Crème de la Game v.10 (Joe Motzko Edition)

So wie ich vor zwei Jahren aus dem PC-Aufrüstzyklus ausgetreten bin1), habe ich mich auch von der Idee verabschiedet, Spiele zum Vollpreis sofort zum oder kurz nach Erscheinen zu kaufen. 2010 habe ich mein persönliches Investitionsmodell vollständig zum Mißfallen der Spieleindustrie umgebaut: ich kaufe und verkaufe gebrauchte Spiele. Und ich bin stolz drauf! Gut, ich gehe nicht zu Gamestop oder ähnlichen, da scheint ja eher des Pudels Kern zu liegen. Ich verkloppe den ollen Krempel privat. Der Grund ist recht simpel: den Vollpreis sind sie mir für den Geschwindigkeitsvorteil einfach nicht mehr wert – auch bei Bestellungen aus dem nahen Ausland. Ich habe ohnehin noch einen großen Katalog alter und guter 360-Spiele aufzuholen, also mache ich mir da schon automatisch keinen Stress. Ich verstehe die Probleme der Industrie zwar, aber das ist ein „Verstehen“ im Sinne von „intellektuell erfassen“, nicht im Sinne von „Empathie“ oder „Mitleid“. Liebe Hersteller oder Publisher, wenn ihr meint, der einzige Weg mir die schnelle Anschaffung neuer Vollpreisspiele schmackhaft zu machen, wäre Exklusivcontent für Erstkäufer oder sogar Vorbestellerbonusscheisse, dann könnt ihr von mir aus gerne dieser Meinung sein. Aber ich meine, ihr könnt euch eure Incentives sonstwohin stecken. Das hier ist Kapitalismus, Baby – und ich darf mit dem Geldbeutel abstimmen. Falls diese Ködermethoden weitereskalieren und ich dann als Gebrauchtkäufer irgendwann nur noch bessere Demoversionen bekomme (oder die Lobbyarbeit der Contentmafia Gebrauchtkäufe sogar ins illegale Abseits stellt), dann lasst euch vorsorglich eins gesagt sein: euer Geschäftsmodell braucht Käufer – aber mein Lebensentwurf braucht keine Videospiele.

Was das mit dem Creme de la Game zu tun hat? Ich kann kaum etwas zu den aktuellen Titeln der vergangenen 12 Monate sagen. Gut, ein paar wenige standen mir durch Publisher zur Verfügung, aber die möchte ich wirklich nicht im Rahmen einer Topliste erwähnen. Aber kommen wir schnell zu den Spielen, die mir dieses Jahr einen besonderen Platz in meinem Herzen erobert haben:

Mass Effect
& Mass Effect 2, als Teil meiner Historien-Aufarbeitung. Das sind beides No-Brainer, Worte muss man da wohl nicht mehr verlieren. Als kleine Gegenleistung zu meinem Eingangs-Rant sei gesagt: beide Teile habe ich zum reduzierten Preis als OVP erworben, meine Kohle ging also direkt an die Primärquelle. Das war zwar geraume Zeit nach dem Release, aber so funktioniert das für mich hervorragend: ich habe die Titel für einen mir angemessen erscheinenen Preis gekauft und die Industrie hat noch was von meinem Geld. Mass Effect 2 ist sogar 2010 erschienen – whoot!

Saboteur – Der Schwanengesang von Pandemic. Ein großartiges Sandboxspiel in einem für dieses Genre einmaligen Setting. Gut, überall sonst habe ich den zweiten Weltkrieg so satt wie das Gesicht von unserem Verteidigungs-Gutti, aber hier greift ein Stilelement ins andere und ergibt ein für mich – pardon – Hammerspiel mit wunderschöner Spielmechanik und bisweilen großer Atmosphäre, weil dieses Spiel die französische Hauptstadt im wahrsten Sinne aus jeder Pore quillen lässt. Ein Umstand, der vor allem der spitzenmässigen Musik geschuldet ist, die die Wirkung der ästethischen schwarz-weissen Postkartenansichten drastisch verstärkt. Der New York-Verschnitt in GTA 4 ist detailverliebt bis zum Wahnsinn, aber diese virtuelle Version von Paris ist die pure, kitschige Hommage an eine Stadt, die in dieser Form nur als Echo einer Sehnsucht in den Köpfen der Leute existiert. Ihr glaubt, ich drehe total am Rad? Nehmt das: um das Spiel und seine Entwickler zu ehren, habe ich die scheissverfickte, nie endende Fliessband-Fleissarbeit auf mich genommen und mir jeden einzeln der 1000 Gamerpunkte einverleibt. Wer Saboteur nicht mag, ist ein herzloser Klotz, der keinen Gefallen daran findet, deutsche Hardware in die Luft zu jagen. Mist, ich glaub, ich muss mir mal den Soundtrack besorgen…

