Utrecht – Melbourne – Chroma City

Was 2006 als PC-Freewarespiel einiger Studenten der Utrecht School Of Arts begann, wurde vom australischen Entwicklerteam BlueTongue zum exklusiven Wii-Vollpreistitel aufgeblasen. Und man kann dem Publishers THQ, der relativ schnell die Rechte von den kreativen Kaasköppen erwarb, nur zu seinem guten Riecher gratulieren, denn de Blob ist tatsächlich der vielleicht beste Singleplayer-Titel für die Wii seit Super Mario Galaxy geworden!

Ganz viele bunte Farben? Die Hauptfigur ein hüpfender Farbklecks? USK-Freigabe ab 6 Jahren? Ja, ich weiß, was jetzt wieder vielen von Euch durch den Kopf geht: Casual-Kinderkram-Gedöhns. Aber da liegt Ihr ganz schön daneben, liebe Leute. Mit dieser Einstellung habt Ihr Euch schon so brillante Spiele wie Katamari, Eledees und Chibi-Robo durch die Lappen gehen lassen. Und auch wenn Ihr die ganz nette, aber nicht weltbewegende Ur-Version des Spiels kennt, habt Ihr keine Ahnung, wie gut de Blob für die Wii wirklich geworden ist…

 

Am Grundprinzip hat sich seit dem Studentenprojekt zunächst einmal nicht sehr viel geändert: Man spielt den Blob, eine Art lebenden Farbklecks, der eine graue Welt wieder bunt färbt. Allerdings haben die Jungs aus Melbourne dem simplen Spielprinzip, welches entfernt an die Katamari-Spiele erinnert, sehr viele zusätzliche Gameplay-Elemente hinzugefügt, so dass aus dem relativ ziellosen Feel-Good-Projekt der Niederländer, welches ursprünglich als interaktiver City-Guide für das neuzugestaltende Utrechter Stadion-Viertel gedacht war, ein wirklich überzeugendes Spiel geworden ist. Und natürlich hat man dem Ganzen auch eine recht charmant-infantile Hintergrundstory verpasst: Die Einwohner von Chroma City leben ein sorgloses, friedliches und vor allem buntes Leben. Doch eines Tages findet dieses Idyll durch die Invasionstruppen der INKT-Corporation ein jähes Ende. Diese fiesen Typen, angeführt von Genosse Schwarz, hassen alles, was bunt und niedlich ist. Und so saugen sie alle Farben aus Chroma City ab und machen die Bewohner zu willenlosen Graulingen. Nur ein paar Widerstandskämpfer und natürlich unser Held, der Blob, sind noch nicht zu grauen Arbeitszombies umfunktioniert worden. Die einzige Chance, Chroma City noch zu retten und die totalitären Tintis zu vertreiben, ist eine Farbrevolution!
(Jedwede Ähnlichkeiten zwischen SpielerZwei und Genosse Schwarz sind übrigens rein zufällig und beschränkt sich bestenfalls auf Äußerlichkeiten…)

Um nun Chroma City zurückzuerobern und die Tintis zu vertreiben, macht der Blob genau das, was er eben kann: Er hüpft umher und färbt alles was er berührt in seiner jeweiligen Farbe ein. Die Farben dazu erhält er von den Farbbots der INKT-Corporation, die überall in den Levels zu finden sind. Von den Farbbots bekommt man zwar nur die Primärfarben Gelb, Rot und Blau, aber durch fleißiges Mischen kann der Blob insgesamt 7 verschiedene Farben annehmen. Hinzu kommen noch diverse Muster-Items, die überall in der Landschaft herumliegen und mit deren Hilfe sich viele weitere Farbvariationen erzeugen lassen.
Die getankte Farbe ist für den Blob gleichzeitig auch Lebensenergie. Je mehr Farbe er intus hat, desto unempfindlicher ist er gegen Angriffe der Tinti-Polizei, welche im späteren Verlauf auch Spezialeinheiten, Tinten-Bikes, Panzer und schwere Geschütze ins die Schlacht wirft. Geschossen wird mit schwarzer Tinte. Wird der Blob von Gegnern getroffen oder kommt sonstwie mit der bösen Tinte in Berührung, gilt es schnellstens rettendes Wasser aufzusuchen, um diese wieder Abzuwaschen. Gelingt dies nicht schnell genug, verliert man eines seiner Leben. Im Gegenzug kann der Blob die Tintis einfach platt machen, indem er auf sie drauf hüpft, was zu Beginn recht einfach ist, aber in späteren Levels durch bestimmte Vorgaben erschwert wird. So kann man einige Polizisten nur erledigen, wenn man auch die richtige Farbe besitzt. Und dicke Einheiten wie Panzer oder Geschütze kann man nur plätten, wenn man eine recht große Menge Farbe im Tank hat.

