Nichts für echte Gamer!

Lange Zeit waren sie ausschließlich den PC-Spielern vorbehalten, doch seit etwa 10 Jahren sind sie auch auf den Konsolen nicht mehr wegzudenken: Online-Multiplayer-Shooter. Lediglich Nintendo sparte dieses Genre bisher mehr oder weniger komplett aus und lieferte seinen Kritikern so ein weiteres Argument, warum „echte Gamer“ auf keinen Fall eine Nintendo-Konsole kaufen. (Dass diese „echten Gamer“ meist kleine Jungs und grenzdebile Jugendliche sind und „kaufen“ eigentlich „von der Oma wünschen“ bedeutet, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll…)

Mit Splatoon wird diese Lücke nun endlich geschlossen. Doch anstatt auch einen brutalen Kriegs-Shooter in Grau-braun anzubieten, der mindestens ab 16, noch besser ab 18 Jahren ist, damit sich „echte Gamer“ wie „echte Kerle“ fühlen können, nahm man sich des Themas lieber auf die Nintendo-Art an: Knuffige Tintenfisch-Wesen beschießen sich mit allerlei Farbkanonen. Und das Abballern der Gegner ist nicht einmal das Hauptziel des Spiels, sondern das Einfärben möglichst großer Teile der Spielarena in der eigenen Teamfarbe. Mit einer Altersfreigabe ab 6 Jahren. – Oh, Gott! Nintendo! Was für’n alberner Kinderkram! Ist ja wieder typisch…

Splatoon-Screen5

Tja, nur ist genau dieser Kinderkram so ziemlich der frischeste Multiplayer-Shooter, der mir seit langem untergekommen ist. „Echte Gamer“ interessiert das natürlich nicht, aber hier bei Polyneux, liebe Spiele-Connoisseure, sind wir ja glücklicherweise unter uns, weshalb ich Euch ein bisschen mehr über Splatoon erzählen möchte:

Wie schon erwähnt, geht es im Standard-Multiplayer-Modus („Revierkampf“) darum, bis zum Ablauf der Rundenzeit mehr vom Level einzufärben als das gegnerische Team. Der Abschuss von Gegnern gehört selbstverständlich auch zum Spiel, ist aber nur Mittel zum Zweck, um diese bei ihren Malerarbeiten zu stören, und wird nicht gesondert honoriert. Die Teams bestehen aus jeweils vier Spielern, die in die Haut sogenannter „Inklinge“ schlüpfen. In ihrer humanoiden Form laufen und springen sie durch den Level wie die Avatare anderer Third-Person-Shooter. Zusätzlich können sie aber auch ihre Tintenfisch-Form annehmen, in welcher sie durch die Farbe schwimmen, wodurch sie für die Gegner schwieriger zu entdecken und wesentlich schneller unterwegs sind. Außerdem kann man so auch Wände hinauf schwimmen, die man als Zweibeiner nicht erklimmen kann. Das schnelle Schwimmen funktioniert allerdings nur in der eigenen Farbe. Ein weiterer Haken der Tintenfisch-Form ist, dass man so keine Waffen benutzen kann. Folglich muss man ständig zwischen den beiden Inkling-Formen hin und herschalten. Wenn man die Steuerung erst einmal verinnerlicht hat, bietet Splatoon ein sehr flüssiges, abwechslungsreiches und schnelles Movement, das für Könner sogar ein paar nette Tricks zulässt. Damit ist Splatoon deutlich näher am Unreal Tournament-Movement als der Stinker Titanfall es letztes Jahr gerne sein wollte.

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Das reichhaltige Waffenangebot lässt praktisch keine Wünsche offen: Neben der jeweils gewählten Primärwaffe haben die Inklinge auch Granaten, Minen oder Ähnliches als Sekundärwaffe im Gepäck. Außerdem lädt man durch das Einfärben der Level noch eine von mehreren Spezialwaffen auf, die man in regelmäßigen Abständen aktivieren kann. Neue Waffen bekommt man in einem Laden gegen erspieltes Geld, allerdings nur, wenn man sich auch den für die jeweilige Waffe erforderlichen Rang erspielt hat. Andernfalls wird man vom Verkäufer mit der Begründung abgewiesen, dass man noch nicht cool genug für diese Waffe sei. Ebenso läuft es mit den vielen Kleidungsstücken im Klamottengeschäft. Die Kleidung dient dabei nicht nur der Individualisierung der Inklinge, sondern hat auch einen spielerischen Nutzen, da sie nach kurzer Tragzeit einen oder mehrere Bonus-Effekte annehmen. So erhöhen sie beispielsweise die Bewegungsgeschwindigkeit, vergrößern den Munitionstank oder verstärken die Waffen.

