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Not everybody’s Starling

altDoreen: Liebe Gemeinde. Ich weiß, dass ihr wisst, dass Lollipop Chainsaw für viele der letzte Scheiß ist. Und ich weiß, dass ich sehr schnell wusste, dass es bei mir anders ist. Und – Achtung! Achtung! – ich weiß nicht, ob ihr alle wisst, was wirklich doof an Lollipop ist, aber ich schätze euch so ein. Für manche scheint es ein Instrument des Bösen zu sein, ein mit Blut beflecktes Teufelswerk aus Japan, welches Frauen zur Fleischbeschauung ausgestopft in die Ecke stellt und alle dürfen mal anfassen. Viele denken an Hexenverbrennung, kochendes Wasser und rasselnde Ketten, vielleicht weil ihnen plötzlich bewusst wird, was für ein unkultiviertes Hobby sie haben, mit peinlichen Inhalten und dieses Spiel, dieser Schund, er ist ein Teil davon und – OH MY GOSH, sogar ein erfolgreicher! Aber keine Sorge, ich erzähle es nicht den verspießerten Nachbarn im Schrebergarten nebenan.

So. Und jetzt schreibe ich etwas, von dem ich weiß, das ihr es längst wisst – nämlich, dass Lollipop Chainsaw kein gutes Spiel ist…

[Dumpfes Raunen und Zwischenrufe aus der Menge]:
“WAS?! – SAGEN SIE, WAS REDEN SIE DENN DA?”

Der Clou dabei – und ich denke das wisst ihr auch –, dass wir das ja alle schon vorher wussten. Denn wir gebildeten Spieler wissen ja alle, dass der Suda51 eher ein Grashüpfer ist, der lieber mal alles kurz bespringt und sich dann wieder verpisst. Der sagt dann einfach mal zu den Kollegen wild gestikulierend: “Nehmt einfach die ‘Comic Sans’ und seid ruhig” und sie überlegen dann kurz, ob er das ernst meint. Ja, meinte er.

Und dann ist da ja noch die andere Sache, die mit dem ganzen Trash. Weil der Trash ja so ein beliebtes Stilmittel ist, den man doch viel platzierter einsetzen muss, Herr 51. Wir sind doch alle so schlau, wir Spieler in den hinteren Reihen, auf den billigen Holzstühlen… Wie kann es sein, dass wir wissen, wie man Trash richtig einsetzt und der Suda51 weiß das nicht? – TICK; TICK; TICK…MÖÖÖP.

Okay. Ich oute mich: Ich bin eine Spielerin, die wohl genau so dumm ist wie Suda. Ich bin nicht so klug wie ihr da hinten… ihr, ohne die Sitzkissen da, die sich heimlich etwas anspruchsvolles gewünscht haben. Oho! – Ich meine ganz ehrlich, ich bin meist ziemlich ernst. Und dann ist es oft auch so, dass ich so ein Spiel mal ernst nehme, also ganz allgemein jetzt. Dazu gehören aber die Suda-Spiele eigentlich nicht, jedenfalls fast. Killer7 ein bißchen, lange her.

Doch halt, HALLO WELT, da wollten Leute wirklich etwas deepes. So ein spielerisches Highlight. Etwas mit Niveau, wo man ästhetisch und ganz sportlich mit einer Kettensäge Zombies zerlegt und außerdem – UND JETZT KOMMTS – ein Protagonist, der Reife und Güte besitzt. Jemand, der mir Normen und Werte näher bringt, oder am Besten gar nichts sagt, sondern nur mal kurz hustet, wenn es im Rachen kratzt. Das sollte so sein, in einem Zombie-Action-Spiel, oh ja. Aber die erhoffte Tiefe hat das Spiel nicht. Man kommt locker mit seinen zwei Lieblings-Combos in Bestergebnissen durch die Level und unsere Hauptfigur ist eine flachwitzige, für einige sicherlich etwas irritierend wirkende Cheerleaderin, der man, HOLY SHIT, einen “sexy Muschelbikini” anziehen kann. Es ist vernichtend! /evil/

