Screenshot - Shadow Complex

Schattenspiel

The MANNille empfiehlt:

Die Geschichte von “Shadow Complex”, unnötig zu sagen, dass wir uns auf direktem Kollisionskurs mit einigen massiven Spoilern befinden, geht ungefähr so: Der durchtrainierte und mit einem modischen Kurzhaarschnitt ausgestattete männliche Protagonist, dessen generischer, nichtssagender Name mir längst wieder entfallen ist, erreicht nach einer Fahrt in einem fetten, hässlichen SUV durch die Natur den Eingang eines Höhlensystems. Unser Held befindet sich in Begleitung seiner Freundin, die durch das Tragen moderner und gleichzeitig funktionaler Kleidung sowie das gänzliche Fehlen besonderer Charaktereigenschaften auffällt. Ihre Idee war es auch, den Höhlen, nachdem sie zuletzt in ihrer Kindheit darin gespielt hatte, erneut einen Besuch abzustatten. Naiv und voll Elan stürmt sie los, rennt außer Sicht- und Hörweite und das nächste, was man von ihr sieht, ist ihr auf einer Lichtung zurück gelassener Rucksack. Er und die plötzlich einsetzende dramatische Musik lassen das Schlimmste erahnen, und in der nächsten Szene kommt dann auch, was kommen muss, und man wird Zeuge, wie die Freundin von mit futuristischen Gesichtsmasken vermummten Robot-Nazis aus der Zukunft in den riesigen hochmodernen unterirdischen Bunker gezerrt wird, der in der Zwischenzeit klammheimlich den Platz des eigentlichen Ausflugszieles eingenommen hat.

Anstatt das Naheliegende zu tun und die Polizei zu alarmieren oder anderweitig Hilfe zu suchen, dringt unser starker Mann allein in die Anlage ein, wird, nachdem er zusehen muss, wie seine Freundin gefoltert wird, einer Pistole habhaft und beginnt daraufhin damit, jede Menschenseele, die ihm in die Quere kommt, in blinder Rage über den Haufen zu schießen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass zu diesem Zeitpunkt längst der Spieler die Kontrolle über die Figur erlangt hat und folglich selbst in blinder Rage alles über den Haufen schießt, was ihm in die Quere kommt… Und makabre Achievements sammelt, beispielsweise für die meisten Kopfschüsse und möglichst viele Todesschreie, ausgestoßen von Gegnern, die von einer Balustrade in die Tiefe stürzen. Zu meinem Bedauern lässt einem “Shadow Complex” aber auch kaum Alternativen – Umgehen lassen sich die böswilligen KI-Kameraden selten oder nie, nur schneller und effektiver dahinmeucheln, indem man zum Beispiel eine Granate mit Hilfe einer Art Rohrpostanlage in einen Raum voller nichtsahnender Feinde schießt. Ich kam mir zudem reichlich verhohnepiepelt vor, als die Hauptfigur erst einen Monolog darüber hielt, wie sein streng patriotisch eingestellter Vater ihm trotz seines, im Gegensatz dazu, pazifistischen Wesens eine militärische Ausbildung und Erziehung hatte angedeihen lassen und im gleichen Atemzug eine Schusswaffe von Tisch nahm und wie ein routinierter Killer durchludt.

Screenshot - Shadow Complex

Die, wenngleich viel zu leicht zu bewältigenden, Zusammenstöße mit Bossen wie, aus einem anderen complexen Universum bekannten, Spinnen-Robotern sind eine willkommene Abwechslung zum Einerlei der häufig gleich ablaufenden Scharmützel mit Fußsoldaten in deren in Beton gegossenen Mannschaftsquartieren oder schmutzigen industriellen Produktionsstraßen für Kriegsgerät. Sie können jedoch leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass “Shadow Complex”, anders als vielfach behauptet, mehr mit ausgelutschten Unreal Engine-basierten Konsolen-Shootern gemein hat, als einem lieb sein kann und im Schatten von Über-Spielen wie “Metroid” und “Castlevania” ziemlich blass aussieht. Das betrifft sowohl das Setting wie auch das eigentliche Spielgeschehen: Die verschiedenen Primärwaffen, die man im Verlauf der Geschichte findet, unterscheiden sich so gut wie gar nicht, allein das automatische Zielen verbessert sich, wenn man auf ein neues Modell stößt. Ginge es nach mir, wäre das Spiel mit Taser-Gewehr, Betäubungs-Armbrust, dem “Zero-Point Energy Field Manipulator” aus dem “Half-Life 2”-Finale, einer mit Schall operierenden Knarre und Ähnlichem ausgestattet, anstatt mit einem Super-Schrotgewehr, das mit zwei Schüssen jeden Gegner plättet und, für sich genommen, interessante Gerätschaften wie die Schaum-Kanone, sowie Raketenwerfer und Nahkampf-Angriffe, obsolet macht. Womöglich sieht es aber auf einem höheren Schwierigkeitsgrad auch ganz anders aus.

