Von Oben herab

Es gab da mal ein Spielgenre, das sich Mitte der 80er bis Anfang der 90er besonderer Beliebtheit erfreute: Das Top-Down-Action-Game. Besonders auf dem C64 und Amiga gab es damals sehr viele dieser kurzweiligen Spiele, bei denen der Spieler mehr oder weniger senkrecht von oben auf seine Figur schaute und immer feste Gegner abballern musste, während er sich durch labyrinthartige Level bewegte. Eine Form von weiterentwickeltem Gauntlet quasi. Vieles davon war Massenware, aber es gab auch Highlights. So zum Beispiel Into The Eagles Nest (1987) und Alien Breed (1991) (beide inzwischen als Abandonware für verschiedene Systeme herunterladbar). Besonders Letzteres kommt mir nach all den Jahren immer wieder in den Sinn, wenn es um meine All-Time-Classics geht. Angelehnt an den Cameron-Film „Aliens“ musste man sich in gruseligem Ambiente durch Horden von Aliens kämpfen. Alien Breed war damals ein echter Hit für den Entwickler Team 17 und erhielt auch diverse Nachfolger. Die damals herausragende Präsentation des Spiels und die vielen coolen Gameplay-Features (Waffenkauf, Coop-Mode, gescriptete Ereignisse, benutzbares Inventar, etc.) machten das Spiel zu einem kleinen Meilenstein.

Aber irgendwann kamen diese Spiele aus der Mode. Hauptsächlich, weil die grafischen Möglichkeiten immer weiter stiegen und der Blick von oben immer mit 2D-Ansichten verbunden war.
Das Genre war in den letzten 15 Jahren zwar nicht völlig tot, spielte aber nie wieder wirklich eine Rolle auf dem Markt. So erschien beispielsweise 1999 Expendable von Rage Games, welches durch State-Of-The-Art-Grafik auf der einen und alle alten Tugenden eines Alien Breed auf der anderen Seite ein fantastisches Spiel war. Aber eine Neubelebung des Genres hat auch dieses Vorzeigespiel nicht bewerkstelligen können. Auch wenn Expendable eindrucksvoll bewies, dass dieses Spielgenre sehr wohl mit moderner 3D-Grafik zu kombinieren war, ging das Gros der Action-Spiele andere Wege…

Aber halt! Was ist das? Es heißt Shadowgrounds, sieht aus wie eine Kreuzung aus Expendable und Alien Breed und macht süchtig!
Ihr könnt Euch vielleicht ansatzweise meine Begeisterung vorstellen, nach all den Jahren eine „Quasi-Neuauflage“ von einem meiner absoluten Lieblingsspiele aus alten Amiga-Zeiten auf meiner Festplatte zu haben. Wie es sich anfühlt, ein Action-Spiel zu spielen und dabei eine Mischung aus spannendem Horror und melancholischer Nostalgie zu empfinden, kann ich wohl kaum adäquat vermitteln. Dennoch möchte ich hier ein wenig über Shadowgrounds plaudern, damit es nachher nicht heißt: „Verdammt, SpielerZwei! Warum hast du mir nichts von diesem coolen Spiel erzählt?“

Der Entwickler Frozenbyte schickt den Spieler in eine nahe Zukunft, in der die Menschheit den Jupitermond Ganymed durch Terraforming bewohnbar gemacht hat. Dort übernimmt er die Rolle des ganz gewöhnlichen Mechanikers Wesley Tyler. Als auf Ganymed eklige Aliens auftauchen, die schnell die ansässigen Siedler dezimieren, gerät Tyler in die Rolle des unfreiwilligen Helden, denn irgendjemand muss schließlich die vielen Energieausfälle in „New Atlantis“ beseitigen, damit Hilfe angefordert und anfliegende Schiffe gewarnt werden können. Dass diese Aufgabe bald nicht mehr nur mit dem Werkzeugkasten zu bewerkstelligen ist, kann man sich schon denken. Und so sattelt Tyler notgedrungen auf „Alien-killender-Hausmeister“ um. Ob er die Kolonie zusammen mit den wenigen Überlebenden retten kann, müsst Ihr allerdings selbst herausfinden. Ich will nur so viel verraten, dass das Szenario, welches zunächst so aussieht, als hätte man es mit einem vorhersehbaren Prequel zum Film „Aliens“ zu tun, später eine recht überraschende Wendung nimmt.