Der jungdynamische, intellektuelle Mensch von heute unterstellt ihr Dummheit, da sie Röckchen mit String trägt und es “awesome” findet, wenn beim Zombiekillen rosa Herzen und Regenbogen sprießen. Sie ist der Traum aller Teenager-Jungs und ein bißchen kann ich es verstehen, denn sie ist schon irgendwie ‘ne Süße. JA, ICH FINDE SCHON, lieber Rezipient. Schließlich spricht sie japanisch und findet es toll, Dinge von ihrem Freund zu erfahren, die sie noch nicht weiß. Wie romantisch! Und all ihre Sätze, ob nun sinnvoll oder nicht, dringen mit einer Überzeugung und Selbstverständlichkeit aus ihr heraus, es ist ein Genuss dem zu lauschen. Und ihr Freund Nick kann atmen ohne seinen Thorax. Steinigt mich, aber: IT’S AWESOME!

So einen Nick hätte ich übrigens auch gerne, der ist wenigstens ein richtiger Kerl. Wenn man ihn schüttelt, dann spuckt er Geldstücke und Süßigkeiten aus. WAS FÜR EIN MANN! War ja klar, dass es nur Juliet schaffen konnte, sich ihn zu schnappen. Sie hat es mal wieder allen gezeigt, denn sie ist der Star der Highschool. Sie ist einfach die Beste, ein strategisches Genie und Leute bitte, habt doch ein Herz: Es ist ihr Geburtstag verdammt nochmal!

Also gut, fassen wir zusammen. Wo andere ein oder vielleicht auch zwei Probleme mit dem Spiel hatten, hatte ich keins. Vorteil für mich, denn ich habe mal ganz gerne ein Problem weniger. Und ich habe es auch mal genossen, zur Abwechslung ein Spiel nicht ganz so ernst zu betrachten. Krasser noch, es überhaupt nicht ernst zu betrachten. Es kann schon sein, dass ich bei jedem Lacher ein paar Punkte meines Durchschnitts-IQs verloren habe, aber ich hatte sehr viel Spaß. Es ist halt sowas ähnliches wie ein… “Guilty Plea­su­re” oder so.

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altSpielerZwei: Lollipop Chainsaw ist spielmechanisch ein absolutes Leichtgewicht mit unübersehbaren Schwächen und inhaltlich an Blödsinnigkeit kaum zu übertreffen. Nachdem das jetzt vom Tisch wäre, kann ich unverblümt zugeben, dass ich dieses Jahr bisher mit kaum einem Spiel so viel Spaß hatte wie mit diesem!

Natürlich funktioniert das Ganze nur, wenn man auch bereit ist, sich auf diesen geballten Blödsinn einzulassen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, nur weil er nicht auf diese Art von schrägem Humor steht. Das ist halt nicht jedermanns Tasse Tee und man kann es auch gerne vollkommen blöd finden. Allerdings sollte man dann auch den Anstand haben, nicht zu versuchen, es trotzdem in die gewohnten Excel-Tabellen-Wertungsschemata zu pressen, da es mehr als offensichtlich ist, dass dieses Spiel nicht primär über seine Spielmechanik funktioniert. Macht man es doch, kommt es dabei selbstverständlich nicht besonders gut weg. Nur macht das ebenso wenig Sinn, wie beispielsweise den Kentucky Fried Movie nach den Regeln des klassischen Filmemachens zu beurteilen.

