The Soundtrack of our Lives: Sea of Solitude

Wer Sea of Solitude nur oberflächlich betrachtet und spielt, wird nicht viel mehr finden, als ein wunderschönes Spiel, das die menschliche Psyche auf zwar sehr persönliche, allerdings auch recht klischeebeladene Weise zu ergründen versucht.
Wer jedoch einen genaueren Blick riskiert, wird feststellen, dass Sea of Solitude vor allem eins ist: Eine Liebeserklärung an die Musik in unserem Leben. An die Songs, die echte Geschichten erzählen, Schicksale behandeln, schmerzvolle Erfahrungen verarbeiten. Und an die Art und Weise, wie Musik uns auf unserem Weg begleitet und uns insbesondere in schwierigen Zeiten zur Seite steht.

Get on without my guy
You went back to what you knew
So far removed from all that we went through
And I tread a troubled track
My odds are stacked
I’ll go back to black
— Amy Whinehouse

Is this all a dream? Fragt Kay ganz zu Beginn.
So scheint es zumindest. Wir wachen auf in einer Welt aus Wasser. Alleine. Verlassen. Treibend. In einem Boot, dass uns rettender Strohhalm ist. Der letzte positive Gedanken in einer Welt, die in Tränen und Trostlosigkeit versinkt.

Kay wirkt menschlich – und ist es doch nicht. Ihre Form ist Ausdruck ihres Wesens. Ihr Äußeres ein Abbild ihres Gemütes. Abgedriftet. Entglitten. In eine Welt aus Schmerz und Seelenpein. Hässlich, beinahe abstoßend, sieht sie sich selbst als minderwertig.
Kay ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ein Schatten, der sein eigenes Päckchen zu tragen hat. Hier in Form eines rot glimmenden Rucksacks.

Langsam tasten wir uns voran. Rudern hinaus in eine Welt, die uns fremd ist, versunken. Wir gleiten dahin, bleiben an der Oberfläche, oberflächlich, bis uns eine leuchtende, geradezu quietschfidele Gestalt erscheint. Ein leuchtendes Mädchen in gelbem Regencape.
Eine Referenz auf Kays altes Ich. Die Erinnerung an eine gute, eine unbesorgte Zeit, ehe sich der Schatten diverser Schicksale über Kays Leben gelegt hat. Und zugleich ein Wegweiser, gerade zu Beginn. Eine Begleiterin durch die so fremde Welt, die dunkler und dunkler wird. Düsterer. Abstoßender. Befremdlicher. Furchterregender.
Doch das Mädchen im gelben Cape zeigt uns: Es gibt noch Hoffnung. Vielleicht sogar ein zurück. Die Erinnerung an Kays altes Selbst ist noch vorhanden. Wie ein Yin zum Yang in Form des allerersten Monsters, das uns heimsucht.

You’re not the only one
With mixed emotions
You’re not the only ship
Adrift on this ocean
— Rolling Stones

Unverhofft taucht es auf, versperrt uns den Weg. Eine schwarze Gestalt, menschlich und doch entmenschlicht. Mit einem dicken Panzer, der an ein Schneckenhaus erinnert. Rückzugsort und Schutz vor einer Welt, die zu oft enttäuscht hat und Sinnbild für die mentale Verfassung Kays, die sich in ihrer Wertlosigkeit vom Monster bestärkt sieht.
Kay, you worthless piece of shit. Sagt das Monster. Du bist nichts wert, Abschaum, was willst Du bloß hier? Du bist doch zu nichts fähig.
Das Mindset ist gesetzt. Das Gefühl der Kraft- und Hoffnungslosigkeit. Eine endlose Melancholie auf dem Meer der Einsamkeit.

Es dauert nicht lange, da suchen uns weitere Monster heim.
Das Monster im Wasser. Das Dunkle, das unter der Oberfläche schlummert. Die tiefsitzende Angst, die uns verzehrt, frisst, lähmt, permanent versucht, uns von unserem Ziel abzubringen. All unser Handeln in Zweifel zieht.
Das Vogelmonster. Die Verkörperung von Kays kleinerem Bruder Sunny. Der als Opfer von Mobbing in der Schule nach Freiheit ruft, nach Einsamkeit. Der entkommen will. Einfach allem entfliehen, während Kay als große Schwester von Schuldgefühlen geplagt wird, die sich nach unten ziehen, hin zum Monster im Wasser.

