Crème de la Game v.09 (beta3)

Das vergangene Jahr wird mir mit Sicherheit nicht so stark im Gedächtnis bleiben wie die Jahre 2007 und 2008, die zum Bersten gefüllt waren mit Veröffentlichungen von hochkarätigen und einzigartigen Spielen wie “Portal”, “Team Fortress 2”, “S.T.A.L.K.E.R. – Shadow of Chernobyl”, “Mirror’s Edge”, “Burnout Paradise” und “Left 4 Dead”. Im abgelaufenen Jahr habe ich dagegen kaum Zeit mit traditionellen AAA-Titeln verbracht; Daniel und SpielerZwei haben zwar schon gezeigt, daß von dieser Sorte einige ganz brauchbare Exemplare auf den Markt geworfen wurden, doch die Abwesenheit echter Straßenfeger im Jahr 2009 habe ich zum Anlaß genommen, mich um so intensiver mit vielen kurzen und meist auch kurzweiligen Download-Spielen zu beschäftigen.

2009 stand ganz im Zeichen hochglänzender Indie-Spiele wie “Blueberry Garden”, ausschließlich digital vertriebenen Spielen à la “Zeno Clash” auf dem PC oder “‘Splosion Man” auf der Konsole, experimentellen Freeware-Titeln wie “Evac”, Flash-Games mit ernst zu nehmender Geschichte (“Small Worlds”) und MMOs im Browser, zum Beispiel “Jump Jupiter” – zumindest für mich persönlich. Aber das ist ja auch kein Wunder, denn die auflagenstarken Spielemagazine und -websites haben schließlich längst ihre “Unabhängigkeit” an “den Feind” “verscherbelt” und bilden nur noch pralle, wenig verhüllte Rundungen auf ihren Titelseiten ab, anstatt die breite Öffentlichkeit endlich einmal darüber zu informieren, daß es heute völlig sinnlos ist, Indie-, Download- und in Kartons eingepackte Spiele unterschiedlich zu behandeln. Längst wildern einerseits Publisher wie LucasArts, mit dem eher dürftigen “Lucidity”, im Revier der Independent-Szene und auf der anderen Seite scheinen sich die Schlafzimmer-Programmierer von Wolfire Games anzustrengen, das nächste “Duke Nukem Forever” zu entwickeln. Neu ist dieser Gedanke freilich nicht, denn spätestens seit den Erfolgen von “Puzzle Quest” und “Peggle” sollte man unabhängig produzierte Spiele nicht mehr in eine spezielle Kategorie stopfen.

Popcap Games ist ein gutes Stichwort, um gleich, ohne weitere Umschweife, mein liebstes Spiel des Jahres zu enthüllen: “Plants vs. Zombies”. Eigentlich war es ein Glück, daß irgendwann im Frühjahr von einem Tag auf den anderen meine Gilde in “Granado Espada” zerfiel und damit zum dritten Mal mein Plan, die Level-Grenze dieses unkonventionellen MMORPG zu erreichen, vereitelt wurde. Wäre dies nicht geschehen, wäre ich vielleicht nicht dazu gekommen, mehr als sechzig Stunden in “Plants vs. Zombies” zu versenken. Endlich hatte ich einmal die Muße, auch das allerletzte bescheuerte Achievement zu erringen und mich zudem durch sämtliche nervenzehrende Challenges, die ich in der Regel links liegen lasse, zu kämpfen. “Plants vs. Zombies” hatte einfach alles, was man von einem Top-Spiel erwartet: Eine irre Story als Aufhänger, die vom gleichermaßen irren Dave großartig erzählt wird, niedliche Spielfiguren, neue Facetten des altbekannten Tower-Defence-Konzeptes, die alle perfekt funtionieren und zum Abschluß einen Popsong, den man am liebsten laut mitsingen möchte. “Plants vs. Zombies” mag den ersten Platz meiner persönlichen Highscore-Liste des vergangenen Jahres abgesahnt haben, aber dennoch sind innerhalb der letzten 12 Monate auch ein paar andere Spiele erscheinen, denen man, im übertragenen Sinne, mindestens ein Achievement widmen müßte…

Heißeste Anwärter auf den Restaurations-Award für das Spiel mit dem rückwärtsgewandtesten Gameplay sind im gleichen Maße “Shadow Complex” und “Torchlight”. So nah dran an der Essenz vom Metroidvania-Genre wie “Shadow Complex” waren nicht einmal alle Vertreter der namensgebenden “Metroid”- und “Castlevania”-Serien. Nur das merkwürdige Szenario mit radikalen Helm-Fetischisten aus der Zukunft ließ mich davor zurückschrecken, es noch ein weiteres Mal durch zu spielen. “Torchlight” hat exakt den Nerv getroffen, der sich vor über zehn Jahren dank “Diablo” unwideruflich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Auch dieses Spiel ist so nah am Original wie kein anderes: Wer einmal “Diablo” gespielt hat, muß sich in “Torchlight” keine Sekunde lang eingewöhnen, wer einmal der Sammelsucht nach dem nächsten marginal besseren Item erlegen ist, kommt um Torchlight nicht herum.

