The Walking Dead Season 2 Episode 1

Wie viel noch?

Eine spoilerfreie Besprechung zu The Walking Dead: Season 2 – Episode 1 erscheint mir dahingehend schwachsinnig, dass ein Spiel, das derart stark auf durch Story und Interaktion erzeugte Gefühle wie das hier vorliegende setzt, schlicht nicht ohne starken Bezug auf die Geschichte rezensiert werden kann. Da wir bei Polyneux aber ein Wohlfühlblog™ sind, gibt’s ausnahmsweise die Doppelpackung: Ein Mal mit, ein Mal ohne Spoiler. Bitte lest erstere nur, wenn ihr mit dem Spiel bereits durch seid.

Spoilerfrei

The Walking Dead: Season 2 – Episode 1 ist ein 3rd-Person-Adventure im Comic-Look, dessen Geschichte auf den Entscheidungen, die ihr trefft, aufbaut. Es hat sich weder grafisch noch spielerisch gegenüber seinen Vorgängern weiterentwickelt. Ihr übernehmt die Rolle des Mädchens Clementine und versucht, nach dem Ausbruch einer Zombie-Pandemie zu überleben. Die Spielzeit beträgt rund zwei Stunden.

Wertung: 09/10 Punkten (Achievement Unlocked: Nichtssagende Review schreiben. 0815 Gamerscore verdient.)

The Walking Dead: Season 2 - Episode 1

Spoiler

Wie viel kann ich eigentlich ertragen? Die Kleine wird von ihrer Begleiterin getrennt, ertrinkt fast, schleppt sich mit letzter Kraft zitternd durch einen Wald und selbst ein zunächst freundlich erscheinender Hund entpuppt sich wegen einer Dose Bohnen als rasendes Monstrum. Selbst vor drei äußerst schmerzhaften Nadelstichen, die sich das arme Kind beim Nähen einer Wunde selbst zufügen darf, bin ich nicht verschont geblieben. Wie viel noch? Wie viel? Und warum eigentlich?

„Warum“, das ist gar keine so leichte Frage, angesichts der Tatsache, dass der Begleiter aus Season 1 am Ende selbiger das Zeitliche gesegnet hat. Ob im Aktiv oder Passiv, habe ich damals entschieden. Der Tod war mein Geschenk an Lee. Dafür, dass er stets zu mir gehalten hat, mich aus jeder noch so üblen Scheiße gerettet und nicht aufgegeben hat, bis wir am Ziel – Savannah – waren. Dafür konnte ich ihn nicht elendig verrecken lassen, als er da lag und klar war, dass er sich nun zum Untoten wandeln würde. Ich musste es tun. Alles andere wäre unmenschlich gewesen, undankbar.

Nun fehlt Lee und damit stellt sich die Frage: warum? Warum noch weitermachen? Warum nicht einfach hinlegen und sterben? Wohin soll die Reise überhaupt noch gehen, wo doch eh alles so sinnlos erscheint? Vor allem aber: Wie weitermachen, wo der wichtigste Bezugspunkt fehlt? Wie macht Telltale weiter, nun, wo die Story nicht mehr auf der Bindung zwischen Lee und Clementine aufbauen kann, sondern die Kleine allein unterwegs ist?

Nun, mit Episode 1 der zweiten Staffel haben sich die Entwickler wohl dazu entschieden, statt positiver zwischenmenschlicher Gefühle dem Negativen jede Menge Raum zu geben. Denn wenn es etwas gibt, dass ich nach den ersten zwei Stunden mit dem neuen Walking Dead empfinde, dann nur kalten Hass. Hass auf die Dreckschweine, die Clementine im Wald überfallen, Hass auf die Typen, die ihr nicht glauben, dass sie von einem Hund gebissen worden ist und sie statt zu sich ins warme Blockhaus mitzunehmen und verarzten, lieber eine Nacht im Schuppen nebenan verbringen lassen. Hass auf die schwangere Frau in der Gruppe, die Clem grundlos hasst, sie loswerden will, die egoistisch wie nochwas handelt, nur weil sie ein Kind im Bauch trägt und deshalb glaubt, sich dererlei Verhalten rausnehmen zu können.

Oh, eine Möglichkeit zum philosophischen Diskurs! Da haben wir sie ja schon. Ist das ungeborene Leben der Schwangeren mehr wert als Clems? Gibt es ihr das Recht, das kleine Mädchen als Klotz am Bein anzusehen, als weiteren Verbraucher knapper Ressourcen? Was ist eigentlich aus diesen Typen geworden, nun wo die Welt am Arsch ist? Sie verhalten sich nicht sozial, halten nicht zusammen, arbeiten nicht zusammen, sondern schauen weiterhin, dass jeder zu seinem Recht kommt. Selbst am Vorabend des letzten Tages sind sie die gleichen Idioten wie immer geblieben.

