Der freundliche Prepper von Nebenan

Wenn man Far Cry 5 losgelöst von seinem Setting und Narrativ betrachtet, kann man es eigentlich nur loben. Insbesondere nach dem vierten Teil der Reihe, der in dieser Hinsicht nichts anderes als ein Re-Skin des dritten Teils war, haben die Entwickler viele gute Entscheidungen getroffen. Gleiches kann ich über die transportierten Inhalte bzw. deren Abwesenheit leider nicht sagen. Das mag teilweise meinen Erwartungen im Vorfeld geschuldet sein, ändert aber nichts daran, dass FC5 bei genauerer Betrachtung ein paar sehr ärgerliche Dinge macht, über die sich letztes Jahr noch viele Leute echauffiert haben. Allerdings bei einem völlig anderen Spiel: Wolfenstein 2

Far Cry 5 erfindet zwar das Open-World-FPS-Rad nicht neu, aber raffiniert und variiert das Grundgerüst der Reihe, die Ubisoft seit Teil 2 (2008) verantwortet. Das war nach den Teilen 3, 4 und FC: Primal aber auch bitter nötig, denn nicht umsonst spottete man in den letzten Jahren vom „Ubisoft-Spiele-Baukasten“, zumal Ubis Assassin’s Creed– und Watch Dogs-Serien auch nach sehr ähnlichen Strickmustern funktionieren. FC5 macht beispielsweise Schluss mit der Gebietserschließung per Turmbesteigung – daraus machen die Entwickler sogar einen ganz guten Joke: Gleich am Anfang des Spiels wird man auf einen Sendemast geschickt. Nach Erledigung der Aufgabe teilt einem der Questgeber mit, dass man sich keine Sorgen machen müsse dies ständig tun zu müssen, denn das wäre der einzige zu reparierende Sendeturm gewesen… Die Karte und neue Aufgaben deckt man im Spiel nun durch eine Mischung aus NPC-Gesprächen, auffindbaren Bereichskarten und schlichtes Herumstreunen auf. Das Jagen von Tieren und das damit verbundene Craften von Ausrüstungsgegenständen, welches ich in den Vorgängern schon immer etwas befremdlich fand, tritt nun stärker in den Hintergrund. Ebenso war man bemüht, die vielen Nebenaufgaben abwechslungsreicher zu gestalten als in der Vergangenheit. FC5 ist in diesem Punkt zwar immer noch kein Fallout 3, das aus fast jeder Sidequest eine spannende Geschichte für sich gemacht hat, und es gibt immer noch viel stumpfes Abarbeiten, sofern man zu den Achievement-Jägern gehört, aber am Beispiel der variantenreichen „Prepper Stashs“, den Waffen- und Vorratslagern der netten Hinterwäldler in Hope County, ist deutlich zu sehen, dass man die Kritik der letzten Jahre bei Ubisoft durchaus vernommen hat. Und auch der Fortschritt der Hauptgeschichte wurde offener gestaltet, als man es aus den vorherigen FC-Spielen kennt, so dass die Open World noch offener vom Spieler angegangen werden kann. Das ist einerseits gut, weil man den Explorationsaspekt des Spiels mehr in den Vordergrund rückt, andererseits verstärkt es aber ein typisches Problem der Reihe: Der Anfang wirkt zunächst übermäßig chaotisch und schwer, fast so, als wollte FC5 mehr Just Cause sein. Das gibt sich dann mit zunehmendem Spielfortschritt, führt aber gleichzeitig dazu, dass das Spiel gegen Ende total anspruchslos wird, weil man einfach maßlos overpowered ist und die knackigen Endgame-Aufgaben fehlen. Der typische Schwierigkeitsanstieg von den allermeisten Singleplayerspielen wird hier quasi komplett auf den Kopf gestellt, wodurch sich FC5 rein spielerisch ziemlich antiklimatisch anfühlt. Das ist zwar ein grundlegendes Open-World-Problem, das andere Spiele, wie z.B. die Fallout-Reihe, Horizon: Zero Dawn oder Breath Of The Wild, aber deutlich besser im Griff haben.