Der eigene Rang, welcher sich durch erspielte XP erhöht, ist nicht nur für die Geschäfte von Bedeutung, sondern erlaubt einem auch, ab der Stufe 10 Ranked Games zu spielen. Hier wird die eigene Leistung nicht nur mit Geld und weiteren Erfahrungspunkten belohnt, sondern man bekommt auch eine Ranglistenbewertung nach dem amerikanischen Schulnotensystem, in dem man sich entsprechend nach oben oder unter vorarbeiten kann. Im Modus „Herrschaft“ wird eine Art „King of the Hill“ gespielt. Es geht also nicht mehr darum, möglichst viel von der Arena in der eigenen Farbe einzufärben, sondern einen oder zwei spezielle Bereiche im Level so lange wie möglich mit dem eigenen Team zu beherrschen.

Splatoon-Screen7

Desweiteren gibt es in Splatoon auch noch einen lokalen Multiplayer für zwei Spieler, der aber nicht wirklich der Hit ist. Hier geht es lediglich darum, wer die meisten Luftballons in den Arenen abschießen kann. Also quasi der Battle-Mode aus Mario Kart. Das ist für ein paar Minuten zwischendurch ok, aber definitiv der schwächste Aspekt am ganzen Spiels.

Viiiiiiiiel cooler ist hingegen der Singleplayer bzw. Story-Mode, von dem kaum jemand spricht, weil Splatoon ja primär als Online-Multiplayer-Spiel vermarktet wird. Dabei ist dieser Modus wirklich grandios gut! Zu schade, dass man mit ihm nach fünf bis sieben Stunden schon durch ist. (Oder auch neun bis zehn Stunden, wenn man wie ich zu blöd für den Endboss ist…) Die Abwechslungsreichen und cleveren Level haben mir so viel Spaß gemacht, dass ich ohne weiteres bereit wäre, Nintendo für einen eventuellen Singleplayer-DLC blind weitere Euros in den Rachen zu werfen. Der Singleplayer ist ein ganz tolles Ding und hätte mit etwas mehr Umfang auch ein ganzes Spiel für sich allein gerechtfertigt. Er bietet weniger Baller-Action als der Multiplayer, beinhaltet dafür aber mehr Geschicklichkeits- und Puzzle-Spiel, wodurch er mich mehr als einmal an die beiden großartigen de Blob-Spiele auf der Wii denken ließ.

Splatoon-Screen1

Bei all der Lobhudelei muss ich jetzt wohl auch noch etwas Kritik loswerden, damit nicht der Eindruck entsteht, Nintendo hätte mir Geld für diesen Text in den Hintern gesteckt. Hmm… Den vergleichsweise schwachen lokalen Multiplayer und den leider zu kurzen Singleplayer habe ich ja schon erwähnt. Vielleicht sollte ich noch meine anfängliche Kritik bei Release des Spiels bezüglich des Gesamtumfangs erwähnen, wenngleich sie sich inzwischen fast in Luft aufgelöst hat:

Splatoon wurde mit nur fünf Arenen und zwei verschiedenen Online-Modi veröffentlicht. Mehr Content sollte erst nach Release folgen. Ich hasse sowas! Nicht selten kommt bei solchen Versprechen am Ende zu wenig oder es kommt zu spät. Oder, noch viel schlimmer, man wird später in Form von kostenpflichtigem DLC noch einmal zur Kasse gebeten. Ja, ich schaue wieder Dich an, Titanfall! Aber was soll ich sagen? Inzwischen sind aus den anfänglichen fünf Arenen bereits acht geworden. Nintendo liefert seit Release quasi wöchentlich neue Arenen, Waffen und Kleidungsstücke. Und zwar alles für Umme! Außerdem ist für August ein großes Update mit weiteren Online-Spielmodi angekündigt. Folglich habe ich inzwischen eigentlich gar nichts mehr zu meckern. Nintendo hält, was andere nur versprechen…

Bleibt abschließend eigentlich nur noch die klare Empfehlung, sich Splatoon ganz fix zuzulegen, sofern noch nicht geschehen. – Das sagen übrigens auch anerkannte eSports-Profis aus aller Welt!

