Silent Hill Shattered Memories

Das Polyneux-Tourismus-Büro empfiehlt: Besuchen Sie Silent Hill!

In unserer noch jungen Rubrik „Moment des Monats“ war mein persönliches Highlight im Februar das Anspielen der neuesten Episode einer der erfolgreichsten Grusel-Serien aller Zeiten. Der Moment beschrieb die erste Viertelstunde von „Silent Hill: Shattered Memories“ für die Wii. Dieser Start in das Spiel war packend, fesselnd und so völlig anders, dass ich selbstverständlich weiterspielen musste.

Begleitet mich auf meiner Reise durch das kleine, verschlafene Dörfchen mit dem klangvollen Namen „Silent Hill“, welches uns nicht nur durch den harten Wintereinbruch frösteln lassen möchte.

(Disclaimer: Minimale Spoilerwarnung – Die ersten beiden Schockmomente des Spieles werden zum besseren Verständnis erwähnt.) Aus Gründen der Vollständigkeit ist mein Absatz aus dem „Moment des Monats“ hier noch einmal einleitend aufgeführt.

Ich sitze im verdunkelten Zimmer vor dem bläulichen Licht des Fernsehers. Alles schläft, die Stadt ist ruhig. Die perfekte Stimmung, um sich ein wenig gemütlich zu gruseln. Also lege ich „Silent Hill: Shattered Memories“ in die Wii. So so, ein erwachsenes Spiel soll das sein, denke ich mir noch beiläufig und erwarte viel Blut, eklige Monster und dunkle Zimmer in verlassenen Gebäuden. Doch was ist das, ich sitze mit meinem Alter Ego beim Psychiater und bekomme einen Fragebogen vorgesetzt! Was zur… Ich beantworte Fragen ob ich mir leicht Freunde mache, ob ich mir zum Abschalten einen Drink gönne und ob ich beim Sex… Ich lese die Stelle erneut, doch ich habe mich nicht verlesen, da steht tatsächlich, ob ich beim Sex auf Rollenspiele stehe… Ist das jetzt noch Spiel oder war die „Psychologische Warnung“, die ich beim Starten des Spieles weggeklickt habe wie die FBI Warnung auf DVDs, etwa ernst gemeint? Ich weiß nicht, ob ich weiterspielen möchte, das ist mir irgendwie suspekt und ich merke, dass ich schon mitten drin stecke.

Nachdem ich also gewissentlich die Fragen auf dem Fragebogen beantwortet habe, fordert mich mein Psychiater auf, über „diesen einen Moment“ zu sprechen und das Spiel blendet mich zurück in die Vergangenheit. Ein Autounfall, ich erwache, weiß nicht, wieviel Zeit seit dem Aufprall vergangen ist, aber meine siebenjährige Tochter ist weg. Mit einer Taschenlampe mache ich mich auf die Suche nach ihr. Wo ist sie nur hin? Es ist bereits Abend geworden, die Dämmerung bricht ein, also Taschenlampe raus. Mit der Wiimote leuchte ich mir den Weg. Dafür wurde die Wii gemacht, nie hat sich eine Taschenlampe in einem Spiel authentischer angefühlt und ich werde fast etwas melancholisch, dass „Alan Wake“ nicht für die Wii erscheinen wird.

Die amerikanische Kleinstadt „Silent Hill“ macht ihrem Namen alle Ehre: Es ist keine Menschenseele auf der Straße, was aber auch an dem offensichtlich erst kürzlich hier gewüteten Unwetter liegen könnte. Überall türmen sich meterhohe Schneeberge. Die komplette Stadt scheint unter einer riesigen, weißen Decke zu schlafen. Panisch renne ich umher, doch auch auf meine Rufe hin reagiert Cheryl nicht. Auf einmal der erste Schockmoment! Meine… Wiimote ruft an! Etwas verdutzt schaue ich auf das Eingabegerät in meiner Hand, und höre, wie jemand aus dem kleinen, integrierten Lautsprecher quäkt. Reflexartig und als wäre es selbstverständlich, halte ich mir die Wiimote wie ein Telefon ans Ohr, mein Charakter auf dem Bildschirm tut das schließlich auch und ich… telefoniere. Ich bin baff. So funktioniert also diese berüchtigte Immersion, von der die Jungs hier auf Polyneux immer reden. Der Anruf war sehr mysteriös, mir läuft es ob der direkten Nähe dieser Stimme an meinem Ohr eiskalt den Rücken runter. Auch dass diese Stimme nicht aus dem Fernsehgerät kommt, sondern in meiner realen Welt zu mir spricht, beängstigt.