Ganz neu für die Reihe ist der CoOp-Modus, der es ermöglicht, die Kampagne mit einem Freund zusammen durchzuspielen. Außerdem bekommt man mit der „Far Cry Arcade“ und dem dazugehörigen „Ingame Editor“ eine Art „Far Cry Mario Maker“, so dass man selber Multiplayer-Karten erstellen, hochladen und spielen kann. Dabei bietet der Editor die Möglichkeit, sämtliche Grafik-Sets der bisherigen FC-Spiele (also alle bis auf das erste Far Cry, für das damals noch Crytek verantwortlich war) zu verwenden und auch zu mischen. Ich habe mich zwar mangels Interesse nicht wirklich tiefer mit der Arcade und dem Editor beschäftigt, aber gerade in Anbetracht des Ubisoft-Baukasten-Treppenwitzes finde ich diesen Schritt nur konsequent, auch wenn Ubisoft selbst das Ganze wohl eher als Schritt in Richtung „Games as a Service“ sieht. Ebenfalls neu in der Reihe ist die Möglichkeit, gleich zu Beginn zwischen einem weiblichen oder männlichen Protagonisten zu wählen. Eigentlich eine begrüßenswerte Sache, aber im Falle von Far Cry 5 ist die Avatar-Wahl für mich nur ein weiteres Mosaiksteinchen in der „Bloß keine Angriffsfläche bieten!“-Agenda des Spiels, zu der ich gleich noch komme…

Im Gegensatz zu den bisherigen Teilen ist FC5 in keiner exotisch-fiktiven Location angesiedelt, sondern spielt in Montana, einem sehr dünn besiedelten US-Bundesstaat direkt an der Kanadischen Grenze; sehr ländlich und nur gering erschlossen, der Prototyp dessen, was man in den USA als „Rural America“ bezeichnet und als Heimstatt der Prepper gilt. Genau hier hat sich im (fiktiven) Hope County eine Weltuntergangssekte namens „Eden’s Gate“ unter der Führung von Joseph Seed und seiner „Familie“ breit gemacht und terrorisiert die einheimische Bevölkerung. Eine Gruppe von US-Marshals soll dem Spuk nun ein Ende bereiten und Seed gefangen nehmen. Das geht natürlich gehörig schief und nur ein Deputy-Marshal kann der Sekte in die umliegenden Wälder entkommen. Und jetzt ratet mal, wen ihr in FC5 spielen dürft…

Als Ubisoft letztes Jahr enthüllte, wo FC5 spielen würde und wer die Antagonisten sein würden, kam bei vielen Leuten, mich eingeschlossen, die Hoffnung auf, dass sich das Spiel eventuell etwas trauen könnte: Eine politische Aussage! Nach den eher satirisch-albern angelegten Teilen 3 und 4 mit ihren skurrilen Bond-Villain-artigen Widersachern wäre das mal was gewesen! Der Hintergrund für diese Erwartung war natürlich nicht, dass die Far Cry-Reihe schon immer für tiefe Inhalte stand, denn das tat sie nie. Es ging mehr um das realpolitische Geschehen in den USA: Trump war gerade neu im Amt und überall krochen diese „Alt-Right“-Arschkrampen in die Öffentlichkeit. – Selbstverständlich war die Erwartung, Ubisoft würde hierzu tatsächlich einen konkreten Kommentar abliefern, absurd. Besonders wenn man sich vor Augen führt, wie lange so ein AAA-Dingens wie FC5 in der Entwicklung steckt und dass die meisten Leute selbst bis kurz vor der Wahl im Herbst 2016 nicht im Traum erwartet hätten, dass Trump tatsächlich Präsident werden würde.

