Half-Good

Ich habe kürzlich die finale Release-Version von Black Mesa gespielt. Vor dem Kauf hatte ich allerdings ein wenig Angst, dass ich mich noch an zu viel vom Original erinnere, um wirklich nochmal Spaß damit zu haben. Es ist zwar schon 22 Jahre her, dass ich Half-Life gespielt habe, aber tatsächlich kann ich mich noch an sehr viele Details erinnern, die irgendwie alle mit dem zu tun haben, was Half-Life damals so sensationell machte: Das filmreife Storytelling, das in dieser Form kein anderer First-Person-Shooter vorher bot.

Aber dann kam alles ganz anders…

Das Crowbar Collective hat mit Black Mesa wirklich ein sehr gutes Remake von Half-Life abgeliefert. Kaum zu glauben, dass dies von einem kleinen Team von Hobbyisten bewerkstelligt wurde. Insbesondere die Veränderungen im Vergleich zum Original sind nahezu alle als Verbesserungen anzusehen. Am stärksten wirkt sich das beim komplett überarbeiteten Xen-Kapitel aus, denn dieses macht bei Black Mesa nun tatsächlich Spaß und ergibt auch inhaltlich mehr Sinn. Im Original Half-Life war Xen damals nämlich spielerisch, wie inhaltlich sehr schwach und ein ziemlich ärgerlicher Abschluss des Spiels.

Und da sind wir schon beim eigentlichen Anlass dieses Textes: Black Mesa war für mich, anders als erwartet, kein Problem, was die noch immer präsenten Erinnerungen bezüglich der Narration und Inszenierung von Half-Life angeht. All die großen und kleinen Momente wieder zu erleben, war wirklich nett, selbstverständlich nicht mehr so beeindruckend wie damals, aber trotzdem unterhaltsam. Stattdessen passierte aber etwas anderes. Black Mesa führte mir vor Augen, was ich schon lange vergessen hatte: Als FPS war Half-Life der Konkurrenz damals in vielen belangen hoffnungslos unterlegen. Mit Konkurrenz meine ich all die großartigen Shooter, die in den 90ern das Genre geprägt haben, vor allem die beiden Klassiker QUAKE II und Unreal, die beide kurz vorher erschienen sind und in fast allen Punkten (außer der bereits herausgestellten Narration) noch heute den Boden mit Half-Life aufwischen.

In Sachen Movement und Gunplay ist Half-Life für einen FPS schlicht Zweite Liga. Ständig bleibt man irgendwo hängen, fällt irgendwo runter oder schießt sich selbst mit dem Raketenwerfer in die Fresse, weil alles so hakelig und unpräzise ist. Man muss ständig schnellspeichern, weil hinter jeder Ecke die nächste Unzulänglichkeit in Movement und Leveldesign die Arbeit übernehmen kann, die eigentlich den Gegnern vorbehalten sein sollte. Und erst diese blöden Hüpf-, Schwimm- und Klettereinlagen, die so gar nicht gut von der Hand gehen wollen, weil Gordon sich so klobig wie ein betrunkener Gorilla bewegt. Die grundlegendsten Mechaniken, die ein FPS ausmachen sind einfach nicht wirklich gut umgesetzt.

Hinzu kommt die teils haarsträubende Führung des Spielers in vielen Levels. Ständig irrt man herum und sucht frustriert die eine Tür, die sich auch tatsächlich öffnen lässt, weil sich die Designer kein vernünftiges System dafür überlegt haben und einfach alle Türen gleich aussehen. Manchmal sind die Abschnitte viel zu verwinkelt und weitläufig, ohne dass es irgendeinen Sinn ergibt. Dabei ist Half-Life nicht mal ansatzweise Open-World, sondern ein klassisch-linearer Shooter. In den Sackgassen und unnützen Räumen gibt es keine Secrets, Schalter oder dergleichen zu finden, sie dienen scheinbar nur dazu, den Orientierungssinn des Spielers auf eine harte Probe zu stellen. Eine Karte gibt es natürlich nicht. Außerdem fühlt sich das Spiel nicht wie aus einem Guss an. Das Xen-Kapitel wurde bei Black Mesa zwar stark aufgewertet, aber einige andere Abschnitte (z.B. die Kraxelei durch die Müllentsorgungsanlage oder die Lagerhallen mit den Regierungs-Ninjas) wirken spielerisch immer noch wie Fremdkörper. Das kann man wohlwollen „abwechslungsreich“ nennen; ich nenne es einfach „aneinandergeklatscht“…

Half-Life war 1998 definitiv ein wichtiges Spiel, das dem Genre weitreichende Impulse gegeben hat. Ich zweifle seinen Status als Videospiel-Klassiker in keinster Weise an. Aber betrachtet man lediglich seine FPS-Mechaniken und das Leveldesign, dann ist es schon erstaunlich, dass sein Name immer noch so hochgehalten wird, wohingegen über das insgesamt viel gelungenere Unreal kaum noch jemand spricht. Anscheinend geht die kollektive Erinnerung nach so vielen Jahren sehr, sehr milde mit all seinen Unzulänglichkeiten um. Und das schließt auch mich mit ein, weil auch mir erst Black Mesa wieder ins Gedächtnis gerufen hat, wie sehr ich mich schon damals über viele Dinge in Half-Life geärgert habe. Über die Jahre hängengeblieben ist dann doch nur das, was toll an Half-Life war.

Aber wie schon erwähnt, geht es mir weder darum, die Arbeit vom Crowbar Collective zu schmälern, – denn Black Mesa ist wirklich ein klasse Fan-Remake geworden und die beste Möglichkeit, diesen Klassiker ggf. heute nachzuholen, – noch Half-Life selbst von seinem Thron zu schubsen, den es auf gewisse Weise sicher verdient hat. Ich finde es nur einfach spannend, wie das mit den Erinnerungen generell so funktioniert. Jeder kennt das von alten Leuten: „Früher war alles besser!“ – Aber könnte man in eine Zeitmaschine springen und Vergangenes wirklich noch einmal erleben, wäre die Erfahrung in vielen Fällen eine eher ernüchternde…


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2 Kommentare

  1. Gnu - 26.04.2020 23:34

    Half-Life! Meine beste Erinnerung. Nie zuvor und nie wieder habe ich mich so auf ein Spiel gefreut. Vor ein, zwei Jahren habe ich es gespielt und es hat wieder Spaß gemacht. Natürlich auch mit einem Haufen Nostalgie und viel Quick Save und Quick Load auf Xen.

    Black Mesa gebe ich sicher auch noch eine Chance.

  2. Waldemar - 07.05.2020 16:18

    Es ist erstaunlich, dass etwas so Aufwändiges und Gut gemachtes wie Black Mesa im Wesentlichen ein Fanprojekt ist. Und ich finde es toll, dass Valve es den Entwicklern erlaubte, es nicht nur zu machen, sondern es auch bei Steam zu verkaufen. Dies ist ein professionell gemachtes Spiel und wohl die beste Möglichkeit, die Ereignisse des ersten Half-Life auf einem modernen Gaming-PC zu erleben. Für einige wird das Original immer die beste Version von Half-Life sein, aber dies ist eine hervorragende Neuinterpretation, bei der die zugrunde liegenden Systeme von Half-Life 2 mit großer Wirkung eingesetzt werden. Es ist genauso aufregend wie 1998, sich durch die Black Mesa-Anlage zu kämpfen, während sie um euch herum in Stücke fällt.

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