Demolition Edition 2018

Vor vier Jahren war ich noch recht spendabel. Investierte in Videospiele, die noch am Anfang ihrer Entwicklung standen, sei es via Crowdfunding oder Steam´s Early Access. Sogar die Ouya, die angeblich bahnbrechende Power-Indie-Konsole, legte ich mir damals zu und abgesehen von der einen oder anderen Perle (Wasteland 2 beispielsweise; zu Kingdom Come: Deliverance kann ich noch nichts sagen, das liegt auf dem Pile of Shame), war viel Material dabei, das der Rede nicht wert war – und dementsprechend schnell in Vergessenheit geriet. Wie Next Car Game, das letztens nach „nur“ vier Jahren Early Access unter dem Namen Wreckfest auf den Markt geworfen wurde.

Das fand ich amüsant, dass ein Spiel, das seit mindestens dreieinhalb Jahren bei mir im Steam-Ordner „Gedöns“ vor sich hin staubt, plötzlich als neu verkauft wird. Aber warum eigentlich auch nicht, kein Meisterwerk entsteht über Nacht, nicht wahr? Zuerst musste ich mir wieder ins Gedächtnis rufen, was Wreckfest überhaupt ist, was ein leichtes Achselzucken bei mir zur Folge hatte. Ich erinnerte mich an Chaos auf Rennpisten, nicht zuletzt aufgrund massiver Ruckler, bescheidener Optik und Multiplayer-Rennen mit null Gegnern, weil der Rest der Welt anscheinend keine Lust auf Wreckfest bzw. Next Car Game hatte. Wobei die Vorzeichen damals eigentlich gar nicht so übel waren: Der Entwickler, Bugbear Entertainment, hat mit FlatOut schon eindrucksvoll bewiesen, dass sie ein Händchen für Destruction Derbys und Gewalt auf der Straße haben. Eigentlich kann nur wenig schief gehen.

Wreckfest kramte ich nur aus meinem Gedöns-Ordner, weil mir die rechte Lust auf das aktuelle Formel 1-Spiel fehlte – aber ich dennoch ein paar Rennen fahren wollte. Mit einer Erwartungshaltung irgendwo auf Höhe der Grasnarbe bot sich wenig Raum für Enttäuschungen und aus diesem Grund nahm ich mit milder Begeisterung zur Kenntnis, dass Wreckfest alle Spielmodi bietet, die von einem Rennspiel zu erwarten sind – und zwar unabhängig davon, ob es eine seriöse Rennsimulation ist oder ein Racer, bei dem es sich vornehmlich darum dreht, andere platt zu machen. Karrieremodus, Einzelrennen, Multiplayer, alles da. Die Karriere begann ich in der Demolition Arena auf einem Bauernjahrmarkt (?) mit fahrbaren Rasenmähern und es war ein ganz witziges Spektakel. Schön stumpf, für ein paar Minuten ein Riesenspaß, aber dann reicht es natürlich auch.

Bei den späteren Rennen in der Karriere änderte sich in Anspruch und Wiederspielbarkeit das Bild. Wreckfest baut tatsächlich auf so etwas wie Fahrphysik und belohnt gute Platzierungen mehr als rüpelhaftes Assifahren, was mir zugegebener Weise zugutekam. Trotz Blutdurst reizt mich doch die perfekte Kurve mehr als KI-Autos von der Piste zu schießen. Hier zeigt sich Wreckfest von einer seriösen Seite, auch wenn durch kleine Gimmicks hier und da ein anderer Eindruck erzeugt wird. Beispielsweise kann man bei Optionen nur den möglichen Schaden am Fahrzeug einstellen, sonst nichts. Das ist mutig, denke ich mir und bin später ein wenig enttäuscht, dass an anderer Stelle doch ABS & Co modifiziert werden können. Sture Demolition-Gradlinigkeit wäre erheiternd gewesen, aber so erfüllt Wreckfest gängige Standards und daran gibt es wenig bis nichts auszusetzen.

