I don’t remember eating calamari

Die weitestgehend unerschrockene Polyneux-Redaktion hat sich in die Untiefen des mafiösen Gangsterlebens der 40er und 50er Jahre begeben, um Zeugnis ablegen zu können von einem Leben zwischen Familie und Bordellbesuchen, gutem Essen und Leichenfledderei, Faustkämpfen und schweren Waffen, sowie dem blühenden Lifestyle auf den Straßen Empire Bays.

altDoreen: Ich kann mich noch sehr gut an den grandiosen Anfang in Mafia erinnern, als der Taxifahrer Tommy Angelo rauchend an seinem Wagen lehnte, welcher irgendwo am Straßenrand in Lost Heaven stand. Nach einem kurzen Intro befand man sich plötzlich schon in der ersten Mission, Kugeln pfiffen ihm um die Ohren und sein Taxi wurde durchsiebt, während seine beiden Fahrgäste ihm die Fahrrichtung zuriefen. Tommy wurde gezwungenermaßen zum Komplizen zweier zwielichtiger Mafiosi und diese Begegnung sollte sein ganzes Leben verändern. Ja, 2002 wusste man bereits, wie gute Videospiele beginnen sollten.

Mafia 2 beginnt zwar komplett anders, jedoch nicht unbedingt schlechter. Wir steuern Vito Scaletta, ein Marlon Brando-Doppelgänger aus jüngeren Jahren, der aufgrund einer Verletzung aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Wer die 1940er und die 1950er Jahre mag, kommt hier in fast jeder Hinsicht auf seine Kosten. Unser neues Lost Heaven heisst jetzt Empire Bay, ist riesengroß, frei begehbar, wunderschön und in einigen Gegenden auch etwas langweilig. Wie auch schon der Vorgänger ist Mafia 2 kein Sandbox-Spiel und das ist auch vollkommen in Ordnung. Es gibt keine, bzw. kaum Nebenmissionen, wir haben nur die Hauptstory, Autos, ein paar Klamottenläden und eine große Stadt, das wars. „Ja reicht das denn?“ – „Klar!“

Das reicht deshalb, da das Spiel auch nicht versucht, mehr zu sein. Hier gibt es nicht unzählige Ansätze von neuen Features, die dann eh nicht zu Ende gebracht oder nur schlecht umgesetzt wurden. Innovationen finden wir hier nicht, dafür bekommen wir Altbewährtes, welches in seiner Aufmachung zum größten Teil gut ist und außerdem ein Flair bietet, welchen man in vielen Spielen immernoch schmerzlich vermisst. Wir fahren in stylischen Oldtimern durch die Straßen, hören Bing Crosby oder lauschen den unterhaltsamen Radiomoderatoren. In Mafia 2 gibt es noch wahre Gentleman, die sich die Mühe machen und ein Auto noch mit einem Dietrich aufbrechen, anstatt einfach nur die Scheibe einzuschlagen. Und das Gefühl, seine gammlige Lederjacke gegen einen feinen Nadelstreifenanzug einzutauschen ist zwar im Prinzip unspektakulär, ich fands dennoch sehr reizvoll, da es einfach die Atmosphäre noch etwas unterstreicht.

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Ja, Mafia 2 hat mir viel Spaß bereitet, vor allem die zahlreichen Schusswechsel. Ich fands toll, wenn ich hinter einer Steinsäule Deckung fand und diese immer mehr zu bröckeln begann. Der mittlere Schwierigkeitsgrad war endlich mal wieder ausreichend herausfordernd, die fünfzehn Kapitel zwar allesamt etwas kurz, aber dafür abwechslungsreich genug. Sogar an der Gegner-KI kann man nicht viel aussetzen. Nur warum kann Mafia 2 seinem Vorgänger nicht ganz das Wasser reichen?