Schön, das Spiel beherrsche ich auch und so habe ich mich bewusst dazu entschieden, diese erste Runde mit der ersten Episode auf die „ehrliche“ Tour durchzuziehen. Clem nicht lügen zu lassen, Clem sehr wohl auch mal trotzig „Ich bin verletzt und brauche Hilfe!“ rauskotzen zu lassen, Clem so etwas wie „erwachsen“ zu spielen, falls man erwachsen als „Sie weiß, was sie will“ begreift. Nicht egoistisch, nein. Als ich die Dose Bohnen gefunden habe, war mir klar, dass ich sie mit dem Hund teilen würde. Blöd nur, dass der Hund das mit dem Teilen anders sah und mich attackierte. Als ich ihn abgewehrt hatte und er jämmerlich winselnd dahinröchelte, war mir klar, dass ich ihn töten würde. Weil es menschlich ist, zumindest meiner Interpretation von Menschlichkeit nach. Niemand soll durch „meine“ Clementine zu Schaden kommen, niemand soll leiden. Allerdings soll auch niemand glauben, dass er sie wie Dreck behandeln darf. Wenn sie angegriffen wird, wehrt sie sich. Nun, da Lee nicht mehr da ist, um die Drecksarbeit zu machen, muss sie eben selbst in die Abgründe schauen. Sie wird schon keiner davon werden. Das war das Mission Statement und auf diese Art habe ich die erste Episode auch erlebt. Gesunder Egoismus.

The Walking Dead: Season 2 - Episode 1

Dazu gehört auch, dass ich nicht mehr nehme, als ich brauche. Als die Gelegenheit besteht, eine Uhr zu klauen, greife ich nicht zu. Was soll ich auch mit so einer verdammten Uhr? Vermutlich werde ich es in einer der folgenden Episoden noch bitter bereuen.

Bereuen werde ich sicher auch, dass ich am Ende der ersten Folge nicht den harten, alten Mann gerettet habe, sondern den jungen Typen, der mich davor aus Versehen beinahe umgelegt hätte. Er hat sich für diesen Fauxpas entschuldigt und als die Wahl bestand, habe ich die Entschuldigung auch angenommen – hey, wir sind immer noch coole Typen und der Schuss ging ja glücklicherweise in den Boden, also Schwamm drüber. Als wir Gelegenheit hatten zu sprechen, habe ich ihn als sensibel kennengelernt. Klar, dass der Alte schlecht über ihn redet und mit Toughguy-Genuss erzählt, wie er mal wollte, dass der Kleine einen Hirsch umlegt und der es nicht fertigbrachte. Und dann muss ich mich entscheiden: Rette ich den Alten, der offensichtlich (oder doch nur vielleicht?) gebissen wurde oder rette ich den zögerlichen Jungen, der noch Munition hat (was später von Bedeutung sein könnte) und genauso Hilfe braucht?

Wie immer bleiben nur wenige Sekunden zum entscheiden und dieses Rezept funktioniert weiterhin ganz gut. Es baut Stress auf, es führt dazu, intuitiv statt taktisch vorzugehen. Es erzählt letztlich auch eine Menge über mich selbst. Ich mag zum Beispiel Weicheier, habe ein Herz für die Schwachen, für die, die von anderen verhöhnt werden. Und nein, ich hasse keine Schwangeren. Ich hasse Egoismus. Sollte sich das Verhältnis zu dieser Frau in einer der folgenden Episoden nicht merklich bessern, werde ich – sollte je die Wahl bestehen – nicht eine Sekunde zögern. Oder doch? Ich weiß es noch nicht.

Denn letztlich ist ohnehin jede Entscheidung mit negativen Konsequenzen verbunden. Das war schon im Vorgänger so. Was macht der Junge, nachdem ich mich für ihn statt den Alten entscheide? Er disst mich, warum ich nicht den anderen gerettet hätte. Dankbarkeit? Fehlanzeige. Vor dem geistigen Auge bauen sich bereits die Folgekonflikte auf, die dann mit Episode 2 demnächst stattfinden werden: Man wird mich fragen, warum ich nicht den Alten gerettet habe, der eine oder andere wird mich dafür (noch mehr) ablehnen, andere wiederum werden sich für mich entscheiden.

Denn trotz all der Finsternis in Episode 1 gab es auch Liebe. Die fand zwar nur in Form kleiner Blicke statt, bestenfalls zwischen den Zeilen, wenn Clementine am Esstisch von Lee erzählt, davon, wie sie ihn erschossen hat (die Entscheidungen aus der ersten Staffel fließen in die zweite ein, sehr gut gemacht, Telltale!) und ihr Gesprächspartner traurige Zustimmung äußert. Nun hat Clem also wieder eine Gruppe. Wer davon wird es packen? Und vor allem: was werden sie überhaupt packen? Eine Reise wohin? Aus welchem Grund? Es sind noch jede Menge Fragen offen und die sorgen dafür, dass ich Teil zwei zwar die gleichen Schwächen wie Teil eins vorhalten könnte (seien wir ehrlich: die Psychospielchen sind durchschaubar, die Konflikte dahinter – etwa welches Leben wertvoller ist – auch keine neuen), das aber nicht tue, weil ich derart arg für zwei Stunden im Spiel versunken bin, dass es schlicht Wichtigeres gibt, als über vermeintliche Unzulänglichkeiten zu mosern. Dass The Walking Dead das ein weiteres Mal geschafft hat, rechne ich dem Titel hoch an, zeigt es doch letztlich eins: eine gute Story und Emotionen gewinnen. Immer.


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2 Kommentare

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  2. alfreddy - 04.02.2014 10:57

    Ich finde Walking Dead einfach Klasse, endlich mal eine Serie in der auch die Darsteller durchwechseln bzw. umkommen ;-) So wird es nicht so schnell langweilig, obwohl es auch unötige Folgen gibt.
    Das Spiel ist trotzdem gelungen, hab es bisher nur bei einem Kumpel gezockt, aber es macht schon gut Stimmung.

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