This infernal love

Stühlerücken. Verlegene Blicke. Von irgendwoher hört man ein leises Schlürfen, das Kratzen von Lippen über den Rand eines Papp-Kaffeebechers. Husten widerhallt jämmerlich von nackten Betonwänden. Eine funzelige Glühbirne wirft einen dreckigen Schein in ein Rund maroder Sitzgelegenheiten. Köpfe neigen sich verschämt zu Boden. Niemand will das Wort ergreifen. Niemand. Auch ich nicht. Aber irgendwer muss ja mal den Anfang machen.
„Hallo. Mein Name ist Christian und ich bin ‚Call of Duty“-süchtig‘, sage ich, nicht ohne mich sofort selbst zu verdammen.
Leere breitet sich in meinem Inneren aus. Aber auch Erleichterung. Der erste Schritt ist gemacht. Ein Stoßatmen der Erlösung geht durch den Raum. Einige Köpfen heben sich, nur um sich direkt wieder zu einem traurigen Nicken zu senken. Mitfühlende Augen blicken mich aufrichtig erschrocken an. Ich erkenne ein ähnliches Schicksal in ihnen. Eine tiefsitzende Angst, eine Hoffnungslosigkeit, die einem das Herz zu verdörren droht.

„Es fing eigentlich ganz harmlos an. Eines schönen Novembertages wurde ich plötzlich von diesem Impuls gepackt. Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist, aber mit einem Mal bekam ich eine unbändige Lust darauf, mal wieder einen richtig amtlichen Shooter zu spielen, der so hart und dreckig und realistisch ist wie möglich. Nichts von diesem bonbonbunten Arena-Shooter-Gedöhns. Und auch kein Sci-Fi-Geblubbere. Nein. Ehrliche, bodenständige Kost. Da kam mir das neue Call of Duty: World War II natürlich wie gerufen. Und ehe ich mich versah, lag es nicht nur bereits in meinem Amazon-Warenkorb, sondern auch in meiner heimischen PlayStation 4…“.
Ein Raunen streicht über den Fußboden, leise wie der Wind, der wie aus weiter Ferne sanft durch die undichten Fensterfronten haucht.

„Am Anfang war alles noch so einfach. Mich hat eigentlich nur der Singleplayer interessiert. ‚Nur ein bisschen die Kampagne spielen, so fünf bis sechs Stunden, dann ist ja auch schon wieder gut‘, dachte ich so bei mir. Und so war es zunächst auch. Ich legte die Disc ein, zog mir die üblichen Updates und fand mich in einer komplett verwahrlosten Online-Lobby wieder. Nichts los hier, die Entwickler haben es verbockt; na toll. Also schnell die Kampagne gestartet und ein bisschen schnellen Shooterspaß mit ignorierbarem Hurrapatriotismus, tumben Charakteren und noch tumberen Sprüchen gegönnt. Hauptsache ballern, ballern und nochmal ballern.
Doch es kam anders. Schlimmer, natürlich.
Die Kampagne entpuppte sich nämlich leider in Windeseile als absolute Nullnummer. Als teuer aufgeblähtes Tutorial. Da half auch die Rückbesinnung der Reihe auf die eigenen Wurzeln, inklusive Wiedereinführung von Medipacs nichts. Die Kampagne war zwar bombastisch inszeniert – viel zu bombastisch sogar – aber spielerisch ein frustrierendes Konglomerat aus Versatzstücken, die nicht so richtig zusammenpassen wollten. Wenn ich damals doch bloß geahnt hätte, dass dies natürlich zum perfiden Gesamtplan der Entwickler gehörte, mich schnellstmöglich in die reißenden Fänge des Online-Modus zu treiben und mich dort zwischen den Fangzähnen ausgeklügelter Kundenbindungsmechaniken zu brechen und zu zermalmen, mir meinen Willen zu rauben und mich als widerstandslose Marionette wieder auszuspucken und mich tagtäglich aufs Neue mit Horden und Horden weiterer Marionetten die Server zu füllen zu lassen, um den Publisher zum Release immer neuer abstruser Monetarisierungsmaßnahmen anzustacheln…“.

