Titan Quest: Senfeier auf Hornhaut

Ich spiele einen zerfledderten Karton in der Wüste. Wohin und warum, weiß ich jetzt auch nicht so genau. Ist das wichtig? Ist überhaupt irgendwas wichtig in Titan Quest? Es ist das sprödeste Spiel aller Zeiten, und ich habe mal Fangen gespielt mit Boris Becker in einer Abstellkammer.

Immerhin rödelt Titan Quest auf meiner PS4. Eine Wiederveröffentlichung also. Von einem Spiel, fast halb so alt wie ich. Das kann man mal machen, ab und zu, hier und da, einmal im Jahr – oder du heißt THQ Nordic, dann ist das dein Beruf, dein gottverdammter Beruf, zur Verwertung geeignete Spiele auf nicht mehr alten, sondern nun neuen Konsolen gammeln zu lassen. Das freut mich so sehr, dass ich Snake auf meinem Nokia spiele, wenn die PS4 mal wieder pustet und bläst, schnaubt und ächzt. Der Lüfter, er redet mit mir in einer Sprache, die Yoda brabbelt, wenn er nach einer Lippenlähmung im Lateinunterricht das ABC aufsagt.

Ist ja schon Titan Quest, das sieht, hm, aus, nach Sachen sieht das aus, ja doch. Da darf eine Konsole durchaus schwitzen. Oder mein Handy, für das es ebenfalls zu haben. Das pustet wiederum gar nicht. Ich will THQ Nordic nun keine schlechte Arbeit unterstellen, aber das ist doch schon schlechte Arbeit. Dieses Geschäftsmodell stünde bei Chefkoch.de unter „Senfeier auf Hornhaut“.

Natürlich freue ich mich für jene, die Titan Quest noch nicht kennen. Es gibt diesen Markt, diese Zielgruppe, und sie ist so kaufkräftig wie ein Bitcoin im Einwohnermeldeamt. Zumal auch die griechische Antike als Szenario Interesse erzeugt, wobei, warte mal Stopp. Will ich lügen? Will ich das Spröde aus den Pixeln ziehen, es mit Zuckerguss und Smegma übergießen und dann so zwischen 10 und 20 Euro dafür verlangen? Ich kenne mindestens eine Firma, die bereits ein Angebot versendet hat. Knick-knack, THQ.

Jetzt stapfe ich durch Titan Quest, mit Speer und Schild, Bogen und Wolf, sprinte und bekriege. Zwei Minuten später: Jetzt krieche ich durch Titan Quest, ohne: Ich wills sehr und davon mehr, ohne: Wow, will wissen how?, katzbuckle und ausknopfkraule. So viele Gefühle in so kurzer Zeit, absteigen, aufsteigen, alles gleichzeitig. Titan Quest ist mehr Martin Schulz als Martin Schulz es je war.

Da muss ich durch. Für zunächst einige, plötzlich verflixt viele Stunden hämmere ich auf den Viereck-Knopf, tausende Mal, bis plötzlich … nichts geschieht. Monster wachsen, Waffen stärken, Städte liebkosen, ich sehe diese energisch zusammengekloppte Pixelleidenschaft für die Römer und Götter, nur interessiert sie mich nicht. Wenn ein seltener Gegenstand boingt, dröhnt mein Kopf, wenn Leonidas vor mir steht, rocken meine Schultern auf einer saitenlosen Gitarre.

Natürlich empfinde ich etwas. Nur halt irgendetwas. Ohne Definition. Es ist mehr ein Zustand, ein neutraler, einer, der mich weder ärgert noch streichelt, sondern einfach: ist. Immerhin! Weil nicht zu sein, bedeutet ja schon Tod. Also presst Titan Quest eigentlich nichts weniger als pures Leben aus jedem Speerstoß und Wolfsbiss.

Und so entsteht aus jedem beschworenen Wolf ein geschworener Pakt: Das Tier wird niemals sterben, solange ich … oh!

Titan Quest, Spielspaß-Wertung: 4 Prozent. Fazit: Die Entwickler quälen Tiere, Anzeige ist raus! Alle anderen spielen Probe.