Tja, nur für „echte Gamer“ ist Splatoon wohl leider überhaupt nichts…


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13 Kommentare

  1. Vasco Da Gamer - 27.06.2015 13:03

    Als ich auf Twitter die Überschrift gelesen habe, war mein erster Gedanke: „Mooooment mal – Da muss ich aber gleich mal was zu kommentieren“. Allerdings wurde knapp mir eine Millisekunde nach dem Klick auf den Link klar: „Oh, wait! Ich glaub, ich weiß, wie er’s meint!“. Und ja: Ich stimme dem Artikel absolut zu. Und ich wage noch eine krude These: Während ein Großteil der CoD-, Battlefield- und co.-Spieler unter dem entsprenden FSK-Alter liegt, liegt sicher ein guter Teil der Splatoon-Spieler 20 Jahre und mehr über dem FSK-Alter von 6 Jahren. Im Alter lernt man eben die wahren Schätze zu erkennen :-).

  2. Pingback: Regal der Schande: This War of Mine | Polyneux

  3. SpielerZwei - 02.07.2015 11:30

    Nachtrag: Entgegen der Vorankündigung, ist der neue Spielmodus „Turm-Kommando“ schon ab heute verfügbar. Und er macht Spaß!

  4. Missingno. - 02.07.2015 13:21

    Wie sieht das eigentlich bei dir und den Experten aus: Motion Control – ja oder nein?
    Ich habe es ziemlich schnell aufgegeben. Wenn man trotz Gyro-Sensor komplett mit dem Stick noch zusätzlich zielen könnte (statt nur rechts/links), sähe das vielleicht anders aus.

  5. SpielerZwei - 02.07.2015 15:29

    Ich fand das Hoch/Runter per Gyro auch anfangs strange, aber habe mich inzwischen dran gewöhnt. Die beiden Spezial-Experten benutzen das Standard-Schema auch, soweit ich weiß.
    Und Du zielst nur per Right-Stick?

  6. Missingno. - 02.07.2015 15:54

    Ja, nur Stick für mich. Ich hatte es anfangs (im Story Mode) mit Gyro (weil Standard-Einstellung) und bin damit so mäßig gut zurecht gekommen. Nach ein paar Levels habe ich auf Stick-Steuerung umgestellt und mindestens zwei, wenn nicht vier Mal die Richtung (invertiert/normal) umgestellt, weil mich das mit dem Gyro irgendwie aus dem Konzept gebracht hat. (Normal hat sich nicht richtig angefühlt, invertiert war komplett falsch.)
    Ich habe bislang aber auch Abstand von den Charger/Sniper-Waffen genommen. Bei den anderen finde ich das mit dem Zielen nicht so dramatisch, da sie, teilweise stark, streuen und die Tinte auch noch eine gekrümmte Flugbahn hat, weshalb das Zielkreuz nur eine grobe Richtung vorgibt.

    Gestern habe ich das Update auf 1.3.0 gesehen, konnte man da schon Turm-Kommando spielen? Ich versuche mich gerade an den Amiibo-Challenges. Die als Kraken waren einfach, dagegen die mit begrenzter Tinte ziemlich schwer. Jetzt ist der Roller dran, wobei ich damit noch nicht die Boss-Kämpfe angeschaut habe und den Charger hebe ich mir für den Schluss auf.

  7. OT - 04.07.2015 20:58

    Als bislang stiller Leser: Danke! Habe es nach dem Lesen des Textes spontan bei Saturn mitgenommen und bin echt begeistert. Gerade das „Zielen“ durch Bewegen des Pads fühlt sich (für mich als primären PC-Spieler) echt „frisch“ an. VG

  8. Missingno. - 07.07.2015 10:33

    Bzgl. Coolness: bei den Klamotten ist, soweit ich das verstanden habe, nur das Angebot beschränkt ist, aber es kommt nicht vor, dass man ein angebotenes Kleidungsstück nicht kaufen kann. Am Anfang gibt es nur welche mit einem und selten mit zwei Zusatzeffekten (neben dem Haupteffekt), später dann auch welche mit drei zusätzlichen Slots. Was aber eigentlich egal ist, weil man sich auf Level 20 von Spyke zusätzliche Slots auf die Klamotten basteln lassen kann. Kostet dann eine Supermuschel oder 30k.
    Auch habe ich noch keine „neuen“ Klamotten gesehen. Ist da wirklich schon was dazu gekommen? (Außer dem Splatfest-T-Shirt natürlich.)