An dieser Stelle bricht erstmals meine Stimme. Ich muss kurz innehalten, mich sammeln. Nur vage nehme ich leise hingeworfene Worte des Mitgefühls wahr, während ich meine Augen reibe, die merkwürdig zu brennen begonnen haben. Ich atme tief ein, halte inne, lasse sämtliche Luft in einem abrupten Stoß frei, schüttele kurz den Kopf und fahre fort.
„Nachdem ich dem Singleplayer also innerhalb kürzester Zeit den Rücken gekehrt habe, war ich dann doch neugierig, wählte im Menü den Multiplayerpart und fand mich abermals in der völlig verwaisten Lobby, die aussieht wie eine Bunkeranlage am Normandy Beach, wieder. Eigentlich sollte das ein Tummelplatz für viele weitere Spieler sein, doch dank massiver Probleme funktioniert hier die ersten Wochen gar nichts. Gut so! So herrscht wenigstens Ruhe.
Ich spiele ein paar Matches, probiere den einen oder anderen Spielmodus aus und stelle fest, wie schlecht ich doch bin.
Dann unterbricht mich ein zweiwöchiger Urlaub in der Südsee und meine Erinnerungen an das Spiel zerrinnen vorübergehend nahezu vollständig im feinperligen Sand der Küste vor Havana.“
Ein kurzes Aufatmen. Dann wieder stille Anspannung. Natürlich ist es hier noch nicht vorbei. Sonst wären wir ja alle nicht zusammengekommen.

„Aus dem Urlaub zurück sinke ich gejetlagged auf die Couch. Schalte den Fernseher ein und zappe mich wahllos durch das Onlinestreamingprogramm. Bis mein Blick auf die PS4 fällt. Wie von selbst findet meine Hand den Controller, betätigt den Powerbutton… und schon blitzt es mich an: das Cover des einen Spiels, das mich in den kommenden Wochen zum Gefangenen nehmen soll. Ich hasse es.
Und doch spiele ich Match um Match. Laufe wie ein gehorsamer Dackel zum General und hole mir eine um die andere Order ab, um mir damit immer neue Lootboxen zu erspielen, die mir kosmetische Gimmicks in Hülle und Fülle versprechen. Neue Uniformen, Calling Cards, Embleme, bunt bemalte Waffengriffe, güldene Waffenmodifikationen… irgendwo in all diesem Wust ist sicherlich auch eine Mitropa Kaffeemaschine dabei – bloß gefunden habe ich sie noch nicht.
Schnell kristallisiert sich Domination als mein bevorzugter Spielmodus heraus – und Gustav Cannon als meine absolute Hassmap. Doch nach und nach stellen sich immer weitere Erfolgserlebnisse ein, immer mehr und mehr Lootboxen purzeln vom Himmel und beglücken mich mit immer neuem Nippes.
Ich levele auf, schalte neue Perks frei, bringe meine Division auf Prestige 4 und meinen Charakter auf Level 55. Allein der Sinn dahinter, der Effekt auf das weitere Spielerlebnis, will sich mir nicht erschließen. Egal. Ich spiele trotzdem weiter. Bin mittlerweile so drin, so gefangen in der Frust- und Belohnungsspirale zwischen permanentem weggefragt und mit Lootkisten beworfen werden, dass es mir völlig schnuppe wird. Ich bin drin. Bin gefangen. Will einfach immer nur weiter ballern, looten, leveln, machen, tun.
Mittlerweile funktioniert auch die ‚Headquarters‘ genannte Online-Lobby, asoziale Bastarde schnaufen und schimpfen in ihre Headsets und pöbeln ihre Muttis an, dass sie den verdammten Müll doch gefälligst alleine rausbringen sollen, die Schlampen, Lootboxen lassen sich auch mit sogenannten CoD-Coins kaufen, die man natürlich gegen Echtgeld erwerben kann und generell ist alles so kommerziell gestreamlined, wie es nur sein kann.
Und damit gehen die Probleme los.“

