Meadow: Der Idiot und sein Kater

Lieber Mops,

als Kater hast du ein besseres Herrchen verdient – und ich als Idiot habe einen besten Freund wie dich nie verdient.

Ich dachte, ich hätte dich gesehen. Als Fuchs. Oder warst du ein Frosch? Der Wunsch nach einem letzten Schnurrmarathon verdrängt manchmal den Gedanken an deinen Tod, der nun schon einige Jahre zurück liegt. Und dann überkommt mich eine Schwere, die ziemlich genau so viel wiegt wie eine Packung Taschentücher oder: grob über 150 Tränen, und das ist verdammt viel, wenn man bedenkt, das bereits keine Träne ein gebrochenes Leben beschreiben kann. All das, weil ich Meadow spiele, und weil diese tierische Wiese genau der Ort ist, an dem ich dich vermute.

Du Klops, du! Dick warst du, ein Mops von einem Kater, so solltest du heißen bis zum Schluss, an dem ich nicht da war, weil ich in meinem „Leben“ keinen Platz mehr sah, und natürlich setze ich das in Anführungszeichen, dieses ungeheuerliche Leben, das eigentlich kein Leben war, weil ich mich wie ein Arschloch verhielt; und ich merkte spät, zu spät, dass ein „Leben“ mit Anführungszeichen nur mit Liebe wieder zu einem Leben ohne Anführungszeichen werden kann.

Meadow, das weiß ich: Meadow ist nicht echt. Es sammelt Pixel, es besteht daraus, ist durch sie erst spielbar. Ich weiß also, dass du nicht dort bist. Du bist tot, das hat mein Bruder mir gesagt, weil ich nicht den Mut hatte, es selbst herauszufinden, also ging mein Bruder zur Nachbarin, bei der meine Eltern dich damals zurückließen, als sie das Haus verkauften, und mein Bruder fragte nach, wie es dir so erging, ob du vielleicht noch da bist, um die Ecke biegst, schnurrst, mauzt und deinen klopsigen Körper um seine Beine schlängelst, weil du für Futter eh jedem Menschen um die Beine schlängelst, aber das passierte in dem Moment nicht, zwar waren da Katzen, deine Mitbewohner, die du vor deinem Einzug dort schon ordentlich getriezt, ich meine: gemiezt hast, doch du kamst nicht, weil du schon lange tot warst, als mein Bruder nach dir fragte.

Ich testete Videospiele in Frankfurt, während du deinem neuen Zuhause übergeben wurdest. Ein Drecksjob bei einer Drecksfirma in einer Drecksstadt, die gar nicht Frankfurt hieß, aber weil sie so unvorstellbar langweilig war wie die vorstellbar langweiligste Anklageschrift wegen Raufereien um Grundstückszäune, meine ich lieber Frankfurt, weil es in der Nähe lag und ja tatsächlich auch eine Drecksstadt ist, nur eben größer.

600 Kilometer entfernt, und ich wusste nicht mal, dass meine Eltern das Haus so rasch verkaufen mussten. Sie riefen mich an, da lief der Umzug bereits, und das erste, was ich fragte: „Was ist mit Mops?“ Du kommst zu einer Nachbarin, hieß es, sie sei nett und habe ja schon mehrere Katzen, ja genau jene Katzen, die du durch die Reihenhaussiedlung gescheucht hast; die dich brutal anerkannten, wenn du durch ihre Katzenklappe in ihr Haus gelaufen bist und das Futter gemopst hast.

