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Des Kirbys neue Kleider

Man weiß wahrlich nicht, was in den Köpfen deutscher PR-Menschen vorgeht, aber das Wort „Epic“ scheint bei Ihnen keinen guten Stand zu haben. Nach dem ominösen Umbenennungs-Theater bei Disneys Epic Mickey, welches in Deutschland zu Micky Epic mutierte (und nicht mal die PR-Abteilung uns auf Nachfragen des Grundes eine Antwort geben konnte), wurde nun aus dem wunderbaren Wortspiel von Kirby‘s Epic Yarn ein plumpes Kirby und das magische Garn. Der deutsche Titel macht für sich gesehen zwar wortwörtlich wie inhaltlich Sinn, das Wort Yarn bedeutet aber nicht nur Garn sondern ist im Englischen Sprachgebrauch auch ein Ausdruck für eine erfundene Geschichte. Seemanns-Garn, sozusagen. Schade, dass dieses Wortspiel verloren ging, denn genau von diesem spinnt Kirby in seinem 10. Abenteuer reichlich.

Es ist schon beeindruckend, wenn einem Entwickler zu so einem ausgelutschten Genre wie dem 2D-Hüpfspiel tatsächlich noch etwas Neues einfällt. Denn direkt nach dem Intro, wenn man die ersten Minuten des Bindfaden-Plattformers gespielt hat, merkt man sofort: Dies ist ein ganz besonderes Spiel. Das ist nicht einfach nur ein weiterer Plattformer. Kirby‘s neuester Ausflug besticht im Minutentakt durch die Liebe zum Detail, durch wunderschöne Settings und Einfälle. Besonders erwähnenswert ist daran aber vor allem, dass sich die Idee mit der Garn-Welt nicht nur auf den visuellen Aspekt beschränkt, sondern auch Hand in Hand mit der Spielmechanik geht. Da werden Vorhänge zur Seite gezogen, um Geheimnisse freizugeben, man muss sich mit Kirbys Garnlasso an Knöpfen langhangeln, um Abgründe zu überwinden, und oft schlüpft man auch zwischen die verschiedenen Stofflagen, um voranzukommen. Ebenso toll sind Kirbys diverse Verwandlungen, die sowohl optisch, als auch spielerisch nur so vor Kreativität platzen.

altNeben dem herausragenden Grafikdesign des Spiels sollte man die Musik übrigens nicht vergessen: Die oft nur von einem Piano getragenen Stücke, deren Arrangement dem klassischen Muster japanischer Game-Soundtracks der Marke Zelda oder auch Final Fantasy folgt, passen wundervoll zur allgemeinen Stimmung des Spiels und unterstreichen ihrerseits das außergewöhnliche Artdesign und den märchenhaften Charakter sehr passend.

Selbst die in Jump ‘n Runs quasi zum Inventar-gehörenden Wüsten-, Lava- und Unterwasserwelt können hier noch durch wirklich kreative Einfälle an allen Ecken Punkten und bringen eine neue Idee nach der anderen. Ein Boden aus Treibsand wird beispielsweise einfach durch sich auflösenden Strickmaschen dargestellt, die Schwachstelle des Zwischenbosses ist ein Knopf am seidenen Faden und um eine weit entfernte Plattform zu erreichen, strafft man den Stoff der 2D-Welt, um diese herzuziehen.

I feel good…

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich die Begeisterung während der Brainstorming-Phase bei den Entwicklern vorstellen, als der Groschen zu der Idee mit der Strick- und Stoffwelt gefallen ist. Danach müssen die Ideen nur so gesprudelt und sich überschlagen haben. Das Studio Good-Feel (Könnte es ernsthaft einen besseren Namen für das Entwickler-Studio dieses Spiels als Good Feel geben?), das sich für dieses 10. Kirby Spiel verantwortlich zeichnet, konnte schon bei Wario Land: Shake It! zeigen, dass es aus alten, bekannten Gameplay-Elementen mit kleinen Kniffen neue und frische Spiele entwickeln kann. Die Zusammenarbeit mit den Kirby-Erfindern von HAL Laboratory war ein „match made in heaven“, wie die Amis sagen würden.