Und dann ist da noch ‚Glowy‘. Das Leuchtwesen. Eine sonnigere Version von Zini aus Spaß am Dienstag. Nur bei weitem nicht so hyperaktiv. Und ohne Stimme. Glowy ebnet uns Wege, ordnet Gedanken, lichtet den Schleier der Vergangenheit, nimmt den Filter der Trübsaals und gewährt uns immer wieder Einblick(e) in die Vergangenheit.

Doch Glowys leuchten wird getrübt. Die Schatten der Vergangenheit malträtieren Sunnys Seele, hängen sich als deutlich sichtbarer Schweif, als Last, an ihn heran, bis er beginnt zu zersplittern. Die Einzelteile müssen von uns gesammelt werden, doch gänzlich heilen können wir Glowy nicht.
Sunny wird gehänselt, getriezt, getreten. Ein Außenseiter, der die Witze der anderen nicht versteht, weil er bewusst ausgegrenzt wird, abgeschottet, bis auch er beginnt, an sich selbst zu verzweifeln. Der Finger in die Mobbingwunde gelegt.
Während wir Sunnys Geschichte nachspüren, offenbaren sich nicht nur Kays dunkle Vergangenheit, sondern erkennen wir ein größeres Bild. Immer stärkere Parallelen zur Gesellschaft unserer Zeit.
Wir können nicht mehr richtig zuhören. Sind – wie Kay, die lieber mit ihrem Freund textet, als Sunny ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken – mehr mit dem Smartphone beschäftigt, haben keinen Sinn mehr für die Probleme anderer, sehen nicht, wann sie Hilfe benötigen, obwohl sie gerade versuchen sich uns gegenüber zu öffnen, ihr Herz auszuschütten. So wie Sunny. Wir hören nicht mehr zu.

Es geht nicht nur um die Depression einer Einzelperson, nicht um die schicksalhafte Geschichte eines Geschwisterpaares, das Fehlen eines gesunden, regulierenden Umfeldes, oder Mobbing in der Schule… es geht um das Versagen einer Gesellschaft. Um die Dysfunktionalität sozialer Strukturen bis hin zum Kollaps. Jeder ist auf sich allein gestellt. Das Krankheitsbild nicht geprägt allein durch persönliche Schicksale, sondern bedingt durch ein krankes Umfeld, das in Egomanie, Abkapselung, Anfeindung und Unverständnis ertrinkt.

Hello darkness, my old friend
I’ve come to talk with you again
— Simon & Garfunkel

Maybe it would be better if I stopped living. Sagt Sunny. Und Kay kann nichts anderes als ihn auszulachen.
Soziales Miteinander wird zur Farce, zur Absurdität in einer Gesellschaft, in der Ignoranz die neue Normalität geworden ist, Oberflächlichkeit zum Lifestyle, zur Religion. Nonsens regiert, Ablenkung durch Nichtigkeit.
My boyfriend textet me the funniest dog picture. Menschen wie Sunny, die aus dem sozial gewollten Bild und Gefüge ausbrechen, treffen nicht länger nur auf Unverständnis, sondern werden mit ihrem fehlenden Sinn für Humor konfrontiert, selbst von Kay.
It Sounds like I am the Problem. Resigniert Sunny schließlich.

Why don‘t I remember this? Was I really that distracted? Fragt Kay. What’s wrong with me?
Wir sind das Produkt unserer Zeit. Doch hinterfragt wird es nur selten.
Kay gelingt der Umschwung, es ist noch nicht zu spät.

