Kauf oder stirb

Nintendo im Jahr 2013 ist so ein wenig wie Ali-Kämpfe: 14 Runden lang einstecken, um dann in der letzten Runde alles rauszulassen und doch noch durck K.O. zu gewinnen. Zwei Titel sind es, die den Japanern zum Jahresende meine Liebe sichern: Super Mario 3D World und The Legend of Zelda: A Link between Worlds. Zu ersterem demnächst mehr, heute widmen wir uns dem neuen, alten Abenteuer von Link.

Wir erinnern uns (oder kaufen, falls nicht, die grandiose Hyrule Historia): A Link to the Past, 1991 für SNES erscheinen und chronologisch nach Ocarina of Time stattfindend (und dennoch Jahre davor veröffentlicht. Brainfuck!), lässt Link nicht nur ein helles, sondern auch ein dunkles Königreich durchstreifen. Hyrule und Lorule sind nicht nur namentlich artverwandt, sondern auch hinsichtlich der Figuren mehr oder weniger ein Spiegelbild des anderen. Mit dem Unterschied, dass die Menschen in der einen Welt friedlich sind und in der anderen Arschlöcher. Link muss die Sache irgendwie richten, Zelda darf mal wieder gerettet werden – alles wie immer.

Nintendo hat das Ganze nun neu aufgelegt. Natürlich nicht, ohne die eine oder andere Neuerung einzustreuen. Mit der beweist das Unternehmen zweierlei: Nur Nintendo versteht die eigene Hardware wirklich (und kann sie nutzen!) und nur Nintendo kann Spiele machen wie Nintendo.

Was ist beim Alten geblieben? Neben der Story die Perspektive: Gespielt wird aus der Draufsicht. Braucht man dafür denn unbedingt den 3D-Modus des 3DS? Ja, braucht man. Denn die Raum- und Tiefeneffekte sind in A Link between Worlds das erste mal wirklich bereichernd und eben nicht so störend wie in anderen Titeln (das meint dich, Kid Icarus!). Ansonsten bleibt alles gewohnt liebevoll gemacht und sieht aber sowas von schniecke aus: SNES-Zocker erkennen nicht nur die Werkstreue an vielen Stellen wieder (Links Haus beispielsweise), sondern nehmen auch altbekannte Klänge wahr. Akustisch ist A Link between Worlds ein buntes Potpourri aus verschiedenen Teilen der Serie – ebenfalls eine Bereicherung. Das war’s aber schon mit dem Bekannten, widmen wir uns dem, was wirklich Widmung verdient hat: das Neue!

The Legend of Zelda: A Link between Worlds

Nintendo will sich schließlich kein 08/15-Recycling vorwerfen lassen und hat dafür auch einiges getan. Größtes und eindrucksvollstes Novum: Der 2D-Modus. Steht Link vor einer Wand, wird er per Knopfdruck in ein 2D-Abbild verwandelt und kann in der Horizontalen die Mauer entlanglaufen – sich verändernder, gedämpfter Sound inklusive. Das ermöglicht es Nintendo, zahlreiche neue Rätsel zu gestalten und durch das Dimensionspiel massiv an Komplexität zuzulegen. Ein Beispiel: Link betritt einen Raum im Dungeon, aus dem offenbar kein Weg herausführt. Doch was ist das? Eine würfelförmige Plattform am anderen Ende des Raumes, die sich nach oben und unten bewegt? Alles klar! Kurz die Wand in 2D entlang gelaufen, gewartet bis die Plattform neben Link ist, in 2D „auf“ die Plattform gegangen („drangeklebt“ wäre eine bessere Beschreibung), nach oben fahren lassen, dort wieder auf 3D umgestellt, Rätsel gelöst. Wunderbar! Dererlei Herausforderungen gibt’s Dutzende und kommt neben dem „Wallrun“-Modus (mir fällt da leider kein passenderer Name ein) noch das Benutzen bestimmter Items hinzu, wird’s richtig kniffelig. Gut gemacht, Nintendo!

Umso unverständlicher, dass das Händchenhalten in A Link between Worlds ebenfalls eine neue Dimension erreicht hat. Wer will, setzt nun eine Brille auf, die so genannte „Lösungsgeister“ in der Nähe anzeigt. Gibt man denen eine Münze (die man unter anderem erhält, wenn man mit dem 3DS in der Tasche einige Meter läuft), verraten sie, wie man an schwierigen Stellen weiterkommt. Klar, das ist optional, aber es ist eben da – und was da ist, wird eher genutzt als etwas, das nicht da ist und erst ergooglet werden muss.

Ebenfalls da ist Nintendos Entdeckung jüngerer Formen des Kapitalismus, namentlich des Leasings. Was man sich darunter vorstellen darf? Ganz einfach: Link besitzt Ausrüstung nun nicht mehr, er mietet sie. Beinahe von Anfang an können sämtliche Items gegen einen kleinen Betrag an Rubinen geborgt werden. Mit einem Haken: Stirbt der kleine Held, müssen die Gegenstände erneut geliehen werden – erneute Bezahlung inklusive. Das bedeutet zweierlei: Den Rubinen beziehungsweise deren Sammeln kommt endlich mal Bedeutung zu und ein liebgewonnenes Spielprinzip der gesamten Zelda-Serie wird ad absurdum geführt. Bislang war das schließlich so: Link betritt einen Dungeon, findet dort nach einigem hin und her eine neue Waffe oder einen neuen Gegenstand, der die Bewältigung des restlichen Dungeons ermöglicht und auch für den am Ende anstehenden Bossfight meist von elementarer Bedeutung ist. Das ist nun Geschichte. Kein besonderes Item mehr im Dungeon außer dem Kompass, der die Schatztruhen anzeigt.

