Fahren ohne Stützräder

Dass Fumito Uedas The Last Guardian ein „Meisterwerk mit Macken“ ist, habt Ihr in den letzten Wochen sicher schon ein paarmal gelesen. War aber ohnehin zu erwarten, denn seine vorherigen Spiele, Ico (2001) und Shadow of the Colossus (2005), waren das auch. Ganz besondere Kult-Dinger, die sich aber nicht besonders gut verkauft haben, weil sich ihre Zugänglichkeit in Grenzen hielt. Nerd-Kram für Videospiel-Connoisseure.

Und The Last Guardian macht da grundsätzlich keine Ausnahme: Die Steuerung ist wieder mal gewöhnungsbedürftig und auf der normalen PS4 gibt es an zwei, drei Stellen auch mal leichte Framerate-Einbrüche. Das ist beides nicht schlimm, weil es die Spielbarkeit in keinster Weise einschränkt (bei SotC war das schon ein anderer Schnack…), aber trotzdem stört sich der eine oder andere Waschmaschinentester daran. Ein weitaus größeres Problem in Bezug auf die Massenkompatibilität von Uedas Spielen stellt die stärkere Forderung des Spielers dar. In seinen Spielen muss man nämlich ohne Stützräder fahren. Sie nehmen den Spieler nicht so stark an die Hand, wie er es aus anderen Spielen gewohnt ist. Spielerisch, wie auch inhaltlich. Man muss mehr herausfinden und nachdenken. Es liegt mir allerdings fern, jemandem Dummheit zu unterstellen, wenn er mit diesen Spielen nichts anfangen kann. Das hat eher etwas mit der Bequemlichkeit zu tun, die uns die Mainstream-Titel der letzten 25 Jahre quasi anerzogen haben…

Genau an dieser Stelle ist wohl der Punkt gekommen, an dem ich betonen muss, dass The Last Guardian das mit Abstand zugänglichste Spiel von Team ICO bzw. genDesign darstellt. Immerhin gibt es genug Leute, die z.B. SotC zwar interessant fanden, es dann aber doch nicht weit gespielt haben, weil ihnen das ganze Spektakel zu schwierig, frustig und undurchsichtig war. Genau Ihr solltet Euch TLG trotzdem anschauen, denn es ist nicht übermäßig schwer und kann eigentlich bequem durchgespielt werden. Wenn Ihr es RICHTIG spielt. Aber dazu später mehr…

Die Kamera muss noch immer von Hand gesteuert werden, es gibt immer noch kein Hervorheben von wichtigen Gegenständen oder Orten und auch den Weg durch die Welt muss man noch immer selbst finden. Diese Ueda-typischen Designentscheidungen sind in TLG aber diesmal kein großes Problem, weil das Spiel eher gemächlich daher kommt. Man hat bis auf ganz wenige Kämpfe immer alle Zeit der Welt und stirbt daher eigentlich keine hektischen Tode à la SotC, wo man oft mehr gegen Kamera und Steuerung kämpfte als mit den Colossi.

Im Gegensatz zu Ico und Shadow of the Colossus wird einem die Geschichte dieses Mal richtig erzählt. Natürlich nicht so direkt in-your-face, wie man es heute von Titeln wie z.B. Uncharted gewohnt ist, aber ein Erzähler aus dem Off und ein paar Filmsequenzen sorgen dafür, dass man sich diesmal nach dem Durchspielen nicht erst durch irgendwelche Fan-Theorien in Foren kämpfen muss, um sich überhaupt einen Reim auf das Erlebte machen zu können. Die deutlich ausführlichere Narration sorgt interessanterweise aber nicht dafür, dass TLG weniger faszinierend und geheimnisvoll als seine Vorgänger ist. Die Welt an sich und viele Details der Story lassen weiterhin viel Spielraum für Interpretation.

Die Geschichte von dem kleinen Jungen und dem Fabeltier Trico, die zusammenarbeiten müssen, um aus einer geheimnisvollen Ruinenstadt zu entkommen, ist, wie eigentlich das ganze Spiel, eine Art Remix aus Ico und Shadow of the Colossus. Wer beide Vorgänger kennt, wird viele Elemente sofort wiedererkennen. Es geht einmal mehr um Freundschaft und tiefe emotionale Bindung. Das ist, neben dem herausragenden Artdesign, der fantastischen Atmosphäre und den technischen Macken, das Markenzeichen Fumito Uedas. Und es funktioniert wieder ganz großartig, was in erster Linie dem genialen Design von Trico geschuldet ist. Am Ende bleibt garantiert kein Auge trocken und kein Herz ungerührt.