Auch wenn schon einige der genannten Elemente durchaus von der Ur-Version abweichen, so werden sich doch immer noch viele Kenner der PC-Version fragen, wie BlueTongue es nun hinbekommen haben sollen, aus der Wii-Version ein „richtiges Spiel“ zu machen. Das sukzessive Einfärben der Landschaft und das Plattmachen von Tintis gab es ja schon in der Gouda-Version. Und beides hat nicht dazu beigetragen, dass das Ganze mehr als nur ein netter Zeitvernichter war. Da war natürlich noch das Einfärben von Sehenswürdigkeiten der Stadt Utrecht durch eine bestimmte Menge einer bestimmten Farbe, aber damit erschöpfte sich das Gameplay der PC-Version auch schon. Das Erobern von Wahrzeichen gibt es auch noch in der Wii-Version von de Blob, wobei die Sehenswürdigkeiten nun durch strategisch wichtige Ziele der INKT-Corporation, wie beispielsweise Gefängnisse, Propagandatürme oder Tintenpumpen ersetzt wurden. Allerdings sind diese Wahrzeichenmissionen nur ein Teil der vielen Aufträge, die man im Spiel von den Kollegen des Farbuntergrunds erhält. Hinzu kommen noch diverse Färbe-, Kampf- und Rennaufträge, die allesamt in einem vorgegebenen Zeitlimit zu erledigen sind. Erledigt man einen Auftrag erfolgreich, so erhält man einen Zeitbonus, der zur allgemeinen Levelzeit hinzugezählt wird. Ja, richtig gelesen, es gibt ein Zeitlimit für die Erledigung eines Levels, so dass man nicht mehr wie in der PC-Version stundenlang einfach so in der Landschaft herumdödeln kann. Aber als bekennender Zeitlimit-Hasser kann ich Euch versichern, dass das Ganze eigentlich nur verhindert, dass man zu ziellos durch das Spiel eiert. Mir ist es in kaum einem der 10 Story-Level passiert, dass irgendwann ernsthaft die Zeit knapp wurde, obwohl ich immer relativ hohe Einfärbequoten hatte und auch sonst alle Ecken der Level erkundet habe.
Man erledigt also viele abwechslungsreiche Aufträge und schaltet dadurch weitere Abschnitte eines Levels frei, bis man irgendwann den Levelausgang erreicht. Man muss allerdings nicht wirklich alle dieser Aufträge ausführen, denn auch eine hohe Einfärbequote der Umgebung führt zum Aktivieren neuer Bereiche. Man kann aber auch blah blah blah…

An dieser Stelle breche ich dann mal die langweiligen Ausführungen zum Gameplay ab, obwohl ich noch lange nicht alle relevanten Elemente erwähnt habe. Wer immer noch keine rechte Vorstellung hat, wie das Ganze denn nun ungefähr abläuft, den kann ich nur freundlich auf „ordentliche Reviews“ auf „ordentlichen Spieleseiten“ verweisen…

Die trotz Allem recht einfache Grundmechanik des Spiels ist nämlich nicht der alleinige Grund, warum mir de Blob so immens viel Spaß gemacht hat. Vielmehr liegt es an der Gesamtgestaltung des Spiels, welche aus einer einfachen Grundidee eine in sich stimmige und wirklich innovative Spielerfahrung macht; ganz ähnlich den bereits erwähnten Katamari-Spielen.

Die Präsentation des Spiels macht, ganz ohne HD-Grafik-Blendwerk, einen sehr gelungenen Eindruck und gehört mit zum Besten, was man bisher auf der Wii zu sehen bekam. Zwar kaschiert der quietsch-bunte, comicartige Stil viel von der beschränkten Grafikleistung der Konsole, aber dennoch ist es auffällig, wie butterweich die Grafik dargestellt wird und wie liebevoll jede Kleinigkeit designt ist. Ich bin im ganzen Spiel nicht ein einziges Mal Clipping-Fehlern, Framerate-Einbrüchen oder anderen häufigen Grafikschlampereien begegnet, von denen sich nicht einmal 1st-Party-Nintendo-Spiele völlig freisprechen könnten. Hinzu kommt noch das großartige Sounddesign: Jeder Level hat ein (später frei wählbares) musikalisches Grundthema, welches permanent durch die jeweilige Spielweise beeinflusst wird. Durch das Einfärben von Gebäuden und anderen Landschaftselementen entstehen in Abhängigkeit der jeweils verwendeten Farben bestimmte Soundeffekte, die sich nahtlos in das laufende Grundthema einfügen. Dadurch ist de Blob nicht nur ein Spiel mit Farben, sondern auch mit Tönen, was angenehm an REZ erinnert. Die Stücke kommen alle recht funky daher und unterstreichen sehr gut die positive Grundstimmung des Spiels.

