In the end… does it really matter?

Casey Hudson, Director und Executive Producer der Mass Effect Reihe, begrüßt es, dass das Ende der Saga die Fans so stark polarisiert und sieht sich und sein Team bei Bioware dadurch in ihrer Entscheidung bestätigt. Ein “polarisierendes Ende” also? Nahezu alle Spieler finden den Abschluss der Geschichte absolut fürchterlich! Was ist daran bitte polarisierend, Mr. Hudson?

Aber keine Sorge, dies hier soll nicht der x-te Fanboy-Artikel über die unglaublich schlechten letzten Minuten des ansonsten großartigen Mass Effect 3 werden. Mich interessiert eine ganz andere Frage: Wie konnten so viele Publikationen trotz des Endes Höchstwertungen vergeben?

Die Einen halten die Auflösung schlicht für schlecht geschrieben, wobei ich persönlich die Formulierung „hingewichst“ favorisiere, die Anderen fantasieren sich in ihrer Fanboy-Verzweiflung eine vermeintlich geniale Meta-Ebene herbei, die im Netz unter dem Stichwort „Indoctrination Theory“ zu finden ist und mich frappierend an den Schwachsinn erinnert, mit dem sich seinerzeit schon fanatische Fans die vielen Plot Holes in Half-Life 2 schöngeredet haben. Die Einen haben eine fragwürdige Petition gestartet, Bioware möge doch gefälligst das Ende umschreiben, die Anderen sind überzeugt, dass das „wahre Ende“ ohnehin erst noch kommen wird; vermutlich in Form von entsprechendem DLC.

Während ich dieses Thema in den letzten Tagen interessiert verfolgte, beschlich mich immer mehr die Frage, wie es denn eigentlich sein kann, dass all die großen Games-Publikationen, die im Moment nicht müde werden, intensiv und möglichst „neutral“ über die ME3-Kontroverse zu berichten, wenige Tage zuvor sehr hohe, teilweise sogar perfekte Wertungen für das Spiel vergeben haben?

Mir fallen da spontan drei Erklärungsansätze ein:

A) Die Reviews wurden gekauft.

B) Die Reviewer haben das Spiel gar nicht bis zum Finale durchgespielt.

C) Die Reviewer waren der Ansicht, dass die dämliche Auflösung nichts daran ändert, dass Mass Effekt 3 bis dahin ein wirklich ausgezeichnetes Spiel ist und eine Abwertung daher nicht gerechtfertigt ist.

Ich will die Möglichkeiten A) und B) gar nicht ausschließen. Tatsächlich gehe ich sogar davon aus, dass sie in einigen Fällen ganz sicher zutreffen. Dazu passt auch, dass nur die ganz großen Magazine das Privileg hatten, einen Release-Day-Review zu veröffentlichen, während so unwichtige Querschläger wie wir Polynesen lediglich eine Presse-Kopie hatten, die erst am offiziellen Veröffentlichungstermin freigeschaltet wurde. Allerdings finde ich eine Diskussion dieser Möglichkeiten insofern nicht besonders spannend, da sie nur zu gut zu unser aller Klischee-Ansicht über die Berufsschreiber passen und am Ende wieder nur ein weiterer Mainstream-Presse-Bash dabei herauskäme.

Möglichkeit C) erscheint mir da ungleich interessanter. Es ist zwar nicht so, dass es für diese Erklärung besonders viele Belege gäbe. Ehrlich gesagt habe ich nicht einen einzigen Day-One-Review gelesen, der tatsächlich auf das enttäuschende Finale des Spiels eingegangen wäre, geschweige denn damit argumentierte, es sei für die Gesamtbewertung unerheblich. Aber immerhin bringt mich dies zu der Frage, wie ich selbst dazu stehe. Ist es legitim zu sagen, die letzten fünf Minuten eines Spiels seien insgesamt relativ unerheblich, wenn die 40+ Stunden zuvor unbestreitbar ganz großes Kino waren?