Es ist die Geschichte. Sie hat zu wenig Höhen und Tiefen, sie ist zu konstant mittelmäßig. Sie ist zu wenig Mafia, sie ist nicht düster genug und einen charismatischen Mafiaboss gibt es auch nicht. Es gibt Frauen die viel Haut zeigen, Vito und Co. gehen regelmäßig ins Bordell und Alkohol fliesst in Strömen. Sehr schade, dass zwischen all dem Halligalli die Liebe viel zu kurz kommt, die fehlt in der Geschichte an allen Ecken und Enden. Irgendwie sind alle Charaktere viel zu oberflächlig, selbst bei den beiden Freunden Vito und Joe entsteht die gesamte Spielzeit über zu wenig Tiefe. Und eine Liebesbeziehung hätte unserem Vito auch gut getan, um der ganzen Sache einfach mehr Reife und meinetwegen auch Romantik zu geben. So jedoch fragte ich mich die ganze Zeit über, für welche Ziele und Ideale hier eigentlich gekämpft wird. Über unsere „Familie“ bekommen wir zwischen den Kapiteln einfach zu wenig mit. Die einzelnen Abschnitte sind eher ein Flickwerk, zwischen denen immer mehrere Monate oder gar Jahre liegen, viel zu groß sind die Zeitsprünge dazwischen und dadurch bekommen wir Spieler überhaupt keinen Einblick über den Zusammenhalt und der familiären Stimmung innerhalb unserer Mafia. Das funktionierte im Vorgänger um Längen besser.

Trotzdem kann ich Mafia 2 die Storyhänger und die erzählerischen Schwächen verzeihen. In allen anderen Bereichen ist das Spiel toll und wem der erste Teil gefallen hat, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Und hey, an der sehr gelungenen deutschen Synchro können sich andere Studios mal eine große Scheibe von abschneiden. Jawohl!

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altEnk: Es gibt tatsächlich einiges, was man an Mafia 2 schlecht finden kann. Lineare Story ohne wirkliche Handlungsfreiheiten, Missionen, die zu 90% aus Herumfahren bestehen, eher holprige Third-Person Actionszenen… oder alleine schon die Tatsache, dass wir es hier mit einem wenig innovativen Sequel zu tun haben, das nicht viel mehr ist als eine grafisch auf den aktuellen Stand gebrachte Mission Disk.

Aber all das spielt keine Rolle mehr, wenn man erst einmal in die fantastische Welt der amerikanischen Mafia der vierziger und fünfziger Jahre eingetaucht ist. Es fängt mit einem großartigen stimmungsvollen Intro an, bei dem man sich vorstellt wie es wäre, wenn das ganze Spiel so hübsch aussehen würde. Und siehe da, das tut es auch. Die großartige In-Game-Grafik mit Schneegestöber, gleissendes Sonnenlicht, Lens Flare überall, der atmosphärisch dichte Score, vor allem aber die vielen liebevollen Details sorgen dafür, dass man sich inmitten eines opulenten Coppola- oder Scorcese- Films wähnt.

Für die perfekte Immersion sorgt auch, dass sich der Protagonist nicht hektisch von einer Actionsequenz zur nächsten ballert, sondern zwischendurch sehr alltägliche Dinge tut, z.B. mit seinen Mafiosi-Kollegen ins Bordell zu fahren um sich zu betrinken, und auf dem Rückweg rechts ranzufahren, damit der Kumpel sich auf dem Bürgersteig übergeben kann („I don’t remember eating Calamari„).

Schon der Einstieg in die Mafia-Karriere ist didaktisch einleuchtend aufbereitet: Man nimmt auf Wunsch der besorgten Mutter einen schlecht bezahlten Lagerarbeiterjob an, und darf dann stundenlang eigenhändig Kisten verladen. Und zwar so lange bis man sich entschließt, dass ehrliche Arbeit auf Dauer doch etwas zu langweilig ist, alles stehen lässt und geht.