altDas spannende daran: Eigentlich war dieses Spiel anfangs gar kein Kirby-Spiel. Ursprünglich sollte Prinz Fluff (der Charakter, den der Zweite Spieler im Koop spielt), die Hauptfigur sein. Die Entscheidung, einen Kirby-Titel aus diesem Spiel zu machen, kann und muss man sicherlich hinterfragen. War das nötig? Nintendo-Kritiker können der Firma nun wieder einmal vorwerfen, auf die immer gleichen Figuren zurückzugreifen, während man die harten Nintendo-Fans mit einen untypischen Kirby, der nicht wie gewohnt alles aufsaugen kann, um so die Fähigkeiten seiner Gegner zu adaptieren, provoziert. Die Geschichte bettet Kirby und das Fehlen seiner Standardfähigkeiten zwar ganz nett ein, aber als „Prinz Fluff und das magische Garn“ wäre das Spiel jetzt auch kein Stück schlechter gewesen.

Klar ist aber auch: Prinz Fluff hätte es natürlich auf dem Markt um einiges schwerer gehabt. Im Spiel stört es nicht, dass Kirby nicht das macht, was er sonst macht, da die Verwandlungsformen sehr gut zu ihm passen. Vor allem, wenn sich ein etablierter Charakter so neu erfindet wie hier.

altNo Challenge?

Eine Herausforderung ist das neue Kirby wahrlich nicht. Es reiht sich ein in die Reihe von Spielen, die den Schwerpunkt auf das erreichen eines angenehmen Flows legen und dabei jegliche Herausforderung opfern. Das ist im Grunde auch gar nicht weiter schlimm, so lange es trotzdem gelingt, den Spieler ausreichend zu unterhalten. Man kann Kirby und das magische Garn als sehr schöne, zuckersüße Designstudie betrachten. Es stört nicht, dass man nicht wirklich sterben kann und dadurch die einzige Herausforderung darin besteht, die Level mit möglichst guten Wertungen abzuschließen. Immerhin bekommt man dafür ja auch allerlei Belohnungen in Form von Bonusleveln und -inhalten. Das wirklich Bemerkenswerte am neuen Kirby sind aber ganz klar die vielen, wunderbaren Ideen in der Spielmechanik und im Design, nicht die spielerische Herausforderung.

Zugegeben, das popkulturell zu einiger Berühmtheit gelangte Adjektiv „nintendo-hard“, welches durch die knochenharten Spiele der 80ern geprägt wurde, hatte nie weniger Bestand. Man verliert nicht mal Energie, wenn man direkt mit Feinden in Berührung kommt, es sei denn, man wird mit Pfeilen, Speeren oder ähnlichem konkret attackiert. Selbst dann verliert der rosa Woll-Protagonist, ähnlich dem berühmten Sega-Igel, nur ein paar Diamanten, die auch flink wieder aufgesammelt sind. Zu Nintendos Verteidigung muss man erwähnen, dass das quasi parallel erschienene Donkey Kong Country Returns dafür die doppelte Portion an „in‘s Gamepad beißen“ spendiert bekommen hat. Dieses Spiel ist mindestens so hart und frustrierend wie die entsprechenden Konsolenklassiker, denen es huldigt. Es wirkt daher wie eine gewollte Entscheidung, mit Kirby auch ein Spiel für die “Allgemeinheit” rauszubringen, nachdem man die Core-Gamer mit der „wohl härtesten Dschungel-Prüfung aller Zeiten“ befriedigt hat.

Best of both worlds

Kirby und das magische Garn ist dadurch auch ein Spiel, das zwei Zielgruppen gleichermaßen anspricht, die verschiedener kaum sein könnten: Es ist, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen, sowohl für Kinder und Gelegenheitsspieler, als auch für gestandene Gamer, die schon seit 30 Jahren Videospiele spielen, extrem interessant. Das kann man nicht über viele Spiele sagen.

