Früher

Man mag das aus heutiger Sicht kaum noch glauben, aber es gab mal eine Zeit, in der ein Ego-Shooter noch eine wirklich kniffelige Angelegenheit war. Keine Angst, das wird keiner jener rückwärtsgewandten „Früher war alles besser und die Wii / Casual Games / Farmville / meine Mutter haben alles kaputt gemacht!!“-Beiträge. Nur eine kleine Rückschau auf einen Titel, den ich zu dessen Erscheinen nicht gespielt habe und nun, rund neun Jahre später, das erste mal ins Laufwerk der Xbox 360 geschoben habe – um herauszufinden, dass Doom 3 seinerzeit nicht nur kein schlechtes Spiel war, sondern in mancherlei Hinsicht beinahe schon wegweisend.

Doch beginnen wir mit dem Blick zurück. Dass früher alles besser war, wird niemand wirklich bestätigen wollen, dass früher alles schlechter gewesen sein soll, ist aber genauso falsch. Was ganz sicher zugetroffen hat, ist, dass ich 2004, als Doom 3 in Europa herausgekommen ist, eigentlich wenig mit Computer- und Videospielen am Hut hatte. Die Fachhochschule hatte gerade begonnen und das erste Mal abseits von zu Hause leben war aufregend, zu aufregend, um alkoholgeschwängerte Wohnheimparties, lange Nächte und kopfschmerzgeplagte Morgen danach (die meist am Spätnachmittag begannen) gegen Games einzutauschen. Das ist zumindest die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist ein Toshiba-Notebook, das zwar zum Kaufzeitpunkt durchaus kraftvoll war, 2004 aber nicht mehr in der Lage, die Neuerscheinungen zu stemmen. Selbst wenn ich Doom 3 also hätte spielen wollen, es wäre wohl nicht möglich gewesen. Deshalb nahm ich den Titel zwar am Rand irgendwo war, beschäftigte mich aber nie ernsthaft damit.

2013 sieht die Welt anders aus und die BFG Edition ist erschienen, an Bord neben Doom 3 noch die beiden Vorgänger und Add-Ons. Passend zum Sommerloch entschied ich mich dazu, keinen X-ten Dark Souls-Durchlauf zu beginnen und auch nicht zu versuchen, in Shadow of the Colossus noch den 17. Koloss, den es eh nicht gibt, zu finden. Sondern Doom 3 eine Chance zu geben. Warum auch nicht, gelegentlich braucht es schließlich nicht mehr als einen stupiden, geradlinigen Shooter – allen klugen Indie-Games und Spielen, die zum Diskurs anregen, zum Trotz.

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Was mich erwartet hat, war der blanke Horror. Und das fand ich richtig klasse. Dass Doom 3 das Rad nicht neu erfindet und hinsichtlich künstlicher Intelligenz, Grafik und Spielmechanik Anno 2013 für kaum eine Shooter-Neuerscheinung eine Konkurrenz darstellen dürfte, darüber müssen wir nicht reden. Sehr wohl aber über die Atmosphäre auf dieser Mars-Station, in die es meinen bis dato unerfahrenen Kämpfer verschlägt und in der nach einem Zwischenfall das Chaos herrscht. Dem muss ich mit Waffengewalt Herr werden und das gestaltet sich gar nicht so einfach, wie man annehmen könnte. Denn zunächst einmal begleitet mich ständig die Angst. Die engen Gänge bieten kaum Ausweichmöglichkeiten, die Beleuchtung ist auch mit angeknipster Taschenlampe beschissen und zu allem Übel erwarten mich alle paar Meter furchterregende Geräusche, die mich dran erinnern sollen, dass ich hier nicht allein bin – und das alles, was außer mir hier ist, nichts gutes im Schilde führt. Hektisches umdrehen in der Hoffnung, dass hinter mir nicht schon einer von ihnen auf mich zustapft, von diesen Zombies, diesen mißgestalteten Kreaturen, diesen Laborversuchen, die allesamt gleich tödlich sind. Glück gehabt, es ist nichts da. Weitergehen. Wieder ein Geräusch. Waffe parat halten, feststellen, dass die Munition auch schon mal reichhaltiger war. Um die Ecke, zwei Abzweigungen. Welche nehmen? Eine führt mich weiter, die andere zu Goodies. Instinktiv entscheide ich mich für die falsche und darf den Weg damit zwei Mal zurücklegen. Und plötzlich ein Krachen, ein Schrei und etwas stürmt auf mich zu. Feuern, nach hinten zurückweichen, fluchen, dass das Nachladen der Schrotflinte so verdammt lange dauert und ich die BFG zuvor leergeschossen habe, das Plasmagewehr genauso und die verdammten Granaten so eine blöde Flugbahn haben.