altIch laufe ein Stück weiter, immer noch auf der Suche nach meiner Tochter. Als ich an einem alten Spielplatz vorbeilaufe, knarrt und quietscht eine alte Schaukel. Neugierig und ängstlich laufe ich auf sie zu und bleibe sofort wieder stehen. Mein „Handy“ fängt an zu rauschen, ein ganz unangenehmer, statischer Laut wie von einem Störsender… woher kommt das? Je näher ich der Schaukel komme, desto lauter wird das Geräusch in meiner Hand – ich will, dass es sofort aufhört, aber ich will auch wissen, warum es lauter wird, wenn ich auf die Schaukel zulaufe. Ich stehe nun direkt vor der Schaukel und die Störgeräusche sind fast nicht mehr auszuhalten, ich zücke das Handy auf dem Bildschirm und wechsle in den Fotomodus, um die mysteriöse Schaukel festzuhalten. Der zweite Schockmoment: Auf dem Foto erkenne ich schemenhaft die Umrisse eines kleinen Mädchens und mit einem lauten Schrei ist der Spuk vorbei, das Geräusch ist weg, mein Puls beruhigt sich. Die Schaukel bewegt sich noch leicht und ich muss erstmal durchatmen. Ich brauche eine Pause.

Als ich von meinem Alibi-Ausflug aus der Küche zurückkomme, friert im Spiel einige Minuten später um mich herum alles ein. Große Eisflächen überziehen die Landschaft. Gesichtslose Monster kriechen aus Ecken und Ritzen hervor und versuchen mich zu fangen. Sie sind nicht besonders schnell, aber ich habe ein Problem: Ich kann mich nicht wehren. Meine Taschenlampe blendet Sie nicht und auch in Sachen Selbstverteidigung kann meine Spielfigur nicht die geringsten Vorkenntnisse aufweisen. Da hilft nur die Flucht. Gehetzt renne ich der nächsten Tür entgegen, schlage sie mit meiner Schulter auf und stolpere danach ein paar Schritte, doch da sind noch mehr von diesen Wesen. Panisch suche ich nach einer weiteren Tür, als mich eines der Wesen zu greifen bekommt. Wild gestikulierend versuche ich dieses Monstrum von mir ab zu schütteln, was mir auch gelingt. Doch nicht nur Harry, mein Alter Ego auf dem Bildschirm, schnauft, auch ich atme schneller, und so gefroren die Landschaft um mich herum aussieht, so kalt fühlt sich auch mein Wohnzimmer momentan an, in dem ich auf der Kante meines Sofas sitze und gebannt den Ausgang aus diesem Albtraum suche. Ich finde ihn nicht und bin am Verzweifeln, in diesem Lagerraum bin ich doch vor ein paar Minuten schon gewesen. Mir steht der kalte Schweiß auf der Stirn. Ich durchbreche eine andere Tür, die mir vorhin noch nicht aufgefallen ist und bin erleichtert – ich habe es geschafft. Zum Glück holt mich der Psychiater in dem Moment wieder zu sich auf die Couch.

altDiesmal soll ich ein Bild anmalen. Psychotest, ich solle mir nichts dabei denken, ich sehe ein Haus und zwei glückliche Menschen davor. Ich male dieses Bild mit Bunstiften aus und staune nicht schlecht, als ich in der darauf folgenden Erinnerungssequenz vor meinem angeblichen Wohnhaus stehe und dies genau die Farben aufweist, die ich dem Psychiater auf sein Bild gesetzt hatte. Auch Figuren, denen ich begegne und die Monster, die mich verfolgen, verändern ihr Aussehen und Verhalten, je nach dem, wie ich die Fragen und Aufgaben des Psychiaters beantworte. Sehr subtil aber auf seine perfide Art und Weise sehr wirksam!

Das Spiel schafft, was nur wenige Spiele bisher bei mir geschafft haben: Es erzeugt Angst, Panik und das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein. Was für eine großartige Entscheidung, auf Waffen zu verzichten, was für eine großartige Entscheidung, die Emotionen und die Charaktere in den Vordergrund zu stellen. Da erscheint fast nebensächlich, zu sagen, dass es noch dazu grafisch das wohl bestaussehendste Spiel ist, dass die Wii bisher spendiert bekommen hat. Die Suche nach Cheryl und die Verzweiflung, was in dieser mysteriösen Stadt vor sich geht, packt einen und man fühlt mit Harry in jeder Situation mit. Die Rechnung mit diesem Neuanfang der Serie ist komplett aufgegangen. Ein erwachsenes Spiel, dass den Spieler ernst nimmt und mit gängigen Konventionen bricht. Silent Hill ist für die Wii so wichtig wie Heavy Rain für die PS3.


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19 Kommentare

  1. d0rsch - 05.03.2010 20:39

    absolut genau so habe ich das spiel empfunden.
    eins von wenigen richtig guten beispielen, wie man core-gaming auf der wii zu verstehen hat.