Wie im offensichtlichen Vorbild “Super Metroid” trifft man auch in “Shadow Complex” auf allerlei Türen und Durchgänge, die einem verschlossen bleiben, sofern man noch nicht den Raketenwerfer, die Schaumkanone, die Raketen-(Doppel-)Sprung-Stiefel oder die Anzug-Steuerung zum Rennen mit Überschall-Geschwindigkeit gefunden hat. Doch richtig im Verborgenen liegen diese Geheimgänge nie – Wer jede Abzweigung auskundschaftet, findet zwangsläufig jeden verborgenen Raum, so etwas wie Samus’ Röntgenblick ist bedauerlicherweise nicht vonnöten. Von so etwas wie dem invertierten Schloss aus “Castlevania: Symphony of the Night” ist das Spiel leider ebenfalls Welten entfernt.

Was “Shadow Complex” trotz exzellenter technischer Ausarbeitung, vom merkwürdigen Sprung-Verhalten in engen Schächten einmal abgesehen, im Vergleich mit teilweise schon über zehn Jahre alten Vertretern des “Metroidvania”-Genres eher zu einem Rückschritt, denn zu einem Fortschritt macht, ist die fehlende Finesse. Das Spiel besitzt einfach keinen Pfiff, abstrahiert zu wenig und distanziert sich nicht genug von den vielen charakterlosen Action-Games, die wie vom Fließband auf den Markt geworfen werden. “Shadow Complex” hat zu wenig Alien-Drachen, Luftschlösser und Portale in eine andere, phantasievollere Dimension und stattdessen zu viele Plugs und Pitches für die Bücher eines homophoben Sekten-Anhängers. Obwohl ich gegenüber gleichgeschlechtlichen Ehen, dem uneingeschränkten Recht zur Adoption von Kindern durch schwule Pärchen und so fort positiv eingestellt bin, würde ich nicht so weit gehen und zu einem Boykott des Spieles raten, wer aber die weiter oben im Text erwähnten Titel für SNES und PS One, erhältlich für Nintendos “Virtual Console” und “Xbox Live Arcade”, bisher noch nicht gespielt hat, sollte dies vielleicht vor dem Kauf von “Shadow Complex” erst einmal nachholen.

Screenshot - Shadow Complex

altChristian ist zurückhaltender:

Shadow Complex ist für mich ein kleines Phänomen. Und ein Rätsel. Ein sehr großes sogar. Habe ich im Vorfeld der Veröffentlichung eher wenig Interesse an Chairs Sidescroller entwickeln können und seinerzeit noch geglaubt, ständig peripher von links und rechts Schmähäußerungen der Marke Das-kann-doch-eh-nichts-werden zu vernehmen, traf mich eines schönen Release-Tages dann abends regelrecht der Schlag, als ich meine Xbox 360 einschaltete. Was war da los? Wie konnte das sein? Zum Einen tummelten sich da plötzlich so viele aktive Spieler wie noch nie in meiner Freundesliste (in der Regel fröhnen die meisten Avatare dort ja die meiste Zeit über dem gesunden Tiefstschlaf), zum anderen musste ich mir kurz die Frage stellen, ob es vielleicht irgendwie den Xbox-Live-Server zerschossen hat, der für die Anzeige der aktuell durch Freunde gespielten Games zuständig ist. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund war nahezu überall das Shadow Complex Cover zu sehen.

Mal kurz einen Blick in die bisherigen Reviews geworfen und festgestellt: Hmm, scheint sich ja doch zu lohnen. Vielleicht sollte ich mir das also auch mal herunterladen. Gedacht, durchgeführt und kurze Zeit drauf stehe ich am bereits von Nille beschriebenen Einstiegspunkt ins eigentliche Spiel, der Lichtung mit dem Jeep und so. Da mein geschätzter polynesischer Mitspieler bereits alles relevante in Sachen Story, Design und Spielspiel treffend abgefrühstückt hat, erspare ich euch lästiges Backtracking und komme lieber direkt zum Wesentlichen und werde mal wieder meiner Rolle als ewig nörgelnder, völlig unfähiger Spielehasser gerecht. Ich  habe schließlich einen Ruf zu verlieren.

