Einer für alle, keiner für mich: Einsamer Warhammer

Zehntausend Mal schieße ich in sein verfluchtes Gesicht. Er antwortet mit ungezügelter Gleichgültigkeit. Gibt einen Fick auf meine Pfeile. Zappelnd und fuchtelnd bösewichtet er herum, bis er – nicht mehr. Alles. Nicht mehr zappelt, fuchtelt oder bösewichtet. Ein mieser Haufen Pixel liegt an seiner Stelle und das Spiel geht weiter. Es heißt „Warhammer Vermutide 2“. Nur drei Minuten später ballere ich wieder zehntausend Pfeile. Ich fühle mich leer.

Einsamkeit heißt eine Stadt in Skyrim. Einsamkeit ist der Inhalt von „Warhammer Vermitaide 2“. Ich freue mich auf sie. Ich hasse sie. Das Highlight des Tages: Die Google-Suche nach dem korrekten Namen des Spiels. Bislang habe ich es zwei Mal falsch geschrieben. Falsch, wie dieses gottverfluchte Spiel, das ich liebe, liebe, liebe. Zehntausend Pfeile, again. Fuck that.

Was ist „Warhammer Vermintide 2“? Eine Orgie in Fleisch und Blut. Vier Spielerinnen und Spieler waten durch die Eingeweide von Orks, Untoten, Ratten, und untote Rattenorks haben Leisten über ihren Köpfen, die sie als Zwischen- oder Endgegner ausweisen. Sie verlangen nach Koordination, ich verlange nach zehntausend Pfeilen in ihre dreckigen Münder.

Wer „Left 4 Dead“ kennt, kann sich „Warhammer Vermintide 2“ vorstellen. Es ist dasselbe Spiel. Nur anders. Also komplett. Die Schrotflinten muss man austauschen gegen Bögen, die Baseballschläger gegen Schwerter. Gegenwart switchen mit Mittelalter-Fantasy. Herr-der-Ringe-Cosplayer werden feucht. Ein spielbarer Zwerg in „Warhammer Vermintide 2“ sieht aus wie Gimli. Oder ähnelt Gimli dem Zwerg aus Warhammer Vermintide 2? Ihr kerliges Grummeln grantelt mich. Gut und gerne hätte ich mich in einen Zwerg verlieben können, käme ich aus dem Phantasialand namens Warhammer, und er würde mich zärtlich „Hornythroin“ nennen, mit lüsterner Betonung auf der zweiten Silbe und mich mit seinem geflochtenen Bart lustvoll verdreschen. Zehntausend, ha!, keine Pfeile, die Zwerge ballern Bolzen aus der Armbrust.

Einsamkeit heißt eine Stadt in Skyrim. Ob man sich in ihr einsam fühlt? In „Warhammer Vermintide 2“ stellt sich diese Frage nicht. Mein Name prangt da. Es ist ein kooperatives Spiel. Drei andere und ich. An manchen Tagen begegne ich maximal mir selbst im Spiegel, oft nicht mal das, und dann soll ich plötzlich mit drei anderen Menschen Pixel schreddern? Das Problem ist: ich spiele nicht. Nicht hier. Nicht in „Warhammer Vermintide 2“. Verfluchtes „Warhammer Vermintide 2“, mit deinem silbengeschwängerten Namen, du Drecksstück, ich liebe dich. Bolzen! Ich bolze die Armbrust, zehntausend Mal.

Gelogen habe ich. Weil ich „Warhammer Vermintide 2“ gar nicht liebe. Eine Ausrede ist das, damit ich meine Spielzeit rechtfertigen kann. Damit ich mir morgens nach dem Zähneputzen, einer senilen Jukebox gleich, erklären kann, warum ich mich freiwillig einsam fühle. Nichts anderes erlebe ich in diesem Spiel. Es beginnt, eine neue Runde, und ich wähle eine von fünf Figuren, die ich dann steuere. Wieder gelogen: ich hechle hinterher. Ziel des Spiels: hinterherrennen. Und shooten, verdammte zehntausend Pfeile in jeder neuen Runde.

Ich übertreibe nicht. In „Warhammer Vermintide 2“ rennst du, und das 90 Prozent der Zeit, vielleicht auch nur 85, bin da unsicher. In der übrigen Zeit hackst und knüppelst und feuerst du auf hunderte Gegner, zum Tod tausender Kreaturen wandelst du dich. Höflich anklopfen und um Sterben bitten ist nicht deine Art, nein, du bumst die zehntausend Pfeile in die Fressen tosender Ungeheuer.

