Die Geschichte einer Liebe

Als ich Dich das erste Mal kennengelernt hatte, da standest Du ein wenig unauffällig in der Ecke herum. Kein Mauerblümchen, nein, aber Du hast Dich auch nicht mit aller Gewalt in den Vordergrund gedrängt. Du standest einfach nur da und ich musste Dich plötzlich dumm von der Seite anquatschen, obwohl das sonst so gar nicht meine Art ist.

Du hast dann aufgeblickt, mich freundlich angelächelt und Dich dann an diesem Abend lange und ausführlich NUR MIT MIR unterhalten. Gut unterhalten. Sehr, sehr gut unterhalten. Und wenn ich mich mit jemandem so gut unterhalten kann, dann macht mich das mehr an als jedes tief ausgeschnittene Dekolleté oder jeder schmollende Erdbeermund. Und als der Morgen anbrach und wir plötzlich feststellten, dass die Party eigentlich längst vorüber war, da hast Du mir Deine Telefonnummer gegeben und gesagt, wenn ich mehr wolle, dann solle ich anrufen.

Ich wollte mehr. Ich habe angerufen. Ich habe mehr bekommen. Mehr von Dir. Mehr als ich jemals zu träumen wagte.

Ein Jahr später waren wir ein Paar. Ein Paar für’s Leben. Für immer!

Dann habe ich Dich gefragt, ob Du mich heiraten wolltest. Du hast „Ja“ gesagt und als wir später, nach atemlosen Stunden inniger Zweisamkeit, in unserem Lieblingsrestaurant saßen, da hast Du so gestrahlt, hast so schön ausgesehen, dass sich JEDER nach Dir umdrehen musste. Und ich war kein bisschen eifersüchtig. Denn Du hast „Ja“ gesagt. Du und ich, für immer.

Als Du zum ersten Mal Hochzeitskleider anprobiert hattest, konnte ich mich fast nicht zurückhalten und hatte große Mühe, einen Impuls zu unterdrücken, Dir noch im Laden das Kleid wieder vom Leib zu reissen. Nie hattest Du besser ausgesehen.

Der Catering-Service war nicht gut genug, also haben wir uns auf die Suche nach einem neuen für die Hochzeitsfeier gemacht. Der Blumenladen hatte nur verwelktes Unkraut, also sind wir sogar in die andere Stadt gefahren, weil das Angebot dort besser war. Auch wollten wir nicht irgendwann heiraten, sondern zu unserem Wunschdatum. Nichts war mir zu aufwendig, nichts zu mühselig. Denn Du warst meine große Liebe, nein, DIE große Liebe, die man nur einmal im Leben hat.

Dein Anruf, dass Du vollkommen unzufrieden mit dem Hochzeitskleid bist, so nicht in die Öffentlichkeit treten kannst, Deine Stimme so kurz vor dem Heulkrampf … ich bin zu Dir gefahren und habe die geladenen Gäste einfach stehen lassen. Sollen sie doch tuscheln, sollen sie doch rumnölen. Ich heirate ja nicht sie, sondern Dich!

Die Hochzeit sollte dann nächstes Jahr stattfinden. Größer, schöner und lustiger als Ausgleich für die Enttäuschungen, die wir den Gästen bereiten mussten. Du hattest auch ein Auge auf ein neues Hochzeitskleid geworfen, in dem Du so großartig aussahst, dass ich kurz geblendet meine Augen schliessen musste. Nachts, als Du neben mir schliefst, habe ich von dem Tag geträumt, an dem ich neben Dir stehe und der Geistliche mir erlaubt, Dich jetzt küssen zu dürfen.

Ein Jahr später bist Du plötzlich in ein Taxi gestiegen und weggefahren, anstatt mit mir vor den Altar zu gehen. Du hast Dich danach entschuldigt. Es sei Dir peinlich gewesen, die Gäste schon wieder zu versetzen, aber es wäre Dir einfach nicht möglich gewesen, vor all die Leute zu treten, weil Du Dich unwohl gefühlt hattest. Ich habe eine Stunde gebraucht, bis ich wieder normal mit Dir reden konnte. Ich habe erst einen Tag später Deine Entschuldigung angenommen. Nachts, als ich wach neben Dir lag, habe ich zum ersten Mal daran gezweifelt, ob Du tatsächlich mit mir jemals vor dem Altar stehen würdest. Nicht, weil Du nicht konntest, sondern weil Du vielleicht nicht wolltest?