Ich beginne mich immer weiter in Rage zu reden. Aus den anfangs mehrheitlich verschüchterten Blicken, werden nach und nach große Augen. Sensiblere Gemüter beginnen sich die Ohren zuzuhalten und leise ‚La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu‘ vor sich hinzusummen.
„Vor lauter Lootbox-Optimierung haben die Macher nämlich anscheinend irgendwann vergessen, die Basics eines ordentlichen Multiplayer-Games in den Code zu dübeln. Als da wären: Ein funktionaler oder überhaupt vorhandener Server-Browser, ein faires Matchmaking auf Basis der zugrundeliegenden Spielerstats oder ein automatisches Balancing-System zwischen zwei völlig unfairen Spielerparteien. Ohne Scheiß: Ich habe neulich ein komplettes Match lang mit nur einem einzigen weiteren Mitspieler gegen eine Übermacht von sechs Gegnern im – mit pittoresken Explosionen verzierten Ardennewäldchen – verbracht, ohne dass das System sich groß drum geschert und mal den einen oder anderen Gegner ins eigene Team rübergeswappt hätte. Nur unserem übermenschlichen Skill war es zu verdanken, dass wir trotzdem den Ehrenpunkt erzielen konnten und nicht wie die letzten Hornochsen zur Schlachtbank geführt wurden.
Loggt man sich in den Mehrspieler-Part ein, erscheint eine Meldung, dass man verbunden wird, dann eine, dass das Online-Profil abgerufen wird, dann eine, dass ein Update nötig ist, dann ein Update-Balken, dann ein Ladescreen und dann die Meldung, dass das Spiel neustartet, weil es geupdatet wurde… und dann geht alles wieder von vorne los, nur mit ohne Update, aber dafür mit vielen weiteren Ladescreens, die aber alle gleich aussehen und nur durch das zwischenzeitliche Blackout des Bildschirms als mehrere verschiedene Screens zu identifizieren sind. Mal ganz ehrlich: Welchem schwachsinnigen Hinterbänkler wurde denn da zu feste auf den Kopf gekackt?“
Ich springe von meinem Stuhl auf, der mit einem lauten Knall nach hinten umfällt. Schnappatmung überall im Raum. Ein spitzer Schrei entfährt der Kehle eines muskulösen, über und über tätowierten Hünen, der sich daraufhin peinlich berührt am Nasenring nestelt.

„Wir befinden uns also endlich im Online-Menü, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir ins Hauptquartier wollen, um uns Order und Aufträge abzuholen (noch mehr Ladepausen), oder direkt in ein Match einsteigen wollen (erstmal keine große Ladepause).
Wir entscheiden uns für einen Spielmodus und bekommen am linken unteren Bildrand die Wahl zwischen zwei zufällig ausgewählten Maps und dem Punkt ‚Classified‘, der nach dem Zufallsprinzip eine beliebige Map auswürfelt. Was wir wählen, ist jedoch scheißegal, weil wir sowieso willkürlich mit irgendeiner bereits bestehenden Truppe zusammengewürfelt werden, welche die Wahl zwischen zwei meist völlig anderen Maps hat. Manchmal werden wir auch einfach direkt in ein bestehendes Match geworfen – und landen dann gerne mal auf Gustav Cannon (WÜRG!). Also Spiel verlassen, wieder zurück, neues Spiel auswählen – und mit etwas Glück landen wir nach weiteren Ladescreens wieder in der gleichen verdammten Partie auf der gleichen verdammten Map. Welcher absolute Vollhirni programmiert denn sowas, bitte?!?!“
In Ermangelung eines Tisches, auf den ich erbost draufschlagen könnte, haue ich einem gepeinigten Mitpatienten seit geraumer Zeit ganz beiläufig die nackte Faust in die fiese Visage.