Abgerundet wird das Ganze durch eine denkbar unkomplizierte Steuerung, die vielleicht nicht immer so präzise ist, wie man es sich optimalerweise wünschen würde, aber so intuitiv von der Hand geht, dass sie niemals vom eigentlichen Spielerlebnis ablenkt oder gar nervt. Man bewegt den Blob mit dem Stick des Nunchuks umher und hüpft, indem man die WiiMote leicht nach unten schwingt. Das ist alles. Natürlich gibt es noch weitere Funktionen, wie z.B. die Steuerung der Kamera (Steuerkreuz bzw. C-Knopf), das Anvisieren von Gegnern und Objekten (Z-Knopf) oder das Transformieren von Wahrzeichen (WiiMote schütteln), aber im Grunde haben es BlueTongue sehr gut hinbekommen, die Grundsteuerung einfach zu halten und die Motion-Sensor-Funktionen nicht nur als nervigen Selbstzweck zu integrieren, so dass sich alles irgendwie gut anfühlt. Und auch die Tatsache, dass Sprünge manchmal nicht so hundertprozentig präzise von der Hand gehen, stört eigentlich gar nicht, da das Spiel zwar stetig fordernd, aber nie (mal abgesehen vom finalen Bosskampf gegen SpielerZwei Genosse Schwarz) wirklich schwer ist. Situationen, in denen man die WiiMote am liebsten an die Wand schmeißen würde, entstehen eigentlich nie, da die Spielmachanik viele Fehler verzeiht.

Dass das Spiel, wie schon erwähnt, lediglich 10 Story-Levels besitzt, sollte nicht den Eindruck aufkommen lassen, man würde zu wenig für seine ca. 50 Euronen bekommen, denn jeder Level erfordert im Schnitt 60 bis 90 Minuten Eurer Zeit. Wer Jagd auf wirklich alle Extras und Aufgaben in den Levels machen will, bekommt zudem einen hohen Wiederspielwert geboten. Danach kann man sich dann noch an diverse Challenge-Levels machen, alle Story-Level noch einmal chillig (schreibt man das so?) im Freestyle-Modus ohne Zeitdruck spielen oder im Modus „Blob-Party“ mit 2-4 Spielern gegeneinander antreten, was übrigens wesentlich spaßiger als die ärmlichen Multiplayer-Optionen der Katamari-Spiele ist.

Die Spielzeit bringt mich, neben der bereits erwähnten Sprungsteuerung, noch zum zweiten verbesserungswürdigen Punkt des Spiels: Innerhalb der Level gibt es keine Speichermöglichkeit! Wenn Ihr ein Leben verliert, könnt Ihr ganz unkompliziert dort weiter machen, wo Euch die tödliche Farblosigkeit ereilte; kein nerviges Wiederholen von ganzen Levelabschnitten also. Aber wenn unerwartet Besuch vor der Tür steht, habt Ihr ein Problem: Entweder ausschalten und den Level beim nächsten Mal komplett von vorne beginnen oder den Besuch bis zum Levelende zuschauen lassen…
Das erscheint zunächst total blöde, hat aber aus technischer Sicht einen einleuchtenden Grund, denn die riesigen Levels werden von Euch ja individuell eingefärbt. Würde man das Ganze wirklich 1zu1 sichern wollen, würden die Spielstände vermutlich ratzfatz den Flashspeicher der Wii sprengen. Von so einer Kleinigkeit sollte sich aber niemand abhalten lassen! Schließlich kann man Türklingeln und auch Telefone im Zweifel einfach ignorieren, was einem de Blob auch relativ einfach macht…

Die Quintessenz des Spiels ist schwer zu beschreiben, ohne immer wieder auf Katamari zu verweisen, denn beide Spiele sind sich vom Flow her recht ähnlich. Allerdings ist die Schneeballrollerei zu skurrilen Japano-Pop-Klängen spielerisch noch um einiges simpler als de Blob, welches mit recht abwechslungsreichen Aufgaben auch locker ernsthaftere Jump’n’Run-Freunde unterhalten kann. Dennoch haben beide Titel gemeinsam, dass die eigentliche Faszination aus dem angenehm entspannten Spielfluss heraus entsteht. Hier wird nicht der Puls des Spielers auf 180 gebracht und tonnenweise Adrenalin ausgeschüttet. Hier werden weder Aggressionen aufgebaut noch irgendwie ausgelebt. Beides sind Spiele zum Relaxen, Eohlfühlen und Genießen. Und davon gibt es meiner Meinung nach viel zu wenige.

Das befriedigende Gefühl, wenn man wieder einen zuvor monochromen Levelabschnitt mit freundlichen Farben zu neuem Leben erweckt hat und die befreiten Graulinge auf den Straßen tanzen, hatte ich in dieser Form zuletzt bei Okami und seiner bezaubernden Wiederbelebung der Natur. Das Zusammenspiel von Farben und Musik, die positiv-witzige Grundstimmung des Spiels und das nahezu perfekte Spieldesign machen de Blob für mich zu einem absoluten Highlight, das sich eigentlich kein Wii-Besitzer entgehen lassen sollte! Außerdem wäre es doch wirklich paradox, wenn man monatelang nach richtig guten Wii-Spielen schreit, weil einem die vielen Casual- und Minispiele langsam wirklich aus dem Halse heraushängen, und man dann solch eine Perle einfach übergeht, oder…?!


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14 Kommentare

  1. Pingback: Nichts für echte Gamer! | Polyneux

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