Per aspera ad astra

Als ich mich an einem Dienstagabend im Mai im zwanzigsten Stockwerk, etwa hundert Meter über dem Hafen befand, da fühlte ich mich “Super Mario” plötzlich ganz nah. Die Wolken hingen tief, es wehte eine so steife Brise, so dass man das Gefühl bekam, selbst dagegen ankämpfen zu müssen, um nicht von der Terrasse geweht zu werden. Die hell erleuchteten Schiffe, die langsam das Hafenbecken durchquerten, hätten mit etwas Phantasie Kometen sein können, die das Sonnensystem kreuzten und die vielen einzelnen Fenster der Stadt, die sich bis zum Horizont unter einem ausbreitete, konnte man glatt mit den Sternen am Firmament verwechseln, das Stadion mit den tausenden ameisengroßen betrunkenen Zuschauern mit einer Supernova einer explodierenden Sonne. Das alles könnte der Grund gewesen sein… Oder aber, dass Nintendo zum Testspielen von “Super Mario Galaxy 2” eingeladen und ein gutes Dutzend Wii-Konsolen im Raum verteilt hatte, die alle lautstark Geräusche aus dem Spiel in den Äther hinein plärrten.

Auf gemütlichen Sofas, ohne verhungern zu müssen, immer mit einem freundlichen Menschen im Nintendo-Pulli in Reichweite und ausreichend Zeit hätte ich theoretisch die Möglichkeit gehabt, ganz in Ruhe die ersten drei Welten von “Super Mario Galaxy 2” durchzuspielen. In der Praxis, jedoch, setzte ich mich, nachdem ich die ersten drei oder vier Levels wieder und wieder und wieder von Neuem beginnen musste, lieber hinüber zu Jonathan und seinem Kollegen von MarioFans.de, der mich schon im vergangenen Jahr mit seinen Fähigkeiten in “New Super Mario Bros. Wii” schwer beeindruckt hatte. Es stellte sich heraus, dass dies die beste Entscheidung des Abends gewesen war. Denn ich, als jemand, der sich immer noch nicht sicher ist, in welche Hand er die Wiimote und in welche den Nunchuck nehmen soll, hätte allein niemals so viel vom Spiel gesehen. Auf mich trifft die Aussage Miyamotos, man würde in “Super Mario Galaxy 2” in Situationen geraten, in denen man sich am Spiel auch einmal die Zähne ausbeißen könnte, also durchaus zu. Bis auf einige wenige der anwesenden Journalisten schaffte es dann auch niemand, die ersten drei Welten des Spiels komplett durchzuspielen.

Ich war auch ziemlich froh, dass mir nicht ständig in aller Öffentlichkeit der kosmische Assistent beim Spielen unter die Arme greifen musste. Ähnlich wie in “NSMB Wii” kann man, wenn man sich all zu doof anstellt (wenn man denn möchte) das Spiel auf Autopilot stellen und sich über besonders schwierige Passagen hinweg helfen lassen. Hat man dann später ein wenig seines zuvor verpufften Selbstbewusstseins wiedergewonnen, kann man auch wieder selbst die Kontrolle übernehmen, bekommt jedoch nur einen bronzefarbenen Stern, sofern man das Level nicht gänzlich aus eigener Kraft erfolgreich abschließt. Eine weitere Neuerung, die mir ins Auge stach, ist der leicht verbesserte 2-Spieler-Modus: Als Sozius darf man nun nicht mehr nur die bunten Sternensplitter einsammeln, die sich überall in Gebüschen, Blumenbeeten, Schneehügeln und so fort verstecken, man kann sie auch, mit Hilfe des B-Knopfes, wieder zurück ins Spielgeschehen feuern. So ist man zum Beispiel in der Lage, für den Haupt-Spieler an bestimmten Stellen 1Up-Pilze erscheinen zu lassen, durch Einsammeln von Luftblasen unter Wasser den Vorrat an Atemluft wieder aufzustocken oder einige Gegnertypen dazu bewegen, sich für kurze Zeit vom Spieler fern zu halten.