Bei den Soloplayer-Rennen lässt sich übrigens ein Muster erkennen: Auf niedrigem Schwierigkeitsgrad ist es kein Thema, das Feld schnell hinter sich zu lassen. Ich höre es dann scheppern und sehe in späteren Runden das wild auf der Strecke verteilte Blech, bekomme davon aber nichts mit, weil ich als einsamer Leitwolf da vorne meine Runden drehe. Macht man sich das Leben schwerer in einem höheren Schwierigkeitsgrad, ist man mitten drin im Massaker und kommt da kaum raus. Grundschnelligkeit und Fahrkönnen spielen nun weniger eine Rolle. Es gilt, sich so wenig abschießen zu lassen wie nur möglich und so viele KI-Autos platt zu machen, wie es nur geht. Nur: So gewinnt man halt nur sehr selten und ich ahnte recht früh, dass ich an genau dieser Stelle ein Problem mit der Langzeitmotivation bekommen könnte bzw. werde.

Aber: Es gibt ja noch den Multiplayermodus. Und der ist bei Rennspielen immer assig – außer bei den ausgewiesenen Profis bei Formel 1 & Co, die komplette Rennwochenenden inklusive aller Trainingssessions und Qualifyings in Echtzeit fahren und ansonsten scheinbar wenig im Leben zu tun haben. Arbeiten, zum Beispiel. So wie einige engagierte Twitter-Experten, die dort konstant 24/7 unterwegs sind und bei denen ich mich auch frage, wie die ihr Leben finanziert bekommen. Egal, ist nicht mein Bier. Also: Los geht´s in den sozialen Bereich von Wreckfest.

Tatsächlich waren die Multiplayer-Lobbys nicht verwaist. Demolition Derbys scheinen sich keiner großen bis gar keiner Nachfrage zu erfreuen, dafür aber so halbwegs die sogenannten Banged Races, die auf verschiedenen Kursen gefahren werden und sich als Mittelding aus Dirt: Showdown, Nascar und allen bekannten Rally-Videospielen dieses Planeten entpuppen. Nur eben mit mehr Blech auf der Piste und einem niedrigeren Niveau, was das fahrerische Können betrifft.

Wobei ich klar feststellen möchte: Bei Assetto Corso, Formel 1 und Co schaffe ich es immer mal auf´s Treppchen, bin aber weiß Gott nicht die größte Leuchte auf dem Mehrspieler-Planeten. Bei Wreckfest allerdings empfand ich es schon als knifflig nicht zu gewinnen. Keine Ahnung, was da für Granaten unterwegs waren, aber wem es zuvorderst im Sinn steht links und recht alles platt zu machen, kommt eben nicht gut durch die Kurven. Aus gutem Grund wahrscheinlich. Daher enttäuschte mich im Mehrspieler eher das fahrerische Niveau als das soziale Verhalten der Mitspieler. Denn: Während sich bei Formel 1 gerne Dreiviertel des Feldes schnell genau dann aus dem Rennen verabschieden, wenn der Podestplatz nicht mehr in Sicht ist, blieben in meinen Wreckfest-Rennen die Leute seltsamer Weise bis zum Schluss an Bord. Das mag daran liegen, dass der Spaß am Abschießen wohl nicht mit irgendwelchen Platzierungen verbunden ist. Ist mir generell gar nicht mal so unsympathisch, denn man muss ja nicht immer zwanghaft einen Pokal in die Luft recken müssen. Aber letztlich bleiben solche Rennen für mich unter dem Strich Lebenszeit-Verschwendung, wenn es einfach nur darum geht sich rauszukicken, geht mir schnell die Motivation flöten.

Trotzdem: Wer Lust auf Chaos hat und paar Runden drehen möchte, ist sicherlich bei Wreckfest gut aufgehoben. Von Early Access-Bugs ist weit und breit nichts zu sehen und für einen B-Titel sieht Wreckfest mittlerweile sogar ganz hübsch aus. Vor allem dann, wenn die Autos mehr Ruinen als Fahrzeuge sind. Also das Gegenteil vom Gran Turismo-Style, den ich im Zweifelsfall aber trotzdem vorziehe.


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