Im Laufe der letzten Wochen habe ich allerdings festgestellt, dass es gerade in Bezug auf Trico die eine oder andere vernichtende Kritik gab. Und da Trico meines Erachtens der beste NPC-Begleiter seit Elizabeth aus BioShock Infinite ist, habe ich versucht herauszubekommen, was die Jim Sterlings und Jörg Langers dieser Welt wohl zu dieser fatalen Fehleinschätzung gebracht hat. – Die traurige Antwort: Sie haben das Spiel völlig falsch gespielt.

Wie ich weiter oben schon schrieb, hat man in TLG zumeist alle Zeit der Welt. Und die sollte man sich auch nehmen, um seinen Begleiter Trico und dessen indirekte Steuerung durch die Kommandos des Jungen richtig kennenzulernen. Team ICO/genDesign haben das Fabelwesen nicht nur wunderbar animiert, sondern ihm auch eine KI verpasst, die ihres Gleichen sucht. Dadurch besitzt Trico gewissermaßen ein Eigenleben und verhält sich wie ein echtes Tier (insbesondere wie eine Katze). Anfangs, man hat sich ja gerade erst unter, na sagen wir mal, schwierigen Umständen kennengelernt, macht Trico eigentlich nur, was er will. Später, wenn er mehr Vertrauen zum Jungen gefasst hat, ist man in der Lage, ihm eine Reihe von Kommandos zu geben. Aber auch die Funktionieren nur dann, wenn man gut aufgepasst und viel beobachtet. Es gibt nämlich ein paar Dinge auf die man achten sollte, damit man nicht in die Falle tappt und frustriert zu dem Fehlschluss kommt, dass Trico nur ein störrischer KI-Fail ist:

  • Es geht im Spiel darum, eine Bindung zu Trico aufzubauen. Je besser die ist, desto besser funktioniert die Zusammenarbeit. Je mehr Müsli-Fässer er vom Jungen bekommt und je mehr Streicheleinheiten man ihm gibt, desto besser.
  • Wenn man Trico eine Richtungsanweisung gibt, sollte man nicht auf seinem Kopf oder sonst wo stehen, wo er einen gar nicht sehen kann…
  • Wenn Trico das Kommando nicht ganz verstanden oder Zweifel an der Richtigkeit hat, schaut er einen fragend an, damit man das auch merkt. Wenn er eine Anweisung verstanden hat, sie aber nicht ausführen kann, blökt er herum.
  • Trico ist kein Roboter. Manchmal hat er Angst vor etwas, manchmal ist er aufgeregt und manchmal interessiert ihn irgendetwas einfach mehr als die Befehle des kleinen Jungen. Darauf muss man Rücksicht nehmen.
  • Wenn man gerade mal nicht weiter weiß, hilft es, Trico einfach eine Weile zu beobachten. Sein Umherschauen und -laufen in der Welt gibt einem Hinweise, wo es weiter gehen könnte.
  • Trico muss sich in der Spielwelt genau so fortbewegen wie der Junge. Und Trico ist groß. Wenn man darauf keine Rücksicht nimmt, kann es passieren, dass man von Trico mal versehentlich von einer schmalen Klippe oder dergleichen geschubst wird. Das ist kein Fail der Programmierer, sondern der Preis, den man für die genial konstruierte Spielwelt zu zahlen hat. Nicht ausflippen, sondern schmunzeln und beim letzten Checkpoint weitermachen. Die Dinger sind schließlich alle sehr fair und dicht beieinander gesetzt.
  • Wenn Trico gerade woanders hin schaut oder man einfach blöde steht, kann er die hingeworfenen Müsli-Fässer natürlich nicht fressen. Das liegt dann aber nicht an Trico…
  • Und extra für einen ganz speziellen Freund von mir: Wenn man sogar schon zu blöd ist, die Müsli-Fässer ganz am Anfang des Spiels zu finden, dann hilft wieder einmal ruhiges Beobachten der Umgebung. In der Nähe der Fässer fliegen nämlich immer diese blauen Schmetterlinge herum…

Zusammengefasst: Mit Ungeduld verdirbt man sich selbst das Spiel. Wer meint, er könnte sich Trico zum Untertan machen und ihn dann straight durch die Spielwelt steuern wie einen Ferrari in GTA, um mit ihm nur von A nach B zu kommen, der wird sich die Zähne an ihm ausbeißen und das Spiel selbstverständlich scheiße finden. Ist dann vielleicht auch besser so, weil er den ganzen Kern von The Last Guardian eh nicht gerafft hat…

Ich hoffe, ich konnte einige der negativen Stimmen bezüglich The Last Guardian etwas relativieren. Es wäre einfach zu schade, wenn Ihr Euch dieses Meisterwerk (mit kleinen Macken!) nur deshalb entgehen lasst, weil der eine oder andere Kritiker zu blöd bzw. ungeduldig für das Spiel war und deshalb aus Frust eine schlappe Wertung vergeben hat. TLG ist eines dieser besonderen Spiele, wie sie nur alle paar Jahre herauskommen. Es spielt sich nicht ganz so komfortabel wie es der Blockbuster-Mainstream heute diktiert, ist aber bei weitem auch kein Frustbrett wie z.B. SotC oder die Souls-Spiele. Wer auch nur ein klein wenig Leidensfähigkeit bezüglich der Steuerung und des Eigenlebens von Trico mitbringt, wird mit einem der großartigsten, emotionalsten und schönsten Spielerlebnisse der letzten Jahre belohnt!


