Sterben für Anfänger – Battlefield V

Wie ist das eigentlich, als praktisch kompletter Neuling in eine Serie einzusteigen, die auf eine mittlerweile 16jährige Historie und fast so viele Spiele (nämlich 15 an der Zahl) zurückblicken kann? Welche Vorteile bringt einem der nahezu unmenschliche Skill, den man sich in hunderten Stunden Call of Duty WWII erarbeitet hat? Mäht man sich wirklich wie eine Maschine, ein Präzisionsinstrument sonder gleichen, durch die Gegnerhorden und steht am Ende jeder Runde ganz oben auf dem Treppchen? Sind 64 Spieler besser als 12? Und 32 besser als 48? Was ist die Wurzel aus 73? Und wieso leidet man eigentlich an spontaner Selbstentzündung, wenn man seinen virtuellen, weltkriegsgestählten Luxusbody neben einem haushaltsüblichen, stinknormal geparkten LKW platziert? Antworten auf all das und keine Eurer Fragen liefert Christian, der den wahnwitzigen Selbstversuch gewagt und sich für Euch ins Getümmel gestürzt hat. Den „War Stories“ getauften Singleplayer-Part lässt er dabei völlig außen vor. Macht die versammelte Spielerschaft ja schließlich auch.


Tag 1:
Sitze im Homeoffice, als SpielerZwei mir unvermittelt einen Review-Key für Battlefield V hinwirft. Wie praktisch. Also Konsole an, Download angeworfen und nur einen Blitzkrieg später hat der Server schon alle benötigten Daten auf die Festplatte meiner PlayStation 4 geschaufelt. Der Feierabend kann kommen. Ach, da ist er ja auch schon.
Start, X, klickediklick, Menü, Kampagne, Multiplayer, ah da… Domination. Das kenne ich von CoD. Mein Lieblingsmodus. Direkt mal ausprobieren, ob ich da auch so granatenstark rul0re. Play drücken, zack, schon einen Server gefunden, das ging ja schnell, geil! Aha, mein Squad, ja schön, moin Ihr Honks! Klasse wählen… hmmm.. Assault, was sonst?! Immer schön vorstürmen und dem Gegner in seine fiese Fresse ballern. Denn dafür sind wir ja schließlich hier. Ballern, Junge! Zack, bumm, Map geladen, spawnen und los. Wo ist die Flagge? Da ist die Flagge! Hingestellt, Punkte gesammelt, läuft. Weitergestürmt. Yeah, auf sie mit Gebrüll!
PENG! Tot.
What the… I didn’t even…
Wieso liege ich hier? Warum spawne ich nicht direkt wieder?
Ah, R2 gedrückt halten, um das langsame Verbluten zu überspringen. Na gut.
Drückdrückdrück.
Spawnen. Losstürmen. Ja wo laufen sie denn? Ah, da hinten! Waffe heben, zielen.
PENG! Tot.
Aber nicht der Gegner.
OK, spawnen, loslaufen, raus aus dem offenen Feld. Rein in den Häuserkampf. Mano a mano. Schnelle Kugeln, kurze Distanzen, viele Frags. So geht’s.
BÄM! Tot.
Was soll ich sagen? Das ging noch ungefähr 259mal so. Gefühlt. Bloß, dass ich nach ungefähr 38 weiteren Bildschirmtoden zum Medic gewechselt bin.
Medipacks werfen, Leuten auf die Beine helfen, Punkte sammeln. Hin und wieder mal einen Gegner mit der MP anknuspern. Verdammt! Das ist aber nicht so eine geile Action wie bei CoD! Wo ist der Bombast? Wo sind die epischen Schlachten?! Wo der unbändige Spielspaß, von dem immer alle schwärmen? Ich liege doch mehr am Boden rum, als das ich spiele! Wo sind wir denn hier? In der Makrame-Klöppel-Yogagruppe für Schießprügellegastheniker oder was?!
Und wieso höre ich um mich herum eigentlich nur Frauenstimmen? Habt Ihr Deppen nicht vor kurzem noch einen Riesenaufstand geprobt und dem halben Internet und ganz Schweden mit totaler Vernichtung gedroht, wenn DICE nicht von dem völlig unrealistischen Plan abrückt, Frauen an die Front zu schicken?! Weil der Rest des Spiels ja ach so realistisch ist und es natürlich völlig normal ist, dass man verblutende Menschen mit einer einzigen Spritze wieder auf die Beine stellt, Panzer im Laufen mit dem Lötbrenner repariert, mit dem Hammer in die Luft haut, um Barrikaden zu errichten oder Flugzeuge in der Luft vom Piloten zum Geräusch eines Drehmomentschlüssels jedes Einschussloch einzeln austreibt. Ja nee, is‘ klar…