Die liebevolle und detaillreiche Umsetzung tröstet auch darüber hinweg, dass man an vielen Stellen mit ein paar Klicks nur von einer Cutscene zur nächsten wechselt und ansonsten das Geschehen oft ohne großes eigenes Zutun abläuft. Oder dass man sich ab und zu mal einen Autopiloten wünscht, wenn man für eine Mission mal wieder quer durch die Stadt gurken muss. Die Story läßt kaum ein Mafia-Klischee aus, ist aber für Spiele-Verhältnisse großartig erzählt und hat einige wirklich filmreife dramatische Elemente. Größter Wermutstropfen ist allerdings ein böser Cliffhanger am Ende, bei dem eigentlich nur noch gefehlt hat, dass statt des Abspanns ein Bestellformular für Mafia 3 eingeblendet wird.

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altChristian: Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher beschleicht mich die Überzeugung, dass man Mafia 2 eigentlich kurz vor Release nochmal schnell hätte umbenennen müssen. In „The Italian Driver“, zum Beispiel. Oder nein, halt, noch besser: „The Italian Driving School“! Denn genau das ist es, was Ihr in Mafia 2 tut: Fahren! Und zwar stundenlang. Von Eurer Wohnung zu Euren Kumpels, von dort zu einer (meist spannenden, aber stets viel zu kurzen (!!!) Mission) und anschließend wieder zurück nach Hause. Manchmal auch noch mit einem kleinen Zwischenstop nach Abschluss eines Missionsteils. Zum Beispiel, wenn Ihr mit Euren Saufkumpanen noch schnell einen Zwischenstop im Park einlegen müsst, um eine überreife Mafioso-Leiche zu verbuddeln, oder um Euren alten Weggefährten Joe zum Arzt zu fahren.

Dabei lernt Ihr so einiges darüber, wie der Verkehr in Empire Bay funktioniert. Also zumindest der mit den Autos. Alles andere lernt Ihr zuhause. Jedenfalls läuft es folgendermaßen: Rasen ist grundsätzlich pfui. Zumindest wenn die Polizei in der Nähe ist. Ihr kennt das ja … Aber da die Polizei eigentlich immer irgendwo in der Nähe ist, dürft Ihr Rasen also als generell pfui ansehen. Rote Ampeln hingegen sind eher als Unterhaltungsfaktor anzusehen. Was sie machen? Nun … sie leuchten rot. Und sorgen hin und wieder für einen lustig-flapsigen Kommentar Eurer Mitfahrer. Die Polizei hingegen kümmert das wenig. Aber wehe, Ihr tretet auch nur einmal zu sehr das Gaspedal durch! Nur gut, dass die Entwickler mitgedacht und Eurem mit der Zeit üppig anwachsenden Fuhrpark ab Werk einen Tempomaten spendiert haben …

Und wenn Ihr mal nicht fahrt? Dann liefert Ihr Euch blutige Shootouts oder schaut Euch eine der unglaublich vielen Cutscenes an. Beides zusammen – Cutscenes und Shootouts – soll offenbar gemeinsam mit der vielen Fahrerei davon ablenken, dass Mafia 2 spielerisch kaum etwas zu bieten hat. Wie bereits erwähnt, sind die wirklich spielbaren Missionsteile abseits der Straße viel zu kurz. Zwar erfreulich abwechslungsreich, aber zu kurz. Unterm Strich läuft sowieso alles darauf hinaus, dass Ihr einfach alles abknallen müsst, was nicht bei 3 eine Pizza backt.

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Der Schwierigkeitsgrad dabei ist, wie schon von Doreen angesprochen, äußerst angenehm. Um aber zu kaschieren, wie kurz diese eigentlichen Spielpassagen wirklich sind, greift 2K Czech offenbar zum erbärmlichsten aller Spielzeit-Strecker und lässt die gegnerische KI hin und wieder einfach ganz fies cheaten. Ich möchte lieber gar nicht wissen, wie oft ich einen Missionsteil neu starten musste, weil mich in allerletzter Sekunde ein gegnerischer Headshot dahingerafft hat. Was OK wäre, wenn ich direkt an der gleichen Stelle wieder ins Spielgeschehen eingreifen dürfte. Darf ich aber nicht. Stattdessen muss ich wieder zurück zum Anfang der Mission. Glücklicherweise ohne die viele Fahrerei.