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9 Kommentare

  1. Missingno. - 09.01.2017 12:18

    Wahrscheinlich kann man es gar nicht vergleichen, aber wie verhält sich vom KI-Standpunkt Trico zu der Kreatur aus dem uralten Black & White? Da konnte man ja auch füttern, loben, bestrafen und Zaubersprüche beibringen und bekam irgendwann eine Kreatur die wortwörtlich auf alles geschissen hat, die Gläubigen zu bekehrten Züchtern gemacht hat und als Freizeitbeschäftigung Kinder gefressen und Erwachsene durch die Gegend geschleudert hat. KI-Fail oder falsch gespielt?

  2. SpielerZwei - 09.01.2017 15:47

    Boah, das ist aber lange her. B&W ist von 2001, da habe ich nur noch ganz vage Erinnerungen. Aber aus dem Gedächtnis funktionierte die KI der Kreatur eigentlich gut, war aber zu empfindlich. D.h. man konnte dem Vieh ganz leicht aus Versehen Quatsch beibringen (z.B. die Einwohner fressen) und ihr diesen nur ganz schlecht wieder abgewöhnen. Das bedeutete einerseits großes Spaßpotenzial, wenn man sich auf die Kreatur konzentrierte, andererseits aber auch viel Nerverei, wenn man das Ding in erster Linie als geradliniges Aufbau-/Gott-Spiel spielen wollte…
    Aber Deine eigentliche Frage war ja, ob man die KIs beider Spiele vergleichen kann. Meiner Meinung nach überhaupt nicht. Bei Trico ist ja ganz viel als mögliches Verhaltensmuster vordefiniert, das dann durch entsprechende Handlungen, Situationen und Orte entsprechend getriggert wird. Bei B&W war die KI wesentlich offener/frei/lernfähiger, was den Spieler-Input angeht.

  3. Missingno. - 09.01.2017 18:45

    Bei Trico ist ja ganz viel als mögliches Verhaltensmuster vordefiniert, das dann durch entsprechende Handlungen, Situationen und Orte entsprechend getriggert wird.

    Das klingt jetzt halt so gar nicht nach KI. -.-
    Ich weiß, das ist nicht der Punkt auf den du hinaus wolltest, sondern dass manche Leute es der Spielmechanik (als Trico-/KI-Fail) angekreidet haben, weil sie den Trigger (nur wenn Bedingungen X und Y erfüllt sind, macht Trico Z) nicht ausgelöst haben, obwohl das eigentlich eben die Spielmechanik ist. So, als würde man Pokémon ein KI-Fail ankreiden, weil der Professor es telepathisch schafft, dass man sein Fahrrad nicht in geschlossenen Räumen aus dem Rucksack ziehen kann oder man ohne entsprechenden Orden und schon gar nicht auf dem Land surfen kann.
    Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es ja (mindestens ein Teil des) Rätsel, die Fässer zu Trico zu bringen und (erst) wenn man alle aus einem Gebiet gesammelt hat, ist Trico bereit einem ins nächste Gebiet zu folgen bzw. zu bringen bzw. zu helfen.

  4. SpielerZwei - 09.01.2017 19:38

    Es ist schon komplexer als Du es darstellst, aber nein, Du kannst Trico nicht beibringen, einen Handstand zu machen oder Dir die Zeitung zu holen. Wie viel da Simulation und wie viel echte KI ist, kann ich auch nicht genau sagen. Aber wie Du schon angemerkt hast: Das war auch gar nicht mein Punkt im Artikel. Warum Trico so toll ist, ist auch schwierig zu erklären. Spiel’s einfach und dann unterhalten wir uns nochmal…

  5. Missingno. - 09.01.2017 20:40

    Wahrscheinlich müsste man erst einmal definieren, was man unter dem Begriff „(echte) KI“ versteht. So wie ich ihn verstehe, sind wir davon noch sehr weit entfernt, aber er wird ja auch gerne für „lebensnahe Simulation“ benutzt. Das kann ich mir schon eher vorstellen, dass sich Trico in einem gewissen Rahmen (ähnlich) wie eine Katze verhält, die ihren eigenen Kopf hat.
    Das Problem mit „Spiel’s einfach“ ist, dass ich keine PS4 habe und auch keine Anschaffung plane. Ich glaube, da würde auch meine Regierung protestieren. ;-) Selbst wenn ich das außer Acht lasse, käme ein Kauf für ein ICO/SotC-alike nicht so wirklich in Frage. Also muss ich dir solange glauben, dass Trico toll ist. ;-)