„Hat man dann mal eine Partie erfolgreich absolviert, bekommt man erstmal einen vermeintlich gloriosen Spielmoment eines beliebigen Spielers ins Gesicht gedrückt, der mit mehr oder minder viel Skill ein bis drei Gegner ins Nirvana gewämst hat. Dann einen Ladescreen, dann die Bestenliste und dann den Anblick der 3 vermeintlichen Top-Spieler einer Partie. Nun sollte man meinen, dass die Auswahl dieser Drei sich aus der erreichten Punktzahl, den Frags oder Captures eines Punktes oder ähnlichem Kruppzeugs erschließt. Aber Pustekuchen! Selbst mit der besten KDR in einem Match und/oder der höchsten Punktzahl war mir bereits mehrfach der Einzug in diesen Spielerolymp verwehrt. Dafür darf ich mir in diesem Screen dann mit ansehen, wie diese nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Lackaffen sich in dumme Posen werfen und nebenbei erfahre ich noch, welcher Mitspieler noch eine Lootbox abgestaubt hat. Ja geht’s denn wohl noch?!?!?“
Mittlerweile schreie ich. Mein Kopf ist blutrot angelaufen. Genau wie das Gesicht meines Mitinsassen – und meine Faust. Im gesamten Raum herrscht mittlerweile heilloses Chaos und irgendwer schwingt einen Stuhl mit den Beinen voran in meine Richtung, sieht dabei aus wie ein Zirkusdirektor beim Versuch, einen amoklaufenen Löwen zu bändigen und macht auch ansonsten keine gute Figur.

„Dieses verwichste Kackspiel setzt wirklich einfach alles daran, es einem als Spieler so unangenehm wie möglich zu machen!“, brülle ich. „Diese verdammten Berufsasozialen bei Activision sollen sich doch gefälligst mal einen ganzen Stapel DVD-Cases nehmen und sie sich Stück für Stück in den Anus einführen! Und zwar ohne Vaseline!“, gibt es für mich kein Halten mehr.

Und mit einem letzten verzweifelten Wutschrei nehme ich dem Zirkusdirektor in Spe seinen Stuhl ab und verdresche ihn damit nach allen Regeln der Kunst.
Ein einzelner Teilnehmer liegt winselnd unter einem Klapptisch in der Ecke. Kaffee tropft aus einem Thermobottich von oben auf ihn herab. Er nimmt es nichtmal wahr und windet sich nur in seelischer Pein. Zwei gestandene Zocker liegen sich weinend in den Armen. Irgendwo brennt ein Buchsbaum. Der Gruppenleiter wiegt sich hospitalistisch auf seinem Stuhl vor und zurück, während er sich Büschel von Haaren aus dem blutigen Skalp rupft und sie mit Staudensellerie und Honig verputzt. Im Hintergrund reitet ein Rettich auf einem goldenen Föhn am Fenster vorbei, während von irgendwoher der Gesang eines Orang Utans ertönt, der sich als Fan des Bi-Ba-Butzemanns entpuppt. Rolf Zuckowski klimpert leise auf seiner Ballaleika dazu, während der Hausmeister vorsichtig an einer goldenen Kordel zerrt und der samtig rote Vorhang sich leise über die Szenerie senkt.

Ich atme aus.
Lehne ich mich zufrieden und rechtschaffen erschöpft zurück.
Greife meinen Controller.
Und starte noch eine Runde Domination.


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4 Kommentare

  1. Missingno. - 21.02.2018 11:04

    Ein funktionaler oder überhaupt vorhandener Server-Browser, ein faires Matchmaking auf Basis der zugrundeliegenden Spielerstats oder ein automatisches Balancing-System zwischen zwei völlig unfairen Spielerparteien.

    Server-Browser sind doch so 1999, das will kein Mensch und erst recht nicht auf der Konsole! Ist doch PC-Frickelscheiß, genau wie Optionen und Einstellungen. „Schnelles Spiel“ mit TrueSkill(TM) aus der Hölle ist genau das einfache, bequeme und unbestreitbar optimale Spielerlebnis, das du willst! Geliefert wie bestellt, die Master Race zieht weiter.

  2. Christian - 21.02.2018 11:52

    OK, ich verzichte auf den Serverbrowser zugunsten eines Systems, bei dem ich mir meine Maps selbst aussuchen kann – oder zumindest so Gurken wie Gustav Cannon per se aus dem Map-Cycle rauswerfen kann. Das wäre ja auch für das Nicht-Master-Race durchaus mal wünschenswert…

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