Als die Midi-Chlorianer nach Rapture kamen …

**Mild Spoilers Ahead!**

SpielerZweiSpielerZwei: Es gibt Dinge, die sind einfach deutlich cooler, wenn man sie nicht bis ins Kleinste tot-erklärt. Die Macht in Star Wars zum Beispiel: Die Kräfte der Jedi waren viel faszinierender als sie noch nicht durch diese dämlichen Midi-Chlorianer-Heinzelmännchen erklärt wurden. Und es war auch kein wirklicher Geniestreich, uns nachträglich zu verraten, dass Darth Vader, einst der coolste Henchman des SciFi-Genres, als Teenager ein unausstehlicher, selbstsüchtiger und äußerst dämlich-naiver Vollhonk war, der für ein paar billige Lügen des Imperators, die jeder durchschnittliche Sechsjähriger durchschaut hätte, eine ganze Galaxie samt seiner Lieben ans Messer lieferte. Dass er der Vater von Luke und Leia ist und irgendwann vom Imperator auf die Dunkle Seite gezogen wurde, wussten wir schon vorher. Um uns das nochmal erzählen zu lassen, brauchten wir keine drei seelenlosen Filme, die außer tollen CGI-Effekten nur inhaltliche Grütze und unerträgliche Dialoge zu bieten hatten.

Die Matrix ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man eine an sich geniale Geschichte durch unnötige Erklärungen und endlos lange pseudo-philosophische Exkurse nachträglich kaputt-erklärt hat. Als Krönung drehte man es sogar so, dass am Ende der drei Filme fast alles wieder so war wie am Anfang, wodurch die ganze Geschichte ob ihrer Wirkungslosigkeit für alle Beteiligten ad absurdum geführt wurde. Neo ist im Grunde nur ein Looser, der erst einen riesen Wirbel veranstaltet, um dann am Ende einfach den Story-Reset-Knopf zu drücken, als er merkt, dass ihm die ganze Matrix-Befreiungsscheiße nur um die Ohren fliegen kann.

BioShock Infinite hat nun auch seine Midi-Chlorianer, sein Reloaded und sein Revolutions bekommen: Burial at the Sea.

Im Spiel gibt es gegen Ende diese eine kurze Szene, in der Booker und Elizabeth durch eine der unendlich vielen Türen gehen und in der Unterwasserstadt Rapture, dem Handlungsort der ersten beiden BioShock-Spiele, landen. BÄM! Und schon sind sie wieder weg. Dieser WTF?-Moment reicht, um in Verbindung mit der Multiversen-Theorie und den Rissen zwischen den Realitäten eigentlich alles zu erklären: Vigors und Plasmide, Big Daddys und Songbird, etc. …

Als der DLC angekündigt wurde, hatte ich die Hoffnung, dass BatS mit der Multiversums-Idee von Infinite spielt und uns eine kleine losgelöste, parallele oder alternative Geschichte mit Booker und Elizabeth in Rapture serviert. Eine „Was wäre wenn…?“-Episode quasi. Und die erste BatS-Episode macht scheinbar auch nichts anderes als das: Booker arbeitet als Detektiv in einem Rapture vor dem Aufstand und Elizabeth schneit eines Tages als geheimnisvolle Klientin in sein Büro, um ihn mit der Suche nach einem verschwundenen Mädchen zu beauftragen. Mal davon abgesehen, dass diese erste Episode mit gerade mal zwei Stunden Spielzeit viel zu kurz (und viel zu teuer!) geraten ist, eigentlich genau das, was ich erwartet habe.

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Doch dann kommt Episode 2: Sie ist deutlich länger (ca. 8-10 Stunden), bietet mit dem Einstieg in Paris einen wirklich grandiosen Moment und macht durch ihr Stealth-Gameplay mit einer „kraftlosen“ Elizabeth auch spielerisch deutlich mehr her als der eher enttäuschende erste Teil des DLC. Aber dann bringt Levine die verdammten Midi-Chlorianer ins Spiel: Er erklärt nicht nur die schon angesprochenen Parallelen zwischen Columbia und Rapture bis ins Kleinste, als würde er uns alle für grenzdebil halten, sondern verknüpft die Handlungen von BioShock und BioShock Infinite ganz konkret miteinander. Und das auf diese unerträgliche George Lucas Art, die im Nachhinein nicht nur große Teile der Magie der Original-Geschichte zerstört, sondern außerdem noch mehr Plot Holes aufreißt, als sie schließt.

Die ganzen Erklärungen, wie es z.B. kommt, dass ein Booker/Comstock es trotz des Endes von Infinite nach Rapture schaffen konnte, wie und warum Elizabeth gleich zweimal in die Unterwasserstadt gelangt und am Ende sogar die Ereignisse vom ersten BioShock auslöst („Would you kindly …?“), lassen sich nur dann akzeptieren, wenn man bereit ist, ganz viele Logiklöcher mit einem schulterzuckenden „Ist halt dieses Multiversen-Ding.“ hinzunehmen. Levine verbiegt seine eigene Geschichte über alle Maßen, um mit BatS aus BioShock und BioShock Infinite (BioShock 2 ignoriert er übrigens konsequent, weil es schließlich auch nicht sein Spiel ist…) nachträglich den gleichen unbefriedigenden Kreislauf zu machen, mit dem schon die Wachowskis ihre Matrix ruiniert haben.