Einige gute Jahre blieben dir noch, sagte mir mein Bruder. Und das glaube ich. Täte ich es nicht, würde ich in Selbsthass versinken. Weil ich dich nie holte. Dich nicht rettete, denn damals wusste ich nicht, dass es dir gut geht, du warst schließlich mein Kater, mein Mops, mit der Nachbarin hattest du nichts zu tun, vielleicht behandelte sie dich schlecht, vielleicht war eine Rettung nötig, ich wusste es ja nicht – doch ich habe dich nicht gerettet. Ich arbeitete. In Frankfurt. Scheiß auf Frankfurt, scheiß auf die wirklich gemeinte Stadt. Du hättest Frankfurt zu deiner City gemacht, den Anwohnern die Beine wuschelig geschlängelt, du musstest schließlich dein Kampfkuschelgewicht halten, aber auch nicht immer, du stupst immerhin nicht jeden dahergelaufenen Idioten an, so wie den Nachbarn damals, ein anderer Nachbar, dem du ein Stück Fleisch vom Grill gemopst hast und er dich anschließend töten wollte, wie dieser Ficker lautstark verkündete, und du ihn dann aus Rache ignoriert hast, was für jeden Menschen die allergrößte Strafe ist, wenn man weiß, wie es ist, mir dir zu schmusen und zu kuscheln und deinen wabbeligen Schmusewanst solange zu streicheln, bis dein Schnurren als Erdbeben der Stufe 3 aufgezeichnet wird.

In diesem Indie-Spiel namens Meadow suche ich nach dir, für einen Bruchteil einer Sekunde, weil ich wissen muss, ob du an einem Ort bist wie der Wiese in Meadow. Dutzende Tiere toben, spähen, fangen, hüpfen und spaßen um die Wette, jedes einzelne gespielt von einem Menschen irgendwo auf der Welt. Ein Online-Spiel, derlei Kram halt. Niemand kennt sich, keine Namen, kein „Hi!“, nur Spieler und Spielerinnen, die als Luchs, Wolf, Dachs, Babybär, Adler oder Frosch eine Welt entdecken, die keiner anderen auch nur im entferntesten ähnelt.

Dieses Spiel besteht aus Runen, Vierecken, Kreisen und so Dinger, die auf jeden Fall nicht wie die Oberflächen von Stein oder Gras aussehen, weswegen Ding als Bezeichnung passt, es dingt also so vor sich hin, aber in schön, in verflixt schön.

Meadow sieht aus wie der Himmel, nach dem wir uns alle sehnen. Er ist gerade so abstrakt, dass ein Verwechseln mit der echten Welt unmöglich ist; gerade so schön, dass man auf jeden Fall lächeln muss, egal wohin man blickt; gerade so natürlich, dass das Antlitz noch immer unseren Worten gerecht wird in der Beschreibung durch die blumigsten, wundervollsten Adjektive.



Wie passend: Oben und unten nur Wolken, ein Schleier, die Wiese schwebt also, und das wird sie für immer. Allein weil es kein Ziel gibt, schwebt Meadow über den Konventionen der Branche. Wer will, sammelt Blumen, ja wirklich, herrje, wo sind nur all die entzückenden Blumensammelspiele? Wer will, sammelt schwebende Kaugummis, so sehen sie zumindest aus, damit schaltet man Skins oder Emotes frei oder neue Tiere. Wer sich weigert, dem entgeht nichts. Meadow ist ein Spiel des Augenblicks, nicht des Fortschritts.

Jeder kann im Matsch spielen, auf und ab hüpfen im Dreck, den Berg besteigen, oder liegen, einfach daliegen, liegen und noch mehr liegen, und ich schwöre, es liegen immer auch andere Spieler mit dir, und sie alle liegen, weil Meadow dir die Möglichkeit gibt, das bestmögliche Erleben auch im Liegen zu haben – denn es geht stets um das Miteinander, nicht um das Spiel.



So überraschend ist es dann nicht, wenn ich dabei an dich denken muss, kleiner Mops. Die Wiese ist ein Paradies, nein, sie ist sogar besser als das Paradies, weil sie Makel hat, weil man fallen kann, stürzen und stolpern und manchmal sehen die Wolken aus wie zusammengepresste Einkaufswagen, und genau so stelle ich es mir vor, wenn alles einmal endet, und dieses Ende nicht in Schwärze übergeht.

Nach meiner Rückkehr in meine Heimatstadt habe ich dich nie besucht. Bereits vorher fühlte ich mich dreckig, Jahre vorher, als meine Mutter sich dazu entschied, der Kreditkarte den Posten „Maine-Coon-Katze“ hinzuzufügen. Von dem Moment an durftest du das Haus nur noch im Winter betreten, weil die Luxus-Miezen dich nicht mochten und du sie offensichtlich auch nicht. Ich wehrte mich dagegen, aber als Antwort meiner Beschwerde hörte ich nur das laute Ächzen der Kreditkarte, und für meine Mutter war der Besitz von fleischgewordenen Wertanlagen wichtiger als zwei ihrer Familienmitglieder.

