Abzu, Rasen und ein brutaler Besuch im Schwimmbad

Der blasse Junge zappelt im Wasser wie das Plastik im Magen eines vom Orkan geboxten Pottwalls. Er wird gleich ertrinken, und er sieht jämmerlich dabei aus, achgott, wenn dieses Elend einer sieht, alle würden die Augen verdrehen und denken, der schon wieder, muss der wieder so hässlich ertrinken. Es sieht ihn aber keiner.

Obwohl so viele Menschen dort flanieren, große Menschen, Menschen, die in der Lage sein sollten einen Jungen, nicht älter als sechs Jahre, aus dem Wasser zu fischen, obwohl also viele potentielle Lebensretter am Beckenrand stehen, das kann der Junge durch das flirrende Wasser erkennen, rettet an diesem Tag keiner ein Leben.

Dieser Junge war ich. Nicht gestorben, aber fast. Zurück an Land mit einer Angst vor dem Schwimmen, die mich über 20 Jahre später erst gar nicht schwimmen lässt. Mein Schwimmabzeichen ist der beinlose Eunuch. Wie soll ich nun Abzu spielen, das die Welt des Wassers als die Welt der Harmonie zeigt?

Vermutlich werde ich nie schwimmen können. Angst vor Wasser habe ich nicht, im Gegenteil: Meinen Mittelfinger wasche ich sehr gerne, bevor ich ihn dem AfD-Stand in der City entgegenstrecke. Ich dusche auch. Seit ich gelernt habe, dass man die Füße ebenfalls waschen muss, also aktiv: die Füße berühren, schrubben, kratzen, schmirgeln, bügeln, seitdem liebe ich das Duschen regelrecht, also zwei Wochen schon. 

Als praktikantöser Schiffsmechaniker an Bord eines Containerschiffs musste ich mich beim Kacken sogar festhalten, weil der Wellengang es dem Jugendlichen gleich machte, der die Nachricht erhielt, man bleibe doch noch etwas länger bei Oma: er tobte.

Soll ich nun vergangenheitslos schwimmen in einem Spiel, in dem alles auf ein Ende hinausläuft, das mich sanft tätschelt, obwohl mich das Wasser damals fast gemeuchelt hat?


Freund.


Abzu ist ein schönes Spiel. Wie Rasen, so satt von grüner Farbe, dass nicht mal Photoshop nachhelfen kann. Getrimmt und gemäht, frisiert und gekämmt. Geiler Rasen, was für ein geiler Rasen das ist. Kunstrasen mit Betonung auf Kunst im Sinne von: „Wow, das ist Kunst.“ Aber auch austauschbar, langweilig. Überall findet man solchen Rasen. Vielleicht nicht überall, aber doch schon oft findet man Spiele wie Abzu.

Der Spielablauf stammt von Journey, fast haarklein lässt sich Abzu nacherzählen wie Journey, nur den Sand mit Wasser ersetzen. Und die Musik leiser drehen, puh, ist das laut, man weiß gar nicht, was man jetzt gewaltiger finden soll: die achsovielen Momente der bebilderten Epik oder dass ich die bebilderte Epik nun wirklich ganz doll gewaltig finden soll oder dass allein Lautstärke zu bebilderter Epik führt, wenn die kleinwüchsigen Lautsprecher der Nintendo Switch auch bei drei Metern Abstand mir ins Gesicht schreien, Jungejungejunge, ist das episch, nein, besser: EPISCH!


Ich.


Journey ist eines meiner Lieblingsspiele, ehemalige Entwickler davon arbeiteten an Abzu. Und doch liegt ein Schleier auf meinem Erlebnis. Über die formelhafte Indie-Gefühlswelt kann ich hinwegsehen, manchmal sehne ich mich nach Kitsch, was Abzu zweifelsfrei ist, und doch bin ich ernüchtert.

So weiß ich nun, dass ein nicht unerheblicher Teil meiner Vergangenheit das Erleben einschränkt. Nicht im Sinne einer persönlichen Vorliebe für gewisse Spielmechaniken oder Konzepte, die bei mir im Falle von Abzu ohnehin jede denkbare Kribbelzone zur Ekstase führt. Es ist vielmehr ein Trauma, ein kleines Trauma, das mich im Leben nicht schwimmen – und im Spiel nicht genießen lässt.


Zuhause.


Am Rücken einer Schildkröte schwimme ich mit einem Lächeln durch die Mauern einer vergangenen Zivilisation. Da ein Hai, dort ein Dinosaurier, und als die Pottwale die Durchsichtigkeit des Wassers niederreißen, ist das ein schier atemberaubender Moment.

Mehr bleibt nicht von Abzu. Ich ärgere mich über Kleinigkeiten, wie die nicht zu Ende übersetzten Texte oder die gelegentlichen Ruckler. Sonst nicht der Rede wert, sonst nur in bleiernden „Spieletests“ zu lesen. Und doch denke ich genau darüber nach.


Familie.


Abzu erzählt eine Geschichte über Verlust, die in Gleichgültigkeit übergeht, denn: alles wird gut. Das ist nett gedacht, aber auch bequem. Und in der Inszenierung jener Geschichte ist Abzu mehr Journey als Journey es je war. Abseits davon war ich gehemmt. Spaß, Entspannung, es blieb aus. Nur ein kurzes Nicken, das sonst der Autofahrer bekommt, wenn er mich am Zebrastreifen mal nicht totfahren will.

Liegt meine Hemmung also an jenem Tag, an dem mich jeder übersah? Aus eigener Kraft konnte ich dem Wasser entkommen, halb ersoffen und wiedergekehrt als nasser Schisser. Mit Schwimmen verbinde ich nichts Gutes, ja mein Körper beherrscht es nicht mal. Sicherlich empfinde ich deswegen kein Spaß, wenn ich in Abzu von Punkt zu Punkt dösen soll und das Ende bereits nach zwei Minuten erahne.


Vorbild.


Vielleicht ist es deswegen nur logisch, das einzig Richtige, der Kernpunkt von, ja allem, wenn ich frage: Kennt jemand einen guten Schwimmlehrer?


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4 Kommentare

  1. Greulich Mannsmann - 17.12.2018 14:18

    „Meinen Mittelfinger wasche ich sehr gerne, bevor ich ihm dem AfD-Stand in der City entgegenstrecke.“

    Mit so Artsy-Fartsy Kunstspielen kann ich leider nichts anfangen, aber bzgl dieses Satzes:
    „You have made my day“, wie die Angelsachsen sagen

    Darf ich den klauen?

  2. Jannick - 18.12.2018 20:39

    Du darfst es sogar auf deinen Unterarm tätowieren und in die Twitter-Bio schreiben.

  3. purf - 29.12.2018 16:12

    Heh, ich las just eben Deinen Text über FE und… Erwartungshaltungen, lustig.
    Ich habe Journey nie gespielt und hatte Abzû nur als Tauchmeditation oder so aufm Schirm.
    Gestern gekauft, beendet und ❤. Vielleicht haben aber auch richtiger Bildschirm und Kopfhörer geholfen ;)

  4. Jannick - 29.12.2018 16:49

    Der Text zu FE stammt von Christian, nicht von mir. ;) Eventuell hätte ich das bei Twitter deutlicher machen müssen. Aber schön, dass du Abzu mochtest. Mein Erlebnis hätte sich durch Kopfhörer nicht verändert.

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