Der Shangri-La-Faktor

Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode, dichtete einst William Shakespeare. Mich würde es nicht wundern, wenn genau dies der Leitgedanke des Far Cry-Teams von Ubisoft bei der Entwicklung von Far Cry 4 war. Und da Stillstand der Tod im AAA-Lager ist (haha!), dachte man sich in Montreal wohl, dass es irgendwie aus irgendeinem Grund schon Sinn ergeben muss, wenn man den Wahnsinn aus Far Cry 3 im Nachfolger noch ein wenig freieren Lauf lässt. So erschaffe man also eine opulent anzuschauende Himalaya-Open World namens Kyrat, befreie diese aber weitgehend von einer intelligenten Story und packe sie randvoll mit dem üblichen generischem Spielplatz-Gedöns aus dem Ubisoft-Baukasten. Anschließend würzten die Ubisoft-Köche diesen fragwürdigen Cocktail mit einer gefährlichen Wildnis aus der Balancing-Hölle und einem hochgradig albernen Bösewicht, der darüber hinaus meinem früheren Friseur erstaunlich ähnlich sieht.

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Intellektuell erschaudern lässt mich dabei die harte Erkenntnis, dass Far Cry 4 trotzdem gelungen ist. Nicht das ganze Spiel! Es sind die besonders eigenartig abgedrehten Missionen und das vertikale Gameplay, die Far Cry 4 zu einer besonderen Erfahrung machen; aber dazu später mehr, denn noch mag ich lieber lästern als jubeln. Kommen wir also zu Ajay Ghale. Ubisoft kleisterte sich einen auffallend meinungsscheuen, unsympathischen und massenmeuchelnden Superhelden-Psychopathen zusammen, den sie nicht nur völlig unsinnige Nebenmissionen erleben lassen, sondern der sich zusätzlich noch durch einen nervigen Zickenkrieg des Führungspersonals des revolutionären Golden Pfades navigieren muss. Und das alles nur um den oben erwähnten Friseur-Doppelgänger Pagan Minh vom Thron zu stoßen. Wobei ich mich schon nach den ersten Stunden von Far Cry 4 fragte, warum die Revolution des Goldenen Pfades der, naja, rote Faden des Spiels ist, wenn Ajay Ghale und die Oberrevolutionäre Sabal und Amita selbst blutrünstige und egoistische Monster sind. Die eigentliche inhaltliche Klammer des Ganzen, die zu verstreuende Asche von Ajay Ghales´ Mutter, ist da schon längst ad acta gelegt worden (bis hin zu einem bestimmten optionalen Ende), was schade ist, denn so ein wenig Emotion hätte Far Cry 4 gutgetan.

Um das alles durchzustehen, geht es kaum anders als in zwei Dritteln des Spiels das Hirn auf Standby laufen zu lassen. Das gilt besonders für einige Nebenmissionen. Ubisoft will unbedingt Rennen in seinen Open World-Spielplätzen, zum Beispiel. Die machten schon bei Watch Dogs keinen Sinn. Bei Far Cry 4 sind sie Teil von völlig überflüssigen Film-Aufnahmen (?). Ein ähnlich verschwommenes Bild gibt die Jagd auf besonders gefährliche Tiere ab: Die bringen wir nicht um die Ecke, um das in Far Cry 4 eh durch Abstinenz glänzende „normale Volk“ zu schützen, sondern um die Felle einem Modedesigner namens Chiffon zu vermachen, der womöglich auch den lila Anzug von Pagan Minh verbrochen hat.

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Letztes Beispiel: Die Attentats-Missionen nach der Einnahme eines Außenpostens. Wie von Geisterhand hineingebeamt, hockt plötzlich IMMER irgendein gefesselter Mensch in Ajay Ghales neuer Hütte und verlangt die Tötung von Kommander X oder Lieutenant Y. Nicht nur, dass es völlig offen bleibt, warum die jeweilige Person noch gefesselt ist (es sind ausreichend Goldener Pfad-NPCs in der Nähe, die hätten helfen können), es bleibt auch fraglich, wieso es zu mindestens 50 Prozent immer die gleiche Mission ist. Arme Dorfbewohnerinnen wurden verschleppt und werden in irgendeiner Mine oder Höhle (?) zur Prostitution gezwungen. Und diesem Treiben machen wir ein Ende. Was natürlich löblich ist.

