Digitale Kaffeefahrten

Fast alles im Leben kostet Geld. So auch unsere geliebten Videospiele. Früher, als ich noch ein Koten war, sah das so aus: Da stand ein großer Automat, in den man eine Mark einwerfen konnte, um ein paar Minuten zu spielen. Je nach Können auch ein paar Minuten mehr. Aber egal wie gut man war, irgendwann wurde die nächste Mark fällig, wollte man erneut bzw. weiterspielen.

Dann wurde alles anders: Mit der fortschreitenden Verbreitung von Heimkonsolen und Homecomputern in den 80ern konnte man Videospiele plötzlich besitzen! Dadurch wurden sie jederzeit verfügbar. Man konnte so oft spielen, wie man wollte, wenn man einmalig zwischen 80 und 100 Mark bezahlte. Gut, die Hardware brauchte man vorher natürlich auch. Trotzdem empfand ich dieses Modell als deutlich attraktiver. Und ich war anscheinend nicht der einzige, denn die Arcade-Automaten wurden in den Folgejahren immer mehr zu einer Randerscheinung.

Nachdem dieses Modell über 30 Jahre lang für Spieler und Hersteller ganz gut funktionierte, begann die mittlerweile riesengroß gewordene Spieleindustrie vor ein paar Jahren damit, andere Monetarisierungsmodelle auszuloten: Dauerhafte Bindung durch monatliche Abo-Gebühren, diverse Bestrebungen in Richtung Videospiel-Streaming und sogar Umsonst-Spiele. – „Was? Umsonstspiele? Das ist ja der Hammer!“ – Ja, das ist wirklich der Hammer! Vor allem, weil es bei Free-to-play (F2P) ganz und gar nicht darum geht, Spiele wirklich kostenlos anzubieten (das wäre ja auch ein ziemlich dämliches Geschäftsmodell für die Hersteller), sondern noch viel mehr Geld zu verdienen als früher.

Muss man sich wirklich über F2P aufregen? Kann man es nicht einfach ignorieren, wenn man darauf keinen Bock hat? Sollte man meinen. Aber F2P, ebenso wie manche Micropayment-Geschichten in Vollpreisspielen, arbeitet größtenteils mit viel zu perfiden Methoden, um sie einfach mit einem achselzuckenden „Wer so blöd ist…“ abzutun. Es gibt ein paar positive Ausnahmen, aber mehrheitlich handelt es sich hier um digitale Kaffeefahrten für Videospieler, bei denen mit gut durchdachten psychologischen Tricks zum Geldausgeben verführt wird.

Habt Ihr schon mal eine Kaffeefahrt mitgemacht? Ich meine eine echte, also mit einem Bus voller Rentner zu einer als Tagesausflug getarnten Verkaufsveranstaltung fahren. Nein? Solltet ihr mal machen! Ich habe mir diesen Spaß während des Studiums gegönnt. Das Ganze war eigentlich als Gag mit ein paar Kommilitonen gedacht, wurde dann aber zu einer äußerst bizarren Erfahrung: Live mitzuerleben, wie speziell geschulte Verkäufer die Teilnehmer mit allerlei Psycho-Tricks zum Kauf von nutzlosen und überteuerten Dingen bewegen, die sie unter normalen Umständen niemals kaufen würden, ist schon etwas völlig anderes, als darüber aus der Distanz den Kopf zu schütteln. Natürlich haben wir nichts gekauft, aber die Mischung aus Power-Verkäufer-Gequatsche, den Teilnehmern suggeriertem schlechten Gewissen und falschem Verpflichtungsgefühl ist nicht halb so harmlos oder gar lustig, wenn man ihre Wirkung auf das Zielpublikum einmal direkt miterlebt. Man machte uns natürlich schnell als Fremdkörper aus und ging uns im Laufe der Veranstaltung auch immer direkter an. Eine äußerst unangenehme und befremdliche Erfahrung war das. Und aufschlussreich. Insofern, dass wir Kaffeefahrten fortan nicht mehr als Angelegenheit für dumme, naive Omis ansahen, sondern als gefährliche, kriminelle Manipulation von arglosen Menschen.