Gut, immerhin fast dreieinhalb Stunden gespielt heute. Das muss reichen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Tag 2 und 3:
Wo wir gerade bei der Reparatur mit massiv dicker Panzerung versehener Kriegsgefährte mittels einer Lötlampe im gehenden Schritt sind: probieren wir doch mal den Conquest-Modus aus.
Bis zu 64 Spieler. Tolle Action zu Land und in der Luft. Und dazu Schokolade. Und Bier. Was will man mehr?
Ach ja: Frauen. Ich stelle meine gesamte Company im Menü auf weibliche Charaktere um – DAMIT ICH EUCH SCHWACHMATEN TROLLEN KANN!!! – und entscheide mich dann für einen femininen Charakter der Support-Klasse, mit dem ich mich ins nächste Gefecht werfe. Und Bauklötze staune. Waren die Maps in Domination schon üppig ausladend und mit durchaus respektablen Laufwegen versehen, sind die gleichen Maps in Conquest plötzlich nochmal mehrfach so groß. Statt dreier Flaggenpunkte auf der Karte gibt es nunmehr derer gleich sieben, die es zu erobern, zu halten, zu verteidigen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu hegen und zu pflegen gilt. Wow.
Im Gegensatz zum Assault, den ich seit dem ersten Tag nur noch mit der Kneifzange anfasse oder wenn es für seine Nutzung im Rahmen von Daily Orders fesche Extras zu erspielen gilt, und dem Medic, der zwar ein großer Spaß für den pazifistischen Krankenpfleger in uns ist, sich jedoch mit einer absolut beschissenen Kugelpuste in der Hand begnügen muss, die höchstens zum Totstreicheln von Gänseblümchen taugt, ist der Supporter eine wahre Spielspaßgranate. Unendlich viel Munition. Die beste Startwaffe (die praktischerweise in der Releaseversion auch noch die beste Waffe im ganzen Spiel ist) und Handwerkerfähigkeiten, bei denen selbst Bob der Baumeister neidisch dreinblickend die Pumpgun zur Schläfe hebt… was will das Soldatinnenherz mehr? OK, ein paar mehr Frags wären schön. Oder überhaupt mal die Chance, einen Gegner zu entdecken, bevor dieser einen umpustet. Ein bisschen mehr Zeit im Laufen und weniger im Liegen vielleicht. Ein Squad, das beisammen bleibt. Oder Teammitglieder, die ihren Job als Medic ernst nehmen. Bessere Skills am Controller. Und eine Tastenbelegung, bei der man nicht jedes Mal, wenn man dann doch mal schießen kann/will, versehentlich das Messer zieht und damit den 200 Meter entfernt im Gebüsch hockenden Gegner bedroht. Und Kekse! Ja, Kekse wären schön. Aber sonst? Sonst ist doch eigentlich alles gut.
So langsam finde ich ins Spiel und komme mir gar nicht mehr soooo doof vor, wie am ersten Tag. Das ist doch schonmal was.
Jetzt müsste mir nur mal jemand erklären, wieso man sowohl in Domination, als auch in Conquest Flaggen erobern muss, wenn diese – außer für’s eigene Punktekonto – eigentlich für überhaupt nichts gut sind und überhaupt keine Auswirkungen auf das Ergebnis einer Runde haben? Im Prinzip ist es doch völlig egal, wie oft und wie lange ein Team einen, zwei oder alle Flaggenpunkte auf einer Karte einnimmt und hält, wenn am Ende die einzige Siegbedingung ist, mindestens ein Ticket mehr übrig zu behalten als das Gegnerteam. (Für alle Fortnite– und Polly-Pocket-Spieler da draußen: Tickets, das sind im Grunde nichts anderes als Spielerleben. Wird ein Spieler tödlich verwundet und nicht rechtzeitig von einem beliebigen Medic des eigenen Teams oder einem seiner Squad-Mitglieder wieder aufgepäppelt, verliert er sein Spielerleben. Und das Team damit ein Ticket. Hat ein Team all seine Tickets aufgebraucht, endet die Partie und das andere Team geht siegreich aus der Runde hervor.
So wie ich das bisher sehe, bringt einem das Halten von Flaggenpunkten weder mehr Tickets, noch sonstige Mehrwerte für das Team. Nur Boni in Form von Punkten für einzelne Spieler, die sich damit auf dem Scoreboard nach oben arbeiten und dafür am Ende jeder Partie mit massig XP belohnt werden, mit denen sie wiederum nach und nach im Rang aufleveln.

Tag 4:
Puh, ich brauche mal eine Pause. Morgen wieder.


