Im Rollstuhl durch die Militärbasis

Guten Tag. Haben Sie einen Moment Zeit? Mein Name ist Ethan Cole und dies ist meine Geschichte:

Ich bin Mitglied einer Spezialeinheit des US-Militärs namens HAZMAT. Vor ein paar Jahren hatte ich einen tragischen Unfall: Als ich Fidel Castros Hauskatze entführen sollte, um die Verhandlungsposition unserer Diplomaten zu stärken, fiel ich aus dem Toilettenfenster im dritten Stock. Seither bin ich vom Hals abwärts gelähmt und sitze in einem Rollstuhl, den ich per Strohhalm steuere.

Aber das US-Militär lässt seine Leute nicht hängen! Ich wurde trotz meiner Behinderung wieder in mein altes Team integriert. (Ein paar Unterschriftenaktionen von Antidiskriminierungsgruppen halfen meinen Vorgesetzten allerdings bei dieser Entscheidung…) An meinem Spezialrollstuhl sind allerlei Waffen montiert, die ich ebenfalls mit dem Strohhalm steuern kann. Das ganze ist zwar etwas unpräzise, aber man tut was man kann.

Hier bin ich nun, allein inmitten der Luftwaffenbasis in der Nähe von Roswell, die dem geneigten Verschwörungstheoretiker wohl als AREA 51 bekannt sein dürfte. Angeblich ist ein Alienvirus aus einem der Labore entkommen. Ob diese Erklärung der Wahrheit entspricht, ist nicht mein Bier. Wir werden gerufen, wenn niemand sonst die Drecksarbeit erledigen kann oder will. Presseerklärungen und Politik sind nicht unser Job.

Anfangs unterschied sich dieser Auftrag nicht großartig von anderen. Ein paar Mutanten hier und dort. Viele tote Wissenschaftler und Wachleute in den Gängen. Allerlei Labore mit Einrichtungen die jede Vorstellungskraft sprengen. Verstümmelte Funksprüche vom Boss. Das übliche halt. Nichts, was wir nicht auch schon in Tschernobyl, Black Mesa, den Phobos-Labs, der Neverland-Ranch oder Euro Disney gesehen hätten.

Meine Jungs räumten kräftig auf und hielten mir den Rücken frei. Im Gegenzug gab ich mir alle Mühe, ihnen nicht grobmotorisch den Hintern wegzuschießen (das Steuern meines bewaffneten Rollstuhls ist wahrlich kein Zuckerschlecken). Teamwork ist das A und O, wenn man Aufträge wie diesen überleben will.

Doch nach und nach geriet die Situation außer Kontrolle: Einer nach dem anderen meiner Kameraden segnete das Zeitliche. Und nun bin ich schließlich ganz allein…
Die immer zahlreicher einfallenden Mutanten und Aliens nehmen leider keine Rücksicht auf Behinderte. Von Political Corectness keine Spur. Folglich muss ich mir gewisse Taktiken zurechtlegen, um die unpräzise Steuerung meiner Waffen zu kompensieren. Sie können sich sicher vorstellen, dass das Zielen mit einem Strohhalm im Mund nicht ganz leicht ist. Vor allem, wenn das Ding angeblich analog arbeiten soll, aber sich praktisch verhält wie ein Baukran. Der Versuch die Servomotoren unempfindlicher zu justieren half zwar etwas beim Zielen, hemmte aber im Gegenzug meine Wendigkeit, was dazu führte, dass ich für eine Wendung um 180° eine halbe Ewigkeit brauchte. Keine wirkliche Alternative. Die verdammte Krankenkasse mit ihren Kürzungen am falschen Ende!

Bevorzugt verstecke ich mich also hinter Ecken und bringe mein Fadenkreuz schon in Position, bevor ich mich blicken lasse, damit ich beim Versuch, den Gegner aufs Korn zu nehmen, nicht allzu viel Schaden einstecke. Wenn meine Kameraden noch am Leben wären, würden sie mich als „Camper“ und „Noob“ beschimpfen. Aber was will man machen, wenn man unter erschwerten Bedingungen ums nackte Überleben kämpft?!