    Was mich im Moment etwas nervt ist die fehlende Auswahlmöglichkeit des Rangkampfes. Jetzt haben sie zwar Turm-Kommando drin, aber das wechselt sich mit Herrschaft alle vier Stunden ab. Also nicht nur, dass man nur zwei der Arenen zur Verfügung (nicht einmal Auswahl) hat, man kann im Moment nicht einmal die Art des Rangkampfes festlegen, den man spielen möchte. Und Dank bescheuertem Zufallsgenerator kommt auch noch eine Arena fünf Mal hintereinander, dann die zweite und dann wieder mehrmals die erste. Beim Splatfest mit den drei Arenen hat das viel besser geklappt.

  9. SpielerZwei - 07.07.2015 17:39

    Das Klamottenangebot wechselt tatsächlich, soweit ich das beobachten konnte. Was Dir angeboten wird, hängt von Deinem Rang ab, aber auch davon, wie viele der Klamotten Du schon hast. (Alles nur Vermutungen/Beobachtungen meinerseits, da ich weder bei Nintendo arbeite, noch einschlägige Nerd-Foren durchforste…)

    Was die fehlende Option der Arena-Wahl angeht, so finde ich das auch nicht optimal, allerdings scheint das im Trend zu liegen. Erleichtert anscheinend das fixe Matchmaking (HotS macht das auch so…). Dass man teilweise mehrfach nacheinander die gleiche Arena bekommt, liegt vermutlich daran, dass die Mitspieler wechseln und daher deren „Arena-Abwechslungs-Faktor“ mit ins Matchmaking einfließt, nicht nur Deiner.
    Eine Map-Abstimmung unter den Mitspielern, so wie das in der goldenen Zeit der PC-Online-Shooter üblich war, wäre mir natürlich auch lieber. ;-)

  10. Missingno. - 08.07.2015 12:16

    Ja, das Angebot wechselt einmal am Tag, aber die Menge an Klamotten ist seit Release die selbe. Was man schon hat spielt nicht rein. Ich bin gerade dabei alles zu kaufen und habe schon vorher oftmals die selbe Klamotte im Angebot gehabt. Gestern war z.B. gar keine neue Kopfbedeckung im Angebot, obwohl ich ganz sicher noch nicht alle habe. Der einzige Einfluss ist die Verfügbarkeit von 2-Stern- und/oder 3-Stern-Items, die tatsächlich wohl erst mit höherem Rang auftauchen. Aber es ist mir noch nicht passiert, dass im Laden ein 3-Stern-Item angeboten wurde und ich es nicht kaufen konnte, weil ich bspw. nur Level 10 hatte. Das ist der Unterschied zum Waffenladen, wo alle Waffen immer angeboten werden, aber eben alle ein Mindestlevel haben.

    Sofern man nicht wieder in die Lobby geht, bleiben die meisten Mitspieler erhalten. Ich hatte zumindest schon einige Runden mit immer den selben Leuten. Mal ist ein neuer dazu gekommen (weil vermutlich einer der Spieler aufgehört hat), mal sind die Teams wieder etwas gemischt worden, aber die Leute waren doch recht konstant die selben. Da ich gerade die ganzen gekauften Klamotten auch auflevele, bin ich gestern jedes zweite oder dritte Spiel wieder in die Lobby um die Ausrüstung zu tauschen. Da hat es mit den Arena- und Mitspieler-Wechseln irgendwie viel besser geklappt, aber es gab auch mal Pausen von 2-3 Minuten, weil gerade kein Spiel frei war.
    Ich brauch nicht unbedingt eine Map-Abstimmung, aber erstens sind die zwei Karten einfach zu wenig und zweitens wäre weniger Zufall und mehr Map-Rotation gut um zu verhindern, dass man drölfzig Mal die selbe Karte spielt.
    Andererseits muss ich zugeben, dass ich inzwischen je nach Kartenauswahl den einen oder anderen Modus meide. Das wäre schwieriger, wenn der Pool größer wird.

  11. gamer83 - 13.07.2015 07:19

    Haha, sehr geiler Artikel! Muss mich Vasco anschließen.. Ich bin mir auch sicher, dass Battlefield und Co. eher vom jüngeren Register bespielt wird..

  12. Benni - 14.08.2015 16:58

    Hiho;)
    ich bin gerade über euren Blog gestolpert! Top Artikel! Finde ich sehr gut dass ihr auch solche Games auf der Liste habt. Klingt auf jeden Fall so, als müsste ich das Ganze auch mal ausprobieren ;)

    LG

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