Screenshot – Super Mario Galaxy 2

Wie gesagt, geübte Spielerinnen und Spieler werden die diversen kleinen Hilfsmittel nie benötigen und Leute wie Jonathan würden das Spiel vermutlich, so wie damals™ üblich, mit maximal drei Leben gleichzeitig auf dem Konto durchspielen können. Die Herausforderung für derartige Wiimote-Virtuosen liegt ganz wo anders als bei Spielern wie mir: Während ich einfach nur krampfhaft versuchte, unbeschadet zum nächsten Sternen-Tor zu gelangen, waren die geübteren Spieler hauptsächlich damit beschäftigt, an für mich unerreichbare Orte zu gelangen, alle großen Goldmünzen einzusammeln und den nächsten Kometen freizuschalten. Diese Kometen sind, ähnlich wie die Challenge-Maps in “Portal”, verschärfte Variationen bereits bekannter Level, in denen beispielsweise bereits die erste Berührung eines Bossgegners zum Game Over führt. Ich habe den Eindruck, Nintendo sei in jüngster Vergangenheit immer wieder sehr darauf erpicht, mit ein und denselben Titeln Hardcore- wie Gelegenheitsspieler gleichermaßen anzusprechen – Angesichts des ausgeprägten Casual-Image der Wii eine gute Entscheidung, wie ich finde.

Inhaltlich sollte man von “Super Mario Galaxy 2” nicht viel Neues erwarten, was jedoch nicht als all zu harsche Kritik angesehen werden sollte. Nicht umsonst genießt der Vorgänger-Titel den Ruf, eines der besten Wii-Spiele überhaupt zu sein. Neu ist, dass Mario zwei neue Anzüge spendiert bekommen hat. Wolken-Mario ist in der Lage, genau das, nämlich eine begrenzte Anzahl Wolken, zu erschaffen, die er kurzfristig als Plattform verwenden kann, und Steinpilz-Mario wird nicht etwa zum Gourmand, sondern kann mit seinem harten Panzer Barrieren durchbrechen. Luigi hat auch ein Gastspiel und über weite Strecken des Spiels wird einem als treuer Begleiter Yoshi an die Seite gestellt. Yoshi erhält durch den Verzehr verschiedener Items besondere Fähigkeiten, wie das Schweben in der Luft und einen Turbo-Modus. Doch fundamentale Neuerungen, die nie da gewesene Spielmechaniken einführen, sucht man vergeblich – Im Gegenteil: All zu oft fühlte ich mich an andere Nintendo-Titel wie zum Beispiel die “Zelda”-Spiele erinnert und gerade, wenn der versteinerte Mario zusammengekauert durch die Level rollte, fühlte ich mich stark an den Power-Ball aus “Metroid” erinnert.

So ganz passen die in den verschiedenen Levels zu erledigenden Aufgaben nicht zu meinem persönlichen Bild von einem modernen “Mario”-Spiel, obwohl die “Super Mario Galaxy”-Spiele durchaus in die richtige Richtung zeigen. Sie zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie explizit den dreidimensionalen Raum nutzen (was sonst nur sehr wenige andere Spiele tun). Man bewegt sich nicht einfach nur auf einer planen Ebene, sondern befindet sich auch manchmal auf der Oberfläche einer Kugel. Anstatt nur von Plattform zu Plattform zu hüpfen, springt Mario auch gelegentlich von Planet zu Planet. Ich hätte mir gewünscht, derartige Szenarien viel, viel häufiger vorzufinden. Davon abgesehen halte ich “Super Mario Galaxy 2” übrigens für eines der hübschesten Wii-Spiele, das sich mit seinen klaren Texturen und dezenten, aber sehr schönen Partikel-Effekten durchaus mit Spielen, die auf leistungsfähigeren Plattformen erschienen sind, messen kann.


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14 Kommentare

  1. Missingno. - 02.06.2010 17:57

    Eine weitere Neuerung, die mir ins Auge stach, ist der leicht verbesserte 2-Spieler-Modus: Als Sozius darf man nun nicht mehr nur die bunten Sternensplitter einsammeln, die sich überall in Gebüschen, Blumenbeeten, Schneehügeln und so fort verstecken, man kann sie auch, mit Hilfe des B-Knopfes, wieder zurück ins Spielgeschehen feuern.

    Ähm… das geht schon im ersten Teil:
    – Sternensplitter aufsammeln
    – Sternensplitter verschießen
    – (die meisten) Gegner anhalten
    – Mario hüpfen lassen (aka Spieler 1 das virtuelle Leben aushauchen / schwer machen)

  2. Nille - 02.06.2010 18:15

    Ah, okay.. Danke für den Nachtrag. SMG 1 habe ich wirklich nur sporadisch gespielt. Und das auch nur allein.

  3. Manu - 02.06.2010 20:49

    i’m psyched!

  4. ness - 05.06.2010 11:13

    Ich bin schon richtig heiß auf das Spiel, allein weil es ja wirklich besser als der erste Teil sein soll, welcher ja bereits genial war :D.