Weil alle anderen rennen, renne ich auch. Wie so ein verdammter Mitläufer. Widerlich. Will das Spiel von mir, dass ich renne oder zwingen meine Mitspieler*innen mich dazu? Hübsch sieht die Welt nicht aus. Eine frühe Version von Thüringen, nur mit weniger Nazis. Dafür keuchen da mehr Ratten. Für die habe ich zehntausend Pfeile parat.

Also spiele ich nicht in „Warhammer Vermintide 2“. Eine Stufe darunter, ich renne. Vor mir erahne ich die Konturen meiner Mitmenschen. Ihre Namen stehen unter meinem, und doch menschelt da nichts. Immer sind sie mir drei oder sechsundsechzig Schritte voraus. Offenbar kennen sie das Spiel, die Gegner, die Fallen. Mich wollen sie nicht kennenlernen, das haben sie klar gemacht. Schreibe ich in den Chat „please wait“, ignorieren sie mich. Zehntausend Meldungen für eure Hitler-Anspielungen in euren Steam-Namen, ihr Sittiche.

Ins Ballern stimme ich ein mit Kugeln. Tanze im Einklang mit Schrot und Kugel das Ballett des Todes. Im Warhammer-Universum gibt es Pistolen und Gewehre, sie pengen aber auch nicht anders als sonst. Eine Kugel schießen, bedeutet eine neue Waffe. Die Animation des Charakters verlangt das so, zumindest sieht das bei der Pistole so aus, seltsam sieht das aus. Zackboom, Waffe fallen lassen, nächste ziehen. Wusste ich auch nicht. War mir unbekannt. Dieser Wummen-Luxus, unglaublich. Zehntausend Knarren zieren den Boden.

Ich präge sie mir gut ein. Habe viel Zeit dafür. Stehe nur so rum. Die Mitspieler*innen wieder da vorne, ich hier. Wenn sie nicht kurz warten, hole ich sie nie ein, doch es scheint, der Stillstand bedeutet hier Tod, und deswegen sterbe ich jetzt lieber in diesem Spiel. Starre auf die Pistole, schöne Texturen, ja doch, hübsch, dann verlasse ich die Partie. Fickt euch zehntausend Mal.

In kaum einem Spiel habe ich bislang so viele Gegner gesehen. Außer in „Left 4 Dead“. „Warhammer Vermintide 2“ und „Left 4 Dead“, Geschwister im Abschlachten. Kann man dieses Genre so nennen? Schlachtungs-Rollenspiel? Man schlachtet nur, zumindest die, die schneller sind als ich; oder ich, wenn ich in eine Gruppe gerate, die zufällig noch unbefleckt ist, was Wissen und Ignoranz angeht. Dann kann ich kurz unendlich sein. Es geschieht viel zu selten. Worauf ich immer zählen kann: die zehntausend Pfeile, herrgottnochmal.

In den untersten Schwierigkeitsgraden – auch so ein urhässliches Wort – ist nicht viel nötig fürs gewinnen. Man kann sich untereinander nicht heilen, erst dann, wenn einer abkratzt, aber das Aufkratzen noch möglich ist. Mit einem Verband kann man den anderen helfen, nicht aber mit Heilungszaubern. Die Kategorien in diesem Spiel heißen Nahkämpfer, Fernkämpfer und Magiekämpfer, und sie alle kämpfen darum, in den am Ende aufpoppenden Statistiken die meisten zehntausend Schüsse geschossen zu haben.

In den höheren Modi der Schwierigkeit ist offenbar mehr Kommunikation gefragt. Seit zwei Minuten lache ich darüber. Wie soll ich denn dahin kommen? Die gucken ja nicht mal. Nicht nach hinten. Ob alle da sind. Bin ja nicht nur ich, der langsam ist. Vorne schreien Chaos-Truppen. Hinter uns Rattenmenschen. Es ist ein Elend, gespickt mit zehntausend Bolzen auf dem Schlachtfeld.

Einsamkeit heißt eine Stadt in Skyrim. Ist sie mein Geburtsort? Vielleicht hatte ich auch nur Pech. Passiert. Manchmal läuft es gut, so ganz plötzlich, also laufe ich, und wie ich laufe mit meiner Elfe geschwind dahin, dorthin, halte mit, alles zwischen dem Himmel und der Erde ist nun meins, und ich teile es mit drei anderen – wir werden eins, eins mit „Warhammer Vermintide 2“. Die Statistik zeigt mir: zehntausend Feinde ermordet. Rekord!