Am nächsten Tag hatte ich Dich gefragt, ob Du mich noch heiraten wolltest. Du hast Dir Zeit gelassen mit einer Antwort. Dann kamen nur Ausflüchte. Dass Du mich immer noch lieben, dass wir für immer zusammen durch das Leben gehen würden, aber dass Du für eine Hochzeit noch nicht bereits wärst. Du hast gefagt, ob Du Zeit zum Überlegen bekommen würdest. Ich habe „Ja“ gesagt, weil ich Dich nicht verlieren wollte. Ich habe „Ja“ gesagt, obwohl mein Herz blutend und zuckend unter den Absätzen Deiner Stiefel am Boden lag. Ich habe Dich damals immer noch geliebt.

Einen Monat später bist Du ausgezogen, weil Du „Freiraum zum Überlegen“ brauchtest. Ich habe Dich dann gefragt, ob Du mich noch brauchen würdest. Du hast mich nur angeschaut, hast einen Tick zu lange gezögert bis Du „J-Ja“ sagtest und bist dann einfach zur Tür hinausgegangen. In dieser Nacht lag ich irgendwann in einer Ecke des Wohnzimmers, stockbesoffen und habe überhaupt nichts mehr gedacht oder geträumt.

Ab und zu hast Du mir dann eine SMS geschickt, dass es Dir gut gehe und Du Fortschritte bei der „Entscheidungsfindung“ machen würdest. Schön für Dich …

Vor kurzem hast Du mir einen Brief geschrieben und einige Bilder von Dir beigelegt. Ein anderer Stil, ein anderer Look. Dir würde es gut gehen. Du wärest bald bereit für eine Hochzeit und würdest Dich freuen, wenn wir uns nach so langer Zeit wiedersehen könnten. Ich habe den Brief nicht gelesen, die Bilder nicht angeschaut. Ein Bekannter hatte den Brief aus dem Papierkorb gefischt und mir vorgelesen, mir die Bilder beschrieben. Ich habe ihn dann gebeten, derartiges in Zukunft zu unterlassen.

Gestern habe ich erfahren, dass Du bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen bist.

Komisch, keine Trauer, nicht einmal Wehmut. Zwar schöne Erinnerungen, aber nur Postkarten-Erinnerungen, die man kurz betrachtet und dann wieder wegsteckt.

Vorbei. Für immer!

 


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5 Kommentare

  1. Puschel - 10.05.2009 21:53

    Kann man um etwas trauern, dass schon so lange als vermisst galt? Egal. Den Blick nach vorne gerichtet, stelle ich fest, dass jetzt doch etwas fehlt. Welcher Titel übernimmt jetzt die Rolle des beharrlichen Fixsterns in den Ankündigungslisten? Gran Turismo für die PSP, Blizzards Ghost oder das längst erwartete Guitar Hero: Pink Floyd?

  2. ness - 11.05.2009 16:31

    Wirklich toll geschriebener Artikel.

    Vielleicht war der Tod beim Verkehrsunfall auch nur eine voreilige Meldung aufgrund des verletzten Zustandes, und vielleicht bekommt ein Krankenhaus sie auch wieder hin ;).

  3. SpielerZwei - 11.05.2009 17:27

    Starcraft: Ghost ist doch auch schon vor langer Zeit offiziell für Tot erklärt worden, oder?

  4. Puschel - 11.05.2009 18:05

    Nein, Ghost wird under cover weiter entwickelt. Andere Verlautbarungen dienen nur der Ablenkung. Daran habe ich keinen Zweifel … und es wird ein PS3-Exklusivtitel sein.

  5. SeniorGamer - 11.05.2009 19:19

    „vielleicht, vielleicht“ …

    Nö. Tot ist tot. Und wenn ich selber den Stecker vom Beatmungsgerät ziehen muss :)

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