Fanservice Galore

Als ein weiterer Teil der LEGO-Serie von Traveller’s Tales ist LEGO Marvel Super Heroes ein solider Eintrag. Es ist eine Art Remix aus LEGO Batman 2 und LEGO City Undercover, allerdings ohne deren Höhepunkte oder Innovationen.

Als Videospiel im Marvel-Universum ist es jedoch das Beste, was in den letzten Jahren veröffentlicht wurde. Absoluter Fanservice Galore!

Ich bin seit ungefähr 15 Jahren mehr oder weniger raus aus der Comic-Szene, aber damals hatte ich in beiden Superhelden-Lagern Serien, die mir gefielen, und auch viele, mit denen ich weniger anfangen konnte. Ich war also weder ein ausgesprochener DC-, noch Marvel-Jünger. In den letzten Jahren finden Superhelden für mich allerdings fast nur noch im Kino statt. Und genau hier zeigt Marvel dem Konkurrenten DC dermaßen den Stinkefinger, dass ich mich inzwischen durchaus als Marvel-Fan bezeichnen würde. Insbesondere der kongenial aufgebaute Filmreigen rund um die Avengers, neuerdings auch durch Joss „Firefly“ Whedons neue TV-Serie „Agents of S.H.I.E.L.D.“ flankiert, funktioniert mit all seinen Zusammenhängen, Querverweisen und Cameos großartig und ist in dieser Form absolut einzigartig.

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Bei den Videospielen sieht es jedoch anders aus. Mal davon abgesehen, dass wirkliche gute Comic-Versoftungen ohnehin Mangelware sind, würde ich hier eher DC leicht vorne sehen, was in erster Linie der Verdienst der letzten Batman-Spiele ist. Es gibt zwar wesentlich mehr Videospiele, die auf Marvel- als DC-Charakteren beruhen, aber leider waren gefühlte 99% davon mittelmäßig bis schrottig. Und genau das macht LEGO Marvel Super Heroes umso großartiger!

Und sie sind alle dabei: Die Avengers, S.H.I.E.L.D., Spider-Man, die X-Men, die Fantastic Four und auch etwas weniger prominente Figuren wie z.B. Blade, Deadpool, Galactus oder Ant-Man. Selbstverständlich sind auch alle entsprechenden Villains dabei. Sogar Stan Lee himself hat (wie auch in den meisten Filmen) seinen Cameo-Auftritt im Spiel. Alles in allem kann der geneigte Marvel-Fan 155 Charaktere freischalten und selbstverständlich auch spielen.

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Wie schon erwähnt, ist das Spiel losgelöst vom Marvel-Fandom „nur“ ein solides TT-LEGO-Spiel ohne erwähnenswerte Neuerungen, was es in dieser Hinsicht im Vergleich zu den letzten Titeln ein wenig blass aussehen lässt. Auf der technischen Seite gibt es selbstverständlich das gewohnte Engine-Polishing: Beeindruckend ist zum Beispiel, dass der Absprung vom S.H.I.E.L.D.-Heli-Carrier, der in großer Höhe über dem Open-World-Manhattan schwebt und den Helden als Hauptquartier dient, absolut ohne störende Übergänge oder gar Ladebildschirme funktioniert. Und auch Grafik sowie Charakter-Animationen sind noch einen Tick besser geworden. Auf der anderen Seite war ich aber doch etwas enttäuscht, dass die von mir gespielte Wii U-Version des Spiels nicht großartig angepasst wurde. Der Touchscreen wird lediglich für die Karte und den Figurenwechsel benutzt. Da hätte ich nach LEGO City Undercover doch etwas mehr erwartet, zumal man ja alle Tools dafür quasi im Haus (sprich: bei den Kollegen von TT Fusion) gehabt hätte.

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Und dann gibt es noch zwei Punkte, bei denen das Spiel im Vergleich mit den direkten Vorgängern sogar einen Schritt zurück geht:

Zum Einen ist das Manhattan im Spiel deutlich kleiner als die Open-World in LEGO City. Es wurden zwar viele Dinge aus Letzterem übernommen, so wirkt die Spielwelt nun z.B. durch unzählige Gimmicks und NPCs deutlich lebendiger als noch in Batman 2, aber unterm Strich wirkt LEGO-Manhattan doch eher überschaubar und ist gefühlt sogar etwas kleiner als LEGO-Gotham vor eineinhalb Jahren.

Und zum Anderen funktioniert die Singleplayer-Kampagne für mich story-mäßig nicht so richtig. Dadurch, dass man so viele Heroes und Villains wie möglich in der Geschichte unterbringen wollte, gibt es quasi im Fünf-Minuten-Takt eine absurde Wendung nach der anderen. Das ist zwar bisweilen auch ganz spaßig, führt aber zwangsläufig dazu, dass die Story insgesamt recht holprig daherkommt. Das haben die DC Super Heroes seinerzeit deutlich besser hinbekommen, weil man sich dort in der Story auf weniger Figuren konzentrierte und den Rest der Bande für das freie Open-World-Gameplay aufhob.

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Aber trotz der etwas stolpernden Singleplayer-Story wurde das Entscheidende doch richtig gemacht: Die Charaktere wurden wieder alle großartig in Szene gesetzt! Vorausgesetzt, man kann auch über seine Helden lachen, wird bei Marvel-Fans bestimmt kein Auge trocken bleiben. Ich habe mich beispielsweise weggeschmissen, als Hulk etwas im Internet googeln wollte und dabei nicht nur die Tastatur, sondern gleich den ganzen Schreibtisch geschrottet hat. Klar, das ist total albern, aber so knuffig animiert, dass ich echt Tränen gelacht habe. In die gleiche Kerbe schlagen auch Dinge wie die Siegesfeier im Stark-Tower, bei der Iron Man und Iron Patriot auf der Tanzfläche gemeinsam den Robot Dance geben. Andererseits gibt es aber auch viele subtile Gags, die speziell für die aufmerksamen Fans gedacht sind: So fragt zum Beispiel Captain America Johnny „Die Fackel“ Storm, ob sie sich nicht irgendwoher kennen würden (beide Figuren wurden im Kino von Chris Evans gespielt!). Und an anderer Stelle seufzt Agent Coulson, dass er gerne die Selbstheilungsfähigkeit von Wolverine hätte (, was auf seinen Tod im ersten Avengers-Film und die anschließende Auferstehung in der S.H.I.E.L.D.-Serie anspielt). Das Humor-Spektrum reicht also wie gewohnt von albernem Slapstick bis zum cleveren Insider-Joke, ist den Figuren gegenüber aber immer respektvoll und trifft genau den richtigen Punkt, was deren Charakterisierung betrifft.

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Am Ende noch eine deutliche Warnung vor der deutschen Synchronisation: Die ist leider scheiße! Keine Ahnung wieso, aber LEGO Marvel Super Heroes wurde für den hiesigen Markt wirklich richtig schlecht vertont. Wählt also lieber gleich von Anfang an die englische Sprachausgabe. Hier wird zwar, mit Ausnahme von Agent Coulson, der wie im Kino und der S.H.I.E.L.D.-Serie von Clark Gregg übernommen wird, auch keine Figur von ihrem Original-Schauspieler gesprochen, aber trotzdem machen die Sprecher einen richtig guten Job. Und als Soundtrack gibt es alle Original-Themen der Filme von Iron Man bis Avengers!

Also, wie heißt es in der GameStar immer so schön? – „Marvel- und TT-Fans greifen zu, alle anderen schmieren Brote…“


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