Das Cheaten der KI soll wohl auch über ihre nicht vorhandene Intelligenz hinwegtäuschen, die insbesondere in diversen Wegfindungs-Bugs ihre Abwesenheit beweist. À propos Bugs: Unvergesslich mein Erlebnis gegen Ende des 14. Kapitels, in dem ich meinen regungslosen Kumpel Joe einmal komplett durch einen Level schieben musste, um das Spiel überhaupt beenden zu können.

All diese kleineren und größeren Mängel und Schwächen haben es allerdings trotzdem nicht im Geringsten geschafft, mir meine Freude an Mafia 2 zu verderben. Ja, die Story mag nur Mittelmaß sein, die Verbindungen zwischen den einzelnen Familien eher unüberschaubar chaotisch und das Voranspringen in der Zeit wirkt etwas aufgesetzt. Aber, hey: diese Atmosphäre, diese konstant dichte, völlig einnehmende, nicht mehr loslassende Atmosphäre! An jeder Straßenecke in Empire Bay ist irgend etwas los, überall tobt das Leben, immer und überall bewegt sich was, interagieren KI-Passanten miteinander und machen die künstliche Welt im fiktiven New-York-Abklatsch zu einem lebendigen, atmenden Schauplatz nimmer endender Fifties-Retro-Glücksseeligkeit. Allein schon dafür, dass im Radio „I put a spell on you“ läuft, möchte man die Entwickler in den Arm nehmen und innig knuddeln. Treffender könnte ein Song unser Leben innerhalb der mafiösen Umtriebigkeiten in Empire Bay nicht beschreiben. „I put a spell on you,’cause you’re mine“ … es gibt kein Entkommen, es geht immer weiter. Die einzige Methode auszusteigen ist der Tod. Und dann dieses Cliffhanger-Ende … ich habe immer noch Gänsehaut.


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5 Kommentare

  1. Manu - 14.09.2010 21:59

    Das Headerbild kommt mir so bekannt vor, ist das nicht aus unserer Print-Ausgabe? ;D

  2. HomiSite - 15.09.2010 22:01

    Keine Comments? Na, deswegen: http://twitter.com/polyneux/status/24555575569 :-)

  3. jaja - 15.09.2010 23:02

    Naja, Mafia 2 ist wohl eines der Spiele, die den Polyneux Publikum nicht mehr als ein müdes Gähnen entlockt. Zu recht, wie ich finde.

  4. Daniel - 16.09.2010 12:58

    Es ist einfach sehr schade, wie durchschnittlich Mafia 2 geworden ist. Vielleicht bin ich auch schon verblendet, aber der erste Teil ist leider in vielen Bereichen besser. Da es sich um das gleiche Entwicklerteam handelt, kann ich mir die größtenteils öden Missionen nur durch starken Zeitdruck erklären. Zum Ende hin wird es besser, aber leider wird man das Gefühl nicht los, inhaltlich nur ein halbes Spiel gesehen zu haben.

  5. Missingno. - 18.09.2010 13:33

    Schöne Reviews. Danke an das Polyneux-Team!

    Ich selbst habe Mafia 2 nicht gespielt und werde es vermutlich auch nicht. Damals mit Mafia 1 bin ich nicht so ganz glücklich geworden. Ich habe etwa eine halbe Stunde gespielt und bereits fünf nervige Bugs gehabt. Angefangen von eher lustigen (Polizist bleibt bei meiner Verhaftung plötzlich stehen und alle meine Straftaten werden irgendwie ignoriert bis zu überfahren werden IM Auto) bis zu nervigen (parkendes Auto „geknackt“, steht danach in einer Straßenlaterne und bewegt sich kein Stück und ich kann nicht mehr aussteigen). Nee, da war GTA3 einfach früher da und hat sich genauso gespielt.

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