  2. Missingno. - 05.03.2010 20:55

    Ich will es jetzt ja nicht runter machen, aber Wii-Handy konnte schon der Launch-Titel „Red Steel“.

    Ansonsten hört es sich nicht schlecht an, ist nur nicht ganz mein Genre.

  3. SpielerZwei - 05.03.2010 21:36

    Ja, No More Heroes hatte das Telefon-Dings auch, aber hört sich trotzdem nach einem coolen Spiel an. Ich hatte die SH-Serie ja kürzlich quasi schon aufgegeben. Mal sehen, ob Manu zu viel versprochen hat…

  4. Ben - 05.03.2010 23:31

    Silent Hill Wii verhält sich zu Silent Hill 2 wie?

  5. manuspielt - 06.03.2010 00:26

    Und die Rabbids von Rayman hatten den Telefon-Effekt auch, ja. Aber nirgends war das so gruselig und hat einen so in das Spiel eingesogen wie hier.

    Eine Sache ist übrigens nervig an SH:SM, wenn man sich wirklich so wie oben beschrieben verläuft und den Ausgang nicht findet, aber ich habe das mal auf meinen Orientierungssinn geschoben und nicht auf das Spiel. Schließlich ist eine Minimap in dem in-Game Telefon enthalten.

  6. Jingleball - 06.03.2010 00:55

    Ich muss ganz ehrlich sagen: das ist wohl der erste Titel bei dem ich es bereue, keine Wii zu besitzen. SH 1+2 habe ich geliebt, bei 3 gings ja dann leider auch schon bergab, von 4+5 will ich gar nicht erst reden. Ich glaube das Spiel tut der Wii als momentan berüchtigte „tote Konsole“ auch ganz gut.

  7. spieler eins - 06.03.2010 01:42

    es gibt eine ps2-version, welche nebenbei nicht soo an der – an anderer stelle erwähnte – „zähen wii-steuerung“ beim weglaufen leiden soll. sobald ich die ps2-version selbst gespielt hab (meine wii ist ja bereits länger „tot“) kann ich mich gern nochmal äussern, aber optisch dürften sich die versionen kaum unterscheiden.

  8. manuspielt - 06.03.2010 10:11

    @SpielerEins: Hm, aber die Taschenlampe mit der Wiimote zu lenken würde ich nicht missen wollen.

  9. ness - 06.03.2010 12:05

    @

    Ich glaube das Spiel tut der Wii als momentan berüchtigte „tote Konsole“ auch ganz gut.

    Irgendwie schade, dass auf der Wii so viele tolle Spiele erscheinen können, und sie trotzdem von vielen allgemein als „tote Konsole“ bezeichnet wird. Man hat auch manchmal den Eindruck, dass, egal wie viele dieser Spiele vorhanden sind, diese gerne übersehen werden, nur weil sie durch die Computer Bild Spiele und co. keine 5 Seiten Hype-Geblubber bekommen.

    @ Spiel: Kann mich nur anschliessen, ich hatte beim Spielen auch manchmal ziemliche Angst, vor allem weil man nie genau weiß, ob gleich was passieren kann^^. Aber auch die ganze Atmosphäre ist wirklich regelrecht furchteinflößend, vor allem eben, dass man sich nicht gegen die Monster wehren kann.
    Diese Gefühlslage habe ich so bisher sehr selten, wenn überhaupt, bei einem Spiel erlebt.

  10. MK - 06.03.2010 20:13

    Silent Hill Wii verhält sich zu Silent Hill 2 wie?

    Wie C.G. Jung zu Sigmung Freud.

  11. MK - 06.03.2010 20:17

    Sigmund natürlich. Mein ich aber ernst. Hier Archtypen, dort Verdrängung.

  12. Sir Richfield - 06.03.2010 23:45

    „bestaussehende“ *hust*

    Klingt ja nicht schlecht. Bis ich das allerdings zocke, wird Zeit vergehen. Meine Wii ist zwar nicht tot, aber bis auf einige ausgesuchte AAA Titel kaufe ich nichts über 30,- €.

  13. Missingno. - 07.03.2010 00:57

    Na, dann kannst du ja gleichzuschlagen. ;)

  14. Sir Richfield - 07.03.2010 06:01

    SO schnell?
    Danke, wäre mir sonst nicht aufgefallen!

  15. ness - 07.03.2010 12:17

    Nicht SO schnell, das Spiel kostete von Anfang an nur 30€ ;).