So oft es ging, fütterte ich dich, wir richteten dir den Schuppen her, damit du nachts dort schlafen konntest. Du hast es selten getan. Wo hast du geschlafen? Bald fragte ich mich das nicht mehr. Sobald ich mit dem Futter klapperte, rödelte dein stumpfer Stampfgang die Erde auf. Jeden einzelnen Tag. Wieso sollte ich mich sorgen, wenn du doch da warst?

Wann immer ich aus der Drecksstadt entkommen konnte, für eine Woche oder zwei, vor meiner finalen Rückkehr, wenn ich nach der sechsstündigen Zugfahrt ankam, ging ich auf die Terrasse und rief: „Mops! Moohoops!“ Manchmal dauerte es ein, zwei Minuten, aber du kamst, immer, du hast mich begrüßt mit deinem kratzigen Miauen, von dem ich nie wusste, ob es statt „Miau“ nicht doch eher „Warum bist du jetzt erst wieder da, du Arschloch?“ bedeutet, und ich bin mir sicher, dass dein Miauen erst kratzig wurde, als wir dich ausgrenzten, trotzdem hast du dich jedes Mal um meine Beine geschlängelt wie am ersten Tag.

Ich nahm mir die Zeit, streichelte und fütterte dich, beobachtete dich dabei, wie hart du daran gearbeitet hast, dem Namen „Mops“ gerecht zu werden.

Schon bevor du keine Lust mehr hattest, ging ich. Immer saßt du noch da, wenn ich ins Haus ging. Du wolltest nie weg, du warst nie genervt, wenn ich dich Brummer auf meinen Schoß hievte, damit ich dich besser streicheln kann, du warst so liebevoll, so fixiert auf mich, darauf, dass ich dich eben doch jedes mal auf meinen Schoß packte und dich ausdauernd streichelte, egal ob bei Sturm oder Regen. Du warst zu gut für mich, zu gut für diese gottverdammte Welt.

All die Spaziergänge mit dem Luchs, hach, die Erkundungen mit dem Babybären den Berg hinauf, mit dem Frosch von Insel zu Insel, es waren Momente schierer Gelassenheit, die Meadow auszeichnen – und sie waren eine Mahnung an mich, niemals die durchtriebene Schönheit unserer eigenen kleinen Momente zu vergessen.



Du warst mein treuester Begleiter, mein bester Freund. Der größte Fehler in meinem Leben wird sein, dass ich nicht da war; deine Treue, deine Freundschaft, dein Miauen und Ächzen und Schnurren und Mampfen und Mopsen nicht auch am letzten Tag erlebt zu haben.

Mops, mein großer, süßer Mops, du bist jetzt auf deiner eigenen Wiese, und obwohl sie dir gehört, klar, teilst du sie mit hundert anderen, ihr mögt euch sogar dann, wenn ihr einander das Futter teilen müsst, und ich brauche kein Spiel wie Meadow, um genau davon überzeugt zu sein, ich glaube aber, dass es mir hilft, mich zu erinnern: an meinen Mops, der sorgenlos im Matsch schnurrt, und daran, nie wieder so ein schlechter Freund zu sein.

Ein bisschen dauert es noch, bis ich zu dir komme, Mops. Wenn ich da bin, lasse ich dich nie wieder los – obwohl ich insgeheim hoffe, dass mir dort, wo wir dann sind, nichts wegen Quetschungen abstirbt, du fettes Ding, du.

Und dann, das verspreche ich dir, werde ich für alle Zeit um Entschuldigung bitten.

Irgendwann danach, wenn du mir vielleicht vergeben wirst, wer weiß, werden wir – und das schwöre ich – einem speziellen Nachbarn sein verdammtes Grillfest wieder und wieder ruinieren – vereint in Mopsigkeit bis in alle Ewigkeit.

Ich vermisse dich.


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