Viele F2P-Spiele arbeiten mit ganz ähnlichen Methoden. Man wird zunächst kostenlos angefüttert, quasi angefixt („Der erste Schuss ist umsonst.“). Dann wird man mit allerlei Tricks geschickt verführt („Jetzt wo ich es eh schon spiele, will ich auch weiterkommen bzw. erfolgreich sein.“), viele kleine, unscheinbare Summen auszugeben, die sich am Ende zu einem Betrag summieren, der den Kaufpreis eines „normalen“ Videospiels weit überschreiten kann. Die Mechanismen sind vielfältig, verfolgen aber alle das gleiche Ziel. Ob nun die Ungeduld, die Neugier, der Ehrgeiz oder der Gruppenzwang der Spieler solcher Games angesprochen wird, ist dabei unerheblich. Fakt ist: Diese Spiele werden mit viel List und Tücke entwickelt, um gezielt die Schwächen von Menschen auszunutzen und dadurch an ihr Geld zu kommen. Eine solche Entwicklung sollte man auch dann nicht einfach abtun, wenn man selbst zu den gefestigteren Leuten gehört, denen mit solchen Methoden nicht so leicht beizukommen ist. Selbst wenn Free-to-play in ein paar Jahren wieder verschwinden sollte, weil viele Hersteller bei dem Versuch, auf den vermeintlichen Goldenen Zug aufzuspringen, auf die Schnauze fallen (wie beim MMORPG-Boom, den der gigantische Erfolg von WoW vor ein paar Jahren auslöste) – und danach sieht es derzeit wirklich nicht aus, weil offensichtlich nicht genügend Leute immun gegen die F2P-Tricksereien sind -, werden derzeit dennoch unzählige Leute mit grenzwertigen Mechanismen schlicht weg um ihr Geld betrogen. Und das geht alle Videospieler an. Zumindest, wenn uns etwas an unserem Hobby, seinem Ruf und seiner zukünftigen Entwicklung liegt.

Ich gebe zu, dass ich auch lange Zeit die Einstellung hatte, dass man diesen Scheiß einfach ignorieren kann. Mir persönlich fällt es sehr leicht, ein solches Spiel mit einem lässigen „Fuck you!“ zu beenden, sobald sich herausstellt, dass sich hinter Free-to-play wieder einmal Pay-to-win verbirgt. Ich konnte mich auch nicht wirklich über das optionale Micropayment in Dead Space 3 aufregen, da man es ganz leicht ignorieren kann, ohne dass einem irgendetwas im Spiel entgeht. Und wer meint, dass er in einem Vollpreis-Racer nachher auch noch viel Geld für optionale Zusatzwägelchen ausgeben muss, der ist halt selber Schuld und braucht von mir nicht mehr als ein mitleidiges Lächeln erwarten.

Zudem gibt es ja auch noch eine Handvoll positiver F2P-Beispiele, wie z.B. DOTA 2, bei dem alle Kaufoptionen ausschließlich kosmetischer Natur sind und man sich weder Spielerfolg, noch -fortschritt kaufen kann. Natürlich versenken manche Leute auch in DOTA 2 Unsummen, um ihre Lieblings-Heroes zu individualisieren, und der Kniff, den Spielern regelmäßig Schatztruhen zu schenken, für deren Öffnung wiederum kostenpflichtige Schlüssel notwendig sind, ist auch nicht ganz ohne. Aber wenn man nicht total weich in der Hirse ist, hält sich die Verführung hier doch sehr in Grenzen.

Mittlerweile kommen aber immer mehr, immer dreistere Versuche auf den Markt, die Leute nach Strich und Faden zu verarschen. Wenn ich mir z.B. das neue Dungeon Keeper anschaue, dann frage ich mich im ersten Augenblick auch wieder, für wie blöd Firmen wie EA den durchschnittlichen Spieler eigentlich halten. Denkt man aber etwas darüber nach, dann muss es wohl so sein, dass es anscheinend mehr als genug „blöde Spieler“ gibt, die hier ihr Geld lassen, sonst würde es diese F2P-Schwemme in diesem Ausmaß gar nicht geben. Und, das habe ich weiter oben versucht, deutlich zu machen, diese Spieler sind nicht einfach „blöd“, sondern werden von verachtenswerten Titeln wie Candy Crush Saga teilweise sehr geschickt hinters Licht geführt. Nur weil man selber immun gegen diese Betrügereien ist, sind nicht alle anderen automatisch Vollhonks, die sich auch jeden Tag ein neues Brockhaus-Abo an der Haustür verkaufen lassen.