  16. ramses - 08.03.2010 01:47

    Empfinde das ähnlich wie ness: So tot seh ich die Wii gar nicht, und wenn ich als bisheriger PC-only Gamer die Wahl hätte, käme für mich eher eine Wii als eine 360 oder PS3 in Frage.
    Ist doch eine ideale Ergänzung, da es genügend Spiele gibt, die leicht zugänglich sind und auch mit mehreren Personen spielbar sind und Spaß machen.
    Dazu noch einige SP-Exklusivperlen und mal etwas Abwechslung in der Bedienung, machen die Wii für mich am Interessantesten als zusätzliches Spielmittel neben dem PC.

  17. Manu - 08.03.2010 09:22

    brrr, mich gruselts jetzt noch von der ausgiebigen Silent Hill:SM Session gestern Abend. Wird immer packender. Genial erzählt – aber es kann auch SO frustrierend sein, wenn man den verfluchten Ausgang nicht findet. Aber muss wohl so sein, um wirklich auch Panik vor den Viechern zu bekommen. Um so erfüllender dann, wenn man es doch schafft. Also, durch die ersten Frust-Momente bei der Flucht durchbeissen, es lohnt sich.

  18. spieler eins - 10.03.2010 18:38

    ich bin irritiert: dein artikel macht im grunde nix anderes, als die ersten 20-30 minuten des games mehr oder minder detailliert zu beschreiben… in deinem eigenen kommentar erwähnst du dann, das du (tage später) grad wieder etwas weitergespielt hast (bei einer angeblichen spielzeit von 6-7 stunden), und noch etwas später berichtest du das „duchgespielt“ via twitter…

    dennoch kommst du hier bereits zu ein fazit und einer bewertung, und ganz nebenbei ziehst du auch noch zu allem überfluss einen vergleich zu einem anderen game, welches du mangels ps3 erst garnicht gespielt hast?

    Silent Hill ist für die Wii so wichtig wie Heavy Rain für die PS3.

    ernsthaft – was soll sowas? (und mal ganz unter uns: hast du irgend einen silent hill teil davor je gespielt?)

    konstruktiver input: warioware hatte den „telefonwitz“ auch.

    zum game: (ca 50% spielzeit): da die von mir gespielte ps2-version ja logischerweise auf die wiimote-steuerungs-gimmicks verzichtet fällt sehr stark auf, das sich das gameplay zum großteil auf die „woah cool, ich wackel mit der wiimote und da bewegt sich was!“-momente verlässt, denn viel mehr gameplay hab ich bisher kaum gefunden :-/

    das bildausmalen war jedoch ein echter „boh cool“ moment!

    das es in SH:SM überhaupt keinen kampf gibt finde ich nicht weiter tragisch, schliesslich bin ich in den anderen silent hills auch wenn möglich einfach weggerannt, das monsterkillen war ja eh meist optional.

    technisch ist die ps2-version jedenfalls recht armseeling (oder ich bin HD-verwöhnt), beim laufen ruckelt es ab und an, die störstreifen an den screenrändern nerven etwas (ich hab ernsthaft 10 minuten lang andere kabel ausprobiert) – was gefällt sind sounds und musik (yamaoka sei dank)

    ob die neuinterpretation der story von harry und cheryl mason taugt erfahre ich dann wohl heute abend.

  19. Manu - 10.03.2010 22:10

    Hallo SpielerEins.

    beim Schreiben des Textes war ich ca. bei der Hälfte des Spieles. Habe ich denn aber etwas anderes behauptet? Da steht doch sogar wörtlich, dass das Spiel mein Moment des Monats war und ich weiterspielen musste und ihr mich auf der Reise begleiten sollt…

    Ich hatte dann noch so weit gespielt, dass ich guten Gewissens eine Empfehlung für das Spiel abgeben konnte und zu dieser Empfehlung stehe ich nach wie vor.

    Verstehe nicht so ganz, mit welchem Teil meines Textes du nun ein Problem zu haben scheinst.

    Um deine Fragen noch zu beantworten:

    Nein, ich habe die alten Silent Hills nicht gespielt. (Da dies aber ein Reboot ist auch eher zweitrangig – noch dazu vergleiche ich ja dieses Spiel nicht mit alten Teilen oder behaupte Gegenteiliges)

    „so wichtig wie Heavy Rain für die PS3“ – für diesen Satz muss ich doch keine PS3 besitzen, um das behaupten zu dürfen? Oder bestreitest du den Impact, den Heavy Rain für Sonys Flagschiff hat? Dieses Silent Hill kann das gleiche schaffen für die Wii, nämlich die Leute dazu zu bewegen, sich wieder mit dieser Konsole zu beschäftigen. Und „wichtig“ weil eben in der Form exklusiv und nur auf der Wii realisierbar. (Habe Heavy Rain ausgiebig verfolgt und auch ein Stündchen angespielt, falls es dich beruhigt).

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