Kommt extrem auf das Spiel an, würde ich sagen. Ich habe schon sehr viele Spiele gespielt, die mich mit einer eher lauwarmen Auflösung der Geschichte haben dastehen lassen. Viele davon würde ich unterm Strich trotzdem als sehr gelungen bezeichnen. Das hat selbstverständlich auch damit zu tun, dass man sich als Gamer erfahrungsgemäß Dinge als halbwegs gelungene Story verkaufen lässt, die man dem Autoren in Form eines Romans oder Drehbuchs Rechts und Links um die Ohren hauen würde. Man ist relativ genügsam und freut sich meist schon, wenn die Motivation nicht nur aus „Rette die Prinzessin, Mario!“ besteht. Aber je besser ein Stoff ist, desto kritischer wird man automatisch auch. Man ist eher geneigt, einem RAGE seine klischeehafte Endzeit-Story durchgehen zu lassen als einem DX:HR sein zu zaghaftes Statement zum Transhumanismus. Ganz einfach deshalb, weil kaum jemand ein Spiel wie RAGE der Story wegen spielt, man aber sehr wohl entsprechende Erwartungen an ein neues Deus Ex Spiel hat.

Und genau aus diesem Grund ist es für mich auch sehr schwierig, die letzten paar Minuten von Mass Effect 3 einfach auszublenden. Ich habe die Mass Effect Trilogie nicht primär wegen ihres Gameplays gespielt und geliebt, sondern wegen ihres tollen Universums und der grandios erzählten Gesamtgeschichte. Hierbei will ich gar nicht unter den Tisch fallen lassen, dass sich die Serie in spielerischer Hinsicht von Teil zu Teil kontinuierlich verbessert hat. ME2 war spielerisch deutlich besser als ME1 und Teil 3 übertrifft beide zusammen noch einmal um Längen! Aber trotzdem war das Gameplay nie meine Motivation, die nächste Fortsetzung herbeizusehnen, sondern fast ausschließlich das Verlangen, das Universum weiter zu erkunden, liebgewonnene Charaktere wiederzutreffen und vor Allem zu erfahren, wie die Geschichte weiter geht. Und vor diesem Hintergrund wiegt ein so hingewichstes Ende schon deutlich schwerer als bei vielen anderen Spielen.

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Erschwerend kommt noch hinzu, wie die Geschichte erzählt wurde. Ein ganz wesentliches Element des Storytellings sind die Entscheidungen, die der Spieler im Verlauf der Geschichte zu treffen hat. Drei Spiele lang habe ich Entscheidungen von teilweise immenser Tragweite getroffen und hatte dadurch das Gefühl, meine eigene individuelle Geschichte zu steuern. Das fühlte sich weit über 100 Stunden äußerst gut an und trug nicht unwesentlich dazu bei, dass ich diese Serie so großartig fand. Am Ende nun festzustellen, dass all meine Entscheidungen nahezu keine Rolle spielen und auf drei lächerliche Endsequenzen hinauslaufen, die sich im wesentlichen nur durch die Farbe der Explosionen unterscheiden, aber ansonsten alle gleich dumm und unlogisch sind, ist schlicht weg ein Tritt in meine Eier.

Wiegen die unzähligen Stunden feinster Unterhaltung diesen abschließenden, ultimativen Tritt in die Weichteile auf? Kann ich unterm Strich darüber hinwegsehen, dass die Auflösung die Geschichte, die ich so lange für großartig hielt, die ich fünf Jahre lang mit Spannung verfolgt und subjektiv durch meine Entscheidungen in wesentlichen Punkten mitgeschrieben habe, im nachhinein zu einem grenzenlos infantilen Unsinn degradiert?

Nein. Nein, das kann ich wohl nicht. Aus dem einfachen Grund, dass ich keinen Gehirnradiergummi besitze und mir die Mass Effect Trilogie fortan als der vielleicht größte Windbeutel der Computerspielgeschichte in Erinnerung bleiben wird. Ja, es ist schon erstaunlich, was so ein paar Minuten am Ende eines Spiels alles ausmachen können. Es sind nur ein paar lächerliche Minuten am Abschluss einer Trilogie, die ich mehr als 100 Stunden mit Begeisterung spielte, aber letztendlich zählen sie doch…


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