Das Weiße-Flagge-Achievement hat sich Derek Yus “Spelunky” redlich verdient. An keinem anderen Game habe ich mir in der letzten Zeit so sehr die Zähne ausgebissen – Und mich trotzdem köstlich amüsiert! “Moderately easy to learn, nearly impossible to master”, trifft “Spelunky”s Kern. Worms-Veteranen können attestieren, daß Bomben werfen und präzises ropen allein schon nicht einfach ist. In einem Jump’n’Run, in dem tödliche Stacheln, Fallen und Gegner en gros zu finden sind, wird die Beherrschung der Spielfigur, die zu allem Übel vielleicht auch gerade eine riesige goldene Statue oder eine kreischende Blondine in Händen hält, jedoch zur Lebensaufgabe. Nicht ohne Grund wird Neulingen des Spiels “Nethack”, welches sich “Spelunky” zum Vorbild genommen hat, das Studium von Spoiler-Texten nahe gelegt, und “Nethack” ist rundenbasiert. In “Spelunky” erkennt man allerdings auch stets den Grund des selbst verursachten virtuellen Ablebens und macht es beim nächsten Durchgang ein klitzekleines bischen besser. Und kommt man doch einmal ein ganzes Level weiter, fühlt man sich wie der König der Welt.

Nicht nur des außergewöhnlichen Titels wegen geht mein White-Rabbit-Achievement (nein, nicht an “Rabbids Go Home”, sondern) an “AaaaaAAaaaAAAaaAAAAaAAAAA!!! – A Reckless Disregard for Gravity”. So verrückt wie dieses Spiel ist nicht einmal Dave aus “PvZ”. Nicht nur sind darin sämtliche Texte auf eine sehr, sehr ausgefallene Art formuliert, auch die der “Entspannung” dienenden freispielbaren Zwischensequenzen lassen einen eher mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Verstörung zurück. Und wo sonst kann man schon Strichmännchen im freien Fall den Mittelfinger zeigen, hoch in der Luft schwebende Hochhäuser mit der Spraydose taggen, während man im Espressorausch Glasscheiben durchschlägt und gleichzeitig Plakate mit Frauen im Bikini betrachten? Der durchaus vorhandenen Substanz des Spiels widme ich dann bei Gelegenheit noch einen gesonderten Text.

Einen weitgehend positiven Eindruck hinterließen bei mir auch “The Legend of Zelda: Spirit Tracks” und “GTA IV: The Ballad of Gay Tony”. Eine riesige Welt wie das Königreich Hyrule mit vielen Interaktionsmöglichkeiten, eine butterweiche Stylus-Steuerung und die Möglichkeit, Lokführer spielen zu können, ständig und überall parat zu haben, ist zwar traumhaft, existiert aber quasi auch schon seit 20 Jahren. Die “heitere Tony-Ballade” glänzte nicht allein durch gewohnt atemberaubende und abgefahrene Missionen und eine großartige Inszenierung, sondern ausnahmsweise auch durch ein paar Figuren, deren Probleme, Schwächen und Verfehlungen wenigstens ansatzweise erwachsen und sympathisch wirkten. Das Spiel verblaßt, was die Story angeht, leider jedoch immer noch neben besseren Hobby-Projekten wie beispielsweise “Iji”.


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9 Kommentare

  1. Kazoom - 05.01.2010 13:58

    Auf Nille ist Verlass. Die völlig andere 2009 Toplist. Spelunky hatte ich im übrigen schon wieder vergessen, obwohl ich mir tagelang die Zähne dran ausgebissen habe.

    Wo wir gerade bei 2d J’n’R sind. Arkedo Series Jump! und Pixel sind großartige XBL-Indie-Spiele für einen kleinen Preis.

  2. Jan - 06.01.2010 10:15

    Könntest du EVAC irgendwo uploaden? Der Download Link ist nämlich down und es gibt das game auch sonst nirgends…

    danke :)

  3. Nille - 06.01.2010 11:02

    Da frage ich aber lieber erstmal nach. Wenn „Evac“ wieder verfügbar ist, schreibe ich es hier in die Kommentare und/oder bei Twitter.
    Falls das zu lang dauert, kann ich es auch per Mail oder so schicken.

  4. ness - 07.01.2010 23:30

    Dem bei Gelegenheit entstehenden und gesonderten Text zu „AaaaaAAaaaAAAaaAAAAaAAAAA!!!“ schaue ich schon gespannt entgegen =).

  5. Nille - 08.01.2010 17:42

    Ich habe „Evac“ jetzt einfach mal dreist bei mir hochgeladen und werde die Datei ein paar Tage lang auf dem Server lassen, falls sich jemand für das Spiel interessiert.

    Download hier.

  6. Jan - 08.01.2010 22:39

    Vielen Dank :)

  7. SpielerDrei - 10.01.2010 13:03

    Ach mann, Small Worlds… SPIELT DAS! Das ist großartig und dauert nur 15 Minuten.

  8. Zocker - 10.01.2010 15:29

    Sehr geil. Vielen Dank Nille!

  9. Manu - 10.01.2010 18:00

    oha, Danke SpielerDrei für den Tipp zu „Small Worlds“ – Grad gespielt und das ist ja wirklich großartig!

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