprechend und hat noch viel Potential (Alles was in letzter Zeit so gestrichen wurde.. PVP, Jeweler…) und wird uns noch eine Weile nach Initialem Release beschäftigen.

    P.S. Hoffentlich kann ich bald selbst einen Blick in die Beta werfen ;)

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