  5. comer - 05.06.2010 19:47

    Ich muß zugeben, daß ich als damaliger Amiga Besitzer hin und wieder etwas neidisch Richtung SNES geschielt hatte, und das allein wegen der zahlreichen nintendoeigenen Games.

    Und auch heute komme ich immer mehr in Versuchung mir so eine japanische Kiste ins Wohnzimmer zu stellen und die ganzen Hits (angefangen von den Gamecube Klassikern bis zu Mario Galaxy 2) nachzuholen.

    Gerade Mario Galaxy riecht geradezu nach Spielspaß pur.

  6. Manu - 06.06.2010 11:25

    Also man kann Nintendo ja finden, wie man will. Aber wie comer richtig sagt: Auch wenn man sich die Konsolen NUR für die First-Party-Spiele kauft, lohnt es sich bereits. Mario, Zelda, Metroid… An den großen Serien führt meiner Meinung nach kein Weg vorbei als Gamer.

  7. ness - 11.06.2010 14:34

    Ich spiele es bereits seit gestern und nach der ersten Welt finde ich: Es ist abwechslungsreicher, origineller, schöner, schlichtweg besser als der erste Teil ;.

  8. Nille - 11.06.2010 19:09

    Ich kann ja mal eine kleine Anekdote ausplaudern: Hinter den Kulissen haben wir darüber dabattiert, ob man SMG nun als „eines der besten Wii-Spiele überhaupt“ oder „eines der besten SPIELE überhaupt“ bezeichnen sollte. ;)

  9. Manu - 14.06.2010 08:47

    Also ich bin jetzt bei Welt 5 angekommen und es ist wie erwartet grandios. Grandios Abwechslungsreich und auch noch mal eine. Tick besser als der erste Teil. Allerdings fühlt es sich für mich eher wie ein Mission-Pack an, nicht wie ein zweiter Teil. Es spielt sich einfach zu ähnlich und sieht zu gleich aus. Aber das ist meckern auf extrem hohem Niveau. Einziger Schwachpunkt: Yoshi kommt mir persönlich zu selten ins Spiel. Ansonsten echt wieder viele, viele, wunderbare Ideen dabei. Es darf ruhig noch ein paar Mission-Discs in dem Stile geben.

  10. ness - 15.06.2010 19:02

    Zitat:

    Es spielt sich einfach zu ähnlich und sieht zu gleich aus.

    Kann ich bei den letzten 3 Welten nachvollziehen, bei den ersten 3 aber ganz und garnicht, denn dort spielt es sich für mich noch ziemlich einzigartig, was vor allem an den neuen Items, Yoshi und der Abwechslung liegt. Leider erinnert es in den angesprochenen, folgenden Welten wirklich zu sehr an den Vorgänger, was ein wenig schade ist.

  11. SpielerZwei - 20.06.2010 17:53

    Habe zwar bisher nur 27 Sterne, aber würde schon sagen, dass es dem Vorgänger mindestens ebenbürtig ist. Einzig die Präsentation der Story ist weniger schön als in SMG. Dieses Mal hat man die „The princess is in another castle“-Geschichte wirklich als eben solche präsentiert. Eigentlich nicht wichtig, aber ich fand schon, dass SMG irgendwie eine „zauberhafte“ Atmosphäre hatte, welche mir dieses Mal etwas fehlt…
    Gameplay und Leveldesign sind aber wieder absolut top!

  12. Mikkai - 14.07.2010 02:02

    Ich finde das Spiel bis jetzt sehr sehr Retorte. Alles mini, alles abgekanzelt, keine Entdeckungstouren, abgehakt, zu viel Sprechblasen, zu viel hineingequetscht, teilweise so arm an Interaktion und Übersicht wie bei Tony Hawk. Ganz schön schwach auf der Brust der gute Mario. Null Atmosphäre, ständiger Versuch des Knalleffekts, Design eine Nachgeburt der alten Marios, alles schon mal dan – die Entführung der Prinzessin-> das einzig Mariohafte in dieser Mehrfachvewendung von Inhalten. Aber das war in Galaxy 1 nicht anders. Unter Galaxy stell ich mir die Weitläufigkeit eines Fallout 3 oder Mario 64 vor – nicht diese Stecknadelkaop großen Klumpen Aliengestein. Dazwischen öde Sprechblasen, deren einzig Daseinsberechtigung das schnelle Wegklicken ist.

    Mikkai

  13. ness - 16.07.2010 15:04

    Aber das war in Galaxy 1 nicht anders.

    Und wieso spielst du dann den 2. Teil überhaupt? O_o

  14. Mikkai - 17.07.2010 01:45

    Um zu wissen, wovon ich schreibe.

    Mikka

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