Hätte ich damit rechnen können?

Deutscher Humor bewegt sich in einem stufenlosen Kontinuum zwischen Loriot und Mario Barth, zwischen “Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein” und “Schaumzuckerware mit Migrationshintergrund“. Suche ich danach in deutschen Spielen, dann fallen mir eigentlich nur Spiele vom Hamburger Entwickler und Publisher Daedalic ein. Deponia, zum Beispiel. Und Edna bricht aus. Vielleicht auch noch die witzige Situationskomik in Shadow Tactics: Blades of the Shogun, ebenfalls von Daedalic gepublisht, aber das war es dann auch schon.

Zum Glück füllen Backwoods Entertainment mit Unterstützung von Applications Heidelberg diese Lücke in meinem nach Lachen dürstenden Herzen, sodass ich das erste Mal seit Rammsteins Mein Land endlich wieder stolz auf Mein Land™ sein kann. Und Himmel sei Dank machen sie dabei einen ganz großen Bogen un den typischen deutschen Humor, wie er gerne als Klischee genutzt wird, denn ich gestehe: mit etwas Abstand betrachtet müffeln die meisten Deponia-Witzchen, wie es der ehemalige Gamona- und GIGA-Redakteur Leo Schmidt auszudrücken pflegte, “ein bisschen nach Sauerkraut“. Unforeseen Incidents von besagten Entwicklern ist hingegen ehrlich witzig. Nicht auf die relativ einfache Art, eine Geschichte so absurd zu gestalten, dass man sich an den Kopf fassen mag. Es hat Figuren mit Charakter, die sich sichtlich selbst daran erfreuen, im richtigen Moment einen guten Spruch ablassen zu können. Von den drei Hauptcharakteren bis hin zu den charmanten Nebenfiguren, die zwar oft nur als Zwischenstation für irgendeine Aufgabe fungieren, aber immer aus mehr als nur ihrer Funktion im Spiel bestehen. Die hippe Barista etwa, die ihren ökologischen Lifestyle als Kritik an der Gesellschaft zu formulieren weiß und dann den Gegenwert eines Kleinwagens für einen Becher Filterkaffee verlangt, erinnert mich immer an das Kaffee an der Universität München. Dessen Eingang schmückt der Slogan “Love Kills Capitalism”, für das Essen und die Getränke dort müsste ich allerdings ebenfalls mein Erstgeborenes verpfänden. Oder die Esoterikerin, die einen Haufen Kohle mit ihrer Masche macht – indem sie den meditierenden Idioten einfach im Schlaf die Habseligkeiten aus der Tasche klaut? Spot on.

Ich gebe zu, ich war überrascht, geradezu geschockt. Ich bin kein Fan von deutscher Lokalisierung und tue sie mir grundsätzlich nur an, wenn ich Spiele von deutschen Entwicklern spiele. Da erwarte ich zumindest, dass ich dann die Urversion spiele, egal wie schlecht die Synchronisation auch sein wird. Doch die deutsche Version von Unforeseen Incidents rockt. Warum funktioniert der Humor darin bloß so gut? Wann habe ich das letzte mal mit solcher Freude eine deutsche Sprachausgabe angehört?
Vielleicht liegt die Lösung im Teamwork der beiden Schreiber des Spiels. Denn obwohl Backwoods ein deutsches Studio ist, hat Chefwriter Marcus Bäumer die Dialoge nicht alleine zu Papier gebracht. Stattdessen entstanden alle Texte, im Deutschen wie im Englischen, in bilingualer Zusammenarbeit von Marcus mit dem britischen Comedian Alasdair Beckett-King. Und weil sich gerade Witze und Situationskomik unglaublich schwer übersetzen lassen, haben beide die entsprechenden Stellen in beiden Sprachen geschrieben und sie eben nicht einfach übersetzt. Ob ihr die die deutsche oder die englische Version von Unforeseen Incidents spielt, ist damit schon fast wieder egal, denn die beiden Lokalisierungen sind absolut großartig. Wenn ihr lebendig geschriebene Charaktere sucht, die auf eine Art witzig sind, wie echte Gespräche zwischen normalen Menschen eben witzig sein können, kommt ihr um das Spiel nicht herum. Und wenn ihr dann auch noch Spaß an ganz klassischem Point & Click mit eingängigen Inventarrätseln ohne wirre Nonsens-Lösungen habt, seht ihr mit Unforeseen Incidents vermutlich das deutsche Spiel das Jahres vor euch.


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