Viel zu selten passiert das. Ist es mir überhaupt passiert? Vielleicht habe ich geträumt. Als ich mal wieder den Anschluss verlor. Beginnt so die Einsamkeit, wenn man den Erfolg nicht nur sich selbst, sondern gerade den anderen wünscht? Denen, die man gar nicht kennt, sich vorstellt als leere, verwaschene Gesichter, und die Hoffnung darin besteht, statt der Leere bald ein Lächeln zu erblicken und gar der Grund dafür sein möchte, weil ich in zehntausend richtige Stellen meine Pfeile polterte?

Endet eine Runde, boxt das Loot die Wände einer geschreinerten Kiste. Ich fühle nichts. Bögen und Kolben, Schwerter und Schilde, das Mittelalterfest hat angerufen, will ihre Sachen wiederhaben, da hab ich gesagt: labert doch nicht, sagten sie: möge Odin dich holen. Hm? Soll er doch! Soll er kommen, dann spielen wir Schiffe versenken. Das Telefon tutet, war niemand dran, starre auf den Monitor, „Warhammer Vermintide 2“ läuft, nur ich nicht, ich will nicht laufen, will nach zehntausend nix mehr machen, nie wieder.

Den spießrutenlaufenden Navigationsgeräten an Startposition Eins, Zwei und Drei platzen vier oder fünf Adern, wenn sie auf mich warten müssen. Das passiert manchmal. Ein Fahrstuhl muss bedient werden, aber erst, wenn alle da sind, und ich bin meistens woanders. Nie am Ende, wohl aber am Ende meiner Kräfte. Mag nicht mehr. Mir diktieren lassen, wie schnell ich rennen muss und hecheln und prusten und schnaufen, nur damit die Runde nicht 20, sondern 18 Minuten dauert. Lasst mich hier, ich habe noch zehntausend Minuten Zeit.

Nur meiner Empathie ist es zu verdanken, dass ich manchmal doch den Fahrstuhl aufsuche. Bin dann ganz aufgeregt, weil Zweisamkeit, sogar mal zwei gerechnet, wie aufregend! Stehen wir also da, auf der Plattform, drei andere und ich. Die anonymen Einsamen am Ende der Welt. Schreibe in den Chat: „hey guys how are u“. Als Antwort erhalte ich: „…“, zehntausend Punkte, die der Gleichgültigkeit meinen Namen flüstern. Absender: „Warhammer Vermintide 2“.

In meinem Kopf drifte ich in dunkle Gefilde: den Rand der Spielwelt. Gucke, beobachte, bisschen hiervon, davon, bin allein, werde von Gegnern überrannt, fuchteln ihre angespitzte Unsicherheit vor meinem Bogen, antworte mit meinen zehntausend Pfeilen, bestimmt passiert es gleich, einfach so, ohne die Ahnung meiner Mitspieler*innen besiegen sie mich, bin dann tot, pixeltot, ist okay, wirklich, ich fühle ohnehin nichts mehr, gar nichts, null, bin da, aber nicht hier, ein Raum zwischen Spiel und Melancholie, ein abgeriegelter Spielplatz, und ich bin das Absperrband, alles gut – und dann hoppelt er durch die Meute der Feinde, sticht seine Lanze wie ein schwergepanzerter Harakiri-Igel, und er rettet mich, verdammter bester Freund, ist ganz schnell jetzt mein Freund geworden, jawoll, du toller Mensch, küsse zehntausend mal deine Wange!

Starre auf sein Spielersymbol am Bildschirmrand. „Bot“, steht da. Verschlucke mich. Huste. Dann ist das wohl so, denke ich. Es ist okay. Ausgerechnet ein Charakter, der vom Computer gesteuert wird, sorgt sich am meisten um mich in einem mittelalterlichen Fantasy-Rollenspiel. Sage mir zehntausendmal, dass ich das kann. Lieben, meine ich, das kann ich, ja sicher, ob Mensch oder Computer, bin da offen.

Einsamkeit heißt eine Stadt in Skyrim. Sie interessiert mich nicht mehr. Jetzt habe ich einen Freund, er dreht sich um, sorgt sich, und er wird gesteuert von einer künstlichen Intelligenz. Das ist schön, schön wie ein Reihenhaus, aber am Ende der Reihe, mit 50 Meter Abstand, inklusive Sicherheitszaun der Firma Rattenoger GmbH. Endlich kann ich dieses Spiel genießen, endlich kann ich meine Wertung abgeben: zehntausend Punkte.

Wie die Stadt in Skyrim heißt, habe ich vergessen.


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