Das ist spielmechanisch alles nichts neues – aus heutiger Sicht betrachtet. Damals jedoch gab es noch kein Dead Space, damals gab es ein Half-Life, ein System Shock 2, ein Unreal. Und in genau dieser Liga spielt Doom 3 auch. Ein (natürlich männlicher) Held, zig Waffen, blanker Horror. Was sich die Entwickler nachfolgender Spiele beim ID-Software-Shooter abgeschaut haben, mag man nur vermuten – sicher ist, dass besonders hinsichtlich der Levelaufbauten ein gewisser Einfluss nicht von der Hand zu weisen ist. Das allein ist es aber nicht, was Doom 3 zu einem relevanten Titel macht.

Denn – man mag es kaum glauben – das Spiel verfügt narrativ durchaus über einen gewissen Tiefgang. Wer sich gut umschaut, findet verstreute PDAs, die Nachrichten ihrer Vorbesitzer enthalten. Aufgenommene Sprachfetzen, Mails, dererlei Inhalte geben Stück für Stück mehr Zeugnis davon, was hier geschehen ist, was schief lief, wohin die menschliche Hybris diese Station geführt hat, warum der Untergang quasi unvermeidlich war. Ob man daraus in einen Diskurs über Selbstüberschätzung, das Streben nach immer mehr und Gier eintritt, mag dem Menschen vor dem Bildschirm überlassen bleiben. Fest steht jedoch, dass Doom 3 stellenweise Gelegenheit dazu bietet und sich damit in gesellschaftskritische Sci-Fi-Werke wie die Alien-Reihe, den Terminator oder Starship Troopers (ja, auch der beinhaltet eine Gesellschaftskritik, wenn auch eine ziemlich zynisch präsentierte) einreiht. Und ein Spielelement bietet, dass viele im Jahre später erschienenen BioShock zu schätzen wussten, wo die Audio-Aufnahmen geradezu manisch verschlungen wurden. Wer in Doom 3 aufmerksam mithört und mitliest, nimmt also durchaus mehr mit als ein stumpfes Ballerspiel. Sicher, auch das ist nicht neu, schon Unreal bot dieses Feature 1998. Wie erwähnt soll Doom 3 aber hier auch nicht attestiert werden, das Genre neu definiert zu haben.

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Dafür sind die Schwächen letztlich zu deutlich: Der lineare Levelaufbau beginnt mit der Zeit zu nerven, die Gegner sind zu wenig abwechslungsreich und mit der Zeit bekommt man eben auch raus, wie man die Kämpfe ganz gut übersteht. Zu allem Übel nutzen sich die Schockeffekte ab – für einen Horror-Titel meist der Todesstoß. Dass es hier nicht dazu kommt, ist Spielelementen gedankt, die heute oft schmerzlich vermisst werden. Wie eingangs erwähnt ist Doom 3 nämlich kein spielerfreundlicher Titel, der mit automatischer Heilung und automatischem Speichern alle 30 Sekunden dem Zocker das Sterben quasi unmöglich macht. Wer hier nicht manuell sichert und nach Medipacks Ausschau hält, beißt durchaus öfters ins nicht vorhandene Mars-Gras, als einem von Call of Duty und Co. her lieb sein mag.

Manchmal ist es genau das Fehlen dieser Inhalte, das mich heutige Shooter schnell zur Seite legen lassen. Zu zugänglich, zu wenig sperrig, zu freundlich. Deshalb kam mir der Ausflug auf eine von Untoten überlaufene Mars-Station gerade recht. Für ein Sommerloch-Wochenende oder zwei, drei Winterabende hat es Doom 3 verdient, eine (verspätete) Chance zu bekommen. Weil früher eben doch nicht alles schlecht war. Nur anders.


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2 Kommentare

  1. T-o_m - 18.08.2013 18:45

    Ein Tipp dazu: Die Xbox1-Version von Doom3 läuft problemlos auf der 360 und bringt zudem – im Gegensatz zur BFG-Edition – die Cheatcodes für den Godmode usw. mit. Das mildert den Horror zwar ab, dafür kommt fast etwas CoD-Feeling auf ;)

  2. joe - 26.08.2013 22:51

    Hi!

    Doom3 – ich fands von den Schockmomenten damals Hammer. Doom1 war cool, ein gesetztes Spiel im Studentenheim aber hat mich in keinster Weise auf Doom3 vorbereitet. Ich habs 2 mal probiert und nach ein paar Schreck-ZusammenZuck Momenten beiseite gelegt.

    Aber Dein Artikel macht Lust, das Teil wieder mal zu installieren. Mal sehen, wenn der Regen kommt, es früh dämmrig wird und die richtige Stimmung auftaucht :)

    lg
    joe

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