I will fight
I will fight for you
I always do until my heart
Is black and blue
I’ll reach my hands out in the dark
And wait for yours to interlock
I’ll wait for you
I’ll wait for you
— Andy Grammer

Sea of Solitude ist auch ein Spiel zum Umgang mit Schuld. Die Schuld am Beinahe-Tod des eigenen Bruders, aber auch der Schuld am Versagen der Gesellschaft.
Das Meer der Einsamkeit wird zum universalen Sinnbild, zum Teufelskreis. Sunny versinkt in Einsamkeit, gefangen in der Abwärtsspirale des Mobbings, Kay findet sich gleich doppelt einsam wieder. Der Bruder fort, die eigene Seele gefangen in Schuld und Depression. Eine Kette, die sich fortsetzt. Findet sie keinen Ausweg, ist sie die nächste.
Dass rein spielerisch auf dem bisherigen Weg wenig passiert ist und unsere Reise nur deshalb interaktiv ist, um die Immersion der Betrachter zu verstärken, ist zu diesem Zeitpunkt bereits völlig einerlei. Sea of Solitude würde auch als Film funktionieren. Hätte dann aber vielleicht nicht die atmosphärische Dichte und gleichzeitige Offenheit bezüglich des eigenen Interpretationsspielraums, das Identifikationspotential, das ihm als Spiel innewohnt.
Die spielerische Interaktion beschränkt sich jedoch weitestgehend auf einige Hüpfpassagen und die Aufgabenstellung an uns Spielende, hier und da den Weg zu bereiten, damit wir unsere Reise fortführen können. Das ist weder anspruchsvoll, noch sonderlich originell, reicht jedoch völlig aus, um uns aktiv und emotional zu involvieren.

I can’t remember anything
Can’t tell if this is true or dream
Deep down inside I feel to scream
This terrible silence stops me
— Metallica

Die nächsten beiden Monster auf unserer Reise sind Vater und Mutter.
Vater in der Ferne, unerreichbar.
Mutter ganz nah, ein Kraken im Wasser, doch apathisch, abwesend, abwehrend, mit sich selbst beschäftigt. Sie schiebt die Kinder weg, überlässt sie völlig hilflos ihren Problemen. Weil sie ihre eigenen Probleme hat, sich nicht noch mit denen ihrer Brut befassen will.
Hinzu kommt die zunehmende Abwesenheit des Vaters, die mehr und mehr zur Belastung wird. Für die Kinder, die ihn vermissen – und für die Mutter, der die Obhut der Kinder aufgebürdet wird.

Did I disappoint you?
Or leave a bad taste in your mouth?
You act like you never had love
And you want me to go without
— U2

Der Vater: einsam auf dem Dach eines Hauses. Der Firma, für die er sich so abgemüht hat. Mühsam hat man sich hochgearbeitet, alles gegeben, sich und die Familie aufgegeben. Um dann festzustellen: es ist einsam an der Spitze. Sehr einsam.
Die Form des Monsters, seine Form ist nicht zufällig gewählt. Das Chamäleon, das sich anpasst, anpassen muss, tarnen, täuschen, verändern, um zu überleben in dieser fordernden Welt. Und dabei sich und seine Familie völlig aufgibt.
I can‘t take this anymore. Sagt Papa. I don’t belong with them.

Der Turm, das mühsam aufgebaute Konstrukt aus Erfolg und Schuldgefühlen, Anerkennung und Einsamkeit, Selbstwertgefühl und Entfremdung, zerbricht. Der Vater sehnt sich nach der Mutter. Die so nah und doch unerreichbar fern vor sich hin dümpelt.
I‘m so tired, but I need to help them. Sagt Kay, bereit sich die Bürde ihrer Eltern aufzuhalsen.

I focus on the pain
The only thing that’s real
Beneath the stains of time
The feelings disappear
You are someone else
I am still right here
— Nine Inch Nails

She destroyed everything. Sagt der Vater. Und Kay bezieht es direkt auf sich.
Es sind immer die Kinder, die sich fragen, was sie falsch gemacht haben. Die sich verantwortlich, schuldig fühlen.
Währenddessen klagt Papa die Mutter an. She doesn’t care about what I want. In seiner Selbstsucht übersieht er die Selbstaufgabe der Mutter, die glaubt, mit Verständnis, Rücksichtnahme und viel Geduld würde schon wieder alles gut.
Alles hat er für die Familie geopfert. Doch niemand interessiert sich für seine Bedürfnisse. Alle leben sie aneinander vorbei und wenn es längst zu spät ist zum Reden, zum offenen Austausch, bricht alles zusammen.
How can they be so close and not listen to each other? Für Kay wird das alles zuviel. Immer unerträglicher. Und doch nimmt sie auch weiterhin jeglichen Ballast der Vergangenheit auf. Die dunklen Schlieren der Erinnerung verschwinden bildlich in ihrem Rucksack.
Das Päckchen, das sie trägt, wird immer größer. Immer schwerer. Immer belastender.