Borderlands – Irgendwie bin ich nur so halb-zufällig an dieses Spiel gekommen, aber ich war sofort „drauf“. Über Diablo habe ich ja immer gesagt, dass ich sofort unterschreiben würde, dass der Rythmus aus Killen/Looten/Leveln durchaus einen sehr klebrigen Unterhaltungsfaktor hat, mich dieses Monster-Totklicken aber furchtbar anödet. Und ich kann diese Fantasyscheisse im Grunde auch nicht mehr sehen. Und dann kommt Borderlands einfach angelatscht, versetzt das Spielgeschehen in „first person“ und drückt mir eine Shotgun in dieselben virtuellen Hände, die schon die Flinte in Doom gehalten haben. Für die Entscheidung, die Spielwelt statt in das üblich „realistische“ Graubraun hineinzumatschen, lieber Cellshading zu verwenden und im selben Zuge der ganzen Sache einen ordentlichen Schubser Richtung Sarkasmus zu geben, muss man Gearbox wohl die Füße küssen. Getreu dem Motto „peace through superior firepower“ spiele ich derzeit einen Level 25 Soldier und bin mal gespannt, ob mich vor dem großen Finale die Lust zum immergleichen Levelgrind verlässt. Bisher sieht das ü-ber-haupt nicht danach aus. Großes Spiel und noch größer ist der Verdienst, das Ding auch absolut Singleplayer-tauglich zu gestalten. Davor ziehe ich meinen Hut aus Skag-Leder.

Ein Spiel aus diesem Jahr, dass ich auf jeden Fall noch kaufen möchte? Red Dead Redemption! Das ich dem bei objektiver Betrachtung doch sehr wackligen rockstarschen Ansatz an das Sandbox-Spielprinzip verfallen bin, ist wohl kein besonderes Geheimnis mehr. Keine Ahnung, warum das so ist. Ich sehe mir ja auch immer noch jeden neuen James Bond-Film an. Jedenfalls werde ich im Jahre 2011 bestimmt die Pferde satteln.

Bestes Spiel, das leider kein Studio auf der Roadmap hat? Vampire Bloodlines 2. Verdammt, mir kommen schon wieder die Tränen. An dieser Stelle möchte ich euch zu einer Schweigeminute aufrufen und euch dann leise Richtung Steam bugsieren, damit ihr euch Bloodlines zulegt. Los, spendet ein paar eurer jämmerlichen Euros für das beste verbugte Spiel des Jahrzehnts.

Was hat mir das Spielejahr 2010 sonst noch gegeben, ausser einem Tritt in den Arsch in Form von enttäuschenden Reviews zu Mafia 2? Nun ja, zum Beispiel das Gefühl, dem großen Big-Budget-Videospielecrash wieder 365 Tage näher gekommen zu sein. Wovon ich rede? Na, ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass dieser absurd teure und innovationsbefreite Zyklus aus von in galaktischen Dimensionen überzogenen Projekten mit inzestgleich kopierten Spielblaupausen ewig so weiter geht? In einer Welt, in der niemand mehr merkt, ob er jetzt gerade Call of Duty oder doch Modern Warfare spielt. In einer Welt, in der – z.B. von diversen Steam-Auswertungen belegt – der Löwenanteil der Käufer ihre Spiele gar nicht durchspielt. In einer Welt, in der das iPhone die größte mobile Spieleplattform ist. Ich bin der Meinung, da wird sich in Zukunft einiges ändern. Kommt mal aus euren gallischen „Spiele-sind-Kunst“-Nerddörfern, in denen ihr als Kind in einen Kessel mit Seven Up gefallen seid: ihr seid die Aussenseiter. Schaut euch um, kein Schwein sonst interessiert sich dafür, ob Bioshock jetzt ein würdiger Nachfolger von System Shock ist oder ob Deus Ex 3 nächstes Jahr die Schmach seines Vorgängers ausbügelt. Konfuzius sagt, der allmächtige ROI wird die Spielewelt beinahe vollständig zum Casual-Markt transformieren; Popcap Games ist das Rollenmodell.

Aber eins ist klar: entgegen anderslautender Berichte wird der zynische alte Sack Grobi auch im Jahr 2011 noch mit großer Begeisterung Videospiele spielen. Dafür muss man nur nicht mehr bei jeder Ankündigung aus dem Unterhemd springen.

1) Und die Hersteller haben ihren Fokus auch verstellt. Eine Tatsache, die dem PC womöglich geholfen hat: lesen Sie mehr bei Rockpapershotgun.


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