Neulich auf der GamesCom

Hurra, wir verblöden

In the afternoon, we saw our first Blizzard orchestral performance of gamescom! The crowd was enchanted to hear songs from World of Warcraft, StarCraft II, and Diablo III played by an eight-piece orchestra. (Blizzard)

Ein Orchester! Sie nennen es ein ORCHESTER!

Ich bin es gewohnt, dass Marketingfritzen alles um uns herum auf Überlebensgröße aufzuplustern versuchen, aber dieses offizielle Statement Blizzards zu seinen Messeaktivitäten ist so derart dreist und falsch, dass sich mir der Magen umdreht. Jedem, der im Musikunterricht in der Grundschule aufgepasst hat, sollte zumindest noch in Erinnerung sein, dass ein Orchester aus echt vielen Leuten besteht. Die typische Besetzung eines Sinfonieorchesters kann locker bei mehr als achtzig Musikern liegen, je nach Werk sollen auch hundertzwanzig schon vorgekommen sein. Kammerorchester können deutlich kleiner sein, zählen aber selten unter zwanzig Mitglieder.

Was wir auf obigem Foto sehen, sind ein Streichquartett, zwei Gesangssolisten, ein Mann am Synthesizer und ein Schlagzeuger, der Pauke, Tamtam usw. bedient. Keinesfalls kann das ein 8-Personen-Orchester sein, weil Orchester ausschließlich aus Instrumentalmusikern bestehen. Sänger spielen kein Instrument und sind deshalb raus. Wenn Sänger in Massen auftreten, nennt man das Chor. Das ist wohlgemerkt keine Geheimwissenschaft, sondern gehört zum Kern abendländischer Musikkultur. Die verbliebenen sechs Personen wären selbst dann kein Orchester, wenn sie sich das vom Weihnachtsmann wünschen, weil man erst von einem Orchester spricht, wenn Instrumentalstimmen mehrfach besetzt sind. Es reicht also nicht, wenn ich eine erste Geige, eine zweite Geige, eine Bratsche und ein Violoncello habe. Das ist dann nicht mal mehr Musikwissenschaft, das ist simple Mathematik.

Die gespielten Soundtracks sind allerdings überwiegend für ein großes Orchester geschrieben! Teilweise sogar mit Chor! Wir erinnern uns, das sind größere Ansammlungen von Sängern. Den Mischklang, den derart große Ensembles erzeugen, aus dem der einzelne Musiker meist schwerlich noch herauszuhören ist, kann man mit kleineren Formationen auch mit viel Tontechnik live nicht imitieren, weil es um weit mehr geht als pure Lautstärke. Ich erinnere an das von Video Games Live veranstaltete Eröffnungskonzert der Games Convention 2008. Damals bestanden Chor und Orchester aus insgesamt etwa sechzig Personen – das klang trotz Lautsprechern phasenweise immer noch geradezu kammermusikalisch. Wie sinnvoll es dann ist, diese Musik mit einem Oktett aufzuführen, darf jeder selbst beurteilen.

Ich erwarte von niemandem, klassische Musik zu mögen, aber sie ist ein elementarer Bestandteil unserer Geschichte und kulturellen Identität. Und Blizzard kriegt hier die absoluten Basics nicht auf die Reihe. Das ist in etwa, als würde man den Unterschied zwischen Gedicht und Roman nicht kennen. Den Unterschied zwischen Ölmalerei und Serviettenskizze. Oder meinetwegen den Unterschied zwischen Pacman und Action-RPGs.


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9 Kommentare

  1. Kith - 20.08.2012 13:45

    Danke für die Aufklärung. Gut, dass wir darüber gesprochen haben =)

  2. Missingno. - 20.08.2012 15:36

    Aber mit acht Leuten macht da doch schon einer mehr mit als bei Rock Band (im All Instruments Mode, welcher so heißt, weil drei Leute singen müssen), also ist das eindeutig ein Orchester. ;-)

  3. Chris - 20.08.2012 15:50

    @Kith: Ja, nicht wahr? :)
    @Missingno: Absolut schlüssige Argumentation! So hab ich das noch gar nicht betrachtet.

  4. Guido - 20.08.2012 16:28

    Haha, sehr schön gegeben.

    Es liegt mir fern, Marketing-Übertreibungen in Schutz zu nehmen, aber mein Dictionary sagt: «orchestral: written for an orchestra to play» und das stimmt ja streng genommen auch, wenn die Musik dann nicht von einem Orchester gespielt wird.