  6. SOMA - 12.01.2017 23:47

    Also, da ich auch megaschlau mitreden möchte, denke ich über Folgendes nach:

    TRICO ist nach dem ALIEN in dem gleichnamigen ALIEN: ISOLATION der zweite grossartige „Partner“ (Roboter, Tier, etc.) der dafür sorgt, daß „unerwartet“ auch „unerwartet“ bleibt. Das macht es ihn schonmal wert, auf meiner Kommode als Standalone schlafend zu ruhn`!

    Jeder Gibli Fan müsste Fumito Ueda die Füsse küssen, für soviele Tränen, die ehrlichen Herzens aus einem herauszufließen scheinen, denn ich habe es persönlich zwar noch nicht gespielt, aber viel gelesen.

    Und: Zwei Mitbewerber Eurer Fakultät haben zwei ganz wunderbare Beiträge dazu „gedreht“ und geschnitten,( auch wenn ich die Beiden jetzt nich`so supertoll finde, aber ) die wissen echt richtig viel. Also sei Euch Allen folgende kleine Videos mit einem „unbedingt-scheisse-nochmal -ansehen-Vermerk“ ans liebevoll schlagende Geniesser- , Kunst- und Sachverständigen-Herz gelegt. Besser kann man es nicht beschreiben, aber Euer Artikel wird dem absolut ebenbürtig, habt Dank dafür und ein fettes 2017 für Euch alle !

    1. https://www.youtube.com/watch?v=ywMk_jkzWVU (vom TOM)
    2. https://www.youtube.com/watch?v=NH7VP3xIZ9Q (vom ROBIN)

  7. SpielerZwei - 13.01.2017 11:42

    Die Videos sind beide nicht schlecht. Danke dafür.
    Und gerade das zweite (von Robin) unterstreicht noch einmal meinen Punkt: Insbesondere für Leute, die schon unzählige Videospiele gespielt haben und daher auch ganz schnell durchschauen, was herkömmliche Spiele von einem wollen und wie sie funktionieren, ist TLG so erfrischend anders und geradezu anbetungswürdig.
    Um so erschütternder ist die Reaktion von einem vermeintlich „altgedienten Profi“ wie Jörg Langer. Aber dass ich speziell ihn für einen Knacklappen erster Kajüte halte, der im Unterhaltungsmedium Videospiel komplett fehl am Platze ist, wissen die Stammleser hier ja schon seit Jahren. Und wenn man sich dann auch noch ansieht, wie ätzend und arrogant er jedesmal mit valide geäußerter Kritik umgeht, bekommt man leicht den Eindruck, dass seine Unfähigkeit als Videospielkritiker nicht sein einziges Problem ist… ^^

  8. SOMA - 13.01.2017 23:31

    Aber mal ehrlich, SpielerZwei, wer sich so dermassen disqualifiziert, wie die zwei geistigen „Stan Laurel und Oliver Hardy – Cosplayer“ (sorry, ich tu diesen beiden genialen amerikanischen Komoedianten voll unrecht!) hier : https://www.youtube.com/watch?v=YHjF_aXG6as kann ich weder Ernst nehmen, noch möchte ich Ihnen wirklich zuhören müssen, weil sie keine Ahnung, keinen Stil, keinen Anstand, keine Freundin, keine Ziele, keine Haltung, kein Rückrat und schon gar kein Benehmen haben, schlichtweg von 8 Jahren „harter Arbeit“ nichts verstanden haben, ausser „Fiffi“ und „der läuft hier son bisschen betrunken der Kleene“ . Danke für den Tip, gruseliger kann kein Resident Evil 7 sein, das ist schon für sich gehört der reinste Horror ! „Waisenkinder“ (?), wo leben diese „drei lustigen Zwei“ ? Was haben diese zwei Armutstropfen bisher gemacht, die machen doch einfach nur tiefensuchende schlechte Witze oder hat denen die Oma den PATREON bezahlt ? Naja, von soviel Geld kann man auch weit „spucken“ https://www.patreon.com/spieleveteranen OMG!

  9. SOMA - 13.01.2017 23:46

    Wow, die sind voll und total „durch“: https://www.youtube.com/watch?v=cxz0xu9cBZc das kann weder deren, noch YouTubes Ernst sein…Knalltütencast mit Krümeln im Hirn. Wie verzweifelt muss man für sowas sein ?

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