Aber man muss auch mal fragen, was die Leute eigentlich erwartet haben, wenn Suda51 und James Gunn gemeinsam ein Videospiel entwickeln? Suda51 hat ein Portfolio an Spielen vorzuweisen, die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie als Spiel an sich eher mäßig funktionieren und alle von mehr oder minder schweren Macken in der Spielmechanik geplagt werden. Auf der anderen Seite bestechen sie aber auch alle durch ihre irren Ideen, Unmengen an schrägen Popkulturreferenzen und subversiv-infantilen Nerd-Humor. Und Filmemacher James Gunn? Abgesehen von seinen frühen Arbeiten für Troma (Tromeo & Juliet) und den zwei unsäglichen Scooby-Doo-Filmen, verdanken wir ihm mit Slither und Super zwei der cooleren Genre-Filme der letzten zehn Jahre.

Was, liebe Leute, habt ihr denn ernsthaft erwartet, wenn zwei Freaks dieses Kalibers gemeinsam ein Spiel machen, dessen Protagonistin eine Kettensägen schwingende Cheerleaderin ist? Wenn man keine Suda51-Spiele mag, dann wird man auch Lollipop Chainsaw doof finden. Und wenn man mit Troma-Filmen und subversiv inszeniertem Trash nichts anfangen kann, dann wird man auch nicht vor Lachen unter dem Tisch liegen, wenn Juliet mitten in der Zombieapokalypse wieder einen dieser absurden Anrufe ihrer Mutter bekommt, sie möge anschließend doch bitte noch Milch aus dem Supermarkt mitbringen.

Damit nicht fälschlicherweise der Eindruck entsteht, man müsste als dem Trash zugeneigter Spieler eine gar grausige Spielmechanik durchleiden, nur um in den Genuss des abgedrehten Spektakels zu gelangen, noch ein paar erklärende Worte:

Lollipop Chainsaw besteht prinzipiell aus streng schlauchigen Leveln, die alle Nase lang durch ziemlich bekloppte Minispiele aufgelockert werden, und schließlich mit recht coolen Bossgegnern enden. Die Minispiele sind das gewohnte Suda51-Gameplay-Potpourri aus kurzen QTE-Sequenzen, Mähdrescherfahren, Zombie-Basketball, einigen Shooting Galleries und diversen Variationen von bekannten Arcade-Klassikern, wie beispielsweise Pac-Man. Sie sind spielerisch auch allesamt recht unproblematisch und bestechen durch Witz und Einfallsreichtum. Die allgemeine Kritik am Gameplay richtet sich eher gegen das eigentliche Kettensägenschwingen in den „normalen“ Levelabschnitten, da Juliet im Laufe des Spiels zwar diverse Spezial-Combos freischalten kann, diese aber aufgrund des Gegnerverhaltens und ihrer Angewohntheit, jede begonnene Aktion (und die damit verbundene Animation) erstmal zu Ende zu bringen bevor die nächste beginnt, nur schwer sinnvoll einzusetzen sind. Allerdings ist dieser Umstand absolut kein Showstopper, weil der Schwierigkeitsgrad des Spiels mehr als moderat ist und man auch relativ problemlos per Button-Mashing mit den Standard-Moves durchs Spiel kommt. Das ist zwar ein bisschen stumpf und ziemlich weit vom genialen Chainsaw-Brawler entfernt, den anscheinend einige Leute erwartet haben, aber noch lange kein Grund, das Spiel überhaupt nicht zu spielen, so man denn Lust auf den ganzen Rest hat. Erst wenn man im Arcade-Modus gezielt auf Highscore-Jagd geht, ist es wirklich notwendig, auch die eine oder andere Combo draufzuhaben.

Ich für meinen Teil habe mich auf jeden Fall großartig amüsiert. Und obwohl das Combo-System des Spiels so hakelig wie überflüssig ist, hatte ich nach dem erstmaligen Durchspielen sogar Lust auf weitere Runden, um noch ein paar der hübsch-bekloppten Achievements zu holen. Ich kann Euch gar nicht mal genau erklären warum, aber ich kann mich auch noch beim zehnten Mal vor Lachen komplett einnässen, wenn ich mit einem Mähdrescher ein Zombie-verseuchtes Getreidefeld abernte, während im Hintergrund „You spin me round (like a record)“ von Dead Or Alive läuft…