Wenn diesem Treiben mit reiner Ignoranz nicht mehr beizukommen ist, wie dann? Die Devise in Sachen F2P und hinterlistigem Micropayment lautet für mich ganz klar: Kill it! With fire! – Diese Scheiße braucht kein Mensch. Sie muss schnell wieder verschwinden. Und die wenigen guten F2P-Spiele müssten gar keine sein. Ich bin mir sicher, dass die meisten Spieler von beispielsweise DOTA 2 oder League of Legends auch gerne einen ganz normalen Kaufpreis für diese Spiele bezahlen würden, weil sie es wert sind.

Ich werde in Zukunft auf jeden Fall offensiver mit dem Thema umgehen. Nicht nur hier, sondern auch im eigenen privaten Umfeld. Und das solltet Ihr auch tun, wenn Ihr nicht wollt, dass dieser Mist unser aller Hobby immer mehr durchdringt. Darüber hinaus erwarte ich aber auch, dass der Gesetzgeber in dieser Richtung langsam aktiver wird, so wie es z.B. bei Geldspielautomaten seit vielen Jahren gang und gäbe ist. Ich verstehe einfach nicht, warum beispielsweise Reiseportale wegen versteckter Kosten sofort abgemahnt werden, aber im Bereich F2P hierzulande bisher kaum etwas passiert. International kommt zwar langsam etwas Bewegung in dieses Thema, aber in „Neuland“ gibt es offensichtlich noch viel zu tun…


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8 Kommentare

  1. Stefan - 03.03.2014 11:00

    Du schreibst hier aus der Sicht eines „Core-Gamers“, der mit dem Modell „Für-XX-Euro-bekomme-ich-ein-ganzes-Spiel“ aufgewachsen ist. Deswegen fällt dir es schwer, und da geht es mir auch nicht anders, mit diesem „neuen“ Verkaufs-Modell warm zu werden. Wir können das auch ignorieren, wenn wir es nicht mögen, solang es noch andere Arten von Spielen gibt. Alles richtig.

    Ich will jetzt nicht sagen, dass die „Gamer-Kaffeefahrten“ super sind, aber man muss mal betonen, dass viele Nicht- Spieler durch F2P zum Zocken gekommen sind und das was du verteufelst als OK für sich sehen. Ich glaube kaum, dass die Mehrheit einfach nur auf Psycho-Tricks reinfallen. Und es gibt auch viele Beispiele von Herstellen, die fair monetarisieren (fieses Fachwort).

    Ich will jetzt nicht sagen, dass du unrecht hast, aber man muss differenzieren, F2P ist halt eben nichts für uns „alten“ Core-Gamer, mal von ein paar Ausnahmen wie DOTA2 abgesehen.

  2. Chris - 03.03.2014 11:36

    Man muss mal betonen, dass viele Nicht- Spieler durch F2P zum Zocken gekommen sind und das was du verteufelst als OK für sich sehen.

    Ich denke, dass diese Nicht-Spieler das nur deshalb als okay ansehen, weil sie es gar nicht anders kennen. Wenn man das alte Dungeon Keeper kennt, ist Dungeon Keeper iOS einfach nur grausam.

    Tom Bramwell hat bei Eurogamer z.B. geschrieben:

    When your free-to-play game is all economy mechanics rather than game mechanics, when your game is all business design rather than game design, you’re not actually making a game – you’re constructing a scam, whether you realise it or not.

    The potential for long-term damage is huge. We’ve just about gotten to the point that legislators who grew up playing games can react sensibly to them in public life, for example. What about the generation that follows them, currently growing up playing stuff like Dungeon Keeper? They will arrive in office thinking games are made by the mob.

    Ich finde, er hat völlig Recht!

    Ich glaube kaum, dass die Mehrheit einfach nur auf Psycho-Tricks reinfallen.