Seit Turrican (beliebiger Teil) und Jim Power ist mir eigentlich kein großartiger 2D-Sidescroll-Jump’n’Run-Shooter untergekommen, der mich wirklich von vorne bis hinten motivieren konnte, mich bis zum finalen Bossfight durchzubeißen und dem Herren Oberbösewicht mal so richtig fein ins allerwerteste Popöchen zu treten. Das mag vor allem am eindeutigen Mangel an derlei Spielen liegen. Von daher war ich schon sehr froh, dass Shadow Complex es auf Anhieb geschafft hat, mich zumindest soweit anzufixen, die Haupt“story“ einmal komplett durchzuspielen. Zu viel mehr aber auch nicht. In der Folge entwickelte sich der Shooter für mich zu einem kurzweiligen, gut ausbalancierten vergnüglichen Zeitvertreib, der es verstand, ein paar Stunden Freizeit-Leerlauf auf unterhaltsame Weise zu füllen.

alt

Was indes parallel zu meinen eigenen bescheidenen Spielerlebnissen in Twitter und sonstwo abging, stellte mich vor ein Rätsel. Plötzlich wurde von überall her genörgelt, der normale Schwierigkeitsgrad sei viiiiieeeel zu leicht (nein, ist er nicht), man müsse den Komplex unbedingt auf superdupermegabadass (oder wie das hier heißt) durchspielen und an alle goldenden Knarren kommen und überhaupt: wer Shadow Complex nicht zu absolut 100% absolviert, dabei den höchsten Level erreicht und absolut restlos sämtliche vorhandenen versteckten Extras und Räume entdeckt habe… Nun, der habe Shadow Complex eben gar nicht richtig gespielt. WTF?

Also gut, ich gestehe: Ich habe Shadow Complex nicht richtig gespielt. Und warum? Weil mir dieser ständig wieder aufgekochte Sammelwahn nicht liegt. Das ist auch der Grund, warum ich es weitestgehend vermeide, Rollenspiele zu spielen (oder falls doch zumindest zusehe, dass ich möglichst schnell und ohne allzu große Verluste durch die Hauptstory rausche). Von MMOGs mal ganz zu schweigen. Ich habe einfach keine Lust, tausendmal durch ein bestimmtes Areal zu laufen und mir immer und immer und immer wieder die gleichen, ständig aufs neue spawnenden Gegnerhorden vom Hals zu schaffen, nur um noch ein weiteres mal durch einen bereits xmal beschrittenen Korridor laufen zu dürfen, um an irgendeiner Stelle mit einer Waffe, die ich vor drei Stunden noch nicht hatte, Munition für eben diese freizulegen.

Oder ist Euch das gar nicht aufgefallen? Interessanterweise findet man in Räumen, die mit Granaten aufgesprengt werden müssen nämlich genau was? Richtig: Granatenpacks. Entsprechend liefern freigeschäumte Verstecke Schaum etc. pp. Oder hin und wieder halt mal Goldbarren oder Schlüsselkarten, die jeweils für die Hauptquest völlig irrelevant sind. Einzig die Healthpacks wissen einem wirklich weiterzuhelfen, denn bis auf wenige Ausnahmen reicht es völlig, wenn man mit seiner gerade aktuellen Bleispritze und den Granaten bewaffnet alles umpflügt, was nicht bei drei von allein tot umfällt.

Seien wir mal ganz ehrlich: warum also sollte ich so scharf darauf sein, mir für all diesen unnützen Kram ein paar Stunden langweiliger Backtracking-Action aufzuhalsen? Für ein paar popelige Achievements? Zur eigenen Genugtuung? Für das Gefühl, irgendetwas erreicht zu haben? Wenn ich was erreichen will, pflanze ich Bäume und spare für die Erfüllung meines Weltreise-Traums, aber ich sammle keinen virtuellen Nippes.

Solche Spielmechanismen erschließen sich mir einfach nicht und werden es wohl auch nie. Für mich sind Videospiele Mittel zur interaktiven Unterhaltung, zum Abschalten, zum Seele baumeln lassen, zum Rückzug aus dem Alltag und der Notwendigkeit, mit anderen Menschen zu interagieren, um einfach mal eine Stunde lang nichts sehen und hören zu müssen, was nicht unmittelbar mit meinem eigenen Spielerlebnis zu tun hat. Da brauche ich dann auch keine permanenten Hinweise darauf, dass ich gerade bei X Soldaten mehr als Freund Y aus meiner Freundesliste für zerplatzende Köpfe gesorgt habe. Und noch weniger brauche ich optionale Spielaufgaben, die in nichts anderes als Arbeit ausarten. Schon komisch: in der Schule war es immer eine Strafarbeit, auf dem Schulhof mit Müllsack und Picker bewaffnet stundenlang Zeugs vom Boden aufzuklauben… Bei Videospielen schreien aber in aller Regelmäßigkeit plötzlich alle ganz laut „Hier! Ich! Ich will! Mehr davon!“.