    Klar, «eight-piece orchestra» ist falsch; aber was wäre denn eine gute, Marketing-taugliche Alternative? Ein «octet» hat selten Perkussion; und «chamber ensemble» ist dann vielleicht doch etwas zu hochgestochen für WoW-Musik.

  5. Chris - 20.08.2012 20:11

    Hehe, ja, das sagt mein Oxford auch. Ich gebe zu, als ich den Werbetext gestern gelesen habe, fand ich die Bezeichnung „Orchester“ schon ganz schön dreist, aber heute morgen war der Ärger längst verflogen. Ich hab den Text dann trotzdem online gestellt, weil ich dachte, hey, mal etwas musikalisches Grundwissen aufzufrischen, kann nicht schaden.

    Die Besetzung ist kurios, zumal am Synthesizer vor allem die Stimmen der Holz- und Blechbläser gespielt werden. „Kammerensemble“ ist an sich der Joker unter den Bezeichnungen. Das passt so gut wie immer, klingt aber zugegebenermaßen in einem Pressetext seltsam, wenn die Truppe de facto in einer riesigen Messehalle saß.

    Schlagzeug in Oktetten ist zwar selten, genau wie der Mix aus Sängern und Instrumentalisten, dennoch ist die Bezeichnung völlig okay. Eine Gruppe aus acht Musikern beliebiger Zusammenstellung ist ein Oktett.

    Das ist, wie ich inzwischen gemerkt habe, auch die Bezeichnung, die Blizzards Ansager auf der Messe wählte. Klingt vernünftig, finde ich. Ist sachlich korrekt und kann man auch in einer Ansage für den Durchschnittsbesucher absolut so bringen.

  6. Missingno. - 21.08.2012 02:17

    Man könnte es auch „Oktester“ nennen. (Für WoW würde auch „Orc(h)ett“ gehen.)
    Ach ja, im Musikunterricht in der Grundschule haben wir jedenfalls nichts wirklich theoretisches gelernt und später, wenn der Musikunterricht nicht sowieso ausgefallen ist / gestrichen wurde, habe ich dann auch nichts mehr gelernt. Da war Violin- und Bass-Schlüssel und Notenlesen in der fünften Klasse noch die Krönung.

  7. robert - 21.08.2012 14:04

    Die Kritik zur Begriffswahl unterschreibe ich so, aber ohne die Aufführung gehört zu haben, ist es doch durchaus möglich, ein Orchesterstück für weniger Musiker umzuarrangieren–das klingt dann zwar dünner (sehr viel dünner), aber hat auch noch seinen Reiz.

  8. Chris - 21.08.2012 16:57

    @Missingno: Ja, Musikunterricht scheint relativ häufig auszufallen oder von fachfremden Lehrern übernommen zu werden. Das findet man scheinbar „nicht so dramatisch“ wie bei Mathe/Deutsch. Ich kann mich zumindest noch erinnern, die typischen Orchesterinstrumente damals anhand Saint-Saens‘ „Karneval der Tiere“ und Prokofjews „Peter und der Wolf“ kennengelernt zu haben.

    @robert: Da ich nicht live dabei war, kann ich über die Qualität der Aufführung keine Aussage machen. Ich muss auch zugeben, dass innerhalb der begrenzten Möglichkeiten an einem Publikumstag in einer großen Messehalle größere Besetzungen sicherlich kaum machbar gewesen wären.

    Dass Besetzungen so deutlich reduziert werden, habe ich in der Praxis bisher selten erlebt. Seinen Reiz kann das sicherlich haben, es ist aber immer ein Kompromiss, ein leichter Anflug von „Notvariante“ – wenn man die 80 Leute _hätte_, würde man die große Besetzung jederzeit vorziehen.

    Das soll nicht heißen, dass kleine, kammermusikalische Besetzungen prinzipiell schlechter wären als große. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Die Musik zu „Arcanum“ ist beispielsweise von vorneherein für ein Streichquartett geschrieben. Ich finde die phänomenal! Wenn man hier die Besetzung auf Sinfonieorchesterstärke aufblasen würde, täte man dem Stück auch keinen Gefallen.

  9. SpielerDrei - 28.08.2012 15:39

    Und auf irgendeinem WOW-RP-Server sitzt ein Ork namens Esther und erzählt von seinem großen Auftritt.

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