Ah, all wet, yeah, you might need a raincoat
Shape down, dreams walking in broad daylight
— Talking Heads

Bis schließlich kleine schwarze Wölkchen in der Luft zurückbleiben, die auch sie nicht mehr völlig auflösen kann. Die Probleme werden größer. Lassen sich nicht mehr so leicht lösen. Brauchen mehr Kraft, mehr Energie.
Der Wille allein durch zuhören eine bessere Schwester, eine bessere Tochter sein zu können, beseelt Kay. Und wird vom wiederkehrenden allerersten Monster alsdann widerlegt. Die traurige Erkenntnis, der sie sich bislang verschlossen hat: es gibt keine Rettung für die Eltern, die nur der Kinder wegen zusammenbleiben. Unglücklich, entzweit, entfremdet.

Love will make you do things
That you know is wrong
But if you treat me right baby
I’ll stay home everyday
— Billie Holiday / Nina Simone

Zuhören, miteinander reden. Die einst so einfache Lösung wird zur Unmöglichkeit. Und doch will Kay es versuchen. Ist beseelt von dem Glauben, alles reparieren zu können. Drängt ihr inneres Monster zurück. Und überwindet schließlich die Schwelle, an der sie bislang immer scheiterte.
Sie war bereits einmal an diesem Punkt. Die überall verstreuten Flaschenpost-Nachrichten sind trauriges Zeugnis ihrer beklemmenden Reise. Immer und immer wieder hat sie es versucht und ist doch gescheitert.
Nun also der entscheidende nächste Schritt, die nächste genommene Hürde. Und doch bleibt die Frage: warum ist sie immer noch ein Monster? Warum gefangen in ihrer schwarzen Schattenwesenhülle?

Nobody gets me but you.
No-one gets what I’ve done,
Everyone else seems to look trough.
Oh but maybe I’ve never wanted them to.
Couldn’t count on it anyway.
— Spoon

Der Blick zurück schreitet voran. Das Happy End? Nur eine Lüge, die man sich selbst erzählt und unbedingt glauben will. Am Ende scheitert es doch am Einfachsten: am miteinander Reden. Man lebt gut, aber aneinander vorbei. Nun bringt auch Reden nichts mehr, denn Reden bedeutet Schuldzuweisungen, bedeutet Unverständnis füreinander. Der Vater, aufgeopfert für den Job, ausgelaugt, emotional bis ins Mark geschädigt, verliert den Blick für die Realität, verdreht seine verlorenen Träume in Vorwürfe gegen die Mutter. Sie ist an allem Schuld! Er wollte ja nie Kinder. Seine Karriere ging immer vor.
I don’t want to let our kids go through this anymore. That‘s why sometimes you have to let go. Sagt Papa.
Und glaubt, dass es das Beste für die Familie ist, es nicht weiter zu probieren. Obwohl er sie doch alle liebt. Doch was bringt Liebe, wenn sie nur zu immer neuen Problemen, immer neuen Zerwürfnissen führt?

You are able to move forward and heal. Sagt Papa zu Mama. Und just in diesem Moment kollabiert Kay. Die Eltern sind zwar getrennt, doch immerhin gerettet. Bloß Kay bleibt ein Monster. Warum?