Aber das ist auch ein Zeichen für ein ganz generelles Problem: Far Cry 4 respektiert nicht meine Lebenszeit. Es ist viel zu lang, besonders weil die Schleifen an wiederkehrenden Nebenmissionen nicht enden wollen. Das mag ich nicht. Lieber kurz und abwechslungsreich als lang und langweilig. Es sind zu viele (und zu einfach zu besteigende) Türme und zu erobernde Außenposten im Spiel, von den nervigen „Karma-Events“ mal ganz zu schweigen. Das fließt alles so breiartig dahin, beinahe zumindest, wenn da nicht die Wildnis wäre. Und die bitterbösen Tiere. Wie der Dachs zum Beispiel, der aussieht wie ein Stinktier. Yep, der kann beinahe so viel ab wie ein ausgewachsenes Nashorn (als kleiner Beleg für die oben erwähnte Balancing-Hölle). Da steht man dann da und feuert wild mit seinem Flammenwerfer um sich, aber dieser kleine fuckin‘ Dachs piepst weiter fröhlich vor sich hin und nagt an Ajay´s Bein herum. Verrückt. Trotzdem: Die viel zu simple Übernahme von Außenposten wird manchmal nur herausfordernd und interessant, weil gleichzeitig ein Rudel Wölfe es auf mich abgesehen hat, während ich noch naiver Weise glaube, in aller Ruhe unentdeckt als Scharfschütze einen Pagan Minh-Lakaien nach dem anderen aus den Stiefeln ballern zu können. Diese kurzzeitige und schwer zu kalkulierende Aufregung ist ein Highlight von Far Cry 4, an das man sich aber leider schon recht früh im Spiel gewöhnt.

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Apropos Highlight: Jetzt ist aber mal Schluss mit dem Gemotze. Denn zweifelsohne hat Far Cry 4 seine Stärken. Neben der Wildnis als sich immer mal wieder einmischender Zufallsgenerator gibt es da die wunderbaren Shangri-La– sowie die Yogi & Reggie-Missionen. Und das Bergsteigen. Durch die Kletterei in Far Cry 4 bekomme ich so eine kleine Ahnung davon, was den (ehemaligen) DayZ-Gott Dean „Rocket“ Hall dazu trieb, öffentlich mit der Idee einer Bergsteiger-Simulation schwanger zu gehen. Den richtigen Weg in unwegsamem Geläuf zu finden, ist in Far Cry 4 meistens kinderleicht, könnte aber durchaus ein ganzes Spiel tragen, wenn etwa Schneefall, Kälte, Durst, Hunger etc. als Faktoren integriert wären. Bei Far Cry 4 machte mir das Klettern einfach nur Spaß. Das darf auch mal sein.

Geradezu mystisch-psychedelisch wird es in den Shangri-La-Missionen, die meist mit den schwierigeren Bergsteiger-Pfaden verbunden sind. Shangri-La will gesucht und gefunden und nicht verschenkt werden (wie sonst das meiste in Far Cry 4). Gut, die Story dazu ist wirklich ein bisschen überkandidelt; es gilt Geister zu vertreiben und einen magischen Tiger zu befehligen, aber so seltsam das klingt: Es hat was. Rein gameplaytechnisch betrachtet, ähnelt das Markieren von Gegnern, die der Tiger dann brav meuchelt, verblüffend den Drohnen-Missionen aus Call of Duty & Co, aber darüber mag ich generös hinwegsehen.

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Wenn man sich ein wenig Zeit nimmt in diesen vier Missionen, passiert Unerhörtes. Zumindest mir. Irgendwann hatte ich das Gefühl, virtuell ungefähr die Hälfte von dem Stoff intus zu haben, den sich die Programmierer der Shangri-La-Missionen „in echt“ während der Arbeit reingepfiffen haben. So kriegt man halt auch was für sein Geld! Die Welt ist orangerot und es gibt mehr als eine Wirklichkeit. Tatsächlich. In Far Cry 4 auf jeden Fall, denn da haben wir mit Yogi & Reggie zwei weitere Knallköppe, die nicht nur gerne zum Joint greifen, sondern sich als Verstärker noch irgendeinen Unsinn spritzen. Nicht nur sich, sondern auch unserem Ajay Ghale. Selbstverständlich erfährt man nicht, warum Ajay Ghale bei den Drogenexperimenten überhaupt mitmacht, aber was soll´s. Shangri-La ist Mystik, die Yogi & Reggie-Abenteuer dagegen wie profanes LSD. Aber mit gutem Sound und derart wunderbaren psychedelischen Farbspielereien, dass das luftig-anspruchslose Gameplay kaum auffällt.