So so, man schaut also von oben auf seine Figur, die durch irgendwelche Level läuft und dabei alles abknallt, was sich bewegt. Klingt nicht wirklich spannend oder besonders außergewöhnlich und sieht bestimmt auch scheiße aus, oder? Nein. Es sieht klasse aus und ist scheiße spannend, besonders wenn man zusammen mit der Freundin in der abgedunkelten Wohnung den Coop-Modus spielt, aber dazu später mehr…
Das Gameplay ist im Prinzip tatsächlich simpel, allerdings wird es durch viele Details ergänzt, die einen wirklich hohen Spielspaß erzeugen und Shadowgrounds davor bewahren, ein allzu stumpfes Ballerspiel zu sein. So bekommt Tyler im Laufe des Spiels 10 Waffen in den Werkzeuggürtel gesteckt, welche man auch noch jeweils mit drei Upgrades versehen kann. Diese Upgrades reichen von schnellerer Schussfolge über größere Magazine bis hin zu Spezialfunktionen für die jeweilige Waffe. So kann man die Minigun als aufstellbaren Selbstschussautomaten verwenden oder auch Benzin aus dem Flammenwerfen ablassen, um Feuerfallen zu legen. Die Upgrade-Token erhält man von Zeit zu Zeit von sterbenden Aliens. Entweder setzt man sie relativ oft in kleinere Upgrades um oder man spart sie für die mächtigeren Verbesserungen zusammen. Wer wirklich alle 10 Waffen voll upgraden will, muss die Spielabschnitte schon sehr gründlich durchkämmen, so dass einem keines der Biester entwischt.
Die Wahl der Waffen und der dazugehörigen Erweiterungen bringt ein taktisches Element ins Spiel, denn nicht jede Waffe taugt für jedes Alien gleich gut. Führt der Beschuss aus dem Laser-Gewehr oder der Shotgun nicht schnell genug zum Erfolg, dann ist auch mal der Griff zum Flammenwerfer oder Granatwerfer angesagt. Es ist besonders bei den fetteren Gegnern schon recht wichtig, darauf zu achten, womit man sie am besten beharkt.

Die Rätselkost hält sich action-typisch in Grenzen: Es gilt manchmal Türen zu öffnen, wofür man oft Keycards finden oder Terminals benutzen muss. An anderen Stellen müssen Generatoren oder andere Maschinen repariert werden, um die Story voranzubringen.
Außer den Waffen, der Munition, den Medipacks und Keycards findet man auch oft PDAs oder Laptops, auf denen dann, ähnlich wie in DOOM 3 oder System Shock, E-Mails die Story verdichten.
Neben den Waffen und dem obligatorischen Werkzeugkasten (Tyler muss ja immer wieder irgendwelche Maschinen flicken) gibt es auch noch ein weiteres ganz wichtiges Utensil: Die Taschenlampe! Diese vielleicht großartigste Erfindung der Menschheit (gleich nach der Zigarette, dem Internet und der essbaren Unterwäsche) hat es oft nicht leicht. Camper, Einbrecher und die Einwohner von Ochtrup (zumindest, wenn mal wieder alle RWE-Strommasten umgekippt sind) wissen sie zu schätzen, aber viele Spieler hassen sie einfach. Mir tönen immer noch die DOOM 3-Meckerer in den Ohren, die den Reiz des Taschenlampenscheins in einem ansonsten dunklen Raum gar nicht zu schätzen wussten…
Wie dem auch sei, die Taschenlampe ist in Shadowgrounds jedenfalls ganz wichtig. Zum einen lässt sie Tyler dunkle Räume erkunden, wenn der Strom mal wieder ausgefallen ist. Außerdem gibt es ein paar Alientypen, die man mit der Taschenlampe sogar vor sich her scheuchen kann (verdammtes lichtscheues Gesindel!). Zum anderen bringt sie mich aber schnurstracks zur Grafik des Spiels, denn was die Engine hinter Shadowgrounds so alles mit Licht und Schatten anstellt, ist schon wirklich nett anzuschauen!