Nicht erst hier fällt auf, wie sehr auch die Musik, reduziert eingesetzt und doch von berückender Schönheit, zum Gesamterlebnis beiträgt. Wieviel Spannung sich aufbaut, wieviel größer die Erleichterung wird, wenn sie am Ende eines Levels majestätisch anhebt und uns davonträgt.
Dabei ist im Spiel selbst nur ein Teil des Soundtracks hörbar. Die andere Hälfte erschließt sich uns erst, wenn wir sämtliche Kapitelnamen zu einer eigenen Playlist zusammenführen.
Denn das ist der besondere Kniff, der dem Team von Jo-Mei Games mit Sea of Solitude gelingt: nicht nur eine in sich konsistente Geschichte zu erzählen, sondern dabei in jedem Kapitel unmittelbaren Bezug auf die Songtitel und -Texte zu nehmen, nach denen die Kapitel benannt sind. Das unterstreicht die Bedeutung und den Beitrag der Musik zum Spielerlebnis nur noch mehr.
Und ist es nicht immer Musik, die uns in unseren dunkelsten Stunden begleitet und uns emotional den Weg leitet, Stimmungen unterstützt, verändert und uns über die Sinnhaftigkeit ihrer Texte sinnieren lässt? Sind es nicht gerade diese Lyrics, in denen wir uns wiederfinden, reflektiert sehen, die uns Parallelen zu eigenen Erlebnissen suchen und entdecken lassen? Die uns wissen lassen: am Ende wird alles gut, denn die Musik gibt uns Kraft?!
Musik ist die eine Konstante, die uns unser Leben lang begleitet. Sie ist Ausdruck unserer Stimmung, unserer Gefühle, unseres Wesens. Ein eigener Teil unserer Persönlichkeit, über den wir uns identifizieren und mit anderen Menschen in Verbindung treten – und manchmal auch versuchen, über sie nach Hilfe zu rufen. Musik ist das Spiegelbild unserer Seele.

I see the girls walk by dressed in their summer clothes
I have to turn my head until my darkness goes (…)
I look inside myself and see my heart is black
I see my red door I must have it painted black
Maybe then I’ll fade away and not have to face the facts
It’s not easy facin‘ up, when your whole world is black
— Rolling Stones

Es wird kalt. Immer kälter. Aus der See wird eine Eislandschaft.
Das letzte Monster: Jack, Kays Freund. Eine schwarze Seele im weißen Wolfspelz, deren Fassade schnell zu bröckeln beginnt.
I remember now. Sometimes he is irritated for no reason. Sagt Kay.

Das erste Monster ist zurück und stellt sich ihr in den Weg. Bittet sie, aufzuhören, Ihr zuzuhören. Ob sie denn gar nichts gelernt hätte. Alles, was Kay tue, würde es noch schlimmer machen. Es versuche nur sie zu beschützen.

Jack Mühlstein an der Seele sind seine Depressionen. Er versinkt versinkt darin. Immer länger. Entfremdet sich von Kay, geht auf Abstand zu ihr. Manchmal für 14 Tage ohne jedes Lebenszeichen. Während sie sich sorgt, versinkt er im “deepest, darkest pit”. Der Sarkasmus gewinnt die Oberhand, wenn er Kay attestiert, dass sich nicht immer alles um sie drehe.
Kay ist überrascht. Sie scheint nicht zu verstehen, dass Jack krank ist, Hilfe braucht, die sie ihm nicht geben kann.
Please Kay. Just leave me alone. I‘ll only cause you pain. Sagt Jack. Und stößt sie weg. Will für sich selbst sein.
Kay kann nur unfähig und gelähmt zurückbleiben. Ihr Rucksack platzt. All das gesammelte Leid in ihr bricht sich Bahn. Die Dunkelheit umhüllt sie, droht sie gänzlich zu verschlingen.

Mother, I tried, do believe me
I’m doing the best things that I can
I’m ashamed of the things that I’ve been put through
I’m ashamed of the person who I am
— Therapy?