Viele Kritiker nennen Burial at the Sea den würdigen Abschluss der BioShock-Reihe. Andere sprechen vom großartigen „Mindfuck“. Für mich ist es allerdings der DLC, der die Midi-Chlorianer nach Rapture brachte…

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Le DonLe Don: Für mich sind die Burial at the Sea-Episoden auch nicht der großartige „Mindfuck“ geworden. Aber „Mindfuck“ ist generell auch nicht das Wort, mit dem ich BioShock Infinite beschreiben würde. Klar, das Spiel hat eine komplexe Handlung und man musste sich vielleicht nochmal das Ende angucken oder sich Erklärungen im Netz durchlesen, um die Handlung besser zu verstehen. Aber insgesamt ergab das alles Sinn und folgte Regeln, die man eventuell nicht sofort erkannt hat. „Mindfuck“ ist für mich ein Begriff, der noch etwas abstraktes mit einbezieht. Ich teile auch nicht die Vorwürfe, Levine hätte den Spielern zum Selbstzweck WTF-Momente um die Ohren gehauen und versucht, die entstehenden Logiklöcher mit einem undurchschaubaren Multiversen-Konstrukt zu kaschieren. Das hat alles schon gepasst.

Bei den Burial at the Sea-Episoden sieht das jedenfalls ganz anders aus. Da wird von „Quantum Superposition“ gesprochen und in mir kommt der Verdacht auf, da wird tatsächlich ein Plot-Device aus dem Hintern gezogen, um die aktuelle Spielsituation zu erklären. Oder ich habe zu wenig Ahnung von der Materie. Ich würde es Levine durchaus zutrauen, sich besser als meine Wenigkeit mit Quantenmechanik auszukennen, aber er kann mich nicht mehr wie in Infinite überzeugen. Zumal mir die Handlung der beiden Episoden auch nicht mehr so sehr gefällt. Wieder wird versucht, mir als Spieler ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich wieder zu einer bestimmten Handlung gezwungen werde. Das ging in den BioShock-Spielen gerade noch so auf, funktioniert hier für mich aber nicht mehr, weil die Episoden das Meta-Thema um die Vorbestimmtheit des Spielers nicht aufgreifen und außerdem mein Widerwillen zwischen mir und den Aktionen meines Avatars zu groß sind. Das war mir ehrlich gesagt mitunter zu doof und durchschaubar.

Ich dachte zunächst auch, Burial at the Sea würde eine What If-Story aus dem BioShock-Multiversum erzählen und dies wäre wahrscheinlich die bessere Alternative gewesen, um sich diesen Ballast aus den vorherigen Spielen und dem Multiversum-Thema zu ersparen. Aber so scheint es mir ein Best Of-Abschied an die Fans zu sein, mit dem Irrational Games ihre Spiele zu einem großen Ganzen aufwickeln wollten und weswegen BioShock 2 außen vor gelassen wird. Dies äußert sich dann einerseits darin, wie selbst die offensichtlichsten Verbindungen noch plump aufgedröselt werden, es andererseits aber auch kleinere Details gibt, die als Fan-Service durchgehen mögen. Ich hatte tatsächlich Lust bekommen, die vorherigen Spiele nochmal zu spielen, um mögliche Details aufzuschnappen.

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Bei der 2. Episode war ich dann natürlich vom Stealth-Gameplay positive überrascht. Nicht nur, weil ich meinem Spitznamen „Captain Schleich“ alle Ehre machen konnte, sondern weil ich mir Elizabeth auch nicht als Revolverheldin wie Booker vorstellen wollte. Das hätte für mich nicht gepasst. So fand ich ganz nett, was Irrational Games mit einigen Erweiterungen wie der Detection-Anzeige und den Stealth-Kills (bzw. -Knockouts) gemacht haben. Vorsichtig habe ich Pfützen gemieden, um nicht gehört zu werden. Spielerisch kommt die 2. Episode zwar nicht an „richtige“ Stealth-Spiele ran und wurde mir irgendwann auch zu langatmig, aber es ist dennoch besser geworden, als die meisten erzwungenen Stealth-Passagen anderer Action-Spiele. Die klassischen Schießereien in der ersten Episode haben mir wegen den Skyhooks und Tears aus Infinite gut gefallen, weil diese in den Kämpfen mehr Abwechslung und fast so etwas wie Taktik bieten. Ohne wäre die 1. Episode vermutlich viel eintöniger gewesen.

Ich bin insgesamt unentschlossen. Als Abschluss der BioShock-Spiele von Irrational Games war es ganz nett. Aber die Midi-Chlorianer lassen sich auch für mich nicht verdrängen.


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2 Kommentare

  1. levelboss - 23.04.2014 10:49

    Ich sage es seit dem allerersten Bioshock: Levine ist ein hundsmiserabler Geschichtenerzähler, der smit pseudophilosophischem Gewäsch, lahmen Literaturaufgüssen und mageren Plot Twists einen gewissen Nebelschleier um seine Unfähigkeit zu legen versucht.

  2. SpielerZwei - 23.04.2014 11:35

    Und ich antworte Dir seit dem allerersten BioShock: Das sehe ich anders! ;-)

    Bei Burial at the Sea hat er den Bogen allerdings sogar für mich deutlich überspannt.

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