Pro Wolfstod stirbt mindestens eine Herzklappe in mir. Die Empathie muss nun also weichen für den ultimativen Spielfluss. Ich klatsche eine Fliege mit der treppenliftverkaufenden Zeitungsbeilage und entdecke die kartoffelsacktragende Männlichkeit in mir, die sich um nichts schert außer um Stoffwechsel-Booster und Titan Quest!

Im pulsierenden Stumpfsinn von Stechen, Looten und Weglaufen steckt nichts. Und je mehr ich nichts entdecke, desto tiefer tauche ich hinein. Das Schwarz umgibt mich. Darin entblößt sich das Alien, der Widerspruch, der Grund für all die Mühe und Not und die Stunden an Spielzeit: Talentbäume! Ich trage den Speer genau so stolz wie den Bart, ich zähme Wölfe, schieße Bogen, renne weg und renne hin, mache Lärm und gebe Sinn, bin also: der süßeste Typ unter Aphrodites Busen.

Am Abgrund der Langeweile, bei der Zähheit aller fließenden Pixel, bin ich zufrieden. Ich lasse mich fallen und staune. Entdecke das Spiel im Spiel; erst abstumpfen und einstauben, dann spaßbumsen und abstauben. Oder: Erst Wildschwein-Massaker, dann Titan-Gekrache. Titan Quest knattert die Erwartung, und die Erwartung hechelt ein „Du Gott!“ in den waschmaschinigen Hüftrhythmus der Gegner.

Von der umfassenden Talententwicklung bis zur stimmigen Grafik entlädt Titan Quest zusehend sein Spektakel. Es dauert nur ein bisschen. Anfangs, im ersten Akt in Griechenland, sind es nur Wald und Wiesen, doch dann – und so geht jede Erzählung über Spielmechanik oder Szenario weiter: mit einem Lob. Über Spielmechanik, Gegnervielfalt und Bosskämpfe.

Nun ist die Wüste nicht mehr wüst und leer. Ich lusttropfe mich in einen See der Glückseligkeit. Da bleibe ich jetzt und plantsche und stöhne gen Götterdämmerung.


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8 Kommentare

  1. Missingno. - 21.05.2018 21:35

    So viele Worte um (fast) gar nichts zu sagen.

  2. Urs - 22.05.2018 13:56

    Es sind wundervolle Worte!

  3. Pennälerlyrik - 22.05.2018 18:10

    Es sind sehr bemühte, prätentiöse Worte.

  4. Pave - 22.05.2018 22:58

    Warum nicht!

  5. Missingno. - 23.05.2018 11:54

    Warum nicht?

    Über diesen „Satz“ habe ich in meiner Schulzeit einen, diesem Artikel ähnlich langen, sinnfreien Aufsatz geschrieben. Zum Glück hat die Lehrerin diese Hausarbeit vergessen und so wurde dieses Meisterwerk niemals benotet.

    Zu Titan Quest: Es war zu der Zeit, als ich es gespielt habe (also irgendwann Mitte/Ende 2006), toll. Als ich die Demo von Diablo III gespielt habe, hat mich vieles an TQ erinnert. Aber D3 ist ja leider für eine Konsolenportierung so stark vereinfacht worden, dass es im Vergleich zu TQ ziemlich uninteressant war. Das könnte auch ein Grund sein, warum hier so über den Port von TQ gelästert wird. Es ist mehr als nur zwei Attacken und vier Spezialfertigkeiten und man muss seinen Charakter selbst verbessern/verskillen. Das überfordert so gammelige Konsolenhardware (und eventuell auch die eine oder andere -„software“) natürlich. ;-)

  6. Urs - 23.05.2018 16:10

    Vielleicht mag der Jannick auch einfach nicht besonders, „gammelige“ Konsole hin oder her. Ist aber auch unerheblich, denn es hat uns einen wunderbaren Text beschert. Und das ist die Hauptsache.

  7. Urs - 23.05.2018 16:10

    *das Spiel

  8. Jannick - 23.05.2018 19:40

    So gammelig ist der Port aber nicht. Ab und zu hat mein Lüfter zwar gepustet, aber das schien sehr willkürlich. Der Rest jedoch passt: Steuerung, Grafik, alles okay bis gut. Nur das Pusten hin und wieder hat mich gewundert. Und der Einstieg.

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