Die letzte Station unserer Reise: Eine Insel der Finsternis. Das Wasser ist zurück. Schwärzer denn je. Und mit ihm das Monster unter der Oberfläche, das nun permanent attackiert, gnadenlos und unerbittlich die Insel zum Erbeben bringt.
Everyone is gone. Everyone has moved on. Except me. I‘m stuck… here in the dark. Sagt Kay. Nur das Monster verbleibt. Maybe you should eat me. Then everybody would be happy. Der Kampf gegen alle Widrigkeiten, gegen all das Leid der anderen hat Kay verzehrt, in die Dunkelheit gerissen. Bei allem Hilfsbewusstsein für andere hat sie sich selbst vergessen, völlig aufgegeben.
I feel so heavy. It‘s like I‘m stuck to the ground. I need help.
Jeder Schritt fällt schwer, wird ihr zu Qual.
Das Mädchen in Gelb ist zurück. Und wird zur helfenden Hand in der Dunkelheit, die sich bereit erklärt, die Last mit ihr zu teilen. Wir können sie benutzen, um das Monster von uns abzulenken, uns kurzzeitig freier zu bewegen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Auch das Monster vom Anfang kehrt zurück, mittlerweile längst von jeder schützenden Schale befreit und in Frauengestalt, verwundert darüber, dass Kay es bis hierhin geschafft hat.
Das Schneckenhaus ist weg, die Zeit des Verkriechens, in sich zurückziehens, alles in sich Hineinfressens ist vorbei.
Unser letzter Weg führt in eine Höhle, einem Geflecht aus Baugerüsten und provisorischen Absperrungen, kleineren und größeren Sackgassen.

Der reflektierende Blick in die eigene Psyche ist niemals leicht. Unsere Gefühlswelt durchsetzt von unzähligen Irrungen und Wirrungen. Die Gefahr, sich selbst darin zu verlieren, wird immer größer, je mehr wir das eigene Wohlergehen außer Acht lassen.
So erzählt Sea of Solitude eine zweischneidige Geschichte. Von der Gefahr, uns in Egozentrismus zu verlieren einerseits und der immanenten Gefahr der Selbstaufgabe, des beseelten Wunsches, alles Leid, alle Pein der Menschen, die wir lieben, auf uns nehmen zu wollen. Ganz gleich, wie fragil, wie zerrüttet unser eigenes Gemüt gerade ist.
Es ist ein schmaler Grad, der zwischen diesen beiden Polen verläuft.
Einsamkeit, Entfremdung, Abhängigkeit, emotionales Klammern, Selbstaufgabe, Verzweiflung, psychische Krankheit, mentaler Stress… Sea of Solitude will anhand seiner drei Szenarien ein modernes Gesellschaftsbild nachzeichnen, das durch Oberflächlichkeiten und Egomanie geprägt ist. Dass die einzelnen Spielabschnitte dabei stellenweise arg ins Klischee abdriften, tut jedoch weder der Botschaft, noch dem Spielerlebnis als solchem einen Abbruch, ist es doch gerade aufgrund der Spielzeit von gerade einmal drei Stunden und der atmosphärischen Erzählweise so dicht, packend und bezaubernd wie nur wenige Titel der letzten Jahre. Und damit bereits jetzt mein Spiel des Jahres.

Kay, sometimes… in order to heal… you need to let go. Sagt das Mädchen in Gelb.
It‘s not about loss. It‘s about change. Flüstert die Stimme des Monstermädchens.
Manchmal müssen wir Opfer bringen, um innerlich zu gesunden.
Die schlechten Gedanken loswerden, um an den guten festhalten zu können.
Did you find out who can truly help you? Fragt das Mädchen in Gelb.
Yes, I know now. Sagt Kay.

Birds flying high
You know how I feel
Sun in the sky
You know how I feel
Breeze driftin‘ on by
You know how I feel
It’s a new dawn
It’s a new day
— Nina Simone

Für den alternativen Soundtrack zum Spiel habe ich eine Spotify-Playlist mit allen Songs erstellt – sortiert entsprechend ihrer Kapitelnummern.
Lediglich der neunte Song fehlt leider, da er nicht bei Spotify verfügbar ist (‚Nobody gets me but you‘ von Spoon).


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1 Kommentar

  1. Jenni - 11.07.2019 22:20

    Mein kleiner Beitrag zu deiner wunderschönen und kunstvollen Analyse:

    Musik
    Musik und Einsamkeit

    Einsamkeit
    Einsamkeit und Wasser

    Musik
    Musik und Wasser

    Musik und Einsamkeit und Wasser
    und ein Monster

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