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Aus aktuellem Anlass komme ich nicht umhin, abschließend noch ein paar Worte zum Thema „Sexismus in Videospielen“ loszuwerden:

An Lollipop Chainsaw eine Sexismusdebatte aufzuziehen ist in etwa so sinnvoll wie an Blaxploitationfilmen, wie z.B. Shaft oder Foxy Brown, den Rassismus im US-Kino aufzeigen zu wollen: Man instrumentalisiert die vordergründigen Klischeedarstellungen zur Veranschaulichung einer Sache, ohne den Kontext zu beachten, in dem diese Klischees bewusst vom Künstler verwendet wurden.

Juliet Starling ist ein sexistisches Klischee auf zwei Beinen. Aber dann doch wieder nicht. Sie ist eine hübsche, vollbusige Cheerleaderin im Minirock, aber gleichzeitig ist sie auch eine Zombie-Jägerin mit Kettensäge, die zu jeder Zeit die Situation im Griff hat und den harten Jungs von der Highschool den Hintern rettet. Sie hat eine extrem klischeehafte Teenagerbeziehung mit ihrem Freund, nur dass dieser als körperloser Kopf an ihrem Gürtel baumelt und von ihr immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes als willenloses Objekt benutzt wird. Ich könnte noch ewig so weitermachen, aber der Punkt sollte klar sein: Die Klischees werden gerade deshalb so eindeutig und blaupausenhaft verwendet, um sie in der nächsten Minute komplett auf den Kopf zu stellen. Lollipop Chainsaw ist eine lupenreine Parodie auf all die US-Highschool-Komödien und Trash-Horror-Filme der 70er und 80er Jahre. Dass sie dadurch auf eine gewisse Art, ähnlich Joss Weadon’s Buffy, den feuchten Traum des Protonerds darstellt, macht den Sexismusvorwurf auch nicht valider, denn die Nerdfantasie einer Monsterkillerin, die gleichzeitig sexy, selbstbewusst und stark ist, entspricht überhaupt nicht der klassischen Definition einer sexistischer Frauendarstellung in den gängigen Populärmedien.

Ich will das Problem des viel zu häufig in Videospielen vorhandenen Sexismus gar nicht wegdiskutieren, aber Lollipop Chainsaw als offensichtliches Paradebeispiel hierfür? – My ass!

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5 Kommentare

  1. Konrad - 14.07.2012 13:26

    Die Spieldynamik, gerade die Zusatzspielchen, sind derbe crooked, der Rest nett over the top. Gerne-Fans greifen zu!

  2. Manuspielt - 14.07.2012 13:34

    Stimme Dir voll zu, S2. Großartiger Spaß, trotz der Suda-typischen Gameplay-Macken. Das eigentliche Highlight des Spiels sind meiner Meinung nach aber die Bosse. Die sind ALLE durch die Bank durch gut designed, abwechslungsreich und mit richtig guten Einfällen und Gimmicks versehen. Der Punker mit den Buchstaben, die einen verletzen? Der Talkbox-Funkmaster, bei dem Juliett eine Hawking-Verarsche sieht? Der Elvis-Boss? Großes Kino. Für die Bosse habe ich mich wirklich gerne durch die hakelige Granat-Werfer-Level gequält.

  3. Konrad - 14.07.2012 16:32

    Ich möchte hinzufügen: mein erster Post ist unter dem erheblichen Einfluss von Spätfolgen eines sehr ausartenden Alkoholkonsums gestern entstanden. Ich bitte um freundliche Beachtung.

  4. Jingleball - 14.07.2012 17:13

    Aber klar Konrad, wir sind doch alle gerne Fans.

  5. Micha - 30.07.2012 07:51

    Volle Zustimmung. In allen Punkten. (na gut, ich fand das normale Spiel viel besser spielbar als die teils echt kaputten Minispiele, aber egal … )

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