    Nein, die Mehrheit nicht. Das ist auch nicht der Punkt. Es geht darum, ein paar wenige dazu zu bekommen, richtig richtig viel zu bezahlen. Es gibt ja keine Obergrenzen in den Spielen. Und das ist richtig, richtig mies.

    Hersteller, die „fair monetarisieren“, sind selten. Und gerade die größten Titel sind nicht unbedingt fair. Candy Crush sieht niedlich aus, ist aber ziemlich hinterhältig. Bei Gamasutra gab es mal einen Artikel dazu, ich habe letzte Woche versucht, das anhand von Disneys Free Fall zu erklären. Das Prinzip in beiden Spielen ist das Gleiche.

    Das ist, denke ich, etwas, das gerade von Coregamern viel zu selten angesprochen und erläutert wird. Weil hey, ist halt für Casuals, muss man ja nicht spielen. Vor kurzem gab es eine SPIEGEL-Titelstory über Videospiele, die von vielen Spielern aus vielfachen Gründen negativ aufgenommen wurde. An anderen Stellen wurde sie verteidigt, denn sie richte sich ja vor allem an „die anderen“, nicht an die Coregamer.

    Gerade „die anderen“ sind aber das Zielpublikum von Candy Crush und Co. und der SPIEGEL-Artikel erwähnt Candy Crush ausgesprochen ausführlich und ausschließlich positiv. Halte ich für einen großen Fehler.

    Ist aber nicht ausschließlich SPIEGEL-Terrain. Ellie Gibson von Eurogamer hat Candy Crush zu ihrem Spiel des Jahres 2013 erklärt. Übler Text von einer Autorin, die ich sonst sehr, sehr gerne lese.

  3. rue - 03.03.2014 13:03

    Danke für den schönen und passenden Vergleich mit den Kaffeefahrten!

    Was den politischen Druck angeht, da scheint sich tatsächlich etwas zu tun:

    http://arstechnica.com/gaming/2014/02/eu-takes-on-misleading-free-to-play-games/

  4. Zwerg-im-Bikini - 03.03.2014 14:12

    Als diese Art von durch Microtransactions unterstütztem „Free to Play“ sich noch auf ein paar MMOs beschränkt hat, fand ich es auch noch nicht tragisch, da haben wir z.B. bei Steam ja noch Glück. Aber was inzwischen vor allem im Mobile Bereich und bei Facebook auf den Markt geschleudert wird, ist zu 90 % das, was SpielerZwei beschreibt. Der Spielspaß wird bewusst gedrosselt, um dem Spieler mehr Geld aus der Tasche zu ziehen…

    Es gab einmal einen sehr interessanten Artikel über das Game Design von „The Sims Social“. Leider habe ich den Link nicht mehr, aber darin wurde bereits auf einige der psychologischen Tricks eingegangen. Das ist ja inzwischen eigentlich ein offenes Geheimnis.

  5. Greulich Mannsmann - 04.03.2014 08:50

    >Es gab einmal einen sehr interessanten Artikel über das Game Design von “The Sims Social”.

    http://gamasutra.com/view/news/36252/Analysis_AntiSocial_Game_Design_And_The_Sims_Social.php

    stimmt. ist gut!

  6. rainer - 04.03.2014 10:40

    @Zwerg:im_Bikini: Bin mir nicht sicher, aber ich habe den Verdacht, dass du eventuell diesen Text von Tim Rogers meinst: „who killed videogames? /(a ghost story)“ http://insertcredit.com/2011/09/22/who-killed-videogames-a-ghost-story/

    Ist zwar lang und alt (2011!), beschreibt aber perfekt die perfide Vermählung von Psychologie und Gamedesign zur Gewinnmaximierung, anhand von Sims Social.

  7. Chris - 04.03.2014 11:47

    Absolut großartiger Text!

    The players will come for the cute characters, and stay for the cruel mathematics.

    Danke für’s wieder ins Bewusstsein rufen. Ich hatte den völlig vergessen.

  8. Zwerg-im-Bikini - 04.03.2014 12:42

    Genau, den von rainer verlinkten Text meinte ich! Danke fürs Finden :).
    Aber der von Gamasutra passt natürlich auch gut.

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