Ich kreide Far Cry 5 nicht negativ an, dass meine objektiv irrationale Hoffnung nicht erfüllt wurde, um das ganz klar zu sagen. Ich kreide FC5 allerdings an, dass es so unglaublich krampfhaft bemüht ist, gar keine politische Aussage zu irgendwas zu treffen. Das Spiel ist bis in die kleinste Pore so designed, absolut keine Angriffsfläche oder irgendeine Grundlage für einen wie auch immer gearteten inhaltlichen Diskurs zu bieten. Und das tut in dieser ausgeprägten Form echt weh, weil sogar das cartoonige FC4 inhaltlich politischer war, indem es beim Spieler immer wieder Zweifel säte, ob man sich wirklich für die richtige Seite einsetzte. Die Rebellen in Kyrat waren nämlich auch keine Engel. Die Prepper, auf deren Seite man sich in FC5 schlägt, sind hingegen durch und durch dufte Typen. – Prepper, das sind übrigens diese Leute, die dem Staat als Gebilde grundsätzlich misstrauen und dessen Autorität weitgehend ablehnen, egal wer gerade in Washington regiert, und deshalb gerne ihren Vorratskeller unter dem Haus zu einem Luftschutzbunker gefüllt mit Vorräten und Waffen ausbauen. Eben um auf alles vorbereitet zu sein. Das deutsche Pendant zu diesen Leuten wären wohl unsere Reichsbürger…

Und wie ich schon schrieb, verkauft Ubisoft einem diese reaktionären Typen im Spiel konsequent als voll korrekte und größtenteils sehr sympathische Dudes und Dudettes vom Lande. Nirgendwo im Spiel findet sich die in diesen Kreisen so beliebte Südstaatenflagge, niemand im Spiel sagt irgendetwas Rassistisches oder Sexistisches. Die Frauen in Hope County, Montana sind sogar äußerst emanzipiert und haben meist die Hosen in der Ehe an. Und selbstverständlich kann der Spieler auch eine Frau als Avatar wählen. Die Welt von Far Cry 5 ist so unglaublich politisch korrekt, dass es weh tut! – Die Kanadischen (!) Entwickler lassen aber nicht nur die Gelegenheit komplett ungenutzt irgendein Statement zu den Preppern, ihren Überzeugungen oder dem Amerikanischen Waffennarrentum abzugeben, sondern thematisieren auch kein Stück die Problematik der vielen radikalen Christen in den USA, obwohl der Gegner im Spiel eine radikal-christliche Weltuntergangssekte ist! Jesus Christ! FC5 will inhaltlich mit aller Gewalt das Softwaregenstück zu einer Teflonpfanne sein, bei der rein nichts haften bleibt. Auch die Frage nach dem Kanonenfutter im Spiel, also den zahllosen Kultisten-Minions, wird nur einmal im Spiel ganz kurz angerissen, aber dann auch nicht weiter verfolgt: Der Großteil der bösen Kultisten dürfte sich aus den ehemaligen Nachbarn, Freunden und Verwandten der County-Bewohner rekrutiert haben. Dieses moralische Dilemma lässt man aber komplett außen vor. Die Gehirnwäsche der Seeds rückgängig machen und diese Leute irgendwie aus den Klauen der Sekte befreien? – Ach was, einfach alle abknallen!

Der absolute Knaller ist dann das Ende des Spiels! Ja, ich weiß, es gibt drei mögliche Enden, aber im Normalfall dürften die allermeisten Spieler das Ende bekommen von dem ich rede (seid unbesorgt, keine Spoiler voraus). Wenn man will, kann man hier tatsächlich eine Message herausziehen. Die ist aber leider so dämlich, dass der Punch, den die Wendung am Ende fraglos erzeugen soll, so schnell verpufft wie er kam. Übrig bleibt ein gewollt schockierender Twist um des Schockierens willen, wie man ihn aus unzähligen B-Movies kennt. Inhaltlich ist das Ganze aber komplett gaga und passt in seiner Grimmigkeit überhaupt nicht zum Ton des restlichen Spiels.

Far Cry 5 ließ mich extrem zwiegespalten zurück: Einerseits ist es ein toller Open-World-Shooter und nach FC3 der vielleicht beste Teil der Reihe, seit Ubisoft sie übernommen hat. Für Fans des Genres rein spielerisch eigentlich eine klare Pflichtveranstaltung. Andererseits ist da diese unglaublich ärgerliche Diskrepanz zwischen dem inhaltlichen Potenzial des Settings und dem, was man letztendlich daraus gemacht hat. Diesbezüglich wirkt das Spiel auf mich unglaublich feige und blutleer. Insbesondere weil sogar seine Vorgänger, so satirisch und over-the-top sie von der Story und dem Setting her waren, deutlich mehr zu sagen hatten…


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