Fairerweise muss angemerkt werden, dass nicht alles zu leihen ist: Krafthandschuhe und Schwimmflossen beispielsweise muss sich Link weiterhin durch das Erledigen von Aufgaben verdienen. Außerdem können die Gegenstände im Spielverlauf nicht nur geliehen, sondern auch gekauft werden – zu horrenden Preisen allerdings. Immerhin hat Nintendo keinen auf EA gemacht und die Möglichkeit eingebaut, gegen Bargeldzahlung alles sofort „besitzen“ zu können. Danke dafür.

The Legend of Zelda: A Link between Worlds

Genug über die Spielmechanik getextet, wichtig ist nur, ob es rockt oder (falls nicht) für den Allerwertesten ist, wie Charlotte Roche anmerken würde. Und es rockt. Sehr sogar. Allein schon, weil es mich in eine völlig frei erkundbare Welt entlässt und ich entscheide, in welcher Reihenfolge ich die Dungeons angehe. Spezialwaffen zum Vorankommen gibt’s ja nicht mehr, die leih‘ ich mir nun alle einfach aus und entscheide dann, ob der Turm auf dem Berg oder wie Windmühle im See zuerst dran ist. Spätestens mit dem Eintritt in die Schattenwelt, wo sieben Dungeons freigeräumt werden müssen – damit sieben Weise das Böse mal wieder bannen – ist das ein äußerst feiner Zug von Nintendo. So bleibt auch mehr Zeit für Erkundungstouren, schließlich gibt’s abseits der Hauptstory noch genug an Minispielen oder kleineren Jobs zu erledigen. Und aufgerüstet wird auch noch, die Waffen sind neuerdings alle upgradefähig, so man einen Sammel-Quest erledigt. Satter Umfang? Satter Umfang.

Was war das nun mit dem „Das kann nur Nintendo so machen“? Nun, das geht zurück auf ein Zitat von Charlie Scibetta, seines Zeichen Senior Director of Corporate Communications bei Nintendo Amerika. Er sagte im Juni dieses Jahres, dass die eigene Hardware perfekt mit der eigenen Software zusammenarbeiten würde – und Nintendo sich deshalb weiterhin gegen eine Veröffentlichung ihrer Spiele auf anderen Plattformen stellt. Das hat dem Unternehmen 2013 bekanntlich einige Lacher eingebracht: Kaum Games für die Wii U und wenn, dann nutzen sie die Spezifikationen nicht aus. Gleiches Drama auf dem 3DS. Und dann noch die allgegenwärtige Konkurrenz durch Smartphone-Games und neue Konsolen-Generationen von Microsoft und Sony. Kurz: eigentlich könnte Nintendo doch gar nicht beschissener dastehen, oder? Eigentlich müssten die doch schon längst tot sein oder auf dem Sterbebett dahinsiechend die letzten Atemzüge machen, oder?

Eben nicht. Denn mit Games wie dem neuen Zelda zeigt der Konzern, dass er nicht nur für eine Software steht, sondern letztlich für ein einzigartiges Spielgefühl, fast schon ein eigenes Genre. Einzigartig, weil mit viel mehr Liebe gemacht, als Entwickler das tun, die für gleich ein halbes Dutzend verschiedene Plattformen entwickeln müssen. Einzigartig, weil perfekt auf die Hardware abgestimmt, die man entwickelt hat, deren Vorteile man kennt. Einzigartig, weil man einerseits weiß, was erwartet wird, andererseits aber auch Neuheiten einzustreuen versteht, wo es Sinn – und wichtiger: Spaß – macht. Fehlt eigentlich nur noch, dass das Mikrophon des 3DS dazu genutzt werden muss, Songs hineinzuflöten, um verschlossene Türen zu öffnen. Dann wäre A Link between Worlds das vermutlich beste Nintendo-Spiel seit Ewigkeiten. So kommt’s immerhin verdammt nahe ran. Ende 2013 hat Nintendo nochmal die Muskeln spielen lassen und mit lediglich zwei Titeln gezeigt, dass man noch längst nicht abgeschrieben ist. Während sich Sony und Microsoft das Jahr über mit vermeintlich besserer Features ihrer Geräte bekriegt haben, macht Nintendo genau das, worauf es unterm Strich ankommt: faszinierende, packende Spielerlebnisse abliefern. Dahinröchelnder, zukunftsunfähiger Dinosaurier, dessen Stunden gezählt sind? Mitnichten. Es kann 2014 liebend gerne so weitergehen. Danke, Big N.!


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4 Kommentare

  1. Le Don - 05.12.2013 15:39

    Ich warte ja vorsorglich bis Weihnachten, damit ich über die Tage was zum Spielen habe :>. Trotz meiner Abneigung gegen die 2.5-Graphik bin ich ja doch gespannt.

  2. Pingback: miet mich. : random:notes

  3. Volker - 05.12.2013 16:07

    Ist jeden Euro wert :) Ganz, ganz tolles Spiel!

  4. Missingno. - 06.12.2013 11:49

    2013 ist eben das Jahr von Luigi und Luigi gewinnt durch Passivität.
    http://knowyourmeme.com/memes/luigi-wins-by-doing-absolutely-nothing

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