Tag 5:
Ich sterbe. Und sterbe. Und sterbe. Und sterbe schon wieder. Und – bäms! – liege ich schon wieder am Boden. Und wieder und wieder und wieder.
Das liegt natürlich absolut überhaupt nicht an meinem eigenen Unvermögen, sondern vor allem daran, dass die Grafik von Battlefield V so wahnsinnig schön ist und die Maps so unglaublich detailliert und bis ins kleinste Detail liebevoll ausgestaltet daherkommen. Nein, wirklich! Das ist ein echtes Problem. Nicht nur, dass man sich immer wieder mal dabei ertappt, als stationäre, aufrecht stehende Zielscheibe die Aussicht zu bewundern – nein, die Aussicht und der Detailreichtum lenken auch noch völlig von den Gegnern ab, die sich iiiiirgendwo da hinten, zwischen all den Bäumen, links vom kleinen Trampelpfad in das wunderschön gelb leuchtende Rapsfeld gelegt haben und das nichtsahnende Selbst gerade genüsslich aufs Korn nehmen. Oder von der Brücke da oben, aus dem zerbombten Zug heraus. Oder von da hinten, an dem Bergkamm, auf dem kleine befestigte Außenposten die Landschaft zieren. Oder oder oder.
Battlefield V sieht absolut umwerfend aus und wirft einen auch entsprechend permanent um, weil man – also ich – vor lauter Landschaft und Detailreichtum zuweilen doch arge Probleme hat, zwischen Map und Gegner zu unterscheiden. Und selbst wenn man erstmal getroffen am Boden liegt, zeigt einem das Spiel nicht immer ganz eindeutig, woher der tödliche Treffer nun eigentlich kam.

Tag 6:
Der Supporter ist mittlerweile definitiv meine Lieblingsklasse. Nicht nur, weil er so schön mit Munitionspacks um sich werfen kann, sondern vor allem wegen seines bezaubernden Sturmgewehrs, dem KE 7. Das habe ich mittlerweise so weit hochgelevelt, dass ich mir ein schickes Fernrohr draufschnallen konnte – und nun schleiche ich mich von Deckung zu Deckung, füttere meine Squad-Mitglieder fleißig mit Munition und den Gegner mit Patronen (’stehste?!) – und wenn ich mal zur Abwechslung nicht sterbe, macht es sogar richtig viel Spaß.
Trotzdem beschließe ich, zwischendurch mal ein wenig zu wechseln und den Recon auszuprobieren, nur um – wie bei praktisch jedem anderen Shooter – wieder einmal festzustellen, dass mein Scharfschützen-Skill am Controller ungefähr so gut entwickelt ist wie das Talent eines durchschnittlichen DSDS-Kandidaten. Schade.

Tag 7:
Um mal ein wenig Abwechslung in den Alltag zu bringen, setze ich mich in einen Kübelwagen und düse los. Gegen einen Baum. Und einen Stein. Und einen Zaun. Beschließe, das Mistding stehenzulassen und zu Fuß weiterzugehen. Ist eh viel gesünder.

Tag 8:
Ich sterbe. Und sterbe. Und sterbe immer noch ständig. Habe mich damit abgefunden, dass das irgendwie zum Spielprinzip dazu gehört und ärgere mich auch nur noch jedes zweite mal ein gaaanz kleeeiiiiiines bisschen darüber. Meine Schimpftiraden verhallen im Dunkel der Nacht und meine Nachbarn habe ich zum Glück länger nicht gesehen, so dass mir ihre erstaunt-irritierten Blicke erspart bleiben.
Mittlerweile gelingt es mir sogar, mich die meiste Zeit eher im Mittelfeld des Scoreboards, denn im unteren Bereich aufzuhalten. Fleißigem Munitions- und Medipack-Werfen sei Dank. Abschüsse erziele ich trotzdem kaum. Dafür sehe ich die kleinen, flink wuselnden Bastarde oftmals immer noch einfach viel zu spät.
Übrigens muss ich mich korrigieren: die Anzahl der gehaltenen Flaggenpunkte hat offenbar doch Einfluss auf die ablaufenden Tickets. Im großen Schlachtgetümmel mit 64 Spielern fällt das nur meistens nicht so auf. Sobald man aber mal, aus unerfindlichen Gründen, in die seltene wie dumme Situation kommt, mit einem sehr kleinen Team gegen eine Übermacht an Gegnern anzutreten, weil das Autobalancing versagt, sieht man sehr wohl die Zahl der eigenen Tickets ins Bodenlose stürzen wie die Umfragewerte großer Volksparteien.

Bei ungleichem Team-Balancing fliegen die eigenen Tickets nur so davon.