Wie schon weiter oben erwähnt, geht Shadowgrounds grafisch einen ähnlichen Weg wie seinerzeit Expendable: Obwohl das Top-Down-Genre seine Wurzeln eigentlich in der 2D-Grafik hat, steht hier eine 3D-Engine dahinter, die auch in der Lage ist, die virtuelle Kameraposition zu wechseln. Dieses tut sie dann auch des öfteren, und zwar wenn das Spiel die Zwischensequenzen in der Spielgrafik darstellt. Leider fällt dann auf, dass die Texturen nicht super hoch aufgelöst sind, weil man in dieser Ansicht einfach näher an den Figuren und Objekten dran ist. In der Vogelperspektive sieht man davon freilich nichts und freut sich über die coolen Effekte und detaillierten Level. Besonders das Spiel von Licht und Schatten ist sehr beeindruckend, weil man hier vor allem den Vorteil der 3D-Engine in einem „Quasi-2D-Spiel“ erkennt: Bewegt man Tyler zum Beispiel durch einen dunklen Lagerraum, so werfen alle Objekte fantastische Echtzeit-Schatten. Gleiches gilt natürlich auch für die übrige Beleuchtung, die Explosionen, das Hitzeflirren der Luft, das Mündungsfeuer und angeflammte Aliens.
(Dass die Grafik wirklich klasse aussieht müsst Ihr mir jetzt einfach mal glauben, denn auf unseren kleinen „Screenshötchen“ kann man aufgrund der Perspektive davon leider rein gar nichts erkennen…)
Ebenso schön wie die Grafik ist auch die akustische Untermalung. Der Soundtrack ist abwechslungsreich und passt sich dem Geschehen dynamisch an. Die Soundeffekte erzeugen wohlige Gruselstimmung und sorgen in Verbindung mit den vielen kleinen gescripteten Ereignissen für diverse nette Fast-Herzstillstände.

Ja, die Designer wissen, wie man vernünftig Spannung erzeugt. Die Action erfolgt nämlich nicht in blinder Non-Stop-Manier, sondern weicht auch manchmal ruhigeren Passagen. So betritt man beispielweise ein Gebäude mit schwerem Geschütz im Anschlag, davon überzeugt, dass es jetzt sofort zur Sache geht, und trifft zunächst auf keinen einzigen Gegner. Stattdessen findet man immer mehr Spuren blutiger Auseinandersetzungen, die die Siedler offensichtlich allesamt verloren haben. Während man immer weiter in die dunklen Gänge vorstößt, hört man allerlei merkwürdige Geräusche. Rohre platzen plötzlich neben einem und strömen heißen Dampf in die Umgebung. Bodenroste knarren und quietschen. Die Musik verändert sich. Man hört entfernte Schreie. Aber kein Alien weit und breit. Die Spannung steigt immer weiter, bis dann hinter irgendeiner Biegung oder Tür tatsächlich der Feind lauert und einen unwillkürlich vom Schreibtisch aufspringen lässt. Noch gemeiner ist es, wenn sich unter einem plötzlich ein Bodenrost zur Seite schiebt und schleimige Viecher daraus hervor krabbeln. Coole Sache, das!

Ein zusätzliches Bonbon von Shadowgrounds ist der Coop-Modus, der bis zu vier Leute an einem PC gemeinsam das Grauen erleben lässt. Die Steuerung per Gamepad hat mir zwar nicht ganz so gut gefallen wie die Maus/Tastatur-Kombo, aber das liegt vermutlich eher daran, dass ich ein Gewohnheitstier bin. Die Steuerung ist auch mit dem Pad eigentlich kein Problem, zumal man für alle 4 Spieler individuelle Konfigurationen erstellen kann.
Die Level werden für das Coop-Vergnügen nicht extra angepasst, was dazu führt, dass man sich permanent absprechen muss, wer denn nun das Medipack oder die Munition nehmen soll. Waffen, Keycards und Upgrades werden jedoch für alle Spieler aufgenommen, d.h. wenn ein Spieler die Railgun aufnimmt, dann haben sie alle. Einen Online- oder LAN-Modus gibt es leider nicht, aber ich kann Euch versichern, dass das Coop-Spiel dafür locker entschädigt. Nachdem ich das Spiel in etwa 10 Stunden alleine durchgezockt hatte, bin ich das Ganze noch einmal im Coop mit meiner Freundin angegangen, was sich als sehr witzig erwies!

Obwohl es sich bei Shadowgrounds um einen Vertreter eines fast vergessenen Genres handelt, sollte nicht der Eindruck aufkommen, es handele sich hier um ein Spiel, das von seinem Retro-Charme lebe. Die Präsentation ist absolut zeitgemäß und das Spiel ist sicher nicht nur etwas für alte Säcke wie mich, die sich gerne an Hits vergangener Tage erinnern. Im Gegenteil, denn durch die Tatsache, dass dieses Genre lange Zeit keine große Rolle mehr spielte, wirkt das Gameplay überraschend frisch und ist jedem zu empfehlen, der auch mal etwas anderes spielen will als die standardisierten Mainstream-Genres FPS, JNR, RTS und RPG. Zudem wechselt das Spiel schon für freundliche 30 Euro den Besitzer.


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