Diese Lobeshymne an das Spiel wurde in mühevoller Kleinarbeit aus den handschriftlichen Notizen von SpielerZwei und Manu von unterbezahlten Polyneux-Praktikannten zu einem Text geformt. Gespielt wurde ein von Nintendo zur Verfügung gestelltes Muster. Danke an den Staubsaugerinhalt von Mexxer für die zuckersüße Header-Grafik.


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15 Kommentare

  1. epospecht - 17.05.2011 17:45

    Schöner, seichter und gefälliger Artikel. Ganz dem Spiel entsprechend.

    Man kann SpielerZwei`s Handschrift und Stilistik gut herauslesen. Noch besser ist aber das fantastische Artwork von Mexxer.

    Mich persönlich stört es (grafisch) dass Kirby und Gegner nur aus Naht-Outlines bestehen, also keine Körperlichkeit besitzen und sich trotzdem nicht entsprechend dieser Reduktion bewegen und interagieren.
    Und es entbehrt natürlich jeglicher Herausforderung.

  2. Aulbath - 17.05.2011 21:45

    Habe mit der Optik das gleiche Problem wie epospecht… nur outlines ist irgendwie doof, dabei hat das Spiel ansonsten echt viele schöne Ideen was die Grafik angeht.

  3. Ranor - 18.05.2011 12:53

    Würde ich zumindest mal anspielen, hätte ich denn eine Wii…

  4. MasterOtenko - 18.05.2011 13:10

    Zum Punkt Schwierigkeit:

    Kirby war jeher dafür konzipiert, dass jeder es durchspielen kann – aber auch „Hardcore-Gamer“ einige „In-den-Controller-beiß“-Momente bekommen.

    Bei Epic Yarn hatte ich diesen Moment nur zwei Mal: Moment eins war der Bosskampf gegen Meta Knight, den ich auf Flicken-Status schaffen wollte und Moment zwei ist bis dato die Sidescroll-Stage mit den Krackos, bei der mir bis heute eine Goldmedaille fehlt.

    Was ich aber bei Kirby merke, ist, dass seit SuperStar/Super Star Ultra die Spitze des Schwierigkeitsgrad stark abgenommen hat. Als Beispiel A nehme ich den finalen Bosskampf gegen Dark Mind in Mausattacke. Er ist ein Witz gegenüber allen Inkarnationen von Dark Matter/02.

    Beispiel B ist Nova Marx aus SSU. Selbst der finale Boss aus DKCR ist als einfach zu bezeichnen im Vergleich zu ihm.

    Von „March of the Kirbys“ für den DS verspreche ich mir nicht wirklich viel und hoffe, dass ENDLICH nach x Jahren das Konsolen-Kirby fertig gestellt wird – mit der Knutschkugel ist es schlimmer als mit dem Duke in der Hinsicht.

    PS: Den „Wohnen nach Wunsch“-Part habt ihr absichtlich nicht erwähnt, ne? ;)

  5. Manu - 18.05.2011 13:13

    @MasterOtenko: Ja, bei dem Wohnungs einrichten schläft mir schon beim dran denken das Gesicht ein. Habe diesen Part völlig ignoriert. Geht ja zum Glück auch, nach dem man das „Tutorial“ dazu überstanden hat. Für die jüngeren Spieler aber sicherlich ein großes Spaß… *hust*

  6. SpielerZwei - 18.05.2011 16:42

    Zur Outline-Optik:
    Ob man das mag oder nicht, ist natürlich geschmackssache. Allerdings muss ich ganz deutlich wiedersprechen, was die Kritik von Epospecht angeht, denn beim Verhalten bzw. der Animation wird dem sogar wunderbar Rechnung getragen. Wenn Kirby beispielsweise seine Gegner platt macht, indem er sie „aufribbelt“, ist das doch schön konsequent. Und auch physikalisch, sofern man das in diesem Zusammenhang überhaupt so formulieren darf, passt es sehr gut, wenn Figuren nach einem Sprung beim Landen etwas in sich einfedern, denn sie haben ja keine richtige Körperlichkeit.