In hektischeren Situationen ist meine einzige Aussicht auf Gegenwehr die, dass ich mit automatischen Waffen die Umgebung beharke: Fadenkreuz rechts vom Gegner – Fadenkreuz links vom Gegner – Fadenkreuz rechts vom Gegner – Fadenkreuz links vom Gegner – …
…ich würde den Rollstuhl am liebsten in die nächste Müllpresse werfen! Aber rohe Gewalt war noch nie eine Lösung. (Na ja, normalerweise schon, aber nicht in dieser Situation…)

Nun heißt es also „Zähne zusammenbeißen und durch“. Mit der Zeit gewöhnt man sich an eine Behinderung, aber sie wird dadurch nicht besser. Ich kämpfe mehr mit den Unzulänglichkeiten meines Stuhls als mit den eigentlichen Gegnern. Ständig geht es mir durch den Kopf: Wenn ich noch Herr meines Körpers wäre, wäre das hier der reinste Spaziergang! Aber so…

Wenn die Geschichte hier nicht immer spannender werden würde, so dass ich nun unbedingt selbst herausfinden will, wer oder was hinter der Alienverschwörung steckt, hätte ich schon lange den nächsten Ausgang aus der Basis gewählt. Aber die Neugier treibt mich gegen besseres Wissen an, immer weiter zu machen; bis zum bitteren Ende…

Ok, eigentlich sitzt Ethan Cole in MIDWAYSs Ego-Shooter-Umsetzung des gleichnamigen Lightgun-Automaten nicht wirklich im Rollstuhl. Aber er spielt sich so. Schuld daran bin ich eigentlich selber, denn ich habe mir gegen jede Vernunft die PS2-Version gekauft, weil ich nicht auf das Erscheinen der PC-Variante warten konnte. Spontankäufe rächen sich halt immer.

Dass Ego-Shooter und Konsolen nicht gescheit zusammengehen, ist keine wirkliche Neuigkeit, auch wenn eingefleischte Konsoleros nicht müde werden, aus Unwissenheit das Gegenteil zu behaupten. Ich konnte diese Erfahrung schon vor Jahren selbst machen, als ich mich von meinem Onkel auf dessen N64 im Goldeneye– bzw. Dark Project-Deathmatch abzocken ließ, obwohl ich mich eigentlich als erfahrener Shooter-Veteran verstehe. Die Steuerung mit dem Gamepad machte mir ständig einen Strich durch die Rechnung. Es ist natürlich auch ein Stück weit eine Frage der Gewohnheit. Nach einer Weile kann ich auch mit diesem Controller einen Shooter rudimentär lenken. Das ändert aber trotzdem nichts daran, dass ein Gamepad ungleich weniger geeignet ist als die Maus-Tastatur-Kombination am PC. Besonders schnelles und präzises Zielen ist in Konsolen-Shootern fast ein Ding der Unmöglichkeit. Darum sind auch alle gängigen Vertreter des Genres auf Konsolen im Spielfluss wesentlich langsamer als ihre PC-Gegenstücke, um dieses Manko einigermaßen aufzufangen.
3D-Shooter mit einem Gamepad zu spielen, bedeutet, sich den Hut mit einem Kran aufzusetzen – Mit etwas Übung gelingt es einem, aber es gibt gute Gründe, es nicht zu tun…

Schwamm drüber. Anstatt weiter zu jammern, sollte ich dem geneigten Leser mal erklären, warum ich mir diese Quälerei überhaupt länger als ein paar Minuten angetan habe. Immerhin hat mich ja niemand gezwungen, das Game bis zum Ende zu spielen.

AREA 51 ist, anders als das 08/15-Szenario um Aliens und Virenausbruch in einem Forschungslabor vielleicht vermuten lässt, ein sehr geiles Spiel!

Die Präsentation ist extrem gefällig. Die Figuren werden im Original u.a. von David Duchovny und Marilyn Manson gesprochen. Allerdings liegt hier ein Kuriosum vor: Da Mr. „Fox Mulder“ als Synchronsprecher das Temperament einer valiumabhängigen Hausfrau an den Tag legt, ist ausnahmsweise die sehr gelungene deutsche Synchro zu bevorzugen. (Eine Empfehlung, die ich so noch nie ausgesprochen habe…!)