Kurzum: ich habe Shadow Complex offenbar nicht verstanden und will es auch gar nicht. Spaß hatte ich aber trotzdem irgendwie. Achja: Der finale Bosskampf war wirklich viel zu leicht!


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9 Kommentare

  1. 3ba - 11.09.2009 18:06

    Die Demo hat mir schon nicht gefallen. Jeder beliebige Castlevania und Metroid Teil ist um längen besser. (ausser vielleicht die Arcade Version von Castlevania…) Hatte mich auf eine Wiederbelebung des 2d Castleroid Genres gefreut, die Vollversion dann aber nicht geladen. Da das Spiel aber wohl ein voller Erfolg ist, sind besseren Titeln ja Tür und Tor geöffnet. Kann Nille in allen Punkten zustimmen.

    Kommt von Euch ein Trials hd Artikel?

  2. Nille - 11.09.2009 19:04

    „Kommt von Euch ein Trials HD-Artikel?“

    Von mir eigentlich nicht..

    Obwohl: Ich dachte, ich hätte mal etwas über „Trials 2: Second Edition“ geschrieben, das ziemlich ähnlich ist, nur anscheinend habe ich mich da geirrt. :'(

  3. Einzelspieler - 11.09.2009 20:16

    Ich stimme Christian zu. Shadow Complex ist eigentlich ganz nett, kann trotz ausgelutschter Story eine Weile motivieren und leidet nur zum Ende hin unter nervigem Backtracking und dem Zwang bestimmte, über die ganze Karte verteilte, Objekte finden zu müssen, um die Story abschließen zu können. Als störend für die Atmosphäre empfand ich auch die respawnenden Gegner. Können die Spieledesigner nicht mal ne konsistente Welt bauen!?

  4. jorl - 11.09.2009 21:19

    Ich kenne Metroid erst in 3D und Castelvenia war mit irgenwie zu cheesy (und ich hab’s auch erst vor kurzem mal anzocken können und wie das meist so ist mit altem Zeug: Hat man es damals nicht gespielt, findet man es höchstens geht so.)

    Ich bin aber gern mit Abe rumgelatscht und hatte viel Freude mit Heart of Darkness und natürlich mit meinem absoluten Lieblingsspiel Flashback. Wie schlägt sich der Complex denn mit diesen Spielen im Vergleich. Mir schien es aufgrund der Demo etwas viel Geballer und wenig wirklich schöne Hüpfpassagen.

  5. Cody - 12.09.2009 14:40

    Habs Shadow Complex seit einiger Zeit durch. Hat mir recht gut gefallen und die ein oder andere Idee/Szene/Umsetzung ist schon ganz nett (So zb.die Szene in der man in die kurz zuvor gefluteten Gänge hinabtaucht und jede Menge Wasserleichen findet die in herrlichsten Ragdoll-Animationen zu klassischer Musik unter Wasser treiben) aber unterm Strich wird das Game dem Hype nicht wirklich gerecht.

  6. Nille - 12.09.2009 14:55

    Im Vergleich zu Spielen wie „Flash Back“ hat „Shadow Complex“ in der Tat etwas viel Geballer und wenig wirklich schöne Hüpfpassagen.

    Einige interessante Abschnitte, die einem ein wenig mehr Geschick abverlangen, tun sich einem allerdings auf, wenn man sich auf die Jagd nach 100% der Items begibt (werter Herr Levelboss). ;)

  7. Mnemonic - 13.09.2009 10:36

    Achievements sind der Teufel!

    Ich wünsche mir so sehr, daß dieser Lebenszeitverschwender wieder von der Bildfläche verschwindet. Aber auch nur, weil ich damit nicht umgehen kann. Vorgestern noch 10 Stunden damit verbracht um EINS (!) zu sammeln, bis mir danach die Sinnlosigkeit meines Tuns bewußt wurde. Seufz!

  8. SpielerZwei - 13.09.2009 11:35

    Mal davon abgesehen, dass ich Shadow Complex nicht gespielt habe, teile ich Christians Meinung zu den Achievements zu 100%. Ich versuche zwar, im Gegensatz zu Christian, von einem Spiel schon beim 1. Durchlauf so viel wie möglich zu sehen/schaffen und nicht einfach durchzurennen, aber das war es dann auch.

  9. Christian - 14.09.2009 10:52

    Es ist nicht so, dass ich nicht auch möglichst viel von einem Spiel sehen will. Wenn es in einem Level/Abschnitt/Whatever Wegverzweigungen und alle Möglichen Entdeckungen gibt, bin ich auch kein Kostverächter und versuche möglichst viel zu erkunden. Wenn ich aber tausendmal hin und her laufen muss um irgendwelche Gegenstände zu bergen, die ich nicht wirklich brauche, nur um eine schöne Statistik zu bekommen… dann verzichte ich wirklich herzlich gerne.

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