    Zu „Schöner Wohnen mit Kirby“:
    Natürlich ist dieser Teil des Spiels, den ich mal als „Animal Crossing Light“ bezeichnen würde, primär für die Koten gedacht. Ebenso die damit verbundenen Minispiele. Ich fand’s persönlich etwas lame und überflüssig, aber mein viereinhalbjähriger Sohn fand das richtig toll! ;)

  7. SteffenBiBu - 26.05.2011 19:57

    Also, meine Kids (10 und 6) werden von mir ständig mit neuen Titeln beworfen (zum Glück habe ich Kinder und muss selber nicht mehr spielen. Nur noch die Perlen die meine Kids vorsortiert haben ;-). Donkey Kong Country Returns flog nach einer Stunde zurück an meinen Kopf „Papa, das Spiel ist nur was für Autisten und Yannik von nebenan!“ (Yannik ist 22 und daddelt den ganzen Tag und lädt seine Spielevideos bei Youtube hoch)… Ok, ab nach eBay damit…
    Kirby jedoch haben Sie von der ersten Minute an geliebt. Nach 3 Tagen durchgespielt. Sie spielen jetzt die einzelnen Bosskämpfe immer wieder und Kirbys Wohnung ist auch schon voll eingerichtet. Ich selbst habe oft zugeguckt und den Zwischensequenzen gelauscht; der Sprecher hat einen SUPER-Job gemacht!

    Ein absolut rundes Spiel.

  8. Yannik - 27.05.2011 04:07

    Ey!:( Das geht keinen was an >:(!

  9. SpielerZwei - 23.06.2011 12:44

    Ab heute ist auf der Wii übrigens der „Kirby Kanal“ verfügbar. Dort kann man kostenlos die Kirby-Zeichentrickserie von 2002 sehen.

  10. Missingno. - 24.06.2011 11:31

    Erstaunlicherweise steigt der „Schwierigkeitsgrad“ an, wenn man das epische Garn mit einem Freund sucht. Vor allem, wenn dieser nichts besseres zu tun hat, als die ganzen Diamanten zu verlieren, weil er jede „Falle“ und jeden „Gegner“ mitnehmen muss. Alternativ im Weg herumstehen bzw. von irgendwelchen Plattformen herunterfallen, so dass die Kamera schön weit aufzieht und man nicht mehr sieht, wo es weiter geht. ;)

  11. Missingno. - 24.06.2011 18:07

    PS: Ich habe die erste Folge der Kirby-Zeichentrickserie angeschaut und verstehe nur Bahnhof. ?_?

  12. SpielerZwei - 24.06.2011 18:38

    @Missingno:
    Ja, das Problem hatte ich auch, als ich Kirby mit meinem Sohn zusammen gespielt habe. Wenn man mit einem Noob zusammen spielt, steigt der Schwierigkeitsgrad um 500%, weil der andere einen so richtig stören kann. ;D

    Die Serie ist übrigens eher was für die Kleinen, so wie die Pokemon-Serie. Mein Sohn steht total drauf! Kirby ist derzeit wohl seine Lieblings-Videospielfigur. Nimm das, Mario! ;)

  13. Missingno. - 24.06.2011 20:46

    Bei den Pokémon-Teilen (jedenfalls den paar, die ich gesehen habe), zieht sich aber ein Plot wie ein roter Garn durch die Folge. Die Kirby-Folge hatte zwar auch eine Art Plot, aber der rote Faden ist irgendwie verloren gegangen und man muss ihn mit Prinz Plüsch suchen. Oder ich kapier‘ es einfach nicht.

    Kirby als Lieblings-Videospielfigur ist doch super!

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