Tablettenzeit

„Hey. Hey! Tablettenzeit!“
Gordies Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte mich um, nicht ganz sicher, wo ich war. Das passierte in letzter Zeit häufiger. Gordie sah mich besorgt über den Tisch an, sein bärtiges Gesicht verriet Mitleid. Er wusste, was mit mir los war.

Ich schaute auf den kleinen Plastikbecher, den der Pfleger vor mir auf den Tisch gestellt hatte. Zwei Rote, eine Blaue, meine tägliche Dosis. Sie würden mich gut schlafen lassen, die schrecklichen Erinnerungen für einen weiteren Tag verscheuchen. Erinnerungen? Waren es wirklich Erinnerungen? Ich war nicht mehr sicher.

Gordie schluckte seine Medizin, und ich tat es ihm gleich. Er war noch nicht so lange hier wie ich, aber manchmal glaubte ich, daß es ihm viel schlechter erging. Er sprach nicht viel, hatte panische Angst vor Anzugträgern und, wie er mir ein paar Wochen zuvor gestanden hatte, fühlte er sich immer nackt, trotz der weißen Krankenhausbekleidung, die wir hier alle trugen. Ich blickte nach unten, das Schweigen zwischen uns, welches fast immer herrschte, ignorierend, und sah wieder einmal, wie meine Hand sich an das Tischbein krallte. Hier drin gab es keine Zigaretten, aber der Drang, irgend etwas in der Hand zu halten, war übermächtig. Ich wußte, daß es Gordie nicht anders ging. Keinem von uns. Wir alle waren hier aufgrund einer seltenen psychischen Störung, sagten die Ärzte. Ich war hier, weil ich die Hölle gesehen habe.

Es war 18:00. Abendbrotzeit. Ich tauschte meinen Käse mit Gordies Wurst und bestrich gerade mein Brötchen mit dem Plastikmesser, als Max sich zu uns setzte. Max war anders als die meisten Patienten hier: Manchmal vergingen Stunden, ohne daß ein Wort im Raum fiel, nur er sprach fast immer. Und er wirkte bedrohlich, aus gutem Grund: Max war der Einzige von uns, der wirklich getötet hat. Meine schreckliche Reise vom Mars in die Hölle war nur Einbildung, Gordies wüste Geschichte um Aliens, geheime Experimente und Regierungsvertuschungen wäre selbst für Akte X zu weit hergeholt, aber Max hatte wirklich Dutzende Menschen erschossen, bis zum Hals zugedröhnt mit Schmerzmitteln. Ich wusste nicht, wieso er hier bei uns war anstatt auf dem elektrischen Stuhl – manchmal wünschte ich mir, selber gegrillt zu werden. Dann hätten die Alpträume wenigstens ein Ende.

Max erzählte wieder, von seiner Frau, von seiner Tochter, von der Verschwörung. Alles Bullshit. Keiner hier gab zu, daß seine Geschichte falsch war, und vielleicht wussten sie es auch gar nicht. Selbst wenn es je eine Marskolonie gegeben hätte, würde meine Geschichte an den Haaren herbeigezogen wirken. Der einsame Held, der allein die Horden der Hölle zurückschlug? Immerhin war ich nicht so durchgeknallt wie Garner, der sich für einen Gesandten Gottes hielt. Ich hatte ihn gefragt: Seine Hölle sah ganz anders aus als meine.

21:00. Schlafenszeit. Ich sagte Gordie gute Nacht und ging in mein Zimmer zurück. Ich wusch mich an dem in die Wand eingelassenen Waschbecken – es wurde darauf geachtet, dass nichts in unserer Umgebung als Waffe missbraucht werden könne. Wir waren alle selbstmordgefährdet, und seit Doug Nugent es irgendwie geschafft hatte sich durch zusammengeknülltes Papier selbst zu ersticken, gab es nicht mal mehr Toilettenpapier, nur noch ein extra installiertes Bidet. Doug war ein großmäuliges Arschloch, aber irgendwie vermisste ich seine trockene Art und seine Oneliner. Ich legte mich ins Bett und löschte das Licht. Und bevor ich einschlief, wünschte ich, ich wäre zurück in der Hölle.


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