Das Leveldesign ist linear, aber sehr gut und abwechslungsreich. Die Grafik gefällt sogar einem verwöhnten PC-Spieler wie mir sehr gut. Besonders die Zwischensequenzen, die dem Final Fantasy-Film qualitativ in nichts nachstehen, können beeindrucken. Und sogar das von mir normalerweise gehasste konsolentypische Autosave-System ist recht fair und bietet keinen zusätzlichen Grund für Frustration.
Die Waffen, nicht ganz unwesentlich bei der Beurteilung eines Shooters, sind wirklich gut designt. Fast alle besitzen einen alternativen Modus. Einige kann man zeitweise sogar beidhändig benutzen. Auf diese Weise konnte ich dann aus zwei Läufen daneben schießen, was natürlich mehr Spaß macht, als aus nur einer Waffe um den Gegner herum zu ballern…

Eine Besonderheit, die AREA 51 auch spielerisch aus der Masse der Genre-Vertreter herausragen lässt, ist die Tatsache, dass Cole im Verlauf der Geschichte selbst mit dem Alienvirus infiziert wird und sich fortan nach Belieben in einen Mutanten verwandeln kann. Dieser „Jekyll & Hyde“-Effekt ist nicht nur eine nette Idee, sondern wurde auch praktisch sehr gut ins Gameplay integriert.

Die Hauptmotivation, meine Selbstkasteiung bis zum Ende durchzuziehen, bezog ich aber eindeutig aus der dichten Atmosphäre und der überaus gelungen erzählten Geschichte. Lässt die Kurzinhaltsangabe des Spieles anfangs vermuten, dass es sich um den x-ten Aufguss einer schon tausendfach gehörten Standardgeschichte handelt, wird man schnell eines Besseren belehrt. Dies liegt nicht zuletzt an den vielen Seitenhieben auf fast jede erdenkliche Verschwörungstheorie, die den Durchschnittsamerikaner so umtreibt. Auf dem Weg durch Area 51 findet man allerlei amüsante und interessante „Informationen“ zum Kennedy-Attentat, den Kornkreisen, Alienentführungen, den Illuminaten und ähnlich gelagerten Themen. Diese Dokumente werden per Handgelenkscanner analysiert und schalten dann Extras frei, die man sich in Form von witzigen Texten und Filmen anschauen kann. Interessant war auch mein Besuch in einem riesigen Fernsehstudio innerhalb des Basiskomplexes, in welchem aus unerfindlichen Gründen die Mondoberfläche nebst Apollo-Landefähre nachgebildet war…

Die wirkliche Netto-Spielzeit kann ich schlecht einschätzen, denn die ca. 25 Stunden, die ich gebraucht habe, um das Spiel zu beenden, werden geübtere Konsolenspieler wohl locker unterbieten können, da mein härtester Gegner im Spiel, wie schon anfangs geschildert, nicht die Greys, Mutanten oder Illuminaten-Söldner waren, sondern die verdammte Steuerung. Ich habe die PC-Version bisher noch nicht begutachtet, behaupte aber einfach mal, dass ich das Spiel mit Maus und Tastatur in ca. 8 bis 10 Stunden geschafft hätte. Sollte die PC-Version also eine 1-zu-1-Umsetzung sein, ohne dass man mehr oder härtere Gegner implementiert hat, sollte diese Spielzeit wohl für die PC-Version veranschlagt werden.

Es ist schon leicht schizophren, wenn man sich stundenlang über ein Spiel ärgert und es trotzdem immer weiter spielt. Letztendlich unterstreicht dies aber nur eines:

Konsoleros, die sich aus Ermangelung an Alternativen nicht so sehr über die Steuerung ärgern wie ich, können bei Interesse am Shooter-Genre zielsicher zugreifen!
Besitzer eines PCs kann ich leider keine klare Empfehlung aussprechen, da mir unbekannt ist, ob die Portierung anständig durchgeführt wurde. Sollte dem so sein, ist der PC-Version sogar klar der Vorzug zu geben, denn dann hätte sich mein einziger Kritikpunkt am Spiel damit in Luft aufgelöst. Allerdings ist dies pure Spekulation meinerseits…

Ich bitte an dieser Stelle ausdrücklich um Rückmeldung von Junkies, die AREA 51 auf dem PC gespielt haben! Taugt die PC-Version oder habe ich doch die richtige Wahl getroffen?


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1 Kommentar

  1. dullboza - 21.12.2008 20:50

    Ich habe AREA 51 auf dem PC gespielt und war ebenfalls sehr angetan. Die Steuerung ist PC-Shooter-Standard und somit problemlos. Es ist zwar schon länger her, aber wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war der Schwierigkeitsgrad dem PC angepasst. Die Gefechte waren durchaus fordernd. AREA 51 war auch endlich mal ein Shooter bei dem der Nahkampf etwas gebracht hat, vor allem wenn einen das Aliengekreuch umzingelt hat.

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