Tag 9:
Moment mal! Was passiert hier?! Ich bin in einem Squad gelandet, das es tatsächlich, ganz ohne jegliche Absprache via Headset (das ich nicht angestöpselt habe), schafft, als Gruppe zusammenzuspielen, sich gegenseitig zu unterstützen und das Feld halbwegs zu dominieren. Kurzzeitig schaffe ich es sogar auf Platz 1 des Scoreboards und wir werden sogar zweimal in Folge zum besten Squad gekürt. Ich kann es kaum glauben! Sollte das Matchmaking doch besser funktionieren als gedacht und die Spieler auf Server befördern, wo er mit halbwegs gleich begabten Zeitgenossen Krieg spielt? Man weiß es nicht.
Ein Blick in das Matchmaking-Menü offenbart mir dafür allerdings Feinheiten, die man bei der grobschlächtigen Konkurrenz so niemals finden würde: die Möglichkeit, Server individuell zu filtern und nach seinen Vorlieben auszuwählen. Nach Maps, Spielerzahl, Standort des Servers, Spielmodus etc. pp. Das nenne ich doch mal vorbildlich! Überhaupt funktioniert das Matchmaking bei Battlefield V ganz hervorragend und sobald man sich für einen Modus entschieden hat und auf Play drückt, dauert es nur wenige Sekunden, bis man auf einem passenden Server gelandet ist. Nimm das, CoD WWII!

Auch blutige Anfänger wie ich können durchaus schnell mal vereinzelte Glücksmomente erleben.

Tag 10:
So sehr ich das nahtlose Zusammenspiel, die wirklich gelungene Kombination von klassischem Shooter mit offenen, riesigen Arealen und Fahr- und Flugzeugen bewundere: bis heute habe ich mich noch nicht dazu durchringen können, mal mit einem solchen in das Spiel zu starten und damit die Map zu erobern. Wann immer ich mal bei einem Squad-Member im Panzer oder Flieger spawne, wird mir meist recht schnell fad; und meine eigenen Flugskills sind sowieso eher unterentwickelt. Umso mehr freue ich mich über das eigentlich für den 4. Dezember angekündigte erste Update, das eine Art Übungsmodus mitbringt, in dem man nach Lust und Laune alle Fahrzeuge, Waffen und Klassen in Ruhe und unbehelligt durchprobieren können soll (und das letztlich mit einem Tag Verspätung angeflogen kam). Schade nur, dass dieses Update wohl auch mein geliebtes Lasergewehr, pardon: das KE7, ein wenig in seiner Durchschlagskraft beschneidet, da es bis dato doch ziemlich eindeutig das Schlachtfeld beherrscht hat. Macht aber nix. Hauptsache ich treffe danach auch weiterhin zumindest hin und wieder was und räume dafür ein paar Punkte ab.

Tag 11-15:
Red Dead Redemption 2? Was war das noch gleich? Story? Wer braucht schon Story? Ich will den schnellen Spielspaß! Gebt mir mehr! Nur noch eine Runde. Und noch eine. Und noch eine.

Tag 16-23:
Wird denn das niemals langweilig? Nein, wird es nicht! So langsam geht’s doch erst richtig los! Hallo Winter! Schön, dass Du da bist. Wer will denn auch schon raus in die Natur, wenn er Battlefield V haben kann?

Erster! Leider nicht für lange.

Tag 24:
Stühlerücken. Verlegene Blicke. Von irgendwoher hört man ein leises Schlürfen, das Kratzen von Lippen über den Rand eines Papp-Kaffeebechers. Husten widerhallt jämmerlich von nackten Betonwänden. Eine funzelige Glühbirne wirft einen dreckigen Schein in ein Rund maroder Sitzgelegenheiten. Köpfe neigen sich verschämt zu Boden. Niemand will das Wort ergreifen. Niemand. Auch ich nicht. Aber irgendwer muss ja mal den Anfang machen.
„Hallo. Mein Name ist Christian und ich bin Battlefield V-süchtig“, sage ich, nicht ohne mich sofort selbst zu verdammen…


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2 Kommentare

  1. Missingno. - 07.12.2018 12:44

    Wahrscheinlich ist der Grund, warum die weiblichen Charaktermodelle so präsent sind, wieder der, dass sie einfach etwas zierlicher und daher einen Ticken schlechter zu entdecken sind. Selbst bei gleicher Hitbox(-Größe) macht das einen kleinen Unterschied. Sowas darf man sich als „Pro-Gamer“ natürlich nicht entgehen lassen – man kann ja trotzdem lautstark protestieren, dass das alles so geschichtlich unkorrekt ist.

  2. Christian - 07.12.2018 12:52

    Hmm, den Eindruck hatte ich bislang nicht. Tun sich eigentlich nichts großartig.

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