Und somit ist Far Cry 4 doch auf seine Art etwas Besonderes. Inmitten des Immergleichen Open World-Baukastens wagt Ubisoft seine kleinen, mutigen Experimente. Und die haben es in sich. Mit ein bisschen mehr Selbstvertrauen und Zutrauen in die liebe Kundschaft könnte Ubisoft weitaus mehr aus Far Cry herausholen, als sie momentan dazu bereit sind. Abgesehen von den kleinen, aber feinen Highlights ist Far Cry 4 (leider) einfach nur eine Fortsetzung von Far Cry 3 – in dem Sinne, wie Rambo III der bekloppte Nachfolger vom hinrissigen Rambo II war. Die Ambition ist gut versteckt, aber Spaß macht es trotzdem.

Mehr Texte von Jens findet Ihr auf seinem Blog Gameexperience.


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3 Kommentare

  1. SpielerZwei - 15.01.2015 15:58

    Einige der Kritikpunkte kann ich unterschreiben (z.B. „Ubisoft-Baukasten-Spiel“), andere eher nicht (die redundanten Neben- und Sammelaufgaben muss man z.B. ja nicht machen, weshalb das ziehen der Story in der eigenen Hand des Spieler liegt).

    Der Punkt ist aber der, dass Far Cry 4 bei aller Angreifbarkeit am Ende trotzdem ein sehr unterhaltsamer Open-World-Shooter ist, der einen den Kauf nicht bereuen lässt, sofern man diese Art von Spiel überhaupt mag und auch FC3 ganz gut fand.

    Die bei weitem häufigste Kritik an FC4, dass es quasi genauso wie FC3 ist, teile ich allerdings nicht. Die Tatsache an sich stimmt zwar ohne Zweifel, aber dadurch dass es mit dem CIA-Mann und Hurk auch wiederkehrende Far Cry-Bekannte und damit entsprechende Querverbindungen innerhalb der Serie gibt, ist das Ganze für mich irgendwie die Software-Entsprechung einer Action-Kino-Reihe á la XXX, The Expendables oder Fast & Furious. Es handelt sich nicht um große Kunst, aber man bekommt kompetent gemachte Popcorn-Unterhaltung.
    Und so hirnrissig große Teile der Story zweifelsohne sind, so muss ich doch sagen, dass ich viel gelacht habe, weil viele der NPC-Dialoge, Funksprüche und Radio-Moderationen sehr witzig und gar nicht mal so dumm geschrieben sind…

  2. Jens - 15.01.2015 17:28

    Die Sammel- und Nebenaufgaben einfach beiseite zu legen, fand ich gar nicht so einfach. Die Icons störten mich mächtig auf der Map. Die habe ich dann so ziemlich alle „abgearbeitet“; mehr war es dann halt irgendwann nicht mehr.

    Den Rambo-Vergleich habe ich mit Grund herangezogen, das sehen wir ähnlich. FC4 hätte aber viel mehr sein können als FC3, wenn Ubisoft nicht so knietief im eigenen Sumpf watenwürde. Nicht nur Shangri-La & Co. waren super, sondern auch die paar Aufgaben im Hochgebirge des Himalaya fand ich großartig. Davon hätte ich gerne mehr gesehen!

  3. CKneverforget - 25.09.2017 14:53

    …also, far cry 4 ist mein 1 es, „leider“ gibts 3 nur für niedere systeme, fange gerade an auf ps3, schade störend, TROTZ des großen titels , der gravierende grafik unterschied. (aber die intro musik paßt schonmal 1a, street sweeper social club, tom morello, ratm, ). ja , 4, für mich ein absoluter top titel , vor allem da ich eher düstere shooter/metzler spiele, ( dying light, ryse, ), ABER, GERADE das quietsch bunte hat es mir angetan, genau DAS was mich auch bei assassins creed 4 zuerst erschreckt hat ( bester teil der reihe!!!!)….und selbst die wiederkehrenden missionen, (außenposten etc) geben GERADE durch das simple movement anlass um richtig kreativ zu werden,, im kampfsystem…aber , fast , ende, a)beste mission, chemie für fortgeschrittene, b) dlc tal der yetis, und zuletzt, ICH BEKOMME DEN SHANGRIE LA BOSS NICHT DOWN!!! ich hoffe 5 wird nur 2/3 so cool, gut angelegtes